Vertrauenssaison
An einem warmen MaiMorgen, als das Gras bereits saftig grün war und noch Tau auf den Fenstern der Veranda lag, überlegten Jürgen und Liselotte zum ersten Mal ernsthaft: Sollten wir unser Ferienhaus im Bayerischen Wald selbst vermieten, ohne Makler? Die Entscheidung hatte sich über mehrere Wochen gebildet Freunde erzählten von hohen Provisionen, in Foren klagten unzufriedene Mieter über Makler. Doch vor allem wollten wir selbst bestimmen, wem wir unser Haus anvertrauen, in dem wir die letzten fünfzehn Sommer verbracht hatten.
Ein Ferienhaus ist mehr als nur Quadratmeter, meinte Jürgen, während er die trockenen Himbeertriebe zurückschnitt und dabei zu seiner Frau hinübersah. Wir wünschen uns Gäste, die das Haus respektieren, nicht wie ein Hotel behandeln.
Liselotte trocknete ihre Hände an einem Handtuch am Eingang und nickte. In diesem Jahr wollten sie länger in der Stadt bleiben, weil ihre Tochter Marlene ein wichtiges Schuljahr begann und Liselotte ihr helfen musste. Das Haus würde fast den ganzen Sommer leer stehen, die Unterhaltskosten jedoch weiterlaufen. Die Lösung schien klar.
Am Abend nach dem Abendessen gingen sie gemeinsam durch das Haus die gewohnte Strecke, aber jetzt mit neuem Blick: Was musste gereinigt, was aus dem Weg geräumt werden, damit keine unnötigen Gegenstände fremde Gäste locken? Bücher und Familienfotos wurden in Kartons auf das Obergeschoss gestellt, die Bettwäsche frisch zusammengelegt. In der Küche sortierte Liselotte das Geschirr, ließ nur das Nötigste liegen.
Lass uns alles dokumentieren, schlug Jürgen vor und zog sein Smartphone heraus. Sie fotografierten jedes Zimmer, die Gartenmöbel und sogar das alte Fahrrad am Schuppen für den Fall der Fälle. Liselotte notierte Details: wie viele Töpfe, welche Bettdecken, wo der Ersatzschlüssel lag.
Kurz darauf, als ein erster MaiRegen das Feld in Pfützen tauchte, stellten sie ein Inserat auf einer deutschen Vermietungsplattform ein. Die Fotos strahlten: Durch die Fenster sah man Tomatenpflanzen, die bereits aus den Gewächshäusern wuchsen, und am Weg zur Gartentür blühten Löwenzähne dicht.
Das Warten auf Rückmeldungen war nervenaufreibend und ein wenig freudig zugleich wie kurz vor dem Besuch von Gästen, wenn alles bereit ist, man aber nicht weiß, wer die Schwelle überschreitet. Die Anfragen kamen schnell: jemand fragte nach WLAN und Fernseher, ein anderer nach Hunden oder Kindern. Liselotte beantwortete alles ehrlich und ausführlich sie selbst hatte einst ein Haus gesucht und wusste, wie wichtig Kleinigkeiten sind.
Die ersten Mieter kamen Ende Mai. Ein junges Paar mit einem siebenjährigen Sohn und einem mittelgroßen Hund, den sie am Telefon als ganz leise beschrieben. Der Mietvertrag wurde vor Ort unterschrieben ein schlichtes Blatt mit Ausweisen und Zahlungsbedingungen. Liselotte war ein wenig nervös: Formal war der Vertrag nicht beim Amtsgericht registriert, doch für sie schien das logisch für die Sommersaison brauchte man nichts Weiteres.
In den ersten Tagen lief alles glatt. Liselotte kam einmal pro Woche, um den Garten zu prüfen und die Tomaten im Gewächshaus zu gießen, brachte frische Handtücher und Brot aus der Stadt mit. Die Mieter waren freundlich: das Kind winkte aus dem Küchenfenster, der Hund begrüßte am Tor.
Nach drei Wochen begannen jedoch Zahlungsverspätungen. Zuerst wurden sie mit Vergesslichkeit oder Bankfehlern erklärt, dann kamen Ausreden über unerwartete Ausgaben.
Genug mit diesem Stress, murmelte Jürgen, während er am Abend am Küchentisch die Nachrichten auf seinem Handy durchscrollte. Draußen sank die Sonne hinter den Apfelbäumen und warf goldene Streifen auf den Boden.
Liselotte versuchte, in gutem Glauben zu verhandeln: sie erinnerte sanft, bot an, einen Teil später zu überweisen. Doch die innere Anspannung wuchs jedes Gespräch hinterließ ein Gefühl von Peinlichkeit und unerklärlicher Müdigkeit.
Zur Mitte Juni wurde klar: Die Mieter wollten früher ausziehen und hatten einen Teil der Miete nicht bezahlt. Als sie auszogen, roch die Veranda nach Zigaretten (trotz der Bitte, nicht im Haus zu rauchen), Müll lag unter dem Vordach und Farbflecken prangten auf dem Küchentisch.
Und doch war der Hund ja ganz leise, sagte Jürgen und sah auf die zerkratzte Schranktür.
Sie räumten fast den ganzen Tag: Müll wegbringen, Herd säubern, alte Handtücher waschen. Die Erdbeeren an der Hecke begannen zu rot, und zwischendurch pflückte Liselotte ein paar warme Beeren vom Beet.
Nach diesem Vorfall diskutierten sie lange, ob sie überhaupt weitermachen sollten. Vielleicht doch eine Agentur einschalten? Der Gedanke, fremde Personen über ihr Haus entscheiden zu lassen und dafür eine Provision zu zahlen, schien ihnen falsch.
Mitte Sommer versuchten sie es erneut, diesmal mit Vorsicht: Vorauszahlung für einen Monat, klare Regeln. Doch das neue Erlebnis war nicht besser. Eine Familie mit zwei Erwachsenen und einem Teenager kam erst am Samstagabend und lud sofort Gäste für ein paar Tage ein. Lautstarke Gesellschaften blieben fast eine Woche: abends lachten sie laut im Hof und grillten bis spät in die Nacht.
Liselotte rief mehrmals an, bat um Ruhe nach 23 Uhr; Jürgen prüfte das Grundstück und fand leere Flaschen unter den Fliedersträuchern.
Als die Mieter gingen, wirkte das Ferienhaus erschöpft: Das Sofa war mit Saft oder Wein befleckt, Müllsäcke standen am Schuppen, und unter dem Apfelbaum lagen Zigarettenstummel.
Wie lange wollen wir das noch ertragen?, brummte Jürgen leise, während er die Reste vom Grill zusammenraffte.
Liselotte spürte wachsende Enttäuschung. Es schien ihr ungerecht, dass Leute so mit fremdem Eigentum umgingen.
Vielleicht liegen wir selbst daran, dachte sie. Wir hätten die Regeln klarer durchsetzen müssen
Im August kam eine neue Anfrage: ein kinderloses Paar wollte das Haus für eine Woche mieten. Nach den schlechten Erfahrungen war Liselotte besonders wachsam: alle Bedingungen wurden vorher per Telefon abgesprochen, ein FotoProtokoll des Zustands beim Einzug verlangt und eine Kaution gefordert.
Die Mieter stimmten ohne Widerspruch zu, trafen sich an einem heißen Mittag am Tor die Luft flimmerte über dem Weg zum Schuppen, aus den offenen Fenstern drang das Summen der Insekten.
Am Ende der Woche stellte sich heraus: Sie hatten die Mikrowelle beschädigt, weil sie Alufolie erhitzt hatten, und weigerten sich zu zahlen.
Wir haben doch kaum etwas kaputt gemacht! Das war ein Versehen!, versuchte die Frau zu rechtfertigen.
Liselotte fühlte zum ersten Mal im Sommer Zorn, hielt sich jedoch zurück.
Lassen Sie uns das friedlich regeln. Wir verstehen, dass Unfälle passieren. Wir könnten die Kaution zur Reparatur nutzen, schlug sie vor.
Nach kurzer Diskussion einigten sie sich auf einen Kompromiss: ein Teil der Kaution wurde einbehalten, der Rest zurückgezahlt, und die Familie fuhr ohne weiteren Streit davon.
Als das Tor hinter ihnen zuschlug und nur noch die Hitze und das Summen der Bienen über der Terrasse zu hören war, verspürten Jürgen und Liselotte ein seltsames Gefühl von Erleichterung gemischt mit Müdigkeit.
Sie erkannten, dass es so nicht weitergehen konnte.
Am selben Abend, als die Hitze noch nicht nachließ und die langen Schatten der Apfelbäume über den Hof krochen, setzten sie sich mit einem Notizbuch auf die Veranda. Der Duft von frischem Gras und reifen Äpfeln lag in der Luft, die ersten Anthobrennausläufer berührten beinahe den Boden. Liselotte blätterte durch die letzten Fotos vom letzten Einzug und markierte still, was noch zu tun war.
Wir müssen eine detaillierte Checkliste erstellen, sagte sie, ohne den Kopf zu heben. Damit jeder weiß, was zu hinterlassen ist Geschirr, Geräte, Wäsche, Müll.
Jürgen nickte. Er war müde von den ständigen Gesprächen, wusste aber, dass ohne klare Vorgaben das Alte wiederkehrte. Sie notierten, dass FotoProtokolle sowohl beim Ein- als auch beim Auszug gemacht werden, die Kaution klar geregelt, die Schlüsselübergabe festgelegt und die Bedienungsanleitungen für alle Geräte erklärt werden.
Sie diskutierten die Formulierungen lange, damit sie nicht feindlich klangen, sondern Gäste sich willkommen fühlen, ohne dabei die Grenzen zu verwischen. Liselotte bestand darauf, dass im Vertrag stets eine Telefonnummer für Notfälle angegeben wird.
Gegen Mitternacht, als die Veranda kühl wurde und das Tischtuch vom Abendtau benetzt war, hatten sie die Liste sauber in ein Notizbuch geschrieben und anschließend in eine ExcelTabelle auf dem Laptop übertragen. Der FotoOrdner wurde in Unterordner vor, nach, Einzug, Auszug gegliedert. Es fühlte sich an, als hätten sie nicht nur den Küchentisch, sondern auch ein inneres Gefängnis gereinigt.
Das erste Testat ließ nicht lange auf sich warten. Anfang August rief eine Frau an, um die Regeln zu erfragen. Sie hörte aufmerksam zu, verstand die FotoDokumentation und die Kaution. Am vereinbarten Tag kamen sie mit Mann und jugendlicher Tochter. Die Familie wirkte sofort ruhig, stellte viele Fragen zu Gartenwerkzeug, Fahrradnutzung und wann die Blumen am Tor gegossen werden sollten.
Wir würden gern zwei Wochen bleiben, wenn das für Sie in Ordnung ist, sagte die Frau und unterschrieb sofort den Vertrag, ohne weitere Fragen.
Gemeinsam gingen sie durch das Haus, prüften den Zustand von Möbeln und Geräten. Liselotte zeigte, wo Ersatzlampen liegen, wie die Pumpe für die Bewässerung funktioniert. Die Familie hörte aufmerksam, fotografierte die Räume und fragte sogar, wohin der Müll zu bringen sei.
Stören wir Sie, wenn wir später zum Ernten kommen?, fragte der Mann und hielt die offene Gartentür.
Natürlich nicht, lächelte Liselotte. Nur bitte vorher Bescheid geben.
Diesmal verlief alles anders. In den zwei Wochen gab es keine Beschwerden. Als Liselotte die Gewächshäuse überprüfte, war die Küche sauber, und auf dem Tisch lag eine Schüssel mit frisch gepflückten Erdbeeren und ein Zettel: Danke für das Vertrauen. Alles in Ordnung.
Jürgen schaute kurz in den Schuppen: Die Fahrräder standen ordentlich, das Werkzeug war sauber. Auf dem Grundstück lagen weder Flaschen noch Zigarettenstummel. Unter dem Apfelbaum hatte jemand das Laub vom Vorjahr zusammengefegt. Selbst die Mikrowelle war poliert.
Am Abreisetag traf die Familie am Tor ein. Gemeinsam gingen sie das Haus ab, prüften die Checkliste und stellten fest, dass nichts beschädigt war, die Wäsche gewaschen und gefaltet war.
Danke für die ausführlichen Anweisungen, sagte die Frau zum Abschied. So ist es für uns und für Sie einfacher.
Liselotte lächelte zurück, die Vorsicht war noch da, doch ihr Herz fühlte sich leichter. Sie gaben die Kaution zurück, ohne weitere Fragen. Der Vertrag und die Checkliste wurden wieder in die Mappe gelegt bereit für die nächste Saison.
Im September stellten sie das Inserat erneut ein, jetzt ohne Angst, dafür mit Zuversicht. Die Beschreibung war detailliert, die Fotos zeigten nicht nur Zimmer und Garten, sondern auch die Checkliste auf dem Tisch.
Die Rückmeldungen kamen schnell. Interessenten fragten nach Wasser, Heizung und Anbindung. Ein junger Mann schrieb: Danke für die Ehrlichkeit und die Details das ist selten.
Jürgen und Liselotte besprachen die kommende Saison ohne die alte Erschöpfung. Sie wussten jetzt: Ruhe ist möglich, wenn man aufmerksam ist für sich selbst und für die, die ins eigene Heim kommen.
Der letzte Abend vor der Schließung des Ferienhauses war besonders still. Leiser Wind wehte über das Feld, in der Ferne hieß ein Hund. Jürgen schloss den Schuppen mit einem neuen Schloss und setzte sich zu Liselotte an die Veranda.
Glaubst du, wir sollten noch etwas an die Regeln anhängen?, fragte er.
Nein, antwortete Liselotte. Das Wichtigste haben wir bereits erkannt: Wir dürfen nie vergessen, Menschen zu sein.
Sie saßen nebeneinander, blickten auf den Garten. Vor ihnen lag ein neuer Sommer und neue Begegnungen diesmal ohne Angst, das Wertvollste zu verlieren. Die Erfahrung lehrte sie, dass Vertrauen nicht verschwindet, sondern reift: klar, vorsichtig und dennoch offen für das Gute im Menschen.







