Nun, machen Sie sich keine Sorgen, meine Dame. Das Mädchen ist zwar frühgeboren, aber robust. Alles wird gut – für Ihre Tochter und Ihre Enkelin.

Nun, keine Angst, Frau. Das Frühchen ist zwar zu früh, aber kräftig. Alles wird gut für Ihre Tochter und für Ihre Enkelin.
Gott sei Dank, murmelte die Mutter, während die Ärztin, Dr. Schmidt, den Flur entlang ging. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, flüsterte sie weiter: Jetzt kommt das Unglück.

Das Unglück begann vor sechs Monaten in der Familie von Tante Gertrud. Eines Nachmittags kam die neugierige Nachbarin, Frau Heike, vorbei, um mit einem Schlückchen ApfelstrudelTee zu plaudern. Sie ließ beiläufig fallen:

Wann bekommst du dein Kind? Hast du schon Windeln gekauft?

Welches Kind? Was soll das heißen?, stockte Klaudia Becker, die Mutter des kleinen Mädchens.

Welches Kind? Letzte Woche habe ich deine Tochter Klara beim Sattleichen im Stall gesehen, wie sie mit dem Maulkorb aus dem Stall rannte.

Vielleicht hat sie etwas Falsches gegessen, versuchte Klaudia, sich zu verteidigen.

Ach ja, und du warst noch nie in den Wehen, also weißt du gar nichts. Ich bin ja keine alte Hexe und verstehe das nicht.

Am Abend befragte Tante Gertrud Klaudia und weinte dabei bitterlich über die Last, das unerwartete Leben ihres ungeborenen Enkels, den sonnengebräunten Bastard, den niemand mehr sehen wollte.

Leni, das kleine, rauchige Mädchen, brachte keine Freude, nur Sorgen, Ärger und ein brennendes Schuldgefühl. Klaudia zeigte kaum Zuneigung. Sie nahm Leni in die Arme, wenn das Kind gefüttert oder geweint wurde, doch das war das Maximum. Tante Gertrud blickte auf ihre Enkelin gleichgültig, ohne Liebe. Und das war bereits die vierte Enkelin, über die man sich eigentlich freuen sollte. Auch die Tochter ihrer Schwester hatte wenig Gutes hervorgebracht. So kam Leni in diese Welt, ungeliebt und wankend auf unsicheren Beinen.

Ein Jahr später zog Klaudia in einen Arbeiterort, um ihr Glück zu suchen. Leni blieb bei Tante Gertrud, die zwar keine fremde Person, aber keine geliebte Großmutter war. Das Mädchen verlangte keine besondere Pflege, aß, was ihr angeboten wurde, schlief zur rechten Zeit und wurde nicht krank. Die Ärztin hatte nicht gelogen: Leni war kräftig, doch nach wie vor nicht geliebt.

Leni lebte bei der Großmutter bis zu ihrem siebten Geburtstag. In der Zwischenzeit hatte Klaudia den Beruf der Malerin erlernt, geheiratet und einen Sohn, Kurt, bekommen. Dann erinnerte sich Klaudia an Leni. Das Mädchen war nun erwachsen, könnte als Helferin der Mutter dienen. Klaudia fuhr zum Dorf, doch Leni, die ihre Mutter nur zweimal im Jahr sah, zeigte kaum Freude über das Wiedersehen. Klaudia blickte streng auf das Kind:

Ach du meine Güte, Leni, du bist doch nicht meine eigene. Die anderen würden sich freuen, dich umarmen, und du stehst hier wie ein Fremder

Beim Abschied weinte Tante Gertrud ein wenig, vermisste Leni ein paar Tage, doch am nächsten Samstag brachten ihr ältester Sohn zwei geliebte Enkelinnen, Lena und Ursula, und in den Alltag der Tante fiel Leni schnell aus dem Sinn. Leni fühlte nur wenig Mitleid mit ihrer Großmutter, doch das Abschiedsschmerz der frisch geschlüpften Küken riss ihr Tränen in die Augen.

Im Arbeiterort gefiel Leni nicht besonders, doch sie hatte keine Wahl. Mit der Zeit gewöhnte sie sich, fand Freundinnen, ging zur Schule, erledigte Hausaufgaben, holte Brot und Milch, schälte Kartoffeln für ihre Mutter. Als sie älter wurde, begleitete sie Kurt in den Kindergarten und sagte zu einem großen Jungen:

Pass auf, das ist meine Strafe. Ich habe nicht genug Kraft für dich! Ich zerrenne mich bis zur Erschöpfung, und ihr helft mir nicht!

Kurt hörte nie liebe Worte von seiner Schwester, und Leni hörte ebenfalls nie welche. Sie erwartete sie nicht, denn sie war niemals geliebt. Fast ohne zu leiden, kannte sie kein anderes Gefühl.

Dennoch hörte sie, wie ihre Freundinnen von ihren Müttern liebevoll genannt wurden, und wie ihre eigene Mutter Kurt als Sonnenschein oder Kätzchen betitelte. Leni, einst Zinaida, dachte, sie dürfe nicht die Sonne sein. Sie war erwachsen, im Gegensatz zu Kurt.

Zuhause wurde Leni nicht gehasst, aber auch nicht überschüttet mit Brot. Sie bekam keine teuren Süßigkeiten, aber sie war nicht völlig verarmt nur unloved.

Mit fünfzehn verließ Leni das kalte Haus, das ihr nie wirklich heimisch geworden war. Sie schrieb sich in der Stadt an einer Fachschule für Konditoren ein, träumte davon, sich mit Torten zu vollstopfen. In der Stadt mochte sie das Leben, teilte das Wohnheim mit drei anderen Mädchen und wurde zur eigenen Hausherrin.

Als sie den jungen Matthias traf, spielte das Leben plötzlich in Farben. Trotz des trüben Novemberlichts schien die Sonne für Leni wie nie zuvor. Die Mitbewohnerinnen schalteten den Fernseher im roten Eck an, und Matthias flüsterte ihr wunderschöne Worte, die ihr den Kopf schwirren ließen:

Du bist meine Liebste, hauchte er, und Leni, gewohnt an ewige Kälte, schmolz vor Glück.

Doch bald überkam sie Morgenübelkeit. Sie wollte sofort zum Arzt, verpasste jedoch den richtigen Zeitpunkt. Mit achtzehn musste Leni Ärztinnenscheine holen und mit einem leicht nervösen Matthias in das Standesamt gehen.

So begann Lenis Ehe, und gleichzeitig endete ihre kurze Jugendliebe. Das Paar zog in das Haus des Schwagers. Die Mutter und Schwiegermutter von Matthias zeigten kaum Zuneigung, doch sie organisierten Leni ein kleines Zimmer. Was blieb ihr übrig? Sie war nicht die Erste, die hier heimisch wurde, und auch nicht die Letzte. Vielleicht war das zum Guten ein Kind würde kommen, Matthias würde ruhiger werden.

Eine Freundin aus dem Ort beneidete sie:

Du hast Glück, du lebst jetzt in der Stadt.

Leni erwiderte nicht. Wer soll schon erzählen, dass das Stadtleben nur ein Wort ist? Das Haus im Vorort war wie ein Dorf: Wasser musste vom Brunnen am Ende der Straße geholt werden. Leni beschwerte sich nicht, sie war gewohnt. Mit Eimern Wasser schlabberte sie, ihre Füße wurden kalt. So ertrank sie beinahe ihr ungeborenes Kind, während die Schwiegermutter schimpfte.

Matthias schien sie erst kurz zu mögen, dann jedoch zog er sich mit Freunden zurück. Die Schwiegermutter schickte Leni nicht aus dem Haus, ließ sie aber helfen. Schließlich brachte Matthias eine andere Frau, erklärte Leni, er liebe sie nicht und habe sie nie geliebt.

Leni klagte sich bei den Freundinnen, weinte kurz, dann hielt sie den Kopf hoch. Sie packte ihre wenigen Kleider, hörte die Anweisungen der Schwiegermutter, ging zur Tür und schloss sie hinter sich.

Sie zog ins Betriebskindergartenwohnheim, wo Kantine, Mensa und Club gleich neben dem Werk lagen. Lebe und genieße, hieß das Mantra. Leni fand Trost im gemeinsamen Tanz, im Kino, im Lachen mit den Kolleginnen.

Nach Hause zu ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und Bruder fuhr sie selten. Sie wurden nicht erwartet, und Leni drängte sich nicht ein.

Die Großmutter Gertrud starb, als Leni einundzwanzig war. Leni fuhr zur Beerdigung, sah die verstaubten Räume. Gertruds Haus ging an die geliebten Enkelinnen Lena und Ursula. Leni war nicht verbittert; sie wusste, dass sie nie die Lieblingsenkelin sein würde.

Würde Leni auf das Erbe verzichten, würden die Verwandten um das fünfhundert EuroErbe streiten. Die lauteste Stimme war Klaudias, die verzweifelt jammern ließ, weil ihr Sohn Kurt keine verbogene Löffel von der Großmutter bekommen hatte. War er nicht ihr Enkel? Warum nicht Lena und Ursula? Klaudia schrie weiter, während Leni keine Löffel bekam.

Leni versuchte ein zweites Mal, ihr Leben zu ordnen, traf Männer, doch nichts funktionierte. Im Standesamt fand sie keinen Bewerber, den sie heiraten wollte. Sie dachte: einer trank zu viel, der andere schlug. Was war schlimmer? Was besser? Leni war froh, dass sie das Standesamt nicht weiter belastete. Sie packte die wenigen Sachen, legte sie in einen Koffer und kehrte zu den Freundinnen zurück.

Abends in der Wohnheimkammer schlug sie sich seit über zehn Jahren durch verschiedene Wohnheime, die Betten wurden fremd. Mit fast dreißig Jahren wollte jede Frau ihr eigenes Eckchen, ihren eigenen Topf. Allein blieb ihr erst einmal ein Zimmer, das war das Normalste.

Manchmal besuchte sie Tante Asta, die abends die Flure im Werk putzte, um zu reden. Nach drei bis vier Monaten Gespräch kam Asta zu Leni und sagte:

Leni, meine Nichte ist nach der Geburt gestorben, ihr Sohn lebt noch. Du bist fleißig, arbeitest hart. Mein Schwager Matthias ist ein guter Kerl, trinkt nur zu Festen. Vielleicht könntet ihr zusammenkommen. Er wäre nicht gewalttätig, nur etwas schüchtern.

Leni überlegte und zog zu Matthias. Sie putzte sein Zimmer für das Maifest, kaufte Vorhänge, nähte kleine Kleider für das Kind. Das Mädchen, das sie Sonja nannte, begann zu sprechen und rief:

Mama, ich liebe dich! Ich liebe dich mehr als Papa, mehr als Tante Asta, mehr als die Puppe Jule.

Leni hielt Sonja im Arm, weinte und lachte zugleich. Endlich fühlte sie sich geliebt.

Ein Jahr später brachte Leni einen Sohn, Ilja, zur Welt. Matthias kümmerte sich nachts um das Baby, wechselte Windeln, trug die Wiege die Treppe hinunter. Die Firma schenkte ihnen eine große, helle Wohnung. Leni freute sich, endlich ein Zuhause zu haben.

Sie und Matthias erzogen die Kinder, bekamen Enkel. Auf dem Land kochte die graue Leni Kompotte, während die Enkel riefen:

Oma, ich liebe dich!
Ich dich auch, Oma!
Oma, ich will dich knuddeln!
Wir lieben unsere Oma, sagte Opa Matthias lächelnd.

Leni wischte heimlich eine Träne weg. Vor Jahren hätte sie nie gedacht, dass das Schicksal ihr, als von Geburt an ungeliebte Frau, so viel Liebe schenken würde.

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