Gemeinsamer Morgen

**Gemeinsamer Morgen**

Ich stehe vor der Wohnungstür, in der ich seit Monaten nicht mehr übernachtet habe. Der Schlüssel in meiner Hand zittert leicht draußen ist es matschig, meine Finger sind längst klamm. Das Laternenlicht spiegelt sich in den Pfützen vor dem Haus, im schmutzigen Schnee sind fremde Schuhspuren zu sehen. Ich ziehe die Tür zu mir hin, versuche, leise zu sein, und spüre sofort: Die Luft hier drinnen ist anders. Warm, etwas feucht, als würde oft gelüftet, aber trotzdem stickig von den Heizkörpern.

Im Flur empfängt mich der Geruch von frisch gewaschener Wäsche und etwas anderem vielleicht Reste vom Abendessen. Ich stelle meine Tasche an die Wand und bemerke, dass die Schuhe anders sortiert sind, als ich es gewohnt bin. Auf dem Haken liegt ihr Schal über meinem Mantel. Alles scheint an seinem Platz, doch als ich meine Schuhe ausziehe, wird klar: Hier hat sich eine Ordnung ohne mich entwickelt. Sie kommt aus der Küche, ihr Lächeln wirkt angespannt. Sagt, das Essen sei schnell warm. Ich antworte ebenso vorsichtig. Unsere Stimmen gleiten nur an der Oberfläche entlang. Wir horchen in uns hinein, lauschen einander, haben Angst, etwas Wichtiges zu berühren.

Im Zimmer ist Dämmerung. Draußen ist es längst dunkel, die Straßenlaternen malen Lichtflecken an die Wände. Sie schaltet die Stehlampe ein. Ich gehe hinein, sehe mich um: Die Bücher stehen anders, die Fensterbank ist voller neuer Kleinigkeiten. Meine Sachen liegen gestapelt auf dem Sessel. Ich fühle mich wie Gast und Hausherr zugleich. Wir setzen uns an den Tisch. Sie stellt einen Teller Nudeln mit geschmortem Gemüse vor mich hin. Wir essen schweigend. Nur die Löffel klappern gegen das Geschirr. Ich möchte fragen, wie sie allein gelebt hat, ob sie mich vermisst hat, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. Stattdessen frage ich nach der Arbeit, sie erzählt von einem neuen Projekt und wie spät sie gestern geblieben ist. Ich nicke.

Der Abend verläuft still: Sie spült das Geschirr, ich nehme meine Sachen aus der Tasche und räume sie in die Regale. Dabei erwische ich mich bei dem Gedanken ich weiß nicht mehr, wo hier mein Platz ist. Sie verlässt kurz den Raum, und ich höre, wie das Küchenfenster aufgeht. Die Luft wird frischer. Wir testen die Grenzen aus: Wer seinen Becher wo hinstellen darf, wer das Handtuch aufhängt. In der Nacht richten wir uns jeder auf unserer Seite des Bettes ein. Das Licht löschen wir fast gleichzeitig, zwischen uns bleibt ein Streifen kalter Luft.

Am Morgen wachen wir früh auf: Ich gehe als Erster ins Bad, höre hinter der Tür ihre Schritte. Das Wasser rauscht lange aus dem Hahn die Rohre sind laut. Ich beeile mich, damit sie nicht zu lange warten muss. In der Küche suche ich den Tee und sehe zwei verschiedene Tassen. Frage, welche ich nehmen soll. Sie sagt: Irgendeine. Aber ich spüre die Falle. Brühe ihr schwarzen Tee auf, mir grünen. Sie schiebt die Zuckerdose wortlos näher zu sich heran. Wir frühstücken zu zweit am kleinen Tisch am Fenster. Draußen liegt nasser Schnee in Flecken, Tropfen fallen von der Fensterbank. Ich beobachte sie verstohlen: Ihre Augen wirken müde, ihre Lippen sind angespannt.

Nach dem Frühstück machen wir uns bereit. Im Flur treffen wir uns vor dem Spiegel: Beide suchen gleichzeitig unsere Schlüssel. Sie verlässt als Erste die Wohnung und wartet auf dem Treppenabsatz. Ich schließe die Tür und höre ihr Atmen neben mir. Im Fahrstuhl schweigen wir, nur das dumpfe Rauschen der Straße dringt von unten herauf.

Abends gehen wir zusammen einkaufen. Unsere Schritte versinken im nassen Asphalt, die Schuhe rutschen. Am Eingang müssen wir uns lange die Füße abtreten. Drinnen blendet das grelle Licht nach der Dunkelheit draußen. Ich frage sie nach der Einkaufsliste, sie antwortet knapp: Milch, Brot, Äpfel, etwas zum Tee. Ich schlage noch Nudeln und Käse vor. Sie runzelt die Stirn: Nudeln haben wir genug. Wir streiten über Kleinigkeiten: Wie viel Milch, ob neuer Joghurt nötig ist. Jeder beharrt etwas zu lange auf seiner Meinung.

An der Kasse greife ich als Erster nach meinem Portemonnaie, sie tut so, als suche sie ihre Karte. Ich zahle ein unbehagliches Schweigen bleibt zwischen uns, bis wir den Laden verlassen. Auf dem Rückweg sind wir beide erschöpft und reden kaum.

Zu Hause räumen wir schweigend ein: Ich stelle das Brot in die Mitte des Tisches, sie schiebt es zum Kühlschrank. Beide wissen: Wir suchen Kontrolle, wo keine ist.

Abends arbeite ich am Laptop, sie liest auf dem Sofa, bis zum Kinn in eine Decke gehüllt. Draußen zieht sich die Dämmerung hin; wir müssen schon am Nachmittag das Licht anschalten. Irgendwann fragt sie nach den Wochenendplänen ihre Stimme ist ruhig, aber vorsichtig. Ich antworte ausweichend, weil ich es selbst noch nicht weiß.

Zum Abendessen kochen wir gemeinsam: Sie schneidet Gemüse mit schnellen Bewegungen, ich koche Kartoffeln und brate Hähnchen in der Pfanne. Wir vermeiden es, einander anzusehen; reden nur über Essen oder das Abräumen.

Beim Essen im gedämpften Licht der Stehlampe die Deckenleuchte ist schon lange aus verdichtet sich die Spannung zwischen uns, schwer und warm zugleich.

Ich bemerke: Sie isst kaum Fleisch und spielt mit der Gabel im Beilagen; ich rücke mein Besteck mechanisch genau in die Tischmitte. Hinter dem Fenster höre ich das Prasseln von Regen oder spätem Schnee auf der Fensterbank.

Plötzlich legt sie die Gabel hin und sagt leise:
Können wir offen reden?
Ich nicke meine Stimme zittert mehr als meine Hände.
Ich habe Angst, nochmal von vorne anzufangen Angst, wieder falsch zu liegen
Ich auch dich wieder zu verlieren oder hier fehl am Platz zu sein

Wir reden lange über die Zeit getrennt, über unausgesprochene Verletzungen, über die Angst, abgewiesen zu werden, darüber, wie anstrengend es ist, selbst zu Hause Rollen zu spielen, darüber, was jeder nachts dachte, abseits vom Alltag.

Niemand wirft dem anderen etwas vor nur ehrliche Geständnisse, wie schwer es ist, Brücken zu bauen, und wie viel Schmerz noch in uns steckt.

Sie sagt:
Ich möchte es nochmal versuchen Aber wenn du jetzt gehst hole ich dich nicht zurück.
Ich antworte:
Ich bin schon hier Also will ich bleiben.

Nach diesem Gespräch wirkt die Küche anders: nicht mehr so kalt und fremd wie gestern. Sie räumt schweigend ab, ich stehe auf, um zu helfen. Frage nicht nehme ihr einfach die Gabel aus der Hand und spüle die Soßenreste ab. Sie stellt die Tassen daneben und streift dabei meine Hand ob absichtlich, weiß ich nicht. Gemeinsam abzuwaschen ist einfacher, als zu streiten, wer es tun muss. Ich reiche ihr die nassen Teller, sie trocknet sie ab und stellt sie weg, ohne mich anzusehen. Aber die Spannung zwischen uns ist weg, auch die Vorsicht, die uns den ganzen Tag auf Abstand hielt.

Später sitzen wir beide im Wohnzimmer: Ich öffne das Fenster der Zug bringt den Geruch feuchter Erde herein. Auf der Fensterbank liegen noch Schneereste, aber die Luft ist nicht mehr so drückend. Sie setzt sich mit einem Buch aufs Sofa, ich nehme den Laptop heute komme ich kaum zum Arbeiten, meine Gedanken kreisen um ihre Worte beim Essen.

Die Zeit vergeht leise: Einer von uns sagt etwas über den kalten Tee oder die zu helle Lampe. Dann versinken wir wieder in unseren Beschäftigungen. Und plötzlich fühlt sich dieses Zusammen, so still und schlicht, richtig an als wäre hier endlich Platz für uns beide, ohne Rollen.

Vor dem Schlafengehen gehe ich in die Küche, um Wasser zu holen; höre ihre Schritte hinter mir sie stellt den Wasserkocher für Kräutertee an. Wir stehen Schulter an Schulter am Fenster; draußen rinnt Wasser am Rahmen herunter. Sie gießt mir zuerst ein schwarzen Tee haben wir längst ausgetrunken dann sich Kamille. Schweigend halten wir die Tassen mit beiden Händen, spüren dieselbe Wärme vom Porzellan.

Im Schlafzimmer lächelt sie mich kurz an, bevor sie sich zudeckt. Aus Gewohnheit lässt sie etwas Platz zwischen uns aber jetzt fühlt es sich nicht wie eine Barriere an.

Der Morgen kommt unerwartet leicht: Draußen ist es heller die Wolken sind zum ersten Mal seit Tagen weg. Durch die Vorhänge fällt sanftes Licht, ungewohnt nach der langen Dämmerung.

Ich wache fast gleichzeitig mit ihr auf. Ein Moment des Schweigens, wir hören dem Tropfen vom Dach und dem Straßenlärm zu. Ich greife nach dem Handy, halte inne heute habe ich es nicht eilig.

Sie dreht sich zur Seite:
Machst du den Wasserkocher an?
Ihre Stimme klingt ohne Anspannung nur müde Wärme und etwas wie ein Lächeln.
Klar, antworte ich genauso ruhig.

Wir gehen zusammen in die Küche. Ich fülle den Kocher er steht jetzt näher am Herd. Sie holt zwei Tassen, ohne zu fragen, stellt die Zuckerdose zwischen uns, als wäre es selbstverständlich.

Während das Wasser heiß wird, wischt sie den Tisch ab er riecht noch nach dem Regen von gestern , ich suche die Teebeutel aus. Frage mit den Augen: grün oder schwarz? Sie lächelt leicht:
Heute grün.
Ich nicke, brühe beide Tassen gleich stark früher stritten wir darüber.

Wir setzen uns ans Fenster, einander gegenüber zum ersten Mal spüre ich eine Leichtigkeit dabei: Kein Stuhl wirkt fremd oder für einen von uns reserviert. Draußen schmilzt der Schnee rasch, Tropfen fallen unregelmäßig vom Dach, leise durch das gekippte Fenster.

Wir frühstücken fast wortlos: Ich schneide das Brot in dünne Scheiben wie sie es mag , sie legt einen ganzen Apfel neben ihre Tasse früher nahm sie nur die Hälfte. Ab und zu treffen sich unsere Blicke im Fenster: Ich sehe ihr Gesicht neben meinem im Glas und verstehe plötzlich so sieht neue Nähe aus, eine unsichtbare Veränderung in unserem gemeinsamen Morgen.

Als wir fertig sind, räumt sie sofort ab, ich bleibe am Fenster höre das Tropfen, spüre die kühle Morgenluft. Da tritt sie nah heran, ihre Hand liegt leicht auf meiner Schulter:
Danke

Wofür? Fürs Frühstück? Dass ich geblieben bin? Oder einfach, weil dies jetzt unser gemeinsamer Morgen ist?
Wir fragen nicht nach, brauchen keine Worte. Uns genügen die kleinen Lächeln und das Gefühl einer neuen Ordnung so zerbrechlich, aber echt.

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