Meine Nichte, Lina, ist gerade bei mir eingezogen, aber sie ist genervt, weil ich sie nicht verpflichte. Ich wohne mit meiner Schwester in verschiedenen Städten ich in Berlin, sie in Hamburg. Ihre Tochter, Marie, will an die Technische Universität München studieren, die ja in meiner Nähe liegt. Sie wird später im Studentenwohnheim wohnen, aber jetzt ist sie für ein bis zwei Wochen gekommen, um Prüfungen abzulegen oder die Unterlagen persönlich zu erledigen. Ich habe mich nicht in den Formalitäten vertieft, ich weiß nur, dass ein kurzer Besuch vor dem Studium ganz normal ist. Meine Schwester hat vereinbart, dass Marie bei mir übernachten darf.
Wer deckt den Tisch? Das haben wir nie besprochen. Wenn die Mutter das Thema nicht anspricht, entscheiden sie das selbst. Ich sehe, wie Lina im Wohnzimmer sitzt und die Stirn runzelt. Ich frage, was los ist. Sie meint, sie habe gedacht, ich würde ihr ein warmes Mittagessen anbieten. Ich habe ihr darauf sofort gesagt: Ich werde dir nicht nur kein Essen bringen, sondern lebe jetzt nach meinem eigenen Rhythmus. Ich muss jetzt dringend los! Ruf deine Mutter an, sie soll dir Geld auf das Konto überweisen, du kannst dir ein paar Brötchen, ein Stück Kuchen und Tee besorgen. Und zwar auch Tee, der ist bei mir alle! Du bist doch schon 18, kein kleines Kind mehr!
Ihre Mutter spricht seit Ewigkeiten nicht mehr mit mir, weil sie nicht weiß, dass ich, seit die Kinder das Nest verlassen haben, mein Mann einfach abgezogen ist und ich mich in die Arbeit gestürzt habe. Meine Arbeitszeiten sind verrückt, deshalb bin ich zu Hause unregelmäßig, und die Kraft für Hausarbeiten ist längst verschwunden. Schlafen und ausruhen wären das Einzige, was ich jetzt noch brauche.
Ich habe nicht vor, für meine Gäste irgendetwas zu opfern. Es ist schön, Lina zu sehen sie ist erwachsen und feminin geworden. Aber ich bin nicht mehr die lockere Tante Lotte, die früher sogar einen Elefanten zubereiten konnte, ohne Zeit und Mühe zu sparen. Sie soll selbst einkaufen, schneiden, kochen oder sogar etwas Fertiges besorgen, damit ich weder den Herd noch die Wohnung ruinieren muss.
So hat sie sich erst aufgeregt, dann wieder beruhigt und ärgert sich jeden Tag leise. Sie hoffte wohl auf ein Rundum-Paket mit ihrer Mutter. Vielleicht stabilisiert sich das ja irgendwann. Es ist schwer, plötzlich nicht mehr die gute und praktische Person zu sein, die ich über Jahre hinweg für mein Umfeld war. Trotzdem bin ich immer noch freundlich: Ich habe ein kostenloses Bett bereitgestellt, nur ohne das Essens-Element. Ich bin zur Psychologin gegangen, um zu lernen, wie ich behutsam erklären kann, dass ich nicht mehr so funktional bin wie früher. Ich muss einfach klarstellen, dass man nicht mehr so viel von mir erwarten kann.







