Melodie des Lebens oder Libelle
Lisel war ihr ganzes Leben lang ein zierliches Mädel. Sie war klein, hatte eine schlanke Taille, leuchtend grüne Augen und ein ansteckendes Lachen, das Männer jeden Alters anzog. Männer mögen immer die kleinen Frauen diese Zwergmädchen will man beschützen, umsorgen und auf den Arm nehmen. Wie man so sagt: Ein kleines Stündchen ist immer ein Fohlen.
Lisel hatte zudem eine Gabe: Sie sang außergewöhnlich schön. Ihre Stimme war ein Mezzosopran. Und sie sang, wo immer sie nur konnte. Beruflich arbeitete sie als Laborantin in einem Chemiewerk in einer Kleinstadt im Herzen Deutschlands, doch ihr wahres Element war das Singen. Sie trat in allen möglichen Gesangsvereinen auf, zunächst schüchtern, später mutiger, und ihre Seele dürstete nach Kunst.
Lisel heiratete nie und dachte nicht einmal an Kinder. Solche Pläne standen nicht auf ihrem Lebensplan. Sie hielt sich für völlig eigenständig. Ehe, Kinder das alles nimmt viel Zeit in Anspruch. Und wann soll man dann noch singen und das Leben genießen? So dachte sie im Kreis ihrer verheirateten Freundinnen. Die Freundinnen hörten ihr zu, nickten verständnisvoll und verschwanden dann in ihre Mutterschaftsurlaube. Einige zum zweiten, andere zum dritten Mal.
Lisel wollte sich ganz der Gesangskunst widmen, doch das Schicksal schrieb ein anderes Drehbuch. Im Werk lernte sie den Abteilungsleiter kennen, für den sie regelmäßig Laborberichte ablieferte. Vor dem Büro stand stets die Sekretärin Susanne, die das Büro ihres Chefs eifersüchtig bewachte. Jedes Mal, wenn Lisel das Büro betrat, griff Susanne sofort nach den Unterlagen, dankte ihr und sagte mit einem Blick: Mädchen, Sie können gehen. Ich gebe alles an Herrn Heinrich weiter. Keine Sorge. So traf Lisel den Chef nie.
Eines Tages war Susanne krank. Lisel klopfte vorsichtig an die Bürotür, trat ein und sah am Ende des langen Tisches den Abteilungsleiter Heinrich. Kommen Sie nur, Mädchen! Was haben Sie denn?, fragte er. Nur die Probenberichte, stammelte Lisel. Sind Sie neu hier?, bohrte er weiter. Nein, ich arbeite hier seit über fünf Jahren, erwiderte sie. Das habe ich nie bemerkt, schade, glättete Heinrich.
Sie plauderten kurz, lachten, und Lisel ging zurück an ihren Arbeitsplatz. Von da an legte Lisel die Berichte persönlich auf Heinrichs Schreibtisch. Susanne, die wieder gesund war, wandte sich demonstrativ ab, füllte den Fensterbrett mit Blumen und ignorierte Lisel völlig.
Lisel war zu dieser Zeit 27Jahre alt, als ein kurzer Arbeitsflirt begann. Kurz, weil Heinrich, ein ehrbarer Mann, keine Affären suchte. Er schlug Lisel sofort eine offizielle Heirat vor. Lisel lachte zuerst ab. Warum sollte sie sich zusätzliche Pflichten aufbürden? Ihre lockeren Beziehungen reichten ihr. Heinrich war überrascht von ihrer Haltung; jeder andere hätte sofort zu ihm gerannt ein gutaussehender, nüchterner, erfolgreicher Mann, wer könnte da widerstehen?
Heinrich legte die Beziehung erst einmal auf Eis, um Lisel Zeit zum Nachdenken zu geben. Währenddessen drängten die Freundinnen: So ein Mann will dich doch heiraten! Warum zögerst du? Du solltest nicht ewig allein bleiben! Und schließlich gab Lisel nach.
Die Hochzeit war ein großes Ereignis. In ihrem Brautkleid, Schleier und winzigen Schuhchen sah Lisel aus wie eine entzückende Puppe. Heinrich war überglücklich, Lisel jedoch blieb gefasst, zeigte kaum Zuneigung und hütete ihre Energie für Auftritte und das Publikum.
Nach der Flitterwochenzeit bereitete sich Lisel auf regionale Tourneen vor in Kurorten, Heimen und Schulen. Heinrich ließ sie frei, bat sie nur: Lisel, koch etwas und bügel das Hemd, bitte. Sie erwiderte hastig: Heinz, ich habe keine Zeit, ich eile. Heinrich küsste sie auf die Nase: Entschuldige, Liebes, ich störe nur. Geh und sing!
So kaufte Heinrich bald Fertiggerichte, lernte ein wenig zu waschen, zu bügeln und Spiegeleier zu braten. Denn seine Frau war eine eigenwillige Künstlerin, die nicht von Hausarbeiten gefesselt werden sollte.
Mit der Zeit verließ Lisel das Werk und lebte von Gesang und Tourneen. Heinrich gewöhnte sich daran, dass seine Frau kreativ war und nicht zu Hause bleiben wollte. Eines Tages bat er die neue Sekretärin, seine Kaffeedose zu bringen. Sie kam mit einem Tablett und sagte: Herr Heinrich, darf ich Ihnen ein Stück Kuchen anbieten? Ich habe ihn selbst gebacken. Er lächelte müde: Danke, Susanne, ich mag Kirschenkuchen. Die Sekretärin fügte hinzu: Ich könnte Ihnen noch eine Knopf am Anzug annähen, er löst sich sonst. Heinrich seufzte: Susanne, meine Frau hat keine Zeit für mich, sie ist mit ihrer Musik beschäftigt. Susanne murmelte: Ja, meine Frau singt, ich heule. Und so füllte sie Heinrich mit kalten Suppen aus der Thermoskanne, Eintöpfen und frisch gebackenen Kirschenkuchen, bis er fast völlig in ihrer Fürsorge versank jedoch immer nur im Rahmen seiner Pflichten als Ehemann.
Vier Jahre waren vergangen, das Paar blieb zu zweit. Lisel sprach nie von Kindern. Eines Tages wuchs Lisel auf wundersame Weise, nahm zu Gewicht zu und bat Heinrich, Gurken und eingelegte Äpfel zu kaufen ein Zeichen, dass bald ein Storch anklopfen würde. Heinrich jubelte, das Kind seiner geliebten Frau zu bekommen. Lisel jedoch war nicht begeistert, suchte eine Ärztin auf, um sich vom ungewollten Kind zu befreien. Die Ärztin sagte, es sei zu spät, wünschte ihr ein gesundes Baby, und Lisel musste sich mit dem unerwarteten Diagnose abfinden.
Heinrich teilte die frohe Botschaft mit Susanne, die daraufhin ihre Kündigung einreichte. Susanne, was ist los? Du gehst? fragte er. Die Kirschen sind alle, kein Kuchen mehr, scherzte sie traurig. Eine neue Sekretärin, Tatjana Petrovna, kam ins Spiel die altgediente Frau, die über alles Bescheid wusste und Heinrich unverblümt ansprach: Ach Heinrich, du hast eine Perle verloren! Susanne hat dich geliebt wie niemand sonst. Heinrich erwiderte kühl: Arbeiten Sie, Frau Petrovna, und lenken Sie mich nicht ab.
Kurz darauf brachte Lisel ihr erstes Kind zur Welt ein Mädchen. Die Hebamme fragte: Wie soll das Mädchen heißen? Lisel knurrte: Nichts! Heinrich kam mit einem Strauß Rosen, aber Lisel blieb in ihrem Bett und weinte bitterlich. Die Mitpatientinnen trösteten sie, doch Lisel erklärte: Ich will dieses Kind nicht. Jede Frau erzählte ihre eigene Geschichte, lachte, weinte und schimpfte über ihre Partner.
Eine Krankenschwester brachte ihm einen Strauß vom Ehemann, doch Lisel berührte die Blumen nicht. Am nächsten Tag wurde Heinrich auf eine Geschäftsreise geschickt, die er nicht absagen konnte. Nach zwei Wochen kehrte er nach Hause zurück, erwartete die kleine Tochter, fand aber nur Lisel, die Notenblätter durchblätterte und sang.
Lisel, wo ist unser Mädchen? fragte er verwirrt. Sie antwortete ohne Blickkontakt: Ich habe den Kinderwunsch zurückgezogen. Was? Bist du verrückt? Das ist unser Kind!, schrie er. In Wut zerriss er die Notenblätter und warf sie ihr zu: Hier, deine Noten, Idiotin!
Lisel sah ihren Mann noch nie so, wie sie ihn jetzt erlebte, und fürchtete um ihr Leben. Heinrich packte hastig seine Sachen, schloss die Tür hinter sich und verschwand durch die Stadt, während er schrie: Wo ist die Liebe hin? Hilft mir jemand! Niemand hörte ihn.
Zwei Wochen später, nach einer Nacht bei einem Freund, kam er zur Arbeit und bat die neue Sekretärin Tamara Petrovna nach Susannes Telefonnummer. Sie übergab ihm die Nummer mit einem spöttischen Lächeln: Wir wissen ja, woran Sie denken. Heinrich schloss sein Büro fest, um neugierige Blicke zu verhindern.
Als Lisel von diesem Chaos erholte, entschied sie, sich ganz ihrer Stimme zu widmen. Sie fuhr in ein Erholungsheim, wo ein Konzert für sie organisiert wurde. Sie sang, das Publikum jubelte, Blumen flogen auf die Bühne, und sie reiste mit ihrer Stimme durch das ganze Land.
Mit den Jahren ließ Lisel die Auftritte hinter sich und unterrichtete Gesang. Ohne formale Ausbildung, aber mit viel Erfahrung, brachte sie jungen Talenten das Singen bei. Eines Tages kam ein Kollege zu ihr: Lisel, wir haben ein Mädchen mitgebracht, das wir gern prüfen würden. Sie stimmte zu.
Kurz darauf betraten Heinrich und zwei Mädchen eine von zehn, die andere von zwölf Jahren das Klassenzimmer. Heinrich zeigte dem Jüngsten den Stuhl: Setz dich, Marie. Und er erkannte plötzlich seine Ex-Frau Lisel. Gott, warum gerade wir?, schimpfte er. Lisel beruhigte ihn: Beruhig dich, Heinz, lass uns deine Tochter vorsingen. Heinrich nahm die jüngere das Händchen und verschwand in den Flur.
Beim Vorsingen stellte sich heraus, dass das Mädchen Kira eine begabte Sängerin war, die Lisel an ihre eigene Kindheit erinnerte: gleiche Figur, gleiche Stimme, gleicher Lachen. Lisel fragte: Wie alt bist du? Dreizehn, antwortete Kira stolz. Lisel lobte sie und bat den Vater, ihn in den Unterricht zu holen.
Heinrich kam zurück und sagte: Heinz, du hast eine talentierte Tochter. Ich empfehle dir einen guten Lehrer, falls ich nicht passe. Bist du verheiratet? Wie geht es dir? Lisel fragte nach seinem Privatleben. Er antwortete: Verheiratet und glücklich. Meine Frau heißt Susanne, meine ehemalige Sekretärin. Wir erziehen gemeinsam meine Tochter Kira und unsere gemeinsame Tochter Marie. Lisel war fassungslos: Deine Tochter Kira? Die, die ich geboren habe? Heinrich bestätigte: Du hast sie geboren, das war’s. Und er ging.
Dreißig Jahre später, nach all den Wirrungen, kam Lisel nach Hause, ihr Lieblingskater Mucki sprang ihr entgegen, schnurrte und verlangte Futter. Sie schob ihn mit dem Fuß weg: Nicht jetzt, Mucki! und er sprang zur Futternapf. Sie dachte: Was bleibt mir? Kein Mann, keine Kinder, leere Wohnung, kaltes Bett. Ich habe die falschen Noten meines Lebens gespielt. Sie seufzte: Wäre schön, alles rückgängig zu machen, doch der Sommer kommt nur zweimal im Jahr. Und so saß sie im Sessel, eingewickelt in ihre Lieblingsdecke, und dachte an das Sprichwort der Libelle: Hast du alles gesungen? Dann war das dein Werk.







