28. Oktober 2025 Mein Tagebuch
Früher verlor Antonia ihren Vater, und ihre Mutter verstarb, als sie im fünften Semester der Technischen Universität in München war. Das war eine harte Zeit: kurz vor der Diplomverteidigung stand das ganze Leben plötzlich still. Zum Trost kamen ihr die Eltern von Jakob, ihrem einzigen verbliebenen Verwandten.
Jakob und ich kannten uns seit dem dritten Semester. Seine Eltern, Maria Hoffmann und Peter Friedrich, behandelten Antonia stets herzlich. Sie schätzten sie wie ihre eigene Tochter, und alle warteten darauf, dass das Studium zu Ende ging und die beiden heiraten würden.
Die Hochzeit war bescheiden. Lotte war traurig, weil ihre Mutter fast noch das Fest erlebt hätte. Doch sie erinnerte sich an Mamas Worte: Vor der Hochzeit musst du dich noch einmal untersuchen lassen, meine Tochter. Lotte kannte den Grund. Als Kind war sie beim Rutschen von einer gefrorenen Rodelbahn schwer verletzt worden. Die Ärzte fürchteten Schäden am weiblichen Fortpflanzungsorgan, konnten aber keine klare Prognose geben.
Kurz vor der Hochzeit ließ Lotte, wie ihre Mutter geraten hatte, erneut Untersuchungen machen. Der allgemeine Befund war gut, doch die Frage nach einer möglichen Schwangerschaft blieb offen. Zuerst sprach sie mit ihrer Schwiegermutter, die nachdenklich erwiderte:
Wenn es auch nur die kleinste Chance gibt, verzage nicht zu früh. Ich spreche mit Jakob selbst.
Nach dem Junggesellenabschied kam Jakob leicht beschwipst nach Hause und sagte: Lotte, ich will Kinder. Was, wenn es nicht klappt? Wäre das dann noch eine Familie? Lotte weinte und ließ die Entscheidung bei ihm, doch sie wollten es versuchen. Die Ärzte gaben ihr Hoffnung, und Jakob war ihr einziger Mann.
Im ersten Ehejahr blieb das erhoffte Ergebnis aus. Maria Hoffmann teilte den Kummer ihrer Schwiegertochter. Gemeinsam mit ihrem Schwiegervater setzten sie alles daran, die Familie zu erhalten, und schickten Lotte in die Frauenklinik in Köln, wo das Programm Weiblicher Schutz angewendet wurde. Die Behandlung zeigte zwar Erfolge, konnte jedoch das langfristige Ziel nicht sichern.
Nach zwei Jahren wurde klar, dass keine Schwangerschaft zu erwarten war. Lotte verzweifelte, Jakob hielt sie so gut er konnte, doch die Spannung wuchs. Jakob gab Lotte nicht die Schuld, doch er konnte das kinderlose Leben nicht akzeptieren. Lotte schlug vor, ein Kind zu adoptieren:
Lass uns ein kleines Mädchen aufnehmen und wie unser eigen erziehen.
Jakob weigerte sich: Ein fremdes Kind kann niemals mein sein. Ich kann meine väterliche Liebe nicht geben. Seltsamerweise unterstützten ihn seine Eltern, weil sie den Wunsch ihres Sohnes nach eigenem Nachwuchs kannten und das Kind nicht als Belastung sehen wollten.
Ich selbst sprach das Thema Scheidung an, obwohl ich Jakob liebte, weil ich ihn nicht weiter quälen wollte:
Lass uns getrennte Wege gehen, Jakob. Du bist jung, du findest eine neue Frau und bekommst Kinder.
Er zögerte, bis er die neue Kollegin Olga, eine junge, energiegeladene Ingenieurin, kennenlernte. Sie schien für ihn das Schicksal zu sein. Das Gespräch mit mir fiel ihm schwer; er fühlte sich, als würde er mich im Stich lassen. Ich erwiderte:
Jeder hat sein eigenes Schicksal. Du verdienst das Beste. Mach dir keine Vorwürfe.
Noch am selben Abend verließ Jakob unser Haus, nahm seine Sachen mit. Kurze Zeit später kamen Maria und Peter zu mir und sagten:
Lotte, es tut uns leid, dass wir nicht mehr für Jakob tun konnten. Er hat ein paar Nächte bei uns übernachtet, betrunken und verzweifelt. Wir fürchten, dass er zu sehr trinkt. Sie tranken Tee, redeten offen und versicherten mir, dass sie nie von mir ablassen würden. Trotz ihrer Worte weinte ich die ganze Nacht.
Die Scheidung wurde schnell vollzogen, das Vermögen teilten wir nicht. Lotte blieb allein in der alten Familienwohnung, während Jakob bald wieder heiratete. Auch sie blieb nicht lange allein: Der gut aussehende Paul, ein Kollege aus der ITAbteilung, zeigte Interesse. Er bemühte sich, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, doch Lotte liebte ihn nicht. In ihren Träumen verfolgte sie immer noch Jakob, dessen traurige Augen und zarte Hände erschien ihr, als könnten sie sie erreichen, doch sie blieben unerreichbar. Sie kämpfte gegen diese Erinnerungen, wollte ihr Leben ändern.
Im Winter erkrankte Lotte stark. Eines Abends kochte sie ein Essen für Paul, räumte auf und fühlte plötzlich Schwindel. Gegen Nacht stieg das Fieber, Paul rief den Rettungsdienst und ließ sie bei sich. Am nächsten Morgen war er nachdenklich und sagte kaum etwas, kümmerte sich allein um sie. Als sie sich erholt hatte, gestand er:
In jener Nacht habe ich kaum von deiner Seite losgelassen. Du riefst nach ihm, nennst ihn Jakob und bittest mich, dich nicht zu verlassen. Liebst du ihn noch?
Lotte antwortete ehrlich: Ja, ich liebe ihn. Ich bin wohl ein Monogamist. Ich kann keine Beziehung ohne Liebe führen. Und sie ging.
Kurz darauf erfuhr ich, dass Jakob einen lang ersehnten Sohn bekommen hatte ein weiterer herber Schlag. Drei Jahre verbrachte ich in einem Nebel aus Trauer. Hin und wieder besuchten mich Jakobs Eltern, hielten mich moralisch aufrecht, und ich trug keinen Groll gegen sie oder meinen Ex.
Eines Tages sah ich Jakob im Park mit seinem kleinen Sohn, aber ich trat nicht näher, er bemerkte mich nicht. Tränen flossen erneut, die Liebe blieb unerwidert, das Schicksal schien grausam.
Nach und nach fand ich wieder zu mir selbst. Am wichtigsten war, dass Jakob glücklich war. Seine Eltern erzählten, dass seine Frau eine fürsorgliche Partnerin sei, jedoch sei ihr Verhältnis zu ihm kühl, während sie den Enkel Edik liebten. Ich sagte:
Ich halte keinen Groll. Er hat mich nie betrogen, er liebte auf seine Weise. Ich habe die Scheidung selbst initiiert.
An meinem Geburtstag klingelte Jakob unerwartet, nur freundschaftlich, gratulierte und fragte nach meinem Befinden. Dieser Anruf rüttelte mich erneut auf, doch ich entschied, keinen Kontakt mehr zu pflegen.
Ein Jahr später erkrankte Olga, Jakobs Frau. Maria Hoffmann rief an und sagte, die Hoffnung sei gering. Sie weinte um Sohn und Enkel. Ich stand beim Friedhof hinter den Gräbern und fühlte mich verpflichtet, dort zu sein. Eine ehemalige Schwiegermutter umarmte mich und flüsterte:
Danke, Tochter. In dir gibt es weder Hass noch Schadenfreude.
Jakob meldete sich nach einigen Monaten, bat um ein Treffen. Ich ließ ihn kommen, weil ich sein Leid spürte. Er war altertümlich geworden, gebeugt von den Jahren. Wir saßen an einem gedeckten Tisch und redeten über das Leben.
Warum gehst du nicht wieder heiraten? fragte er. Ich antwortete schlicht:
Ich liebe dich. Ich brauche keinen anderen. Und er weinte.
Er bat mich, zu seinen Eltern zu gehen, um den kleinen Edik abzuholen, und anschließend mit ihm spazieren zu gehen. Der Junge war schüchtern, aber netterlei. Der Verlust seiner Mutter im jungen Alter war für ihn ein schwerer Schlag. Ich bemühte mich, neutral zu bleiben, ihn nicht zu bedrängen, doch er sah mich neugierig an.
Unsere Treffen wurden regelmäßiger, fast jedes Wochenende, ohne Verpflichtungen, nur um die Einsamkeit zu lindern. Dann rief Maria Hoffmann an und sagte, Jakob wolle Lotte zurückgewinnen, doch noch sei nichts entschieden. Er sei seit einem Jahr unglücklich, das Kind leide darunter.
Ich rief sofort meinen Ex an und sagte, ich sei bereit. Es gab niemanden, der mir wichtiger war. Wir lebten erneut zusammen, doch es war schwer. Jakob war kühl und zurückhaltend, und ich musste lernen, ein fremdes Kind zu lieben.
An meinem nächsten Geburtstag schenkte mir Edik ein Bild, auf dem wir zu dritt im Sonnenschein standen, darüber in kindlicher Handschrift Mama. Ich brach in Tränen aus, umarmte den kleinen Jungen und sagte:
Deine Mama schaut von oben zu dir und freut sich, dass du so ein guter Junge bist. Ich liebe dich auch. Du bist jetzt mein Sohn.
Wir leben nun harmonisch. Jakob ist aufgetaut, hat meine Liebe angenommen und ist wieder der fürsorgliche Mann, der einst war. Endlich bin ich glücklich und habe all das zurückerobert, wovon ich so lange allein geträumt habe.
Ich war nie gläubig, doch hin und wieder gehe ich in die Kirche und stelle ein kleines Licht für die Seele jener Frau, die aus dieser Welt ging, aber mir einen geliebten Sohn und einen liebevollen Mann schenkte.
**Lehre:** Das Leben kann unvorhersehbare Wunden tragen, doch Geduld, Mitgefühl und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, zeigen, dass man selbst im tiefsten Schmerz wieder ein Stück Glück finden kann.







