Die Familie Weber lebte in einer Plattenbauwohnung am Stadtrand von Leipzig. Der Familienvater, Klaus, arbeitete nach seiner Entlassung aus der Fabrik als Fernfahrer und war monatelang unterwegs. Die Mutter, Birgit, schuftete in zwei Jobs: tagsüber als Kassiererin, abends putzte sie Büros.
Ihre ältere Tochter, die 22-jährige Anika, war der Stolz der Familie. Schon früh ernst und verantwortungsbewusst, hatte sie nach der Schule eine Ausbildung zur Buchhalterin gemacht, um schnell Geld zu verdienen und den Eltern zu helfen. Das ganze Familienleben drehte sich um ein Ziel: dem jüngeren Kevin ein Studium zu ermöglichen, der in der Grundschule ein Mathe-Ass gewesen war. Er war das Familienprojekt, ihre einzige Hoffnung auf sozialen Aufstieg.
Nach der Arbeit schrieb Anika heimlich Geschichten. Zarte, melancholische, manchmal hoffnungsvolle Erzählungen über Menschen, die träumen, lieben und ihren Platz in der Welt suchen. Es war ihre Flucht vor dem tristen Alltag.
Eines Tages überredete ihre beste Freundin ihre einzige treue Leserin sie, eine Geschichte bei einem Literaturwettbewerb einzureichen. Zu Anikas Überraschung gewann sie den ersten Preis: 500 Euro und ein Praktikum bei der Leipziger Zeitung.
Bei einem Abendbrot mit Spaghetti beschloss sie, es den Eltern zu erzählen, während Kevin in seinem Zimmer Hausaufgaben machte.
Mama, Papa, begann sie und schob ihren Teller zur Seite. Ich habe eine Einladung bekommen. Von der Leipziger Zeitung. Ein Monat Praktikum. Das ist meine Chance.
Was für ne Zeitung? Klaus rieb sich müde das Gesicht. Du hast doch einen sicheren Job bei Herrn Meier.
Papa, das ist was anderes. Ich… hab Geschichten geschrieben. Und die haben mich entdeckt.
Birgit ließ das Geschirr stehen, trocknete sich die Hände an der Schürze.
Geschichten? Wann hattest du denn dafür Zeit? Du musst schlafen, du arbeitest! Und Kevin braucht Hilfe in Mathe!
Ich weiß. Aber das ist meine Chance! Anikas Stimme zitterte. Ich könnte machen, was ich liebe! Nur ein Versuch!
Liebe? Klaus stand auf, sein Schatten fiel über sie. Und wer ernährt die Familie, Träumerin? Glaubst du, ich fahr durch ganz Europa, weil ich Kunst liebe? Deine Mutter schuftet in zwei Jobs aus Liebe? Nein! Aus Pflicht! Und du denkst nur an dich! Bis Kevin studiert, will ich von dem Quatsch nichts hören!
Das ist kein Quatsch! Anika sprang auf. Warum darf Kevin von der Uni träumen, aber ich nicht von der Zeitung?
Weil Kevin ein Junge ist! Er wird die Familie ernähren! brüllte der Vater. Dein Job ist es, einen Mann zu finden und uns nicht zu blamieren! Stattdessen schreibst du Märchen!
Die Worte trafen Anika wie ein Schlag. Sie trat zurück, sah ihre müden, verbitterten Eltern an. Sie sahen in ihr keine eigene Person. Nur eine Helferin für sie, für Kevin.
Gut., flüsterte sie.
Am nächsten Morgen ließ sie fast das gesamte Preisgeld mit einem Zettel auf dem Küchentisch liegen: Für Kevins Nachhilfe. Dann ging sie. Mit einem Rucksack, Laptop, Wechselwäsche und ausgedruckten Geschichten.
Das Praktikum war unbezahlt so suchte die Redaktion neue Autoren. Artikel zu schreiben war weniger romantisch als gedacht, eher Fließbandarbeit. Aber Anika gefiel es: die Leute, die Atmosphäre, das Eintauchen in neue Welten.
Leipzig war teuer. Sie wohnte in einem Hostel, jobbte nachts als Kellnerin. Tagsüber Redaktion, nachts Arbeit. Sie schlief wenig, aß meist nur Butterbrote mit Tee.
Eines Nachts rief Birgit an, ihre Stimme rau:
Anika… Papa ist im Krankenhaus. Herz. Bei der Arbeit… Er hat sich so gesorgt wegen dir. Gehts dir wenigstens gut? Isst du genug?
Anika sah ihr trockenes Brot an. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Vor Mitleid mit sich selbst. Vor Schuld.
Mir gehts gut, Mama., log sie. Wie gehts Kevin?
Vermisst dich. Seine Noten sind schlechter. Ich kann ihm nicht helfen…
Wird schon, Mama. Er gewöhnt sich dran. Grüß ihn. Und Papa… sag ihm, ich komme bald.
Aber sie fuhr nicht. Sie schickte die Hälfte ihres kargen Lohns nach Hause, behielt nur genug, um nicht zu verhungern. Es war hart, aber sie hatte Freiheit. In ihrem Kopf wuchsen Geschichten, die sie nachts niederschrieb. Ein Magazin druckte eine davon. Kaum Honorar, doch als sie ihr Namen im Inhaltsverzeichnis sah, weinte sie vor Glück am Kiosk.
Ein halbes Jahr später bekam sie eine Festanstellung. Sie mietete ein Zimmer in einer schäbigen WG mit undichter Decke und fühlte sich reich.
Eines Tages stand Kevin vor der Tür. Größer, düsterer.
Schwester, sagte er, ohne einzutreten. Ich studiere nicht.
Anika erstarrte.
Was? Aber du…
Ich mach eine Kochlehre. Mama und Papa sind am Boden. Ihre Hoffnung ist futsch. Sein Blick war bitter. Weißt du, warum? Weil ich Mathe hasse! Ich wollte immer kochen! Aber bevor du abgehauen bist, hatte ich nie den Mut, es ihnen zu sagen.
Er ging. In diesem Moment verstand Anika: Ihre Flucht hatte nicht nur sie selbst befreit. Sie hatte Kevin den Mut gegeben, gegen den Familienplan zu rebellieren.
***
Ein Jahr später bekam sie einen Brief vom Vater. Kritzellig auf kariertem Papier:
Tochter. Mama sagt, du schreibst in der Zeitung. War im Fernfahrer-Café, sah deinen Namen in einer Zeitschrift. Habs den Kollegen gezeigt. Sagte: Das ist meine. Haben nicht geglaubt. Bleib gesund. Ich vermiss dich. Papa.
Anika las die paar Worte immer wieder. Es war keine Entschuldigung. Aber eine Anerkennung. Dass es sie gab. Dass ihre Stimme gehört wurde.
Sie trat auf den klapprigen WG-Balkon. Es regnete. Die Decke tropfte, die Nachbarn stritten, doch sie blickte auf die nassen Dächer ihrer neuen Stadt und spürte: Dieses Leben, mit all seiner Armut, Müdigkeit und Schuld war ihres. Sie war keine Stütze mehr. Keine Funktion. Sie war Anika. Autorin. Und das war mehr wert als alles andere.







