Nachdem sie ihre Tochter genauer betrachtet hatte, sah Katharina rote Striemen von einem Gürtel. Etwas in ihr riss entzwei. Sie schob die Kinder sanft beiseite und richtete sich auf.
Katharina schleppte sich widerwillig von der Arbeit nach Hause. Der Herbstwind zupfte am Saum ihres Mantels, und die bleiernen Wolken lasteten auf ihren Schultern. Doch nicht das Wetter drückte auf die junge Frau. Ein unerwarteter Gast hatte sich heute in ihrem Zuhause eingefunden.
Am Nachmittag, mitten in einem wichtigen Kundengespräch, hatte Tobias sie angerufen:
Katharina, reg dich nicht auf, aber ich habe Mama vom Bahnhof abgeholt. Sie hat die Enkel vermisst. Sie bleibt ein paar Tage.
Diese Worte jagten Katharina einen Schauer über den Rücken. Ihre Schwiegermutter, Helga Schmidt, war ein wahrer Dorn im Auge. In zehn Jahren Ehe hatte Katharina nie einen gemeinsamen Nenner mit ihr gefunden.
Tobias, wir hatten uns geeinigt, sagte sie und hielt ihre Verärgerung im Zaum. Du solltest mich vorwarnen.
Tut mir leid, Schatz. Sie hat völlig unerwartet angerufen und gesagt, sie müsse sich im Klinikum untersuchen lassen. Und uns dabei besuchen. Ich konnte doch nicht Nein sagen.
Katharina seufzte tief. Natürlich konnte er das nicht. Tobias war immer zu nachgiebig mit seiner Mutter, trotz all ihrer Marotten.
Gut, ich bleibe länger im Büro. Das Projekt muss bis morgen fertig sein.
Keine Sorge, Mama passt auf die Kinder auf. Sie hat Geschenke mitgebracht, und ich muss dringend zum Kunden da gibts ein Softwareproblem.
Also verschob Katharina ihre Heimfahrt so lange wie möglich. Vor ihr lag die unerträgliche Aussicht, den Abend mit der Frau zu verbringen, die sie und den kleinen Jonas einst in den Regen gestellt hatte, nachdem sie ihr jede nur erdenkliche Sünde vorgeworfen hatte.
Ihr Handy vibrierte in der Manteltasche. Eine Nachricht von Tobias:
Noch beim Kunden. Komme später. Wie läufts?
Katharina seufzte und tippte zurück:
Fast zu Hause. Ich schaff das schon.
Erinnerungen an die ersten Ehejahre schossen ihr durch den Kopf. Damals hatten sie im Haus ihrer Schwiegermutter gelebt groß, aber so kalt wie das Herz seiner Besitzerin.
Vor sechs Jahren.
Die junge Katharina stand am Herd und rührte Suppe. Irgendwo oben weinte der kleine Jonas, gerade mal fünf Monate alt. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und wollte zu ihrem Sohn, als Helga Schmidt in die Küche trat.
Hörst du nicht, wie das Kind schreit?, fauchte die Schwiegermutter.
Ich war gerade auf dem Weg zu ihm, antwortete Katharina ruhig.
Du bist immer gerade auf dem Weg, schnaubte Helga. Und erledigt wird trotzdem nichts. Mein Tobias hat in dem Alter wie ein Engel geschlafen. Das müssen wohl deine Gene sein.
Katharina biss sich auf die Lippe. Solche Bemerkungen hörte sie fast täglich.
Helga beugte sich über den Topf.
Und was soll das für eine Brühe sein? Tobias isst so etwas nicht.
Das ist seine Lieblingssuppe, widersprach Katharina. Er hat sie sich gewünscht.
Unsinn. Ich bin seine Mutter. Ich weiß besser, was er mag!
Helga griff nach dem Topf und schüttete den Inhalt in den Abfluss. Katharinas Augen füllten sich mit Tränen.
Warum hast du das getan? Ich habe zwei Stunden daran gearbeitet!
Dramatisier nicht. Geh zum Baby, ich mache meinem Sohn schon selbst ein anständiges Essen.
Als Tobias an jenem Abend nach Hause kam, empfing ihn seine Mutter im Flur:
Sohn, stell dir vor deine Frau hat den ganzen Tag nichts getan! Das Baby hat geschrien, und sie ist nicht mal zu ihm gegangen. Gut, dass ich da war.
Tobias sah seine Mutter müde an.
Mama, ich bin sicher, Katharina kümmert sich um Jonas.
Natürlich verteidigst du sie!, warf Helga die Hände hoch. Sie hat dich um den Finger gewickelt, und das findest du auch noch gut. Und ich bin dir jetzt nichts mehr wert!
Mit einem theatralischen Schluchzer verschwand sie in ihrem Zimmer. Tobias blickte seine Frau entschuldigend an.
Tut mir leid, sie macht sich nur Sorgen
Tobias, sie schüttet das Essen weg, das ich koche, sagte Katharina leise. Sie sagt Jonas, ich sei eine schlechte Mutter. Es ist unerträglich.
Halte noch ein bisschen durch, flehte er. Wir ziehen bald aus, versprochen.
Doch aus Wochen wurden Monate, und es wurde nur schlimmer.
Ein vorbeifahrendes Auto riss sie aus ihren Gedanken. Katharina schüttelte den Kopf und beschleunigte ihren Schritt. Fast zu Hause.
Ohne zu merken, wie sie den Hauseingang erreicht hatte, trat sie in den Aufzug und lehnte die Stirn an die kalte Wand.
Alles wird gut, flüsterte sie. Nur ein paar Tage
Als sich die Aufzugtüren öffneten, hörte sie etwas, was ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ verzweifeltes Kinderweinen. Lenas Stimme.
Sie rannte zur Wohnung. Ihre Hände zitterten, als sie versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Endlich gab die Tür nach.
Was sie sah, ließ sie erstarren.
Im Wohnzimmer stand Helga Schmidt. In ihrer Hand ein Gürtel, mit dem sie gerade die kleine Lena schlug. Das Mädchen kauerte weinend in der Ecke. Jonas versuchte, seine Schwester zu schützen, Tränen liefen über sein Gesicht.
Ich werde dir beibringen, nicht an Omas Sachen zu gehen!, schrie die Schwiegermutter und hob die Hand für einen weiteren Schlag.
Katharina spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
Was machst du da?!, schrie sie und stürzte zu den Kindern.
Helga drehte sich um, ohne Reue:
Ah, du tauchst ja endlich auf! Deine Tochter hat Tee über meine neue Handtasche geschüttet eine teure, wohlgemerkt! und dann wurde sie auch noch frech!
Katharina nahm ihre weinenden Kinder in den Arm.
Du schlägst mein Kind?! Bist du verrückt?!
Erzähl mir nicht, wie man Kinder erzieht!, fauchte sie. Ich habe meinen Sohn allein großgezogen! Aus dir könnte ich auch noch was Ordentliches machen, wenn du nur zuhören würdest!
Als Katharina ihre Tochter näher betrachtete, sah sie die roten Striemen vom Gürtel. Etwas in ihr schnappte entzwei.
Sie setzte die Kinder sanft ab und richtete sich auf.
Verschwinde aus meinem Haus.
Helga starrte sie ehrlich überrascht an:
Ich gehe nirgendwo hin! Ich kam, um meinen Sohn zu sehen und meine Enkel zu erziehen!
Mama, sagte Jonas mit zitternder Stimme, Oma hat Lena geschlagen, weil sie aus Versehen Tee verschüttet hat. Und dann hat Lena gesagt, dass man Kinder nicht schlagen darf, und Oma ist noch wütender geworden
Ruhe!, bellte Helga ihn an, doch Katharina stellte sich zwischen sie.
Wage es nicht, meinen Sohn anzuschreien! Du hast meine Tochter geschlagen. Du hättest ihn auch geschlagen, wenn er nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen wäre!
In diesem Moment ging die Haustür auf. Tobias kam herein.
Was ist hier los? Warum weinen die Kinder?
Helga veränderte schlagartig ihre Miene. Tränen traten in ihre Augen.
Söhnchen, Katharina hat mich angeschrien! Ich habe Lena nur ein bisschen zurechtgewiesen, und sie macht gleich eine Szene!
Tobias Blick fiel auf den Gürtel in ihrer Hand.
Mama, was ist das?
Den habe ich nur aus deiner alten Aktentasche geholt Ich wollte die Schnalle polieren
Papa!, schluchzte Lena. Oma hat mich mit dem Gürtel geschlagen, weil ich aus Versehen Tee verschüttet habe!
Tobias ging zu seiner Tochter und strich ihr über den Rücken.
Zeig mal, wo es wehtut, Schatz
Als er die Verletzungen sah, richtete er sich langsam auf. Seine sonst so freundlichen Augen waren kalt geworden.
Mama, du schlägst meine Kinder?
Er ging zum Schrank, öffnete ihn darin eine Überwachungskamera.
Wir haben ein System installiert, um die Kinder im Blick zu haben, wenn wir nicht da sind. Ich habe gerade die Aufnahme gesehen.
Helga wurde blass.
Tobias, komm schon! Du weißt doch, wie sehr ich meine Enkel liebe! Es war nur ein bisschen Disziplin Zu unserer Zeit wurden alle so erzogen und wir sind doch auch gut geraten!
Zu unserer Zeit, wiederholte er eisig, sollten Kinder keine Angst vor ihren Großeltern haben. Zu unserer Zeit lernen Erwachsene, mit Kindern zu reden nicht sie zu schlagen.
Das ist es ja, was diese moderne Erziehung bringt! Die Kinder tanzen euch auf der Nase herum! Und du, Tobias, stehst völlig unter dem Pantoffel deiner Frau! Ich bin doch nur gekommen, um euch zu helfen! Ich habe nächste Woche eine OP ich dachte, vielleicht könntet ihr bei mir bleiben
Welche OP?, runzelte er die Stirn.
Eine ernste, seufzte sie bedeutungsschwanger. Die Ärzte sagen, etwas müsse raus
Was denn genau, Mama?
Das ist doch egal! Wichtig ist, dass ich Unterstützung brauche! Ich dachte vielleicht könntet ihr eine Zeit zu mir ziehen? Das Haus ist groß Und Katharina kann hier bleiben, wenn sie will.
Tobias schüttelte den Kopf:
Mama, bist du deshalb gekommen? Um erneut meine Familie zu zerstören?
Die Türklingel ertönte. Ein grauhaariger Mann mit freundlichen Augen trat ein Heinrich Bauer, Katharinas Vater.
Guten Abend, sagte er und musterte die Runde. Ich wollte mal nach den Enkeln schauen Was ist hier los?
Die Kinder rannten zu ihrem Opa.
Opa! Oma Helga hat mich mit einem Gürtel geschlagen!, schluchzte Lena.
Misch dich nicht ein!, schnauzte Helga. Das ist eine Familienangelegenheit!
Wenn jemand meine Enkel verletzt, sagte Heinrich Bauer bestimmt, ist das auch meine Angelegenheit.
Er schlug vor, dass alle sich setzten.
Lasst uns wie Erwachsene reden. Helga, bitte nimm Platz.
Etwas in seinem Ton ließ die Frau gehorchen.
Wisst ihr, begann er, als meine Katharina heiratete, war ich auch nicht begeistert. Ich dachte, Tobias sei zu sehr Stadtkind für unser Dorfmädchen Aber ich gab ihnen eine Chance und sah, wie sehr sie sich lieben.
Er wandte sich an die Schwiegermutter:
Und du versuchst, das Leben deines Sohnes zu kontrollieren, ihn für dich zu behalten und treibst ihn damit nur von dir weg. Und jetzt machst du dir auch noch die Enkel zum Feind.
Was weißt du schon?!, fuhr sie auf. Ich habe meinen Sohn allein großgezogen! Mein Mann starb früh alles lastete auf meinen Schultern!
Und du hast Angst, allein zu bleiben, sagte er sanft. Deshalb hast du die Geschichte mit der OP erfunden
Helgas Schultern sackten zusammen.
Nur eine kleine Untersuchung Aber ich habe wirklich Angst
Mama, trat Tobias näher. Wenn du Hilfe brauchst, hättest du einfach fragen können. Warum lügen? Warum versuchen, mir das zu nehmen, was mir wichtig ist?
Ich wollte nicht, stockte sie. Es ist nur wenn ich sehe, wie du ohne mich glücklich bist, fühlt es sich an, als bräuchtest du mich nicht mehr
Du bist meine Mutter, sagte er fest. Natürlich brauche ich dich. Aber nicht so wütend, versuchend, mein Leben zu bestimmen. Ich brauche dich als meine Mama, die meine Entscheidungen respektiert und meine Kinder liebt.
Ich weiß nicht, wie ich anders sein soll, flüsterte sie.
Versuch es, riet Heinrich Bauer. Fang an, indem du dich bei den Enkeln entschuldigst. Kinder können vergeben, wenn sie Aufrichtigkeit sehen.
Mühsam hob Helga den Blick:
Verzeiht eurer Oma Ich Ich habe Unrecht getan.
Überraschenderweise nickte Lena:
Okay aber machs nicht wieder. Es tut weh.
Ich werde es nicht, versprach sie.
Heinrich Bauer holte eine Flasche selbstgemachten Saft aus seiner Tasche.
Und jetzt lasst uns alle zusammen zu Abend essen. Ich habe einen Apfelkuchen im Auto extra für die Enkel gebacken.
Später, als alle am Tisch saßen, war die Stimmung zwar noch angespannt, aber nicht mehr feindselig. Helga beobachtete schweigend, wie Katharina den Kuchen liebevoll schnitt und Tobias mit den Kindern scherzte.
Nach dem Essen schlug Heinrich vor:
Helga, ich denke, es ist am besten, wenn du heute mit mir kommst. Ich habe genug Platz. Bis sich die Dinge beruhigen, muss man nichts überstürzen.
Sie willigte ein, unerwarteterweise.
Als sie gingen, zupfte Lena ihre Großmutter am Ärmel:
Wirst du wirklich nicht mehr streiten?
Wirklich.
Dann kommst du zu meinem Auftritt? Ich bin ein Schneeflöckchen im Kindergarten
Etwas flackerte in Helgas Augen.
Danke Wenn deine Eltern es erlauben, komme ich gern.
Ein Monat verging. Der erste Winterfrost überzog den Boden.
Heute war ein wichtiger Termin das erste Treffen seit dem Vorfall. Auf Heinrichs Vorschlag trafen sie sich bei ihm. Helga hatte sich an die Bedingungen gehalten: keine ungefragten Ratschläge, keine Manipulation, keine Kritik an Katharina.
Bist du bereit?, legte Tobias seiner Frau den Arm um die Schultern.
Ich weiß nicht aber ich versuche es.
Als sie ankamen, war die Schwiegermutter schon da. Sie trug ein schlichtes blaues Kleid nicht die auffälligen Outfits, mit denen sie früher ihre Schwiegertochter übertrumpfen wollte.
Beim Mittagessen sprachen sie über neutrale Themen. Danach nahm Heinrich die Kinder mit, um ihnen seine Münzsammlung zu zeigen, und ließ die Erwachsenen allein.
Ich war beim Psychologen, sagte Helga plötzlich. Auf Heinrichs Rat Es hat mir geholfen, vieles zu verstehen.
Sie blickte Katharina an:
Ich habe mich all die Jahre schrecklich benommen Und was ich Lena angetan habe dafür gibt es keine Entschuldigung. Ich dachte nur ich verliere alles, was mir wichtig ist. Und statt zu verstehen warum, habe ich noch mehr zerstört.
Zum ersten Mal sah Katharina keine tyrannische Frau, sondern einen einsamen Menschen, der Angst hatte, ganz allein zu bleiben.
Helga, sagte sie langsam. Ich kann nicht sagen, dass alles vergessen ist aber ich bin bereit, neu anzufangen. Tobias zuliebe. Den Kindern zuliebe.
Danke, Tränen glitzerten in den Augen der Schwiegermutter. Das ist mehr, als ich verdient habe.
Lena kam mit einer kleinen Schachtel ins Zimmer gerannt:
Opa hat mir eine Glücksmünze geschenkt! Willst du sie sehen?
Helga nahm sie vorsichtig, als fürchte sie, das Mädchen könnte es sich anders überlegen.
Die ist sehr hübsch Danke, dass du sie mir zeigst.
Als die Familie sich zum Gehen fertigmachte, trat Helga auf Katharina zu:
Weißt du ich dachte immer, Tobias habe die falsche Frau gewählt. Aber jetzt sehe ich ich lag falsch. Er hat eine Starke gewählt. So eine, wie ich selbst sein wollte.
Du bist auch stark, erwiderte Katharina. Nur auf eine andere Weise.
In dieser Nacht stand Katharina lange am Fenster und beobachtete den fallenden Schnee. Sie wusste nicht, wie sich ihre Beziehung zur Schwiegermutter entwickeln würde. Doch zum ersten Mal seit langem spürte sie Hoffnung.
Und Helga, die nach Hause zurückkehrte, holte ein altes Fotoalbum hervor. Auf einem vergilbten Bild lächelte der kleine Tobias auf ihrem Schoß.
Ich werde versuchen, besser zu sein, versprach sie sich selbst. Für meinen Sohn. Für meine Enkel. Und vielleicht auch für mich.
Der Weg zur Versöhnung hatte erst begonnen. Aber der erste und schwerste Schritt war getan.







