Das Geschenk, für das man sich schämt

Der Obstkorb stand wie ein schweigsamer Vorwurf mitten auf dem Küchentisch. Anneliese Müller warf ihm erneut einen Blick zu und seufzte schwer. Aus dem Nachbarzimmer dröhnte das Fernsehgerät ihr Mann schaute gebannt eine Sendung über das Angeln im Bodensee. Für ihn war das natürlich das Wichtigste.

Anni, kommst du gleich? Der Tee wird kalt, rief Heinrich.

Anneliese verzog das Gesicht. Auch den Tee konnte er nicht selbst aufsetzen.

Bin gleich, sagte sie und holte ein Glas Marmelade aus dem Kühlschrank.

Am Spiegel im Flur richtete sie unbewusst die grau melierten Haare. Wie die Zeit vergeht! Gestern stand sie noch in Weiß, ehe sie Heinrich geheiratet hatte, und heute feiern sie bereits den sechzigsten Geburtstag ihrer Tochter.

Die Tochter bei dem Gedanken an Lotte schnürte sich ihr Herz zusammen. Seit einer Woche stritten sie und Lotte hatte nicht angerufen. Wie immer lag die Schuld bei Anneliese, obwohl sie es nur gut meinte.

Auf dem Tisch, neben Heinrichs ungewaschenem Kaffeebecher, lag ein Foto in einem schlichten Holzrahmen: ihre Hochzeit. Jung, glücklich, Anneliese im eleganten Kleid, Heinrich im Anzug. Wer hätte gedacht, dass nach vierzig Jahren das Leben zu einer Routine voller unausgesprochener Vorwürfe und Missverständnisse werden würde?

Was hält dich fest? trommelte Heinrich wieder an.

Anneliese schob die Erinnerungen beiseite und trug das Tablett mit Tee und Marmelade ins Wohnzimmer.

Schon wieder dran denken? fragte Heinrich, ohne vom Bildschirm zu blinzeln.

Und du scheinst ganz entspannt zu sein! schnappte Anneliese. Ruf doch Lotte an, entschuldige dich.

Wofür? drehte sich Heinrich endlich zu ihr. Wegen des Geschenks? Das ist doch lächerlich.

Anneliese stellte das Tablett auf den Couchtisch und ließ sich an den Sofarand sinken.

Es war ein miserables Geschenk, Heinrich. Das weiß ich selbst.

Ein gewöhnliches Service, zuckte der Mann mit den Schultern. Natürlich teuer. Dreißig Euro haben wir bezahlt.

Es geht nicht ums Geld, seufzte Anneliese. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als sie das Paket öffnete. Vor dreißig Jahren mochte sie das Service doch nicht, und wir haben es dann doch zum Geburtstag gegeben. Sie dachte, wir machen uns über sie lustig.

Wir haben uns nicht lustig gemacht! polterte Heinrich. Wir dachten nur, es wäre ein gutes Geschenk. Schön, fast ein Rarität.

Anneliese schüttelte den Kopf. Männer verstehen das feine Gefüge nie. Das Service hatte sie selbst zu ihrer Hochzeit von entfernten Verwandten erhalten. Sie erinnerte sich, wie die junge Lotte einst eine Tasse drehte und meinte: Mama, das sieht aus wie ein Blumengarten aus der Jahrhundertwende. Seitdem stand das Service unberührt im Sideboard, bis die glorreiche Idee entstand, es zur Jubiläumsfeier zu verschenken.

Die Geschmäcker ändern sich, beharrte Heinrich. Heute ist Vintage total angesagt. Alle diese wie heißt das Hipster suchen solche alten Stücke.

Lotte ist keine Hipsterin! protestierte Anneliese. Sie ist Chefin in einer großen Firma. Ihre Wohnung ist minimalistisch, nicht wie bei Oma.

Dann hätte sie doch einfach ‘Danke’ sagen und es irgendwo hinstellen können, brummte Heinrich. Statt einer Szene in aller Öffentlichkeit.

Anneliese erinnerte sich an den Moment: Lotte öffnete die Schachtel, starrte ein paar Sekunden schweigend auf das Service, dann hob sie den Blick zu den Eltern.

Ist das das gleiche Service aus dem Sideboard?, fragte sie leise.

Ja, meine Kleine!, jubelte Anneliese damals. Erinnerst du dich, wie du immer sagtest, es ist wunderschön?

Stille legte sich über den Raum. Lotte wurde blass.

Ich habe nie gesagt, es sei schön. Ich konnte es nicht ausstehen, und das wusstet ihr beide.

Ach, du übertreibst, sagte Heinrich und nippte am Tee. Ein Geschenk, das nicht gefällt was soll’s, wir haben ja keine größeren Probleme, oder?

Doch, wir kennen unsere Tochter überhaupt nicht. Wir wissen nicht, was ihr gefällt, womit sie ihr Leben füllt.

Heinrich schnaubte: Dramatisiere nicht. Sie hat einfach einen komplizierten Charakter, alles liegt an dir.

Bevor Anneliese erwidern konnte, klingelte das Telefon. Sie nahm hastig ab, hoffte insgeheim, dass es Lotte war.

Hallo?

Anneliese? Hier ist Margarete, deine Nachbarin. Könntest du kurz vorbeikommen? Ich verstehe die neuen Tabletten nicht.

Bin gleich da, sagte Anneliese und legte auf.

Wer war das? fragte Heinrich.

Margarete Müller. Ich muss ihr mit den Medikamenten helfen.

Schon wieder dein Wohltätigkeitsmarathon, knurrte er. Und wer kocht das Mittagessen?

Anneliese seufzte schwer: Der Borschtsch im Kühlschrank, nur noch aufwärmen.

Sie zog eine leichte Jacke an und verließ die Wohnung. Der Flur roch nach gebratenem Fisch aus dem Keller und nach Zigarettenrauch einer jungen Familie im fünften Stock.

Margarete wohnte allein; die Tür öffnete sich sofort.

Komm rein, Anneliese, komm rein, flusterte die alte Dame. Ich habe Kuchen gebacken, lass uns zusammen Tee trinken.

Anneliese wollte ablehnen, doch Margarete ließ nicht locker. Während die Nachbarin in der Küche hantierte, betrachtete Anneliese die Fotos an der Wand: Margarete mit Mann, Tochter und Enkeln alles lächelnd, glücklich.

Wie geht es Lotte?, fragte Margarete, während sie ein Tablett mit Tee hinstellte. Wie kommt sie nach der Scheidung klar?

Klärt sich, murmelte Anneliese ausweichend.

Und ihr Sohn? Kai ist schon im dritten Semester, richtig?

Ja, studiert.

Margarete setzte sich und sah Anneliese eindringlich an: Du siehst heute traurig aus. Was ist los?

Anneliese platzte heraus: das missglückte Service, den Streit mit Lotte, Heinrichs Sturheit.

Weißt du, sagte Margarete, du musst Lotte einfach anrufen, ohne Heinrich. Sag ihr ehrlich, dass ihr euch beim Geschenk geirrt habt.

Sie nimmt nicht ans Telefon, seufzte Anneliese.

Dann geh einfach zu ihr! schlug Margarete die Schultern. Sie wohnt doch nicht in einer anderen Stadt.

Anneliese überlegte. Warum nicht einfach die Tochter besuchen? Stolz? Angst, dass ihr Vater sie als zwei alte Knacki-Paare sieht, die ihre Tochter nicht verstehen?

Du hast recht, sagte sie schließlich. Ich fahre heute noch zu ihr.

Endlich, nickte Margarete. Jetzt lass uns den Kuchen probieren.

Zuhause fand Anneliese Heinrich in derselben Position vor dem Fernseher.

Heinrich, ich fahre zu Lotte.

Wozu?

Um zu reden. Um das Geschenk zu entschuldigen.

Du wieder mit deinem Lad!, drehte er sich zu ihr. Ein Service, der nicht gefällt, liegt nicht an ihrem Kunstgeschmack.

Es geht nicht ums Service, sondern darum, dass wir einander nicht hören. Wir hören unsere eigene Tochter nicht.

Einverstanden, sagte er plötzlich. Aber sag ihr nicht, dass ich meine Schuld eingestehe. Ich finde das Geschenk immer noch gut.

Anneliese schüttelte nur den Kopf. Vierzig Jahre zusammen, und das Dickköpfigsein ist noch immer nicht zu bremsen.

Lotte lebte in einem modernen Neubau. Anneliese nahm den Bus, blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Stadt und dachte darüber nach, wie schwer es manchmal ist, mit den nächsten Menschen zu reden.

Die Tür öffnete sich, ihr Enkel Kai stand da.

Oma? Warum hast du nicht angerufen, dass du kommst?

Eine Überraschung, lächelte Anneliese und reichte ihm eine Tüte mit Plundergebäck. Mama ist im Büro.

Im Büro, nahm Kai die Tüte. Komm rein, ich rufe sie.

Anneliese ging ins Wohnzimmer. Lottes Wohnung war immer ein Mix aus Bewunderung und leichter Traurigkeit alles modern, minimalistisch, in hellen Tönen. Keine Sideboards mit Kristall, keine Teppiche an den Wänden. Eine andere Epoche, andere Werte.

Lotte kam aus ihrem Arbeitszimmer, das Gesicht angespannt.

Mama? Was ist los?

Nichts, meinte Anneliese gelassen. Ich wollte nur reden.

Lotte schaute auf die Uhr.

In einer halben Stunde habe ich eine Videokonferenz mit Berlin.

Ich bleibe nur kurz, setzte sich Anneliese aufs Sofa. Lotte, ich bin gekommen, um mich für das Geschenk zu entschuldigen. Du hast recht, das war dumm.

Lotte zog die Augenbrauen hoch.

Du bist wegen des Services gekommen?

Nicht nur wegen des Services, verschränkte Anneliese die Hände. Sondern weil wir dich nicht verstehen. Weil wir in der Vergangenheit feststecken und die Gegenwart nicht sehen.

Lotte ließ sich in den Sessel sinken.

Mama, es geht nicht nur ums Service. Es ist ein Symbol dafür, dass ihr mich überhaupt nicht kennt, nicht wisst, womit ich lebe, was ich mag.

Das stimmt, flüsterte Anneliese. Wir hängen noch immer an dem Bild des Mädchens, das wir einst kannten.

Lotte seufzte: Das Ärgerlichste ist, dass ihr nie versucht, das echte Ich zu erfahren. Nie gefragt, welche Musik ich höre, welche Bücher ich lese, welche Filme ich mag. Ihr seid überzeugt, mich besser zu kennen als ich mich selbst.

Du hast recht, sagte Anneliese, und ihr Hals wurde eng. Eltern denken oft, ihre Kinder seien nur ein Abbild von ihnen, nicht eigenständige Menschen.

Genau!, rief Lotte. Ich bin auch schuld. Ich frage nie, wie es euch geht, was euch beschäftigt. Ich komme nur einmal im Monat, bringe Lebensmittel und gehe wieder. Als wäre das meine Pflicht.

Wir alle haben Schuld, lächelte Anneliese durch Tränen. Aber es ist noch nicht zu spät, das zu ändern, oder?

Lotte nickte: Nie zu spät.

Dann erzähl mir, welche Musik hörst du gerade? fragte Anneliese. Und was liest du?

Lotte lachte: Wirklich?

Ganz ernst, nickte Anneliese. Wir haben noch zwanzig Minuten bis zu deiner Konferenz, danach gehe ich und störe nicht mehr.

Okay, überlegte Lotte. Ich höre Jazz, vor allem aus den fünfziger Jahren. Lese viel Fachliteratur, aber zum Vergnügen gern Krimis. Und ich lerne Spanisch, weil ich nach Barcelona will.

Anneliese hörte zu, als würde sie ein neues Buch entdecken. Wie viel hatte sie in all den Jahren verpasst.

Und dein Privatleben? fragte sie vorsichtig. Seit der Scheidung sind drei Jahre vergangen

Lotte lächelte verlegen: Da ist jemand. Er ist sieben Jahre jünger, aber ich habe Angst, dass ihr ihn nicht akzeptiert.

Wir sind altmodisch, aber nicht rückständig, sagte Anneliese. Wichtig ist, dass er ein guter Mensch ist.

Er ist gut, nickte Lotte. Er lehrt Geschichte an der Uni. Kirschliebchen gefällt ihm.

Dann lad ihn doch zum Abendessen ein, schlug Anneliese vor. Und ich verspreche, keinen Service mehr zu verschenken!

Beide lachten.

Weißt du, sagte Lotte, ich habe doch das Service doch nicht ganz verurteilt. Es ist wirklich schön, ein bisschen ProvenceStil. Vintage ist gerade total im Trend.

Entschuldige mich nicht, schüttelte Anneliese den Kopf. Es war ein schlechter Gag.

Ehrlich! rief Lotte. Ich überlege, es doch in unserem Ferienhaus aufzustellen. Wir haben letztes Jahr ein Stück Land gekauft, hab ich dir nicht erzählt?

Nein, spürte Anneliese einen Stich der Verlegenheit. Siehst du, wie wenig wir voneinander wissen?

Lass uns das nachholen, schlug Lotte vor und sah auf die Uhr. Ich muss mich jetzt vorbereiten. Aber komm am Wochenende vorbei, dann zeige ich euch das Haus. Und bring deinen Mann mit.

Sie umarmten sich und Anneliese fühlte, wie etwas Wichtiges zurück in ihr Leben kroch etwas, das sie fast durch ihre eigene Blindheit verloren hätte.

Auf dem Rückweg kaufte sie im Supermarkt eine Flasche guten Rotwein und eine Schachtel Pralinen. Heinrich erwartete sie an der Tür, das Gesicht ein wenig besorgt.

Wie liefs?

Wir haben uns ausgesprochen, sagte Anneliese, reichte ihm die Tüte. Und Lotte sagt, das Service gefällt ihr jetzt. Sie will es auf dem Landhaus stellen.

Siehst du?, jubelte Heinrich. Ich habe doch gesagt, das war ein gutes Geschenk!

Anneliese lächelte nur. Lassen wir ihn denken, er hätte gewonnen. Wichtig ist, dass Frieden in der Familie mehr wiegt als jedes ServiceSet und jede kleine Kränkung.

Heinrich, rief sie, während sie in die Küche ging, wusstest du, dass unsere Tochter Spanisch lernt und nach Barcelona fahren will?

Das kann nicht sein!, staunte er. Warum sollte sie in ihrem Alter noch Spanisch lernen?

Weil das Leben nicht mit sechzig endet, sagte Anneliese und holte die Gläser. Und wir beide auch nicht. Vielleicht lernen wir ja noch etwas Neues.

Heinrich blickte skeptisch: Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel, einander wirklich zuzuhören, goss Anneliese den Wein ein. Und Geschenke mit Herz zu wählen, nicht aus dem Sideboard.

Abgemacht, hob Heinrich das Glas. Auf einen neuen Abschnitt in unserem Leben!

Der Obstkorb stand noch immer auf dem Tisch, doch Anneliese sah ihn jetzt mit anderen Augen. Manchmal kann sogar das unglücklichste Geschenk der Anfang von etwas Wichtigem und Wahrhaftigem sein.

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Das Geschenk, für das man sich schämt
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