Entschuldige mich, Heike, für die harten Worte, sagte die nicht eingetretene Schwiegermutter hastig. Ich meinte es nicht böse. Wie wäre es, wenn du irgendwann mal vorbeischauen würdest? Markus ist immer noch allein, seit er sich von dir getrennt hat. Er hat sein Glück nur noch in Computerspielen gefunden\n\n—\n\nHeike und Markus waren fast zwei Jahre zusammen. Für Heike schienen die Beziehungen ernst zu sein: Sie war häufig im Haus der Familie Markus zu Gast, wo man sie höflich, wenn auch nicht besonders herzlich, empfangen hat. Sie glaubte, dass ihnen eine feste Zukunft bevorstand. Markus, zwar etwas leichtlebig, besaß Charme und zeigte Zielstrebigkeit.\n\nDas Idylle zerbrach, als Markus die wichtige Englischprüfung nicht bestand. Das war die Folge seiner Nachlässigkeit: Während des Lockdowns verbrachte er seine Zeit mit Computerspielen und vernachlässigte das Lernen. Die Gefahr einer Exmatrikulation drohte.\n\nIm Angesicht der Krise ließ Heike nicht mehr locker und sagte zu Markus’ Mutter scharf:\n\nIch will keinen Mann, der nichts erreicht. Ich brauche einen eigenständigen Partner. Und ich habe nicht vor, die Haushälterin zu sein wir sollten gemeinsam wohnen und gemeinsam das Geld verdienen!\n\nDie Worte hingen schwer in der Luft und warfen sofort einen Schatten auf ihre gemeinsame Zukunft.\n\nMarkus’ Mutter nahm das als persönliche Beleidigung. Ihr ganzes Leben hatte sie ihren Mann und Sohn versorgt und gepflegt, im Glauben, dass ihre Rolle das Sorgen war, nicht das Fordern von Ergebnissen. Jetzt erwartete sie, dass Heike sich ebenso verhalten würde.\n\nAch ja, denn das ist ja das Wahre! Eine Frau soll doch zuerst das Feuer im Herd bewahren! Der Mann ist das Oberhaupt der Familie!\n\nHeike schwieg, um den Streit nicht weiter anzuheizen. Danach öffnete man ihr kaum noch die Tür. Der Kontakt zu Markus beschränkte sich auf geheime Nachrichten, seltene Anrufe und kurze Treffen an neutralen Orten. Er litt unter der Unmöglichkeit, sie zu sehen, doch anstatt Ehrlichkeit setzte er auf Manipulation.\n\nHeike, wir müssen mit deiner Mutter reden, bestand Markus am Telefon. Du musst ihr erklären, dass du das nicht so siehst. Ich habe die Nase voll, mich zu verstecken! Versöhne dich mit deinen Eltern, ja?\n\nWarum soll ich deiner Mutter etwas beweisen? Sie hat mich nicht erzogen. Das sind deine Probleme, nicht meine. Warum soll ich mich beugen?\n\nWeil du mich liebst und ich dich. Das ist der einzige Weg, alles zu korrigieren. Wenn du das nicht tust, verlieren wir einander für immer\n\nMit schwerem Herzen stimmte Heike zu aus Liebe war sie bereit, einen demütigenden Schritt zu gehen: die fremde Mutter zu überzeugen.\n\nDoch alles entwickelte sich anders als gedacht.\n\nAls Heike ankam, ließ Markus sie ins Flur treten. In diesem Moment kam ihr Vater die Treppe hinunter:\n\nMarkus, was macht dieses Mädchen hier? fragte er scharf.\n\nMarkus geriet in Verlegenheit. Heike spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Die Frage klang, als stünde nicht die geliebte Freundin des Sohnes, sondern eine zufällige Bekannte vor ihm.\n\nVater, Heike, wir wollten, begann Markus, doch sein Vater unterbrach ihn:\n\nIch sehe, wer das ist. Raus hier!\n\nAus dem Wohnzimmer trat die Mutter:\n\nWer macht da Lärm? Markus, wer ist das bei dir?\n\nDer Vater, ohne Heike Beachtung zu schenken, warf:\n\nSie, die dir das Leben beigebracht hat.\n\nHeike begriff: Sie war hier nicht willkommen. Wut und Demütigung trieben sie zu einer instinktiven Reaktion.\n\nIch gehe, und du bleibst hier! Du armseliger, nutzloser Sohn einer Mutter! zischte sie und stürmte hinaus, schlug die Tür laut zu. Markus war zu geschockt, um ihr noch nachzuhalten.\n\nKaum hatte sie den Flur verlassen, klingelte ihr Telefon. In der Stimme von Markus war kein Bedauern, nur Wut:\n\nWarum hast du das gesagt?! Du hast alles ruiniert!\»\n\nWas habe ich ruiniert? Dein Vater hat mich gerade zur Prostituierten degradiert!\n\nWas soll’s, wen und wohin er mich gestellt hat! Du hast einen Skandal ausgelöst! Jetzt ist Mama wütend und Papa verlangt, dass ich dich nicht mehr sehe!\»\n\nDann fügte er das Letzte hinzu, das Heike endgültig zermürbte:\n\nUnd das Schlimmste: Jetzt darf ich nicht mehr am PC sitzen.\n\nHeike spürte, wie Schmerz und Groll zu kalter Entschlossenheit wurden.\n\nDu gibst mir die Schuld, weil du nicht mehr zocken kannst? Deine Familienprobleme sind deine eigenen. Du hättest dich selbst darum kümmern müssen, nicht mich einbeziehen.\n\nAlles war klar: Er hatte sich nicht geändert. Er blieb ein unreifer junger Mann, der immer einen Schuldigen suchte. Er hatte sie nicht beschützt.\n\nIch halte das nicht mehr aus, Markus. Wir reden nicht mehr, das ist das Ende!, sagte Heike fest.\n\nSie blockierte ihn überall. Der Bruch war hart, aber nötig. Seine Familienprobleme waren sein Kreuz, nicht ihres.\n\n—\n\nEin Jahr später hatte Heike sich von der Trennung erholt und ein neues Leben begonnen. Sie lernte einen neuen Freund kennen; sie waren seit drei Monaten zusammen und dachten sogar an die Hochzeit.\n\nEines Tages traf sie zufällig in einem Supermarkt Frau Schneider, die ehemalige Schwiegermutter von Markus.\n\nHeike, mein Mädel, hallo!, rief sie, voller Begeisterung.\n\nHeike zuckte zusammen:\n\nGuten Tag\»\n\nFrau Schneider umarmte sie und ließ die Fragen sprudeln:\n\nWie lange ist es her, dass wir uns nicht gesehen haben! Wie geht es dir? Wie läuft dein Leben? Es tut mir leid, dass du und Markus euch getrennt habt. Er ist völlig verrückt nach seinen Spielen! Er will nicht arbeiten, sitzt nur am Rechner. Als ihr noch zusammen wart, war er viel verantwortungsbewusster Komm doch mal zu uns, wir würden uns freuen!\»\n\nEntschuldigung, Frau Schneider, ich habe keine Zeit. Arbeit, Haus\»\n\nDann bemerkte sie einen Ring an Heikes Finger:\n\nUnd das? Bist du schon verheiratet?\»\n\nNein, wir haben nur verlobt. Die Hochzeit planen wir für den Sommer.\n\nDie Freundlichkeit der ehemaligen Schwiegermutter verwandelte sich sofort in Kälte:\n\nAch so! Jetzt ist alles klar! Gut, dass Markus dich verlassen hat! Du bist hier nicht mehr erwünscht!\»\n\nHeike zuckte mit den Schultern und wandte sich dem Regal zu. In manchen Punkten hatte Frau Schneider recht: Es war gut, dass sie ihn rechtzeitig losgelassen hatte. Schade nur, dass sie so viel Zeit in ihn investiert hatte.
Diese hätten wir nicht gebraucht!







