Nicht bestanden: Die Herausforderung, die alles änderte

Als das System plötzlich abstürzt, müssen wir fast einen halben Tag warten, bis die IT das Netzwerk wieder hochfährt. Der Auftrag droht zu zerfallen stell dir nur den Verlust vor!

Anja Müller erwischt sich erneut dabei, wie sie halbherzig Markus’ Erklärungen lauscht. Sie sitzen im Kaffeehaus gegenüber ihrem Büro. Markus redet von einem neuen Projekt, während sie seine Hände beobachtet, die unruhig ein Papiertuch zusammenfalten. Seit einem halben Jahr Beziehung hat sie noch nie seine Familie kennengelernt.

Sie ist dreißig, ein Alter, in dem Romantik zwar nicht mehr das Hauptziel, aber Klarheit gefragt ist. Markus ist ein anständiger Mann fleißig, aufmerksam, verlässlich. Vor einem Monat hat er ihr im selben Kaffeehaus, wo sie sich das erste Mal begegnet sind, einen Antrag gemacht. Anja hat Ja gesagt, doch ein nagender Zweifel hat sich eingeschlichen. Jedes Mal, wenn sie das Thema Eltern ansprechen will, weicht Markus aus: er spricht das Wetter an oder nennt dringende Termine. Sie schreibt das seiner Schüchternheit zu vielleicht fühlt er sich unsicher wegen des bescheidenen Einkommens seiner Familie.

Wann lerne ich eigentlich deine Eltern kennen?, fragt Anja und schiebt die Tasse mit abgekühltem Kaffee beiseite.

Markus spannt sich an. Das Tütchen in seiner Hand wird zu einer zerknüllten Kugel. Er blickt ihr in die Augen, wo ein Funken Sorge aufblitzt.

Dieses Wochenende fahren wir, sagt er nach kurzem Zögern.

Die Vorfreude sprudelt in Anjas Brust. Endlich! Sie stellt sich vor, wie sie das Elternhaus von Markus betritt, wie seine Mutter sie umarmt und sie als Tochter bezeichnet, wie sie gemeinsam bei einem großen Tisch Tee und Kuchen genießen.

Die Tage bis zum Wochenende nutzt Anja, um Geschenke zu besorgen. In drei Einkaufszentren sucht sie das Passende: Für Markus Mutter kauft sie einen teuren Seidenhalstuch und ein Parfüm aus Frankreich. Für den Vater ein hochwertiges Werkzeugset, das sich jeder Mann wünscht. Für seine Schwester eine stylishe Handtasche, die sie selbst lange begehrt hat.

Am Samstagmorgen steht Anja um sechs auf, um alles rechtzeitig zu schaffen. Dusche, Frisur, Makeup. Sie wählt ein elegantes, knielanges, beiges Kleid und klassische Pumps zeitlose Eleganz für die zukünftige Schwiegertochter. Vor dem Spiegel dreht sie sich, prüft das Ergebnis. Perfekt.

Markus steigt schweigend ins Auto. Anja startet den Motor und fährt auf die Autobahn. Das Radio spielt leise ein romantisches Lied, während an den Fenstern kleine Cafés und Tankstellen vorbeiziehen. Sie lächelt, denkt an das bevorstehende Treffen, während Markus still bleibt.

Warum bist du so traurig?, fragt Anja, wirft ihm einen flüchtigen Blick zu. Bist du nervös?

Anja, ich, sagt Markus, ballt die Fäuste auf dem Schoß. Mach dir nichts draus, falls etwas schiefgeht, okay?

Sie runzelt die Stirn und schaltet den Gang um.

Was heißt schiefgehen? Was könnte passieren?

Nun, sie sind eigenwillig, murmelt er, wendet sich zum Fenster. Nur, dass du das im Hinterkopf behältst.

Bevor Anja weiter fragen kann, meldet der Navigator die nächste Linksabbiegung. Das Dorf, zu dem sie fahren, ist klein etwa ein Dutzend Häuser entlang einer einzigen Straße. Der Weg schlängelt sich zwischen schiefen Zäunen und Gemüsebeeten. Der Navigator führt sie zu einem alten Fachwerkhaus mit abblätternder Farbe an den Fensterläden.

Anja schaltet den Motor ab und blickt sich um. Der Hof ist ungepflegt Gras sprießt wild, in einer Ecke stapelt sich Holz, am Schuppen liegen verrostete Werkzeuge. Sie lächelt trotzdem. Es zählt nicht das Äußere, sondern die Menschen.

Auf der Veranda stehen bereits drei Personen: Eine ältere Frau im abgetragenen Hausmantel, ein Mann im ausgefransten TShirt und eine junge Frau, etwa fünfundzwanzig, mit missmutigem Blick.

Da seid ihr ja, sagt Markus Mutter, mustert Anja prüfend.

Anja tritt vor und reicht die Hand. Guten Tag, ich freue mich sehr, Sie endlich kennenzulernen.

Die Mutter schüttelt die Hand nur halb. Der Vater nickt kaum. Die Schwester erwidert das Hallo nicht, verschränkt die Arme und verzieht das Gesicht.

Anja wendet sich zum Auto, um die Geschenke aus dem Kofferraum zu holen. Sie öffnet die Heckklappe, beugt sich nach unten und plötzlich hört sie ein lautes Zischen.

Aus einer Ecke des Hauses schießt ein riesiger weißer Gans hervor. Die Vögelgröße entspricht etwa der eines kleinen Hundes, mit langem, wirbelndem Hals und wütenden Augen. Der Gans stürmt auf Anja zu, spreizt die Flügel und öffnet den Schnabel.

Was zum, schreit Anja, springt zur Seite und lässt das Parfümpaket fallen.

Der Gans hält nicht an. Er peitscht mit den Flügeln an ihren Beinen, der Schnabel zwickt schmerzlich in den Waden. Anja versucht, die Autotür zu schließen, doch der Vogel verfolgt sie unerbittlich.

Markus!, ruft sie, versucht auszuweichen.

Markus macht einen unsicheren Schritt nach vorn, doch aus dem Haus klingt ein lautes, höhnisches Lachen.

Ach, die Prüfung ist durchgefallen!, kreischt Markus Mutter, hält sich vor Lachen den Bauch. Schau nur, unser Gans hat die Braut entlarvt!

Seine Schwester schnauft spöttisch, genießt das Schauspiel.

Eine echte Frau würde sich nicht vor einem Gans fürchten, wirft sie verächtlich. Nur eine Feigling im hübschen Kleid.

Markus Vater zieht sein Handy heraus und filmt. Sein Gesicht strahlt vor Vergnügen, als wäre das das beste Entertainment der letzten Monate.

Markus, tu etwas!, fleht Anja, während der Gans erneut zuschlägt.

Markus greift nach ihr, winkt unsicher mit den Armen. Der Vogel lässt sich kurz ablenken, doch die Mutter ruft scharf:

Lass ihn in Ruhe! Der Gans soll selbst entscheiden! Er spürt schlechte Menschen!

Markus bleibt stehen, schaut erst die Mutter an, dann Anja, und zieht sich dann zurück. Er geht zur Veranda, wo seine Familie steht.

Anja lehnt sich an das Auto, vom Gans in die Ecke getrieben. Das Kleid ist schmutzig, rote Bissspuren zieren ihre Beine, die Pumps rutschen über den unebenen Boden. Sie sieht zu Markus, seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Vater mit dem Handy und ihr Herz wird kalt.

Sie wird bewusst schikaniert das ist keine Zufälligkeit, sondern ein Test. Eine grausame Prüfung, die Markus Familie inszeniert hat, um sie auf den Boden zu bringen. Und Markus steht daneben und tut nichts.

Anja springt hastig ins Fahrzeug. Der Gans pickt noch ein paar Mal an die Fensterscheibe, verliert dann das Interesse und schlendert stolz durch den Hof.

Markus tritt zum Auto, klopft an das Fenster. Anja lässt das Glas nur einen Spalt herunter.

Anja, beruhige dich bitte, sagt er hastig. Das ist nur unsere Tradition. Ein seltsames Ritual für die Braut, um den Charakter zu prüfen. Meine Mutter macht das immer so.

Anja sieht Markus fest in die Augen. Ihre Finger umklammern das Lenkrad, in ihr brodelt Ärger, Enttäuschung und Wut.

Ich will nicht heiraten, sagt sie leise, aber deutlich.

Markus zuckt mit den Schultern, als hätte er nichts gehört.

Was? Anja, bitte das war doch nur ein Scherz

Kein Hochzeit mehr, wiederholt Anja. Sie nimmt den Verlobungsring vom Finger, schiebt ihn durch den Spalt im Fenster. Nimm ihn zurück.

Du bist verrückt!, schreit Markus, versucht die Tür zu öffnen, doch sie ist verriegelt. Bitte, lass uns reden!

Wir haben nichts mehr zu sagen, sagt Anja, startet den Motor, der Motor schnurrt, das Auto ruckelt leicht. Markus steht immer noch daneben, das Ringstück fest umklammert. Anja legt den Rückwärtsgang ein, dreht, und fährt zur Ausfahrt. Im Rückspiegel sieht sie die Gestalten seiner Familie, die immer noch lachend am Eingang stehen.

Die ersten Kilometer fährt sie im Autopiloten, achtet nicht mehr auf die Landschaft. Ihre Hände zittern am Lenkrad, das Herz pocht im Hals. Tränen steigen, doch sie wischt sie weg. Zu Hause wird sie weinen, jetzt muss sie nur noch ankommen.

Am Abend klingelt das Telefon ununterbrochen. Markus ruft immer wieder an, schickt Nachrichten, entschuldigt sich, bittet um eine zweite Chance. Anja liest, antwortet nicht. Einmal hebt sie ab, hört seine hastige, schuldbewusste Stimme und legt sofort auf.

Eine Woche später blockiert sie seine Nummer in allen Messengern, löscht alle Fotos, die sie zusammen zeigen, wirft kleine Erinnerungsstücke weg das TShirt, das Buch, die Tasse.

Das Leben kehrt zur Normalität zurück: Arbeit, Treffen mit Freundinnen, das Fitnessstudio. Sie versucht, das Erlebte zu verdrängen, doch beim Einschlafen sieht sie immer noch den Gans, seine wütenden Augen, das höhnische Lachen der Familie.

Ein Monat später erzählt eine Freundin, was aus Markus geworden ist. Er hat geheiratet eine Dorfbewohnerin, die seine Mutter sofort akzeptierte. Keine Gänse, keine Prüfungen.

Anja hört zu, fühlt keinen Schmerz mehr, nur ein leichtes Aufatmen. Der Gans und die schaurige Gesellschaft haben ihr die Wahrheit offenbart, bevor sie ihr Leben weiter verknüpft hätte. Sie streicht über den Finger, an dem einst der Ring war, lächelt. Alles hat sich so richtig entwickelt.

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Nicht bestanden: Die Herausforderung, die alles änderte
The Age of Endless Possibilities