Damals, als ich Gisela Schmidt noch ein Zimmer in einer kleinen, aber lichtdurchfluteten Wohnung am Rande von Köln gemietet hatte, dachte ich, ich hätte das wahre Glück gefunden. Die Möbel waren alt, aber solide, und meine Vermieterin, Frau Elisabeth Weber, war von Anfang an streng: Ich lege viel Wert auf Ordnung, Sauberkeit und Ruhe. Wenn etwas nicht stimmt, sag es sofort, nicht erst später. Ich nickte nur, denn ich wollte nur ein friedliches Bett für die Nacht, fern von den lauten Nachbarn und dem ewigen Streit um die Klingel, die ich in meiner alten Stadt in Dresden erlebt hatte.
Ich rückte meine Kisten aus, richtete mich ein und merkte, dass Elisabeth keine unfreundliche, sondern eher verschlossene Frau war. Sie sprach wenig, doch in ihren Augen lag ein ewiger Groll, als hätte das Leben ihr etwas genommen. Ich bemühte mich, sie nicht zu stören: früh am Morgen kochte ich, solange sie noch schlief, ging leise durch die Flure und ließ den Fernseher kaum laufen. Ich lebte fast wie eine Maus im Hinterhaus.
Eines Tages kam eine dünne, graue Katze mit klugen, grünen Augen auf den Hof. Sie setzte sich vor den Hauseingang, maunzte kläglich und sah mich an, als wollte sie sagen: Nimm mich bitte. Mein Herz schmolz, und ich nahm die Katze mit nach oben, fütterte sie und gab ihr ein altes Handtuch als Bettchen. Das Tier rollte sich zusammen, schnurrte und ich spürte zum ersten Mal seit Monaten ein warmes Gefühl in mir. Ich flüsterte: Du bist meine kleine Luna.
Luna war überraschend ruhig. Sie kratzte nicht, rannte nicht durch die Wohnung, sondern schlief leise auf dem Fensterbrett. Ich dachte, das Verstecken würde kein Problem sein, denn Elisabeth kam selten in mein Zimmer. Doch eines Abends hörte ich die Stimme der Vermieterin, eisig wie ein Nordwind: Gisela!. Sie stand im Flur, das Gesicht verzogen, und hielt ein Bündel grauen Fells in den Händen. Was ist das? Wer ist das?, schrie sie, als hielte sie eine Schlange im Visier. Eine Katze?, fuhr sie fort, das Blut ins Gesicht spritzend. Ich ertrage diese Unordnung nicht! Dreck, Haare, Geruch!
Ich wollte nur sagen, dass Luna sauber sei, doch Elisabeth ließ mich nicht zu Wort kommen. Entferne das Tier, oder die Wohnung ist frei! Dann schlug sie die Tür hinter sich zu, und ich sank erschöpft auf das Sofa. Luna kam zu mir, schmiegte sich an meine Beine und maunzte kläglich. Was sollen wir jetzt tun, mein Kind? Wo sollen wir hin?, flüsterte ich, während Tränen unwillkürlich meine Wangen hinabrollten.
Ich entschied, solange Elisabeth nicht mit Gewalt ausziehen ließ, würde ich Luna besser verstecken. Die nächsten Tage wurden zu einem heimlichen Spiel: Ich verstaute Luna im Kleiderschrank, fütterte sie nur früh morgens oder spät abends, wenn Elisabeth zum Markt ging, und versteckte das Katzenklo hinter einem alten Koffer in der hintersten Ecke des Zimmers. Luna schien zu verstehen, schlief still am Fenster und blickte mit traurigen grünen Augen nach draußen, als würde sie jeden meiner Schritte beobachten.
Du bist ein gutes Mädchen, flüsterte ich ihr, streichelte ihr graues Fell. Halte noch ein wenig durch. Doch nichts änderte sich. Elisabeth durchstreifte die Wohnung, schnüffelte in jeder Ecke, blieb manchmal lange vor meiner Tür und lauschte.
Eines Abends, beim Abendessen, brach sie plötzlich das Schweigen: Denkt ihr, ich bin dumm?, platzte sie heraus, während sie ihre Suppe weiter aß. Ich schluckte meinen Tee. Ich verstehe, Sie haben die Katze nicht hinausgeworfen, sondern versteckt. Glauben Sie, ich merke das nicht? Elisabeth schüttelte den Kopf, stand plötzlich auf und rief: Lügt mich nicht an! Wenn mein Enkel kommt, darf dort keine Katze sein!
Am nächsten Tag erzählte sie mir, dass ihr Enkel Ilya, ein zwölfjähriger Junge, zu den Ferien nach Köln kommen würde. Er sitzt den ganzen Tag nur am Handy, redet kaum mit mir. Jedes Jahr kommt er nur kurz vorbei und geht wieder, klagte sie, und ihre Stimme zitterte vor einer Mischung aus Traurigkeit und unausgesprochener Hoffnung.
Als Ilya am Freitagabend eintraf, war er ein großer, schmächtiger Jugendlicher mit Kopfhörern und finsterer Miene. Er setzte sich schweigend an den Tisch, starrte in sein Handy und ließ sich kaum zu Essen überreden. Ich hörte, wie er und Elisabeth sich nur mühsam austauschten, während Luna leise auf dem Fensterbrett lag und die Dunkelheit beobachtete.
Am nächsten Morgen verließ ich das Bad, um zu spülen, und bemerkte, dass die Tür zum Zimmer offen stand. Luna, neugierig wie immer, schlüpfte durch den Spalt und huschte den Flur entlang. Als ich zurückkam, war sie verschwunden. Panik ergriff mich, Schweiß tropfte kalt meine Stirn hinab. Ich rannte die Treppe hinunter, nur um Ilya im Wohnzimmer mit Luna auf dem Schoß zu finden. Er streichelte sie und sagte mit einer Stimme, die plötzlich kindlich fröhlich klang: Ist das deine Katze?
Ja, das ist meine, stammelte ich, während ich zwischen Wut und Erleichterung wankte. Ilya lächelte und fragte: Darf ich sie noch ein bisschen streicheln? Elisabeth stand plötzlich im Türrahmen, ihr Blick erstarrte, dann löste sich ein leichtes Lächeln. Du darfst, sagte sie leise, aber nur, wenn du ihr keinen Ärger machst.
Von diesem Moment an änderte sich alles. Ilya ließ Luna nicht mehr los, fütterte sie, spielte mit ihr und zeichnete sogar ein Bild von ihr mit Buntstiften. Sein Handy blieb liegen, er erzählte seiner Großmutter von der Schule, von Freunden und davon, dass er eines Tages selbst einen Kater haben wolle. Elisabeth schaute ihn dabei an und zum ersten Mal in vielen Jahren erhellte ein warmer Glanz ihre Augen.
Einige Tage später trat sie zu mir und sagte sanft: Lass die Katze bleiben. Sie bringt wenigstens ein bisschen Freude in dieses Haus. Eine Träne rollte über ihre Wange, und ich spürte, wie das Herz der beiden alten Frauen Elisabeth und ich ein wenig leichter wurde.
Drei Monate vergingen. Ilya rief jeden Abend an, nicht die Eltern, sondern seine Großmutter, und fragte nach Luna. Oft musste Elisabeth kämpfen, die Katze im Bildschirmschlag zu finden, und fluchte über das unzuverlässige Gerät: Diese verdammte Technik!. Doch Luna reagierte jedes Mal, wenn sie Ilya hörte, und kam zum Bildschirm, um zu miauen.
Im Frühling kam Ilya erneut, diesmal mit einem großen Rucksack voller Geschenke: Futter für Luna, ein neues Halsband mit Glöckchen und ein kuscheliges Lieblingskörbchen. Oma, ich habe alles selbst gekauft!, rief er stolz. Elisabeth strahlte: Du bist ein richtiger Kerl.
Die Wochen vergingen, Ilya spielte mit Luna im Hof, zeichnete, lachte und erzählte Geschichten. Bevor er abreiste, fragte er: Könnte ich im Sommer wieder kommen, für eine lange Zeit? Elisabeth umarmte ihn fest und flüsterte: Natürlich, mein Junge. In diesem Moment erkannte ich, dass das wahre Glück nicht in Stille und Ordnung lag, sondern in diesen kleinen Momenten des Lachens, in der Wärme einer Katze und im Klang kindlicher Stimme, die durch das alte Haus hallte.
Und so blieb Luna, die unscheinbare graue Katze, das Herzstück einer kleinen Gemeinschaft, die einst nur von Pflichten und Schweigen geprägt war. Ich danke ihr noch heute, wenn ich an jene langen Winter zurückdenke, die wir gemeinsam überstanden haben.







