Ich beginne den Tag gern mit dem geöffneten Fenster meiner kleinen Wohnung im Berliner PrenzlauerBerg. Die Luft ist noch frisch, das Morgenlicht fällt sanft auf die Fensterbank, und aus dem Hof dringen die ersten Schritte der Vorbeigehenden und das fröhliche Zwitschern einer Amsel. Während der Kaffee auf dem Herd durchzieht, schalte ich meinen Laptop ein und starte sofort Telegram. In den letzten beiden Jahren hat dieser Kanal für mich nicht nur als ArbeitsplatzTool gedient, sondern fast wie ein persönliches Logbuch beruflicher Beobachtungen. Dort teile ich Tipps für meine Kolleginnen und Kollegen, beantworte Fragen der Abonnenten und entscheide typische Fallstricke meiner Branche stets sachlich, ohne Belehrung, mit Geduld für fremde Fehltritte.
Mein Arbeitstag ist fast minutiös geplant: Videokonferenzen mit Mandanten, Dokumentenprüfung, EMailKorrespondenz. Doch selbst zwischen den Terminen schnappe ich immer wieder kurz in den Kanal. Regelmäßig tauchen neue Nachrichten auf jemand bittet um Rat, ein anderer dankt für eine ausführliche Erklärung eines komplizierten Sachverhalts. Manchmal schlagen Abonnenten Themen für kommende Beiträge vor oder erzählen eigene Geschichten. Nach zwei Jahren habe ich das Gefühl, dass die Community zu einem echten Unterstützungsnetzwerk geworden ist.
Der Morgen verläuft ruhig: ein paar neue Fragen zu meinem letzten Beitrag, mehrere Danksagungen für das gestrige Posting zu rechtlichen Feinheiten, ein Kollege schickt mir einen Link zu einem brandaktuellen Fachartikel. Ich notiere mir ein paar Ideen für zukünftige Beiträge und schließe das Tab mit einem Lächeln ein arbeitsreicher Tag liegt vor mir.
Zur Mittagspause öffne ich Telegram erneut. Mein Blick bleibt an einem merkwürdigen Kommentar zu meinem neuesten Post hängen: ein unbekannter Nutzer, ein scharfer Ton. Der Verfasser wirft mir Unprofessionalität vor und bezeichnet meine Ratschläge als nutzlos. Zunächst ignoriere ich das, doch eine Stunde später tauchen weitere ähnliche Nachrichten von anderen Nutzern auf alle in gleicher anklagenden, herunterspielenden Sprache. Sie behaupten, ich hätte Fehler in den Materialien, zweifeln an meiner Qualifikation und machen sarkastische Bemerkungen wie Ratschläge vom Theoretiker.
Ich antworte höflich und mit Quellenangaben auf die erste Beschwerde, erkläre die Logik meiner Empfehlungen. Doch der Strom der Negativität nimmt zu: Neue Kommentare beschuldigen mich nun sogar der Unehrlichkeit und Voreingenommenheit. Einige Nachrichten enthalten subtile persönliche Angriffe oder verspotten meinen Schreibstil.
Am Abend versuche ich, mich mit einem Spaziergang abzulenken. Die Sonne steht noch nicht tief, die Luft ist mild, das Gras auf den Hofflächen duftet nach frisch gemähtem Grün. Trotzdem kehren meine Gedanken immer wieder zum Handy zurück. In meinem Kopf springen Formulierungen für mögliche Gegenargumente. Wie soll ich meine Kompetenz beweisen? Ist es überhaupt nötig, fremden Leuten etwas zu beweisen? Warum entsteht aus einem vertrauensvollen Austausch plötzlich ein Lawinenartiger Strom von Verurteilungen?
In den nächsten Tagen eskaliert die Situation. Unter jedem neuen Beitrag sammeln sich dutzende gleichartiger, spöttischer Kommentare; die früheren Dankesworte und sachlichen Fragen werden kaum noch gesehen. Ich merke, dass ich die Benachrichtigungen mit wachsender Scheu öffne meine Handflächen werden feucht bei jedem Piepton. Abends sitze ich lange vor dem Laptop und überlege, was diese aggressive Welle ausgelöst haben könnte.
Am fünften Tag fällt mir das Arbeiten schwer meine Gedanken wandern immer wieder zurück zum Kanal. Es fühlt sich an, als könnten all die Jahre an Arbeit vor diesem Misstrauen verblassen. Ich antworte kaum noch auf Kommentare; jedes Wort erscheint mir zu verletzlich oder ungenau. Ich spüre eine Einsamkeit in dem Raum, der einst so freundlich war.
Schließlich entscheide ich, die Kommentare zu deaktivieren. Meine Hände zittern stärker als sonst, ich halte kurz den Atem an, bevor ich den Schalter drücke. Dann schreibe ich einen knappen Hinweis: Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich lege für eine Woche eine Pause ein. Der Kanal wird bis auf Weiteres stillgelegt, um das Format zu überdenken. Die letzten Zeilen fallen mir besonders schwer ich möchte nichts ausführlich erklären, doch die Energie dazu fehlt.
Als die Bestätigungsbox erscheint, fühle ich Erleichterung gemischt mit Leere. Der Abend ist warm, ein frischer Duft von Kräutern dringt durch das angelehnte Küchenfenster. Ich schließe den Laptop und sitze lange schweigend am Tisch, lausche den Stimmen von draußen und frage mich, ob ich jemals wieder zu dem zurückkehren kann, was mir einst Freude bereitete.
Die Stille nach dem Ausschalten des Kanals ist ungewohnt. Der Reflex, Nachrichten zu prüfen, bleibt, doch gleichzeitig spüre ich eine befreiende Leichtigkeit: Kein ständiges Rechtfertigen, kein ständiges Formulieren, um jedem gerecht zu werden.
Am dritten Tag der Pause erreicht mich die erste Nachricht. Zunächst kurz und sachlich von einem Kollegen: Ich sehe, dass es still ist wenn du Unterstützung brauchst, ich bin da. Weitere Nachrichten folgen, von Menschen, die mich persönlich kennen oder bereits lange meine Beiträge lesen. Sie teilen ähnliche Erfahrungen mit Kritik und berichten, wie schwer es sei, Angriffe nicht persönlich zu nehmen. Ich lese diese Zeilen langsam, immer wieder, besonders die warmen Passagen.
In privaten Nachrichten fragen die Abonnenten häufig nach dem Grund, ob alles in Ordnung sei. Ihre Worte sind voller Sorge und Verwunderung: Für sie war der Kanal ein Ort des Austauschs und des Rückhalts. Trotz der vorherigen Flut von Negativität zeigen sich jetzt die meisten ehrlich und ohne Anspruch. Manche danken einfach für frühere Beiträge, erinnern an einzelne Tipps aus den letzten Jahren.
Einmal erhalte ich einen langen Brief von einer jungen Kollegin aus Hamburg: Ich verfolge Sie fast von Anfang an. Ihre Materialien halfen mir, meine erste Stelle in der Branche zu bekommen und Fragen zu stellen, ohne Angst zu haben. Dieser Brief bleibt länger in meinem Gedächtnis; er löst in mir ein seltsames Gemisch aus Dankbarkeit und leichter Verlegenheit aus als würde mir jemand ein vergessenes, aber wichtiges Stück meiner Motivation zurückgeben.
Nach und nach weicht die Anspannung dem Nachdenken. Warum können fremde Meinungen so zerstörerisch sein? Warum verblassen hunderte friedliche Rückmeldungen im Lärm von ein paar bösen Kommentaren? Ich erinnere mich an Fälle, in denen Kunden nach schlechten Erfahrungen mit anderen Beratern bei mir Trost fanden, weil ich komplexe Zusammenhänge einfach erklärte. Ich weiß aus eigener Praxis: Unterstützung wirkt stärkender als Kritik; sie gibt Kraft, weiterzumachen, selbst wenn Aufgeben verführerisch scheint.
Ich lese meine allerersten Beiträge noch einmal diese Texte entstanden ohne Angst, ohne das Gefühl, von einem imaginären Publikum beurteilt zu werden. Damals schrieb ich für Kolleginnen wie Liselotte Schröder genauso offen, wie ich heute in einem Gespräch nach einer Konferenz reden würde. Jetzt wirken diese Aufzeichnungen besonders lebendig, weil sie ohne Furcht vor Spott entstanden sind.
Nachts blicke ich häufig auf die Äste der Bäume vor meinem Fenster das dichte Grün wirkt wie eine schützende Mauer zwischen meiner Wohnung und der Straße. Während der Woche gönne ich mir, langsam zu frühstücken frische Gurken und Radieschen vom Markt, ein kurzer Spaziergang über die schattigen Pfade des Innenhofs nach der Arbeit. Manchmal telefoniere ich lange mit Kolleginnen, manchmal sitze ich schweigend da.
Gegen Ende der Woche schwindet die innere Angst. Das berufliche Netzwerk erweist sich als stabiler als die kurzlebige Welle des Ärgers. Freundliche Nachrichten und Erfahrungsberichte geben mir das Gefühl, dass meine Arbeit nach wie vor gebraucht wird. Ich verspüre den leisen Wunsch, zum Kanal zurückzukehren diesmal jedoch ohne den Zwang, jedem zu gefallen, und ohne das Verlangen, jede Spitze zu kontern.
In den letzten beiden Pausetagen prüfe ich die TelegramEinstellungen für Kanäle genauer. Es gibt die Möglichkeit, Diskussionen nur für registrierte Mitglieder zu öffnen, unerwünschte Beiträge schnell zu löschen und vertrauenswürdige Kolleginnen als Moderatorinnen zu ernennen. Diese technischen Möglichkeiten geben mir Sicherheit: Jetzt habe ich Werkzeuge, um mich und meine Leser vor erneuten Angriffen zu schützen.
Am achten Pausetag wache ich früh auf und fühle sofort Ruhe die Entscheidung kam ohne inneren Druck. Ich stelle den Laptop an das Küchenfenster; die Sonne beleuchtet bereits den Tisch und den Teil des Bodens neben der Fensterbank. Bevor ich den Kanal wieder für alle öffne, schreibe ich eine kurze Mitteilung: Liebe Kolleginnen und Kollegen, vielen Dank für die persönliche Unterstützung in den letzten Tagen. Der Kanal ist jetzt wieder aktiv, jedoch nur für Gruppenmitglieder. Die neuen Regeln sind simpel: gegenseitiger Respekt ist Pflicht. Ich füge ein paar Zeilen hinzu, warum ein offenes, aber geschütztes Umfeld für den fachlichen Austausch wichtig ist.
Der erste neue Beitrag ist knapp ein praktischer Hinweis zu einer kniffligen Rechtsfrage der Woche; der Ton bleibt wie gewohnt sachlich und freundlich. Schon nach einer Stunde kommen Rückmeldungen: Dank für die Rückkehr, Fragen zum Thema, kurze Unterstützungsbotschaften. Einer schreibt einfach: Wir haben Sie vermisst.
Ein vertrautes Gefühl von Leichtigkeit kehrt zurück es verblasst nicht, obwohl die vergangene Woche voller Zweifel war. Ich muss meine Kompetenz nicht mehr gegenüber Streitern beweisen; ich kann meine Energie dorthin lenken, wo sie wirklich gefragt ist in die Gemeinschaft von Kolleginnen, Kollegen und Interessierten.
Am Abend gehe ich erneut spazieren, diesmal vor Sonnenuntergang. Die Bäume werfen lange Schatten auf die gepflasterten Wege, die Luft ist kühl nach dem Tag, aus den Fenstern benachbarter Häuser dringen Gespräche über das Abendessen und Telefonate. Meine Gedanken kreisen nicht mehr um Angst, sondern um neue Themen für zukünftige Beiträge und mögliche gemeinsame Projekte mit Kolleginnen aus anderen Städten.
Ich fühle mich wieder als Teil von etwas Größerem, ohne Furcht vor zufälligen Angriffen von außen, und mit dem klaren Vertrauen, dass ein ehrlicher Dialog möglich ist, wenn man klare Grenzen zieht.
Heute lerne ich: Man muss sich selbst schützen, bevor man anderen helfen kann; Grenzen setzen bedeutet nicht Schwäche, sondern Stärke.







