Ein Wohnhof am Rande von Berlin erwachte im morgendlichen Gewusel, jeder kannte hier seine Stelle. Zwischen fünfstöckigen Plattenbauten mit abgeblätterten Fassaden folgte das Leben dem gewohnten Takt: Die Eltern schoben Kinderwagen zu den Rampe, Rentner spazieren gemächlich mit ihren Hunden, und die Jugend mit Rucksäcken schlängelt sich zwischen Blumenbeeten und Mülltonnen hindurch. Der Regen der Vorwoche ließ den Asphalt noch glitzern, das Sommerlicht spiegelte sich hell darin. In den Beeten vor den Fenstern blühten Studentenblumen und Ringelblumen Kinder in TShirts jagten den Ball oder fuhren auf Fahrrädern, immer wieder einen Blick zu den Erwachsenen werfend.
Am Hauseingang bildete sich bereits ein kleiner Stau: jemand drückte sich mit einer Packung Milch vor, ein anderer versuchte, den Kinderwagen aus dem engen Vorhaus zu schieben. Und dann das unvermeidliche Hindernis der letzten Monate: Elektroroller. Fünf davon standen wie stumme Wächter; einer lag quer zur Rampe, sodass die Mutter mit Kleinkind geschickt zwischen den Rädern hindurchmanövrieren musste. Neben ihr klopfte die Rentnerin Brünhilde Wulf mit dem Stock trotzig auf den Asphalt.
Wieder diese Bastelstücke! Man kann weder gehen noch fahren
Die Jugend wirft sie einfach überall hin!, unterstützte sie ein Mann mittleren Alters in einer Sportjacke.
Eine 25jährige Frau zuckte die Schultern:
Wo sollen sie hin? Es gibt einfach keinen festen Platz.
Die Nachbarn schimpften am Eingang; einer bemerkte ironisch, dass bald nur noch Roller und Fahrräder anstelle von Blumen parken würden. Niemand ergriff die Initiative die kleinen Unannehmlichkeiten gehörten zum Alltag. Erst als ein Elternteil fast mit dem kleinen Rad des Kinderwagens an einer wackeligen Rollerbasis vorbeischrammte und fluchend unter Atem anstimmte, spürte man die wachsende Spannung.
Aus allen Richtungen klang die übliche Stimmengewalt: jemand diskutierte laut die neuesten Nachrichten an der Bank neben dem Sandkasten, Jugendliche stritten über das letzte Fußballspiel direkt auf dem Spielplatz. Über den dichten Ästen einer Pappel im fernen Eck zirpten Vögel, übertönt von den empörten Stimmen der Anwohner.
Warum kann man sie nicht näher an den Zaun stellen? Da wäre es doch besser!
Und wer muss plötzlich sein Handy laden? Ich hätte gestern fast mein Bein gebrochen wegen dieser Metallklötze!
Ein junger Mann versuchte, den Roller zu den Büschen zu schieben das Gerät quietschte verräterisch und fiel quer vor die Fußspuren einer Frau mit Einkaufstasche. Sie schlug mit den Händen in die Luft:
Da ist es wieder! Wer räumt das bloß hier weg?
Am Abend flammten die Streitigkeiten wie Funken einer nicht erloschenen Zigarette: ein Wort des Unmuts brachte sofort neue Gegner hervor. Die einen verteidigten die Technik als Symbol des Fortschritts, die anderen verlangten Ordnung nach alten Hausregeln.
Brünhilde Wulf sprach bestimmt:
Ich verstehe, die Zeit hat sich geändert Aber wir Älteren wollen doch auch ungezwungen passieren können!
Die junge Mutter Liselotte antwortete milde:
Ich habe ein Kleines Manchmal ist der Roller für mich schneller als der Bus zur Klinik.
Man schlug vor, die Hausverwaltung zu rufen oder sogar den Bezirksinspektor zu verständigen; andere lachten darüber und rieten, einfach höflicher miteinander umzugehen.
Lange, helle Abende dehnten die Gespräche am Treppenhaus bis in die Nacht: Eltern verweilten mit den Kindern auf dem Spielplatz, tauschten Neuigkeiten und Alltagsprobleme gegen Beschwerden über die Roller aus. Irgendwann trat der initiativ wirkende Nachbar Nils vor mit seiner ewigen Frage:
Wollen wir nicht alle zusammenkommen? Dann können wir das endlich besprechen!
Ein jüngeres Paar nickte, und selbst Brünhilde gab widerwillig zu, zu erscheinen, wenn alle kämen.
Am nächsten Abend versammelte sich eine bunte Truppe vor dem Eingangsbereich: Studenten, Rentner, Eltern mit Kindern aller Altersstufen. Einige kamen vorbereitet: einer trug ein Notizbuch für Ideen, ein anderer eine Messlatte, wieder andere standen abseits nur aus Neugier. Die Fenster des Erdgeschosses standen weit offen das Lachen der Kinder mischte sich mit dem Summen der Straße, ein leichter Wind brachte den Duft frisch geschnittener Wiese vom Grünstreifen herüber.
Das Wortgefecht begann heftig:
Wir brauchen einen festen Platz für all diese Roller!
Die Hausverwaltung sollte Markierungen anbringen!
Jemand wollte Schilder selbst basteln, ein anderer fürchtete das bürokratische Wirrwarr:
Jetzt müssen wir wieder alles über Berlin absegnen lassen!
Der Student Jannis meldete sich überraschend klar:
Lassen wir uns einfach erst einmal einigen, wo wir die Dinger hinstellen Dann informieren wir die Verwaltung, dass sie genehmigt wird!
Nach kurzem Zanken wurde die Ecke zwischen Mülltonne und Fahrradständer gewählt dort stören weder die Rampe noch das Blumenbeet.
Mutter Liselotte ergriff das Wort:
Wichtig ist, dass die Regeln für alle klar sind, besonders für die Kinder und dass niemand später noch darüber streitet!
Brünhilde nickte zustimmend; ein paar Jugendliche boten an, die Skizze der neuen Parkfläche mit Kreide direkt auf den Asphalt zu zeichnen. Eine Nachbarin versprach, nach der Arbeit ein Schild mit einfachen Parkregeln auszudrucken. Der Dialog blieb lebhaft, jeder sprang in die Diskussion, jeder fühlte sich Teil der Veränderung.
Der Morgen nach der Versammlung fand den Hof im gewohnten Trubel, doch die Stimmung war anders. An der Stelle, wo gestern Roller und Kinderfahrräder wirr beieinander standen, organisierten jetzt drei Aktivisten Nils, Student Jannis und Mutter Liselotte das neue System. Nils hielt die Messlatte und kommandierte:
Von hier bis zur Tonne sind anderthalb Meter. Hier legen wir das Band hin!
Jannis rollte ein leuchtend orangefarbenes Band aus, Liselotte legte das Schild auf die Bank: Roller nur im markierten Bereich abstellen! Nicht den Durchgang oder die Rampe blockieren!
Brünhilde beobachtete von ihrem Fenster aus dem Erdgeschoss. Sie mischte sich kaum ein nur ein gelegentliches Nicken über die Brille hinweg. Unten versuchte ein Kleinkind bereits, das Schild mit Filzstiften zu bemalen: Sonne, ein lächelnder Smiley neben einem ordentlich geparkten Roller. Auch die Jugendlichen blieben kurz stehen, flüsterten sich etwas zu, kicherten, dann kamen sie näher, um zu schauen.
Als alles fertig war, versammelten sich die Bewohner um die neue Parkfläche. Nils befestigte das Schild an einem Holzpfosten zwischen Beet und Tonne. Zwei Mütter mit Kinderwagen befürworteten sofort:
Jetzt müssen wir nicht mehr zwischen den Rädern hindurchschlängeln!
Die 25jährige Frau lächelte:
Wichtig ist, dass sich alle an die Regeln halten
Die ersten Tage verliefen unter wachsamer Beobachtung. Einige stellten ihren Roller exakt auf die Markierung, andere ließen ihn noch am Eingang zurück. Doch nach ein paar Stunden zogen die Jugendlichen die Dinger selbst in die richtige Position sie fanden Gefallen daran, etwas zu verändern. Liselotte erinnerte eine Nachbarin freundlich:
Bitte halten wir uns an das, was wir beschlossen haben
Die Antwort kam fast entschuldigend:
Hab ich vergessen! Danke.
Auf den Bänken diskutierten die Anwohner nun ohne die alte Bitterkeit. Brünhilde äußerte überraschend sanft:
Es ist viel angenehmer Und das Auge freut sich Ordnung ist doch schön! Vielleicht können wir die Fahrräder genauso hinstellen?
Eine andere Mutter lachte:
Dann fangen wir ja an wer weiß, was wir noch alles schaffen.
Ein älterer Mann in einer Sportjacke zuckte mit den Schultern:
Hauptsache, die Alten werden nicht vergessen.
Der Asphalt trocknete schnell unter der Sommersonne; das orange Band leuchtete schon von weitem. Gegen Abend malten die Kinder grüne Pfeile darauf, damit alles klar ersichtlich war. Vorbeigehende schauten kurz hin: die einen lächelten, die anderen zuckten mit den Schultern mal sehen, wie lange das hält doch Streit schien kaum zu entstehen.
Nach einigen Tagen bemerkten die Bewohner die Veränderung. Vor der Rampe stapelten sich keine Roller mehr, der Weg blieb frei, selbst zur Hauptverkehrszeit. Eines Tages ging Brünhilde gemächlich mit dem Stock die saubere Passage entlang, blieb neben Nils stehen:
Danke euch Früher war ich jeden Tag genervt, jetzt atme ich leichter im Hof.
Nils errötete, wischte sich ein Lächeln ab, doch er war sichtlich froh über das Lob. Die Jugend zeigte nun neuen Nutzern, wo sie parken dürfen; ein Bewohner bot an, ein Schloss für die Roller anzubringen, damit sie sicher stehen. Liselotte sagte laut:
Jahrelang haben wir das Chaos gedeckt, und plötzlich haben wir es geschafft Vielleicht ist das erst der Anfang?
Brünhilde grinste:
Ein Anfang von etwas Gutem!
Abends pulsierte das Treppenhaus neu: Menschen blieben länger, tauschten Neuigkeiten oder sprachen einfach über das Wetter. Kinder tollten um die neue Haltestelle, Jugendliche stritten über das nächste Spiel, doch niemand blockierte mehr den Weg zum Kinderwagen. Der frisch gemähte Rasen duftete stark nach Sommerhitze; durch die offenen Fenster drang das leichte Lachen der Erwachsenen und das helle Kreischen der Kinder.
Im Gespräch wanderten die Themen dann zu anderen gemeinsamen Projekten im Hof: neue Bänke, weitere Blumenbeete. Die Diskussionen waren jetzt ohne Groll, eher scherzhaft, jeder versprach zu helfen, wenn alle zusammenkamen.
An einem warmen Abend trat Brünhilde zu der Gruppe junger Eltern an der neuen Parkfläche:
Seht ihr, was wir geschafft haben? Wenn wir wollen, können wir wirklich etwas bewegen
Liselotte lachte:
Und das Wichtigste: Niemand muss mehr jeden Morgen fluchen!
Alle brachen in gemeinsames Gelächter aus; selbst die mürrischsten Nachbarn reihten sich ein. In diesem Moment herrschte im Hof ein leichter Hauch von Freude seltene Versöhnung zwischen Generationen und Charakteren.
Die Laternen erwachten über den grünen Sträuchern, die warme Luft vibrierte über dem Asphalt noch lange nach Sonnenuntergang. Die Bewohner gingen langsam auseinander, wollten das Gefühl des kleinen Sieges nicht verlieren.







