Mama ließ mich nicht zur Jubiläumsfeier kommen

Der Flur in der alten Plattenbauwohnung war schmal und endlos lang, fast wie eine Wurst. An den Wänden hingen vergilbte Tapeten mit Blumenmuster, und unter den Füßen knarrte der Parkettboden, der noch aus den 80erJahren stammte. Der Geruch von gekochtem Kohl und Katzen lag stets in der Luft, obwohl in Wohnung7 nie eine Katze gelebt hatte.

Helga Schröder öffnete die Tür nicht sofort. Zuerst rang sie mit den alten Schlössern, dann prüfte sie die Besucherin einen Moment lang durch den Türspion, bevor sie sie endlich hereinließ.

Endlich!, rief sie und umfing ihre Tochter Lena. Ich dachte, du kommst nicht. Komm rein, ich habe einen Kuchen im Ofen.

Lena wankte verlegen von Bein zu Bein, ein Geschenkspaket fest in den Händen.

Mama, ich habe nur ganz kurz Zeit. Ich wollte dich nur kurz gratulieren und dann gleich wieder los. Markus wartet schon im Auto.

Helgas Gesicht wechselte augenblicklich von Freude zu Enttäuschung.

Kurz? Ich habe den Tisch gedeckt, alles vorbereitet. Frau Ursula von der fünften Etage kommt, meine Schwester Anja mit ihrer Enkelin. Wir warten auf dich. Ein 65jähriges Jubiläum ist keine Kleinigkeit.

Mama, nagte Lena, ich habe dir ja am Telefon erklärt: Heute ist der 70.Geburtstag meines Schwiegervaters, große Feier im Restaurant. Alle Verwandten, Freunde, Kollegen wir können das nicht verpassen.

Und zu meinem Geburtstag darf ich dann einfach nicht kommen?, schnippte Helga. Bin ich jetzt schlechter als dein Schwiegervater?

Mama, warum sagst du so etwas?, fühlte sich Lena in die Enge getrieben. Ich wollte deinen Geburtstag auf morgen verschieben, alles familiär, mit Torte und Geschenken. Aber du hast nur heute akzeptiert.

Wie soll ich das verschieben? Mein Geburtstag ist heute, nicht morgen!, schwenkte Helga die Hände. Und Ursula ist schon eingestimmt, den Kuchen habe ich gebacken. Was soll ich ihnen sagen? Dass meine Tochter lieber bei fremden Leuten ist als bei ihrer eigenen Mutter?

Im Flur wurde es stickig. Der Duft des Kuchens drang aus der Küche und brachte Lena fast um den Verstand oder war es das ständige Schuldgefühl, das sie ihr ganzes Leben begleitete.

Sie sind nicht fremd, Mama, sagte sie. Das ist die Familie meines Mannes. Wir haben vor einer Woche die Einladung bekommen, noch bevor du die Feier geplant hast.

Vor einer Woche? Und ich? Wann bin ich geboren, erst gestern?, schnaufte Helga. Den Geburtstag der Mutter sollte man immer im Herzen tragen, nicht erst, wenn die Post eintrifft.

Lena sah auf die Uhr. Markus wartete schon seit fünfzehn Minuten im Auto. Sie waren zu spät.

Mama, ich kann jetzt nicht streiten. Hier, das Geschenk, sagte sie und reichte das Paket. Ein elektrischer Wasserkocher mit Temperaturregler, wie du wolltest. Und hier noch ein Umschlag das Geld für den neuen Mantel, den du bei Schneekönigin ausgespäht hast.

Helga nahm weder das Geschenk noch den Umschlag an.

Ich brauche keine Almosen, schnappte sie. Ich will die Aufmerksamkeit meiner eigenen Tochter. Was habe ich davon, wenn du nicht einmal meine Enkelin deine eigene Enkelin mitbringst?

Mia liegt mit Fieber, 38,5Grad, murmelte Lena müde. Ich habe dir heute Morgen angerufen, die Nanny ist da.

Nanny!, schwenkte Helga die Hände. Und die Oma reicht nicht? Glaubst du, ich schaffe das nicht?

Mama, das hat ja nichts mit

Ein Klopfen an der Tür. Vor der Tür stand Ursula, die Nachbarin von der fünften Etage, gleichaltrig mit Helga, in einem schicken Kleid und einem Kuchen in den Händen.

Helga, alles Gute zum Geburtstag!, rief sie, stockte aber sofort, als sie die angespannte Miene von Mutter und Tochter sah. Oh, zu spät?

Komm rein, Ursula!, jubelte Helga. Genau rechtzeitig. Das ist meine Tochter Lene, die nur kurz rüberkam, um zu gratulieren, und jetzt schon wieder weg muss zu wichtigeren Leuten.

Ursula lächelte verlegen. Ach Helga, die Jugend hat ihr eigenes Leben, das muss man akzeptieren.

Ich halte niemanden fest!, riss Helga demonstrativ zurück und öffnete den Durchgang. Geh, Lene, geh! Lass den Schwiegervater nicht böse werden. Und die Mutter? Die wird schon überleben, die ist ja halt eine Mutter.

Lena stand da, Geschenk und Umschlag fest umklammert, nicht wissend, was sie tun sollte. Ihr Handy vibrierte wahrscheinlich fragte Markus, wo sie bleibe.

Mama, bitte, flüsterte sie. Lass uns keine Szene vor fremden Leuten machen. Ich komme morgen mit Mia, sobald es ihr besser geht, und wir feiern richtig als ganze Familie.

Fremde?, zog Helga die Augenbrauen hoch. Ursula ist mir näher als manche Verwandten. Sie besucht mich, fragt nach meinem Befinden, während andere nur einmal im Monat reinschneien, Geld reinschieben und zufrieden gehen. Das reicht nicht.

Ursula wankte von Fuß zu Fuß, offensichtlich betrübt, dass sie Zeugin dieses Streits geworden war.

Ich gehe mal in die Küche und stelle den Wasserkocher auf, murmelte sie und verschwand hastig in die Wohnung.

Okay, sagte Lena entschlossen und stellte das Geschenk auf den Nachttisch, den Umschlag daneben. Ich habe dich verstanden, Mama. Tut mir leid, dass ich nicht bleiben konnte. Alles Gute zum Geburtstag.

Sie gab ihrer Mutter einen schnellen Kuss auf die Wange und verließ das Haus, bevor Helga noch etwas Unfreundliches sagen konnte. Im Treppenhaus roch es nach Feuchtigkeit und Staub. Lena lehnte sich an die Wand, atmete tief durch und versuchte, Ruhe zu finden.

Das Handy vibrierte erneut. Dieses Mal nahm sie den Anruf entgegen.

Ja, Markus, ich bin schon unten.

Warum dauert das so lange?, klang Markus besorgt. Wir sind schon zwanzig Minuten zu spät.

Alles wie immer, antwortete Lena knapp. Erzähle ich dir später alles.

Sie ging die heruntergekommene Treppe hinunter und trat nach draußen. Markus Toyota stand vor dem Haus, er trommelte ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad.

Na, wie gehts?, fragte er, als Lena einstieg.

Ich habe mich nicht verabschiedet, schnallte sie den Gurt an. Sie meinte, ich sei keine Tochter, weil ich zum Geburtstag meines Schwiegervaters gehe und nicht bei ihr bleibe.

Markus seufzte. Schon wieder 25Jahre. Vielleicht hättest du bleiben sollen?

Und was hätte das geändert?, gähnte Lena. Morgen würde sie wieder einen Grund finden, sich zu beleidigen. Das Geschenk, die laute Mia, meine seltenen Besuche das wird nie ein Ende haben. Das ist ein endloser Kreislauf, Markus.

Markus fuhr los, und sie fuhren zum Restaurant, wo die Gäste für den 70.Geburtstag von Günther Braun bereits warteten. Elegant gekleidet, lächelnd, die Lichter funkelten an der Tür.

Wir sind da, sagte Markus beim Parken. Versuch heute nicht an Mama zu denken, ja? Dein Vater wartet schon.

Lena nickte, griff nach ihrem Lippenstift aus der Handtasche und setzte ein Lächeln auf. Man muss ja für die Öffentlichkeit gut aussehen.

Im Restaurant war es laut und voll. Günther Braun, ein hochgewachsener, grauer Mann mit militärischer Haltung, begrüßte sie am Eingang des Festsaals.

Endlich meine Verspäteten!, rief er, umarmte zuerst seinen Sohn und dann Lena. Du siehst fabelhaft aus!

Herzlichen Glückwunsch, Papa, drückte Lena den Schwiegervater an die Wange. Entschuldige die Verspätung, ich meine Mutter hat mich aufgehalten.

Günthers Gesicht wurde ernst. Wie geht es ihr? Grüße sie von mir. Ein bisschen unglücklich, dass die Geburtstage zusammenfallen, was?

Ja, etwas unglücklich, stimmte Lena zu, bemüht, locker zu klingen. Aber wir feiern morgen nochmal getrennt.

Und Mia?, fragte Günther. Markus meinte, sie wäre krank.

Fieber, nickte Lena. Nichts Ernstes, nur eine Erkältung. Wir haben sie zu Hause gelassen, um sie nicht anzustecken.

Richtig, bestätigte Günther. Die Gesundheit des Kindes geht vor. Setzt euch, alle sind schon am Tisch.

Der Saal füllte sich mit Musik, Kellnern, die Getränke servierten, und Plaudern. Lena und Markus setzten sich, während Markus sofort mit Gesprächen losging. Lena tat nur so, als würde sie Spaß haben, ihr Kopf schwebte zurück zu der alten Wohnung mit den vergilbten Tapeten, wo Helga vermutlich gerade über ihre undankbare Tochter jammerte.

Während einer kurzen Pause kam Tatjana, Markus Mutter, elegant in einem blauen Kleid, zu Lena.

Lena, du siehst heute etwas traurig aus, bemerkte sie. Ist alles in Ordnung?

Ach, nichts, nur ein bisschen Sorgen um Mia, lächelte Lena gezwungen. Die Nanny hat angerufen, das Fieber geht nicht weg.

Verstehe, nickte Tatjana. Kinder werden halt oft krank. Das geht vorbei. Und ich habe von deiner Mutter gehört, das Datum fällt zusammen. Das ist mir echt unangenehm.

Lena seufzte. Was hat das damit zu tun? Ein Geburtstag ist ein Geburtstag, den lässt man nicht verschieben. Meine Mutter ist einfach kompliziert.

Ich verstehe, legte Tatjana ihre Hand beruhigend auf Lenas Schulter. Weißt du, meine Schwiegermutter war auch nicht leicht. Jedes Mal, wenn wir zu ihr kamen, fand sie irgendeinen Grund, mich zu kritisieren sei es als Hausfrau, Mutter oder sogar bei meiner Kleidung. Ich habe lange darunter gelitten.

Und wie hast du das geschafft?, fragte Lena neugierig.

Gar nicht, antwortete Tatjana mit müdem Lächeln. Ich habe geschwiegen, ertragen, überlebt. Dann kam die Erkenntnis: Ich kann die andere Person nicht ändern, nur meine Einstellung zu ihr. Man muss akzeptieren, dass jemand nie das ideale BuchMutterBild ist. Sie wird jammern, manipulieren das ist ihre Wahl. Unsere Wahl ist, wie wir darauf reagieren.

Lena dachte nach. Tatjanas Worte trafen, doch

Ich habe trotzdem Mitleid, gestand sie. Sie sitzt allein, an ihrem Geburtstag, verärgert und traurig.

Sie ist nicht allein, erwiderte Tatjana. Sie hat ihre Freundin Ursula. Und sie hat sich bewusst dafür entschieden, beleidigt zu sein, statt die Situation zu akzeptieren. Das ist ihr Recht. Aber du hast auch ein Recht auf dein Leben, deine Entscheidungen und Prioritäten.

Ein weiterer Toast unterbrach das Gespräch. Alle erhoben die Gläser, ein Cousin von Markus hielt eine rührende Rede über Familienwerte.

Lena lächelte mechanisch, aber in ihrem Kopf blieb das Bild ihrer Mutter wütend, verletzt, allein. Nachdem alle wieder Platz genommen hatten, schlich sie ihr Handy hervor und schrieb an die Nanny: Wie geht es Mia? Die Antwort kam sofort: Schläft. Temperatur 37,4°C. Keine Sorge.

Ein wenig beruhigt, schrieb sie ihrer Mutter: Herzlichen Glückwunsch, Mama. Ich habe dich sehr lieb. Morgen komme ich mit Mia, sobald es ihr besser geht, und wir feiern richtig, als Familie.

Zuerst kam keine Antwort, dann vibrierte das Telefon erneut. Danke für die Glückwünsche. Der Kuchen von Ursula war ja kaum zu essen nur Chemie. Dein Kuchen wäre besser gewesen. Küsse, Mama.

Lena musste unwillkürlich lächeln. Das war das herzlichste, was Helga je sagen konnte.

Etwas Gutes?, fragte Markus, als er ihr Lächeln bemerkte.

Mama hat geschrieben, zeigte Lena das Bild. Ich glaube, sie ist fast nicht mehr böse.

Markus schnaubte: Für deine Mama ist das fast ein Liebesgeständnis.

Der Abend ging weiter mit Reden, Tanz und kleinen Spielen. Nach und nach lockerte sich Lena, genoss sogar ein wenig den Moment. Sie erkannte, was Tatjana gesagt hatte: Man kann sich nicht ewig selbst die Schuld geben, weil man nicht den Erwartungen anderer entspricht selbst wenn es die eigenen Eltern sind.

Spät in der Nacht fuhren sie nach Hause. Die Nanny meldete, dass Mia friedlich schlief und das Fieber fast gesunken war.

Morgen fahren wir zur Oma, sagte Lena, während sie das Kinderzimmer betrat und die Decke um die schlafende Kleine zog. Wir machen ihr richtig Geburtstag.

Bist du sicher?, fragte Markus, zog den Krawattenknoten los. Vielleicht lässt du sie noch ein paar Tage ärgerlich sein, dann schätzt sie den Besuch besser.

Nein, antwortete Lena entschlossen. Sie ist meine Mutter, mit allen Macken. Ich will keinen Groll zwischen uns. Das Leben ist zu kurz, um das zu verlieren.

Am nächsten Morgen buk Lena den Lieblingskuchen ihrer Mutter einen saftigen Honigkuchen zog Mia ein hübsches Kleid an und fuhr zur Feier von Helgas 65.Geburtstag. Auf dem Weg kaufte sie einen Strauß weißer Chrysanthemen, Helgas Lieblingsblumen.

Helga öffnete die Tür, als ob sie schon darauf gewartet hätte. Ihr Haar war zu einem ordentlichen Festfrisur gekämmt, das neue Kleid lag bereit.

Oma!, schrie Mia, sprang ihr in den Arm. Alles Gute zum Geburtstag! Schau, was wir dir mitgebracht haben!

Sie hielt ein etwas unbeholfen verpacktes Kästchen mit Perlen, das sie im Laden ausgesucht hatte.

Helga strahlte, hob die Enkelin hoch: Mia, ich dachte, du wärst noch krank!

Nicht mehr!, rief das Mädchen stolz. Der Arzt sagt, ich bin ein Champion.

Lena stellte den Kuchen hin, reichte ihrer Mutter den Strauß: Alles Gute zum Geburtstag, Mama.

Sie umarmten sich, und Lena spürte, wie Helga sie fest an sich drückte. Der Groll war für einen Moment verschwunden.

Kommt rein, ihr Lieben, fluchte Helga fröhlich, während sie den Tisch deckte. Tee ist fertig, die Brötchen frisch. Und der Kuchen von Ursula gestern reine Chemie war kaum zu essen. Wir haben ihn ja glatt ausgetrunken.

Lena wirkte zu ihrer Tochter und zwinkerte ihr. Alles war wie gewohnt, nur dass das leichte Ärgergefühl nun von einem warmen Lächeln verdrängt wurde. Mutter ist Mutter mit allen Eigenheiten und einem schwer zu knacken Temperament. Und genau das ist es, was das Leben lebenswert macht.

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Mama ließ mich nicht zur Jubiläumsfeier kommen
Resentment Overwhelmed the Young Woman’s Heart