Du bist unser ideales Vorbild!

Hey, ich muss dir das noch mal von ganzem Herzen erzählen, weil das einfach zu verrückt ist.

Du bist bei uns die Perfekte, sagt Lieselotte plötzlich. Willst du wissen, warum? Weil ich es nicht mehr ertragen kann, immer die Zweite zu sein! Immer und überall! In der Schule warst du die Klassenbeste, alle Lehrer haben dich gelobt. An der Uni hast du mit Auszeichnung graduiert, und ich habe mich gerade noch durch die Wiederholungsprüfungen gekämpft. Auf der Arbeit kriegst du Beförderungen und Bonuszahlungen, während ich auf derselben Stufe feststecke! Ich will auch ein hohes Gehalt und den Respekt der Chefs! Verstehst du das? Ich will auch die Erste sein!

***

Mensch, schon wieder hat mich die Chefin vor den Kopf gedrückt, brummt Lieselotte, schließt ihren Laptop und lehnt sich lautstark zurück in den Bürostuhl.

Jutta schaut von ihrem Bildschirm auf und lächelt spöttisch.

Du hast doch im Bericht einen Fehler gemacht. Sollte das nicht eine kleine Belohnung für dich sein?

Lieselotte presst die Lippen zusammen, wendet ihr Gesicht zum Fenster. Ihre Wangen röten sich vor Ärger. Jutta ignoriert den missmutigen Blick ihrer Schwester und beginnt, ihre Sachen zu packen. Der Arbeitstag ist endlich vorbei. Die Unterlagen liegen ordentlich im Ordner, die Kaffeetasse findet ihren Platz im Spülbecken.

Lieselotte bleibt demonstrativ still, während sie den Flur zum Ausgang entlanggehen. Erst als die Türen des Bürokomplexes hinter ihnen zuschlagen, spricht die jüngere Schwester wieder:

Du hast es leicht, zu lachen. Du bist ja bei uns die Perfekte.

Jutta seufzt. Diese Gespräche wiederholen sich in letzter Zeit zu oft. Früher hat Lieselotte die Kritik der Chefs mit einem Lächeln abgetan, einen Witz gemacht und weitergemacht. Jetzt schimmert in jedem ihrer Worte ein bittere Note.

Ich mache einfach nur meine Arbeit gut, Lieselotte. Du kannst das auch.
Klar, natürlich.

Die beiden arbeiten seit drei Jahren im großen Handelsunternehmen in Berlin, in der Beschaffungsabteilung. Jutta kam zuerst dort hinein, sechs Monate später half sie Lieselotte, ebenfalls einzusteigen. Die Schwestern standen sich immer nah, unterstützten sich bei allem. Nur ihre Arbeitsweisen unterscheiden sich radikal.

Jutta bleibt oft bis spät, recherchiert Lieferanten, vergleicht Konditionen von Dutzenden Firmen, bevor sie eine Entscheidung trifft. Lieselotte hingegen bevorzugt einen lockeren Rhythmus das Minimum rechtzeitig erledigen und dann am Handy rumhängen oder in der Küche mit den Kolleginnen plaudern. Jutta hat Lieselotte nie dafür verurteilt, das Leben anders zu sehen. Jeder hat sein Tempo.

Vor einem Monat geschah etwas, das die ganze Familie jubeln lassen sollte. Die Geschäftsleitung rief Jutta in das Büro und bot ihr die Beförderung zur Senior Managerin im Einkauf mit einer satten Gehaltserhöhung an. Jutta war überrascht, nahm sofort an. Jahre harter Arbeit hatten sich endlich ausgezahlt.

Lieselotte umarmte sie damals und gratulierte. Doch Jutta bemerkte, wie schnell das Lächeln ihrer Schwester verblasste, wie gezwungen die Worte klangen. Am Abend gingen sie in ein Café, um den Erfolg zu feiern, doch die Stimmung war komisch. Lieselotte drehte das Gespräch ständig auf Gehälter, fragte, wie viel mehr Jutta jetzt verdiene und wie viele Überstunden sie machen muss.

Du hast einfach Glück, dass die Chefs dich bemerkt haben, sonst hättest du weiter…, warf Lieselotte zwischen Tür und Angel.
Glück?, wiederholte Jutta verwirrt. Ich habe zwei Monate am Stück an einem Projekt ohne freien Tag gearbeitet.
Na klar, natürlich.

Ein halbes Jahr später wurde Jutta zur Leiterin der gesamten Abteilung ernannt. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Büro. Kollegen klopften ihr die Hand, wünschten ihr Erfolg. Lieselotte kam zuletzt, umarmte sie und flüsterte: Herzlichen Glückwunsch. Jetzt bist du bei uns die Coole.

In diesen Worten fehlte jede Wärme. Jutta sah ihr in die Augen, dort lag etwas Kaltes und Fremdes, fast wie eine Schlange, die darauf lauert.

In den nächsten Wochen änderte sich Juttas Büroalltag leise, aber stetig. Zuerst schenkte sie den Kleinigkeiten keine Beachtung mehr. Tatjana lud sie nicht mehr zu gemeinsamen Mittagessen ein. Olaf aus der Nachbarabteilung brachte ihr keinen morgendlichen Kaffee mehr. Die Kollegen grüßten trocken, ohne Lächeln, und wandten sich sofort ab. Hinter Juttas Rücken flüsterten und kicherten manche. Sobald man sich umdrehte, taten alle so, als wären sie beschäftigt.

Jutta war verwirrt. Was war passiert? Sie war immer offen, half Menschen, teilte ihr Wissen. Hatte die Beförderung das Verhältnis zu den Kolleginnen wirklich so stark verändert? Sie war doch immer fair, schrie nicht herum, verlangte nichts Unmögliches und stellte niemandem Hindernisse in den Weg.

Eines Abends, als Jutta gerade gehen wollte, klopfte Marina an ihre Bürotür. Sie zitterte leicht.

Komm rein, sagte Jutta. Ist etwas passiert?

Marina schloss die Tür, setzte sich ihr gegenüber und wirkte verlegen.

Ich muss dir etwas sagen. Es ist mir wirklich peinlich, aber du hast ein Recht auf die Wahrheit.

Jutta legte den Stift beiseite, sah Marina aufmerksam an. Sie räusperte sich und fuhr fort:

Lieselotte verbreitet Gerüchte über dich, redet ständig Lügen. Schon seit ein paar Monaten sagt sie allen, dass die Ideen in deinen Projekten eigentlich ihre seien, dass du ihre Arbeit klaust, dass du die Beförderung nur dank Beziehungen und Einschmeichelei bekommen hast. Sie wirft dir vor, du würdest deine Kolleginnen von oben herab behandeln und sie für dumm halten.

Lieselotte? Ihre kleine Schwester, die sie ins Unternehmen gebracht hatte? Die, deren Arbeit sie heimlich korrigiert hatte? Lieselotte stellte das gesamte Büro gegen sie?

Bist du dir sicher? Verwechselst du etwas?, fragte Jutta.
Absolut. Ich wollte es nicht glauben, dachte, es ist ein Missverständnis. Aber sie sagt das ständig, überall. Die Leute fangen an zu glauben. Du weißt ja, wie schnell Gerüchte sich verbreiten, und je absurder sie sind, desto eher glaubt man ihnen

Jutta verließ das Büro, fuhr nach Hause. Auf dem Weg dorthin wirbelten Lieselottes Stimmen in ihrem Kopf. Warum? Warum? Sie hatten doch immer zusammengehalten. Jutta hatte die Schwester beschützt, unterstützt. Und nun das alles?

Lieselotte öffnete die Tür. Ein kurzer Schock ging über ihr Gesicht.

Jutta? Was ist los?

Jutta trat ohne zu warten hinein, sah Lieselotte fest an.

Warum? Warum stellst du das ganze Büro gegen mich? Warum erzählst du Lügen, dass ich deine Ideen klau? Warum verbreitest du Gerüchte?

Lieselotte zuckte zusammen, verschränkte die Arme, ihr Gesicht färbte sich rot.

Und was? Hat dich etwa Maren gesagt?
Egal, wer es gesagt hat! Antwort mir!
Schrei mich nicht an in meinem Haus! Das ist unverschämt!
Ich schreie nicht, Lieselotte. Ich fordere Erklärungen. Wie konntest du das tun? Wir sind doch Schwestern!

Jutta trat einen Schritt nach vorn. In Lieselottes Augen flackerte etwas, das Jutta vorher nie gesehen hatte Wut? Groll? Oder einfach nur Verzweiflung.

Willst du wissen, warum? Weil ich es satt habe, immer die Zweite zu sein! Immer und überall! In der Schule warst du die Klassenbeste, alle Lehrer haben dich bewundert. An der Uni hast du mit Auszeichnung abgeschlossen, und ich habe mich gerade noch durch Wiederholungen gekämpft. Auf der Arbeit bekommst du Beförderungen und Boni, während ich hier feststecke! Ich will auch ein hohes Gehalt und den Respekt der Chefs! Verstehst du das? Ich will auch die Erste sein!

Jutta schwieg. Lieselotte fuhr unbeirrt fort:

Du warst immer vorn, immer perfekt. Jutta klug, schön, fleißig. Und ich? Nur ein Schatten, die unbeholfene kleine Schwester, die immer alles vermasselt!

Dann hättest du arbeiten müssen, sagte Jutta. Hart arbeiten, nicht nur Videos schauen und mit den Kolleginnen plaudern. Wenn du Respekt willst, verdiene ihn. Aber vergrabe mich nicht dafür.

Lieselotte wollte etwas sagen, Jutta schnitt ihr das Wort ab, drehte sich um und verließ die Wohnung. Die Tür schlug leise zu, Tränen liefen über Juttas Wangen, aber sie wischte sie schnell weg. Sie musste stark bleiben.

Am nächsten Morgen reichte Jutta ihren Antrag auf Versetzung in die Filiale des Unternehmens im Münchner Stadtteil Schwabing ein. Die Personalchefin war überrascht, unterschrieb aber ohne viele Fragen. Jutta war eine wertvolle Fachkraft, die man nicht verlieren wollte. Die Versetzung wurde innerhalb von zwei Tagen genehmigt.

Lieselotte hörte davon von den Kollegen, rief am Abend an. Jutta sah den Namen auf dem Display, bevor sie abnahm.

Du wechselst den Standort?, sagte Lieselotte ohne Begrüßung.
Ja.
Also läufst du weg.
Nein. Ich gehe dorthin, wo hinter meinem Rücken keine Intrigen gesponnen werden.
Du verrätst mich! Verräterin! Schwester!

Jutta sagte nichts, legte einfach auf. Es gab nichts mehr zu sagen.

Drei Monate im Münchner Büro vergingen wie im Flug. Die Arbeit lief gut, das Team nahm sie herzlich auf, die Projekte liefen reibungslos. Jutta vergaß fast das ganze Drama. Doch eines Abends klingelte Marina.

Jutta, hast du gehört? Lieselotte wurde gefeuert.

Jutta erstarrte.

Was?
Letzte Woche. Sie hat drei Vertragsfristen verpasst, Fehler in den Berichten gemacht. Das Management hatte genug und hat sie entlassen. Ohne dich ist alles schiefgelaufen. Das war das Ergebnis
Aber ich
Jutta, du hast ihre Fehler jahrelang verdeckt, aber als du gegangen bist, kam alles ans Licht. Sie konnte das nicht mehr allein stemmen.

Jutta legte auf und saß lange still da.

Am nächsten Tag stand Lieselotte vor Juttas Tür, zerzaust wie ein verwirrter Spatz, mit roten Augen, in zerknitterter Kleidung. Sie stürmte hinein und schrie:

Bist du zufrieden?! Sie haben mich gefeuert! Hast du dich extra hingeschlichen, um mich zu ruinieren? Hast du das absichtlich getan?

Jutta sah sie ruhig an.

Woran liegt es, Lieselotte? Du hattest die Chance, dich zu beweisen. Ich habe dir nichts in den Weg gelegt. Was hast du getan? Alles ruiniert.
Du bist schuld! Du!
Nein, du bist schuld an dem, was passiert ist. Und jetzt vergiss den Weg zu meiner Wohnung.

Jutta öffnete die Tür weit. Lieselotte stand erstarrt da, konnte nicht fassen, dass ihre Schwester sie wirklich rauswarf. Jutta sah kalt und bestimmt. Lieselotte drehte sich um und verließ das Treppenhaus, die Tür schlug mit einem lauten Knall zu.

Kurz darauf rief die Mutter an, laut schreiend:

Was machst du da? Du bist schuld, dass Lieselotte gefeuert wurde! Du hast sie im Stich gelassen! Selbstsüchtig! Du hättest ihr helfen sollen, nicht in ein anderes Büro zu rennen! Du hast das Leben deiner eigenen Schwester zerstört! Du bist die Schuldige!

Jutta versuchte zu erklären, erzählte von den Gerüchten, vom Verrat, davon, dass Lieselotte selbst die Situation verursacht hatte. Doch die Mutter hörte nicht zu, schrie weiter, verlangte sofortige Wiedergutmachung.

Du hast die Familie verraten, Jutta. Merk dir das. Das ist Sünde.

Das Telefon piepte nur noch.

Jutta war plötzlich allein. Die Familie hatte sich abgewendet, sobald sie sich selbst verteidigt hatte, sobald sie aufgehört hatte, sich für die Schwester zu opfern.

Sie wird das schon schaffen. Jutta war immer stark, und jetzt braucht sie diese Stärke mehr denn je.

Ein paar Tage später kam die offizielle EMail vom Vorstand: Versetzung in die Hauptstadt, Berlin, neue Position, neue Stadt, neues Leben. Während sie früher überlegt hatte, ob sie das Angebot annehmen soll, schrieb sie jetzt voller Zuversicht die Antwort.

Als alle sich von ihr abgewandt hatten, hält sie in Berlin nichts mehr zurück. Zeit, nur an sich zu denken.

Die nächsten Wochen waren ein Wirbel aus Umzug und Neuorientierung. In Berlin fand Jutta schnell ihren Rhythmus, blickte nicht zurück, passte sich nicht an. Das Verhältnis zur Familie blieb trocken, nur noch formelle Glückwünsche zu Feiertagen. Aber Jutta war jetzt frei von Schuldgefühlen. Sie wurde nicht mehr so leicht geliebt, aber das war in Ordnung. Sie hatte endlich ihren eigenen Weg gefunden.

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