Lieber eine geliebte Ehefrau sein als eine vorbildliche Tochter

«Lieber eine geliebte Ehefrau sein als eine mustergültige Tochter»

«Leonie, entscheide dich: entweder ich oder deine Eltern!» Dieses Mal war mein Mann fest und unnachgiebig.

«Rodolf, du weißt doch, ich würde mit dir bis ans Ende der Welt gehen. Aber weise meine Eltern nicht ab. Du hast selbst gesagt, sie sind alt. Hab doch ein bisschen Mitleid»

«Ich will nichts mit ihnen zu tun haben! Wenn du so eine perfekte Tochter sein willst, kannst du sie ja besuchen», erwiderte Rodolf mit vorwurfsvollem Blick.

Mein erster Mann war ein Soldat, der in Afghanistan gedient hatte. Simon erschien mir mutig und furchtlos und das war er auch. Ein Major, mit Auszeichnungen, ein erfahrener Krieger.

Unser Sohn Matthias wurde geboren. Meine Eltern waren überglücklich über ihren Schwiegersohn und den Enkel.

«Jetzt, Leoniechen, können deine Mutter und ich beruhigt sterben. Simon ist ein verlässlicher Mann. Uns ist leicht ums Herz. Wir haben dich in gute Hände gegeben enttäusche uns nicht.» Mein Vater betonte bei jeder Gelegenheit, was für ein wunderbarer Mann mein Ehemann sei.

Doch Simon kümmerte sich kaum um unseren Sohn. Wenn Matthias zu ihm kam, war der Papa entweder auf dem Weg zum Angeln, zu einem Treffen mit Kriegsveteranen oder einfach «nicht in Stimmung».

Mit der Zeit begann auch Matthias, seinen Vater zu ignorieren.

Doch es wurde schlimmer. Simon verfiel in schwere Depressionen. In solchen Momenten war es besser, ihm aus dem Weg zu gehen. Ich distanzierte mich von ihm. Als Matthias fünf war, betrank sich Simon bis zur Besinnungslosigkeit, zog seine Uniform an und drohte unserem Sohn mit seiner Dienstwaffe. Das war der letzte Strohhalm. Ich begriff, dass sein Geist ernsthaft geschädigt war. Der Krieg, den Simon erlebt hatte, holte ihn immer häufiger ein. Ich wollte nicht das Leben meines Sohnes oder mein eigenes riskieren. Wir ließen uns einvernehmlich scheiden.

Meine Eltern überschütteten mich mit Vorwürfen:

«Was für eine schlechte Ehefrau du bist! Wo findest du noch so einen Mann? Den wirst du mit der Lupe nicht mehr finden! Du wirst es noch bereuen!»

Im Nachhinein bereute ich nichts im Gegenteil, ich war immer sicherer, richtig gehandelt zu haben. Simon wurde nur eine vergangene Lebensphase. Jahre später heiratete er eine gehörlose Frau.

Mein zweiter Mann kam schneller, als ich dachte. Bei der Arbeit musste ich oft durch Dörfer fahren, um Verträge abzuschließen. In einem dieser Orte lernte ich einen hohen Beamten kennen: Rodolf Petersen. Ein gutaussehender, gepflegter Mann mit einem charmanten Lächeln, der mir sofort ans Herz ging. Zuerst waren wir uns nicht einig, also musste ich noch ein paar Mal in sein Büro. Eine angenehme Bekanntschaft begann.

«Leonie, ich lade Sie zum Abendessen ein. Morgen bringen Sie mich nach Hause wohin Sie wünschen.» Rodolf küsste galant meine Hand.

Ich nickte zustimmend. Matthias war bei meinen Eltern also konnte ich die Gesellschaft dieses Mannes genießen.

Und dann ging alles sehr schnell

Eine leidenschaftliche Liebe entbrannte zwischen uns.

Rodolf war sechs Jahre jünger als ich, geschieden und hatte eine siebenjährige Tochter.

Ich wusste sofort: Meine Eltern würden ihn nicht akzeptieren. Zu jung, zu lebensfroh einfach «grün hinter den Ohren». Aber mir war es egal. Ich liebte Rodolf wie nie zuvor. Andere Meinungen interessierten mich nicht.

«Mama, Papa, ich heirate wieder. Rodolf und ich laden euch zum Essen ein.» Die Worte fielen mir schwer.

Meine Eltern starrten mich sprachlos an:

«Machst du Witze, Leonie? Wir dachten, du versöhnst dich mit Simon. Ihr habt doch ein Kind!»

«Vergesst Simon genau wie er Matthias vergessen hat. Schluss damit. Morgen stelle ich euch meinen Verlobten vor. Und erwähnt bitte nicht meinen Ex-Mann. Das wäre unangebracht.» Ich ahnte, dass das Treffen schwer werden würde.

Rodolf kam mit Geschenken und einem Vorschlag:

«Nach der Hochzeit möchte ich, dass wir als große Familie zusammenleben. Ihr werdet älter, und Leonie und ich können für euch da sein Einkäufe, Arztbesuche Was haltet ihr davon?»

Mein Vater kratzte sich am Kopf und überlegte:

«Nun ja vielleicht hast du recht. Aber wo sollen wir wohnen? Deine Mutter und ich haben nur eine kleine Wohnung. Leonie hat ihre eigene ihr Ex-Mann hat sie ihr gelassen.» Er warf mir einen Blick zu. «Und du, Schwiegersohn? Wie sieht es bei dir aus?»

«Ich träume von einem dreistöckigen Haus. Ich baue eines und wir ziehen alle zusammen.» Rodolf lächelte verträumt, als würde er uns alle schon darin sehen.

Wir feierten eine fröhliche Hochzeit. Rodolf schenkte mir eine unvergessliche Mittelmeerkreuzfahrt. Später würden wir ganz Europa bereisen immer mit Matthias und Rodolfs Tochter. Seine Ex-Frau ließ ihre Tochter gerne mit uns verreisen.

Rodolf nahm Matthias wie einen eigenen Sohn an. Aber ich kam nicht mit seiner Tochter Julia klar. Das Mädchen starrte mich misstrauisch an, sprach kaum mit mir und flüsterte ihrem Vater ständig etwas ins Ohr.

Nach drei Jahren zogen wir in unser neues Haus. Unser Grundstück lag in Rodolfs Heimatdorf genug Platz für Garten, Obstbäume und alles, was das Herz begehrte. Rodolf war ein wunderbarer Schwiegersohn. Im Haus war alles für meine Eltern eingerichtet: Küche und Schlafzimmer im Erdgeschoss, damit sie nicht treppensteigen mussten. Matthias Zimmer war oben «Jung genug, um zu laufen.» Rodolf und ich wohnten im ersten Stock. Draußen gab es eine Sommerküche und eine Garage für drei Autos.

Später schenkte Rodolf Matthias zum 20. ein Motorrad, mir zum Geburtstag ein neues Auto, meiner Mutter eine Kur und meinem Vater ein Boot für sein geliebtes Angeln.

Doch meine Eltern und Matthias nahmen alles als selbstverständlich hin, ohne Rodolfs Großzügigkeit zu würdigen. Ständig gab es Vorwürfe und bissige Kommentare. Mein Mann ignorierte es:

«Leonie, ich will Frieden. Lass sie reden. Mein Gewissen ist rein. Ich sorge für die Familie, respektiere deine Eltern. Was wollen sie mehr? Ihr Ideal bleibt Simon. Aber ich kann nicht springen, wie sie es verlangen. Man kann es nie allen recht machen.»

So lebten wir und wurden langsam Fremde. Meine Eltern verstanden nie, dass Beziehungen Geben und Nehmen erfordern, keine Einbahnstraße sind.

Die Zeit verging

Eines Tages brachte Matthias ein Mädchen mit nach Hause:

«Das ist Sabine. Sie zieht zu mir.»

«Wer ist diese Dame? Deine Verlobte? Frau?» Ich war misstrauisch.

Matthias packte sie am Arm und zog sie wortlos mit in sein Zimmer.

Na gut, dachte ich, der Junge ist erwachsen. Sollen sich ihre Eltern um ihr Wohlergehen kümmern nicht ich.

Doch Sabine war nicht schüchtern und sorgte bald für Ärger.

«Leonie, Matthias und ich wollen ins erste Stock ziehen. Wir erwarten ein Kind. Könnt ihr mit den Alten reden?» Sabine saß lässig in der Küche, rauchte und trank meinen Kaffee.

Sie nannte mich und Rodolf beim Vornamen «Siezen ist von gestern. Alle sind gleich.»

«Sabine, vergiss deinen Plan. Solange ich hier das Sagen habe, behandelst du Matthias Großeltern mit Respekt. Wenn es dir nicht passt die Tür steht offen»

Sabine rief laut: «Matthias, hörst du das? Leonie wirft mich raus und ich bin schwanger!»

Plötzlich stürmte Matthias herbei und stieß mich. Ich fiel, schlug mit dem Kopf gegen den Tisch und landete mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Auf der schmalen Liege weinte ich verzweifelt.

Matthias, für den ich alles gegeben hatte, hatte mich geschlagen! Wegen dieses Mädchens. Übrigens: Die angebliche Schwangerschaft stellte sich später als Lüge heraus.

Rodolf, außer sich vor Wut, wollte die Polizei rufen. Doch ich weigerte mich, meinen eigenen Sohn anzuzeigen ich behauptete, ich sei ausgerutscht.

Doch der Groll auf Matthias blieb. Wie konnte er mich für so eine Göre opfern?

Nach meiner Geneschaft schluckte ich den Ärger. Was passiert, passiert in großen Familien gibt es eben Streit. Als ich nach Hause kam, kniete Matthias vor mir:

«Es tut mir leid, Mama! Ich war wie besessen.»

Ich küsste ihn auf den Kopf und weinte. Er hatte es endlich begriffen.

Ich glaubte, der Frieden sei zurückgekehrt. Doch

Abends im Bett sagte Rodolf plötzlich:

«Wusstest du, dass Sabine in unserem Bett war, während du im Krankenhaus lagst?»

Ich traute meinen Ohren nicht: «Wie bitte?»

«Ich wachte nachts auf und da lag sie neben mir und glotzte mich an. Sie und Matthias waren auf einer Party. Er schlief wohl betrunken wie ein Stein. Ich fragte, was sie wolle und sie kuschelte sich an mich.»

«Und?» Ich wartete auf das Ende der Geschichte.

«Ich habe sie rausgeworfen.» Rodolf schien die Wahrheit zu sagen.

Das war zu viel! Was tun? Matthias würde mir nicht glauben wieder Streit. Sabine würde alles abstreiten und mich beschuldigen. Ich beschloss zu warten die Zeit würde es richten.

Meine Eltern hetzten mich weiter gegen Rodolf auf:

«Leonie, dein Mann ist ein Schürzenjäger! Wenn du weg bist, springt er in jedes Bett. Wirf ihn raus!»

Wenn man etwas tausendmal hört, glaubt man es irgendwann. Das Leben wurde unerträglich. Warum konnten meine Eltern nicht ruhen? Langweilte es sie, alles geschenkt zu bekommen? Rodolf und ich stritten uns immer öfter bis er schließlich auszog. Ein ganzer Monat verging ohne Kontakt.

Dann rief eine Freundin an:

«Leonie, hallo! Ich habe gerade deinen Mann mit einer Fremden gesehen. Grüßte kurz und ging weiter. Wusstest du das?»

Ich Idiotin! Wie konnte ich so einen Mann allein lassen? Die Jagd nach ihm begann sofort.

Kurz gesagt: Ich holte ihn zurück. Es stellte sich heraus, dass Rodolf mit Julia spazieren war seiner Tochter, die mit 25 noch nicht heiraten wollte, sondern Karriere machte.

Nach einem Monat außer Haus hatte Rodolf eine Entscheidung getroffen:

«Leonie, wähle: entweder ich oder deine Eltern. Sonst gehen wir auseinander.»

Es tat mir leid um meine Eltern sie waren alt und gebrechlich geworden. Doch sobald Rodolfs Name fiel, wurden sie plötzlich lebendig und attackierten ihn mit gemeinen Worten. Nichts konnte ihre Herzen erweichen.

Also zogen wir aus und kauften ein kleineres Haus im Dorf. Es war renovierungsbedürftig aber egal. Wir hatten nur 1000 Quadratmeter, dafür niemanden, der uns schief ansah. Keine Kompromisse mehr. Lieber Wasser in Freude trinken als Honig im Kummer.

Meine Eltern riefen an und schimpften:

«Du bist keine Tochter mehr! Du lässt uns im Stich! Läufst wie eine Hündin deinem Kerl nach! Sabine will uns ins Altersheim abschieben!»

«Möge deinem Mann die Pest an den Hals wachsen! Er hat unser Leben ruiniert!»

Doch Rodolf und ich leben jetzt glücklich und in Frieden. Die Jahre verstreichen, aber die Ruhe, die wir hier gefunden haben, ist kostbar. Manchmal denke ich an meine Eltern, bete, dass sie gesund bleiben doch ich bereue nichts. Rodolf pflanzt Tomaten, ich kümmere mich um die Rosen, und abends sitzen wir auf der Bank unter dem Apfelbaum, schweigen oder erzählen uns Geschichten. Matthias ruft selten an, manchmal kommt er mit einem anderen Mädchen, wir trinken Kaffee, reden vorsichtig. Kein Groll mehr, nur Distanz. Ich habe gelernt: Liebe braucht Raum, aber auch Grenzen. Und manchmal muss man wählen nicht gegen die Familie, sondern für sich selbst.

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