Ländliche Intellektuelle: Die gebildeten Köpfe vom Dorf

Die Dorfintellektuellen

«Tanja, Tanja, hast du schon gehört? In unser Dorf ist ein neuer Mathelehrer aus der Stadt gekommen. Barbara Semjonowna ist ja jetzt in Rente. Eigentlich war sie schon lange pensioniert, die Arme ist ja auch nicht mehr die Jüngste, aber es gab niemanden, der unsere Kinder unterrichten konnte. Jetzt ist er da», plapperte die Nachbarin Nikititschna, eine alte Frau, die immer die neuesten Dorfneuigkeiten verbreitete.

«Nein, hab ich nicht. Ist es ein Mann?»

«Ja. Und kein junger Hüpfer mehr. Man sagt, er ist sechsundvierzig und single.»

«Wirklich? In dem Alter und allein?», wunderte sich Tanja. «Vielleicht kommt seine Frau später nach, oder vielleicht auch nicht… Stadtfrauen wollen ja nicht auf dem Land leben.»

«Ach, dann soll er halt allein bleiben. Gibts bei uns etwa keine alleinstehenden Frauen? Unsere Krankenschwester Marina zum Beispiel sie ist seit drei Jahren Witwe und sieht auch noch gut aus. Das wäre doch das perfekte Paar: Lehrer und Krankenschwester…»

Im Dorf brodelten die Gerüchte. Grigori Iljitsch kannte Marina noch nicht einmal, aber alle hatten sie schon verheiratet.

Die Zeit verging. Doch von einer Hochzeit war nichts zu hören, und niemand hatte gesehen, dass der Lehrer und die Krankenschwester sich oft trafen oder unterhielten. Natürlich kannten sie sich wie konnte man im selben Dorf leben, ohne sich zu kennen?

Der neue Lehrer bezog das alte Haus, das früher für Lehrer und Ärzte gebaut worden war. Früher gab es mehr von ihnen im Dorf. Äußerlich machte Grigori Iljitsch einen guten Eindruck groß, sympathisch, und den Kindern gefiel er auch. Der Unterricht wurde viel interessanter, er konnte gut erklären und hatte Humor.

Nur eine Gruppe hatte keine Ruhe: die alten Frauen, die auf den Bänken vor ihren Häusern saßen und die neuesten Geschichten diskutierten. Auch über Grigori Iljitsch gab es verschiedene Theorien.

Zwei Versionen waren besonders beliebt. Die erste stammte von Nikititschna selbst:

«Ich denke, Mädels», sagte sie und richtete ihr Kopftuch, «dieser Grigori ist wahrscheinlich frisch verwitwet. Hat in der Stadt seine Frau begraben, die war bestimmt krank. Jetzt ist er hierhergekommen, um dem Kummer zu entfliehen und neu anzufangen. So etwas macht man ja manchmal im ersten Schmerz.»

Die zweite Theorie lieferte Archipowna, eine Frau, die über jeden im Dorf Bescheid wusste. Selbst wenn sie etwas nicht genau kannte, hatte sie eine Ahnung und behauptete dann selbstbewusst, es zu wissen.

«Ich glaube… nein, ich weiß sogar sicher, dass unser Lehrer in der Stadt in irgendeine unangenehme Sache verwickelt war und sich hier versteckt. Vielleicht hat er Schulden oder eine Affäre gehabt, und seine Frau hat es rausgefunden. Jetzt wartet er ab, bis sich die Wogen glätten.»

Die alten Frauen einigten sich zwar nicht, aber die Gerüchte verbreiteten sich. Marina, die Krankenschwester, mischte sich nicht in solche Gespräche, aber die Nachrichten erreichten sie trotzdem die Dorfbewohner kamen schließlich zu ihr, um sich behandeln zu lassen.

Marina war einundvierzig, ihre Tochter studierte irgendwo in einer Großstadt, und ihr Mann war vor drei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Grigori Iljitsch interessierte sie nicht. Nicht, dass er ihr unsympathisch gewesen wäre, aber ihre Wege kreuzten sich selten die Schule lag am einen Ende des Dorfes, die Gesundheitsstation am anderen. Ihre Kinder gingen nicht mehr zur Schule, und Grigori Iljitsch war nie krank.

«Marina, im Dorf redet man über dich und den Lehrer. Weißt du das?», fragte die alte Schwester Ljuba, wie alle sie nannten. «Alle erwarten, dass ihr zwei heiratet.»

«Ja, ich habs gehört, Ljuba. Aber was für eine Romanze? Wir kennen uns kaum, sagen höchstens ‘Guten Tag’. Er scheint ein netter Mensch zu sein, aber er ist mir zu städtisch. Trägt schicke Kleidung, diese dünne Brille… und seine Hände sehen aus, als hätten sie noch nie richtig gearbeitet.» Marina blätterte in ihren Papieren. «Als ich in der Stadt meine Ausbildung machte, habe ich genug von solchen Männern gesehen.»

«Aber er ist doch kein Junge mehr», wandte Ljuba ein.

«Ach, Ljuba, kennst du das Sprichwort nicht? ‘Mit fünfundvierzig ist die Frau noch mal ein Mädchen.’ Bei Männern ist es genauso. Und er ist sechsundvierzig die denken ihr Leben lang nur an eines.»

Ljuba schwieg eine Weile, dann nickte sie. «Stimmt schon. Wenn ein Mann in dem Alter allein ist, will er wohl niemanden.»

«Genau», sagte Marina. «Die alten Weiber können reden, aber ich brauche kein Abenteuer. Wenn überhaupt, dann eine Familie. Die Gerüchte werden schon verstummen.»

Mit der Zeit ebbten die Gespräche tatsächlich ab. Grigori Iljitsch und Marina wurden respektiert, und die Dorfbewohner gewöhnten sich an die beiden Intellektuellen. Manchmal sah man sie im Laden, wo sie höflich grüßten und weitergingen.

Der Winter kam, das neue Jahr begann, und die Kinder kehrten aus den Ferien zurück. Inzwischen waren alle Spekulationen über den Lehrer verstummt er gehörte jetzt zum Dorf.

Doch dann gab es neuen Gesprächsstoff: Die Tochter des Gemeindevorstehers kehrte unverheiratet und schwanger aus der Stadt zurück, ohne ihr Studium abgeschlossen zu haben. Jetzt hatten die Klatschbasen wieder etwas zu besprechen nicht mehr auf den Bänken, denn es war kalt, sondern im Laden oder bei zufälligen Begegnungen.

Das Dorfleben verlief mal ruhig, mal voller Tratsch. Der Januar war verschneit und stürmisch, die Wege oft zugeweht. Doch dann gab es wieder Aufregung: Ende Januar wurde Marina zu Archipowna gerufen. Die alte Frau lebte mit ihrer Tochter und dem Enkel Steffen am anderen Ende des Dorfes. Marina kämpfte sich durch den Schnee, müde von dem langen Weg.

Als sie das Haus betrat, sah sie überrascht Grigori Iljitsch, der sie erwartete.

«Guten Tag. Was machen Sie hier?», fragte Marina und ging ins Krankenzimmer.

«Guten Tag», antwortete der Lehrer. «Ich habe Steffen von der Schule nach Hause gebracht. Er hat Fieber. Seine Mutter ist auf Arbeit.»

«Ja, Tante Marina, Grigori Iljitsch hat mich gebracht. Mein Hals tut weh, und Mama ist nicht da. Und Oma…», sagte Steffen.

«Marina, ich bin zwar kein Arzt, aber bei Archipowna ist es ernst. Ich habe schon den Notarzt gerufen. Ihr Gesicht ist schief, und sie spricht undeutlich…»

Marina verstand sofort: Archipowna brauchte dringend Hilfe. Doch wie sollte der Krankenwagen durch den Schnee kommen?

«Sie haben recht», sagte sie zu Grigori Iljitsch. «Aber das Auto schafft es nicht bis hierher nur bis zur Gesundheitsstation.»

«Dann müssen wir eine Lösung finden. Schauen Sie erstmal nach Steffen. Archipowna können wir nicht einfach tragen.»

«Nein, sie darf nicht geschüttelt werden. Steffen, bleib hier ich schreibe deiner Mutter auf, welche Medikamente du brauchst.»

Grigori Iljitsch ging hinaus und entdeckte eine Holzleiter im Hof.

«Steffen, hast du Gürtel? Such mal welche!» Der Junge holte drei Gürtel, einen davon aus Stoff.

«Das reicht», sagte Grigori Iljitsch. «Wir nehmen sie mit.»

«Was haben Sie vor?», fragte Marina.

«Wir wickeln Archipowna in eine Decke, legen sie auf die Leiter, befestigen sie mit den Gürteln und ziehen sie durch den Schnee zur Station.»

«Großartige Idee!», rief Marina.

Grigori Iljitsch zog die Leiter, Marina ging daneben und passte auf die alte Frau auf. Unterwegs sprachen sie.

«Warum haben Sie keine Frau?», fragte Marina plötzlich. Sie hatte gemerkt, dass er ein Macher war ihr wäre diese Lösung nie eingefallen.

«Meine Frau hat mich vor sieben Jahren verlassen. Für einen Geschäftsmann. Der hat Geld was hat ein Lehrer schon zu bieten? Ich bin freiwillig hierhergekommen, statt eines jüngeren Kollegen, dessen Frau schwanger war. Das tat mir leid, also habe ich mich gemeldet. Und ich bereue es nicht mir gefällt es hier.»

«Ich verstehe», sagte Marina.

Nachdem Archipowna im Krankenwagen war, unterhielten sich die beiden noch eine Weile. Dann ging Grigori Iljitsch, und Marina dachte nach.

«Er ist ein echter Mann. Bleibt in einer Krise ruhig, hilft, wo er kann, und gibt nicht auf, wenn es um Leben und Tod geht. Er handelt, statt nur zu reden. Kein verzärtelter Städter, sondern jemand, der anpacken kann.»

Noch am selben Abend sahen die Dorfbewohner, wie Grigori Iljitsch Marina nach Hause brachte obwohl sein eigenes Haus in die andere Richtung lag. Am nächsten Tag wieder, und am übernächsten. Sie gingen nebeneinander und lachten.

«Marina, wann heiratet ihr zwei?», fragten die Leute in der Gesundheitsstation.

Marina lachte und verkündete bald: «Im Sommer. Dann hat Grischa Ferien, und ich weniger Arbeit.»

Am Ende hatten die Gerüchte doch recht behalten. Wie es im Volksmund heißt: «Die Erde ist voller Geschichten. Und manchmal braucht es einen Schneesturm, um zwei Menschen zusammenzubringen, die längst füreinander bestimmt waren.

Оцените статью