28.September2025
Heute früh wurde mir ein kleines Kästchen vor die Tür des Stadtkrankenhauses in Bergdorf gestellt. Der erste, der es bemerkte, war unser Hausmeister, Herr Klaus Weber. Er steht schon seit Morgengrauen bereit, seine zugewiesenen Aufgaben zu erledigen ein Mann, der seine Arbeit mit der Sorgfalt eines ehemaligen Buchhalters ausführt. Nach seiner Pensionierung wollte er nicht zu Hause sitzen, also nahm er die Stelle als Hausmeister an, nicht wegen des Geldes, sondern weil er etwas zu tun brauchte.
Als Herr Weber das Kästchen sah, wusste er sofort, dass ein Kind darin liegen musste, obwohl kein Laut zu hören war. Er warf einen Blick hinein, bestätigte seine Vermutung und klopfte sofort an die Tür des Kinderspitals. Er betete still, dass es dem Kleinen gut gehen möge, denn das leise Schlummern des Babys wirkte verdächtig. Zu seiner und der Freude des medizinischen Personals stellte sich jedoch heraus, dass das Kind gesund und lebhaft war.
Bergdorf ist ein kleines Städtchen, in dem jeder jeden kennt. Die Vermutung fiel sofort auf Liesel Lenz, eine Frau, die fast jedes Jahr ein Kind zur Welt bringt und es sofort dem Staat überlässt. Sie hatte nie offizielle Aufzeichnungen und ging während ihrer Schwangerschaften nie ins Krankenhaus. Nach gründlicher Untersuchung stellte sich jedoch klar, dass Liesel diesmal keinerlei Verbindung zu dem Fund hatte.
Die leibliche Mutter wurde nie gefunden; das Baby wurde nach den nötigen Untersuchungen in das nahegelegene Kinderheim St. Michael gebracht. Kaum war das Kind ausgebreitet, rief eine Krankenschwester begeistert:
Schau nur, wie ein kleiner Kürbis! Wer legt ein so kleines Wesen einfach vor die Tür?
Von da an nannte man das Kind liebevoll Kürbis, weil es so rund und gesund wirkte. Später erhielt es einen richtigen Namen Lukas den Herr Weber vorschlug. Doch das SpitzKürbis blieb ihm erhalten, und im Heim hieß man ihn stets so.
Nur kurz blieb Lukas im Heim, denn eine Pflegefamilie nahm ihn sofort auf. Alle freuten sich, besonders Frau Anna Matthäus, die Leiterin des Heims. Drei Jahre später, als die Familie ihr eigenes Kind bekam, war Lukas plötzlich nicht mehr erwünscht. Er kehrte zurück ins Heim, nun etwas schlanker, aber klug und lebhaft offensichtlich gut betreut, jedoch nicht mehr gebraucht.
Die Rückkehr traf alle schwer. Lukas weinte oft, rief nach seiner Mutter, seinem Vater, seiner Großmutter, blickte stundenlang aus dem Fenster, doch niemand kam. Der Sommer brachte viel Zeit im Freien, und Lukas zog sich immer mehr zurück, traute den Erwachsenen kaum noch. Er spielte meist allein, versteckte sich an unauffälligen Plätzen.
Dann kam Mucki, ein streunender Kater, ins Kinderheim. Das Halten von Katzen war streng verboten, doch Mucki kehrte immer wieder zurück. Frau Matthäus versuchte, ihn loszuwerden, indem sie ihn der Küchenchefin, Frau Erika, übergab. Doch Erika ließ ihn wieder zurückkehren. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, den Kater zu vertreiben, blieb Mucki hartnäckig. Er folgte Frau Erika heimlich zur Arbeit, ließ sich nicht von ihr hinauswerfen und wurde von ihr Mucki genannt, weil er immer wieder schlau austrickste.
Mucki blieb im Heim, mied Kinder, hielt sich meist auf dem Dach des Wachhauses auf, doch für Lukas wurde er überraschend zum besten Freund. Seitdem wirkte Lukas offener und freundlicher. Frau Matthäus brachte Mucki zum Tierarzt, um sicherzugehen, dass er gesund war. Lukas bemerkte die Abwesenheit des Katers kaum, doch Mucki hegte einen stillen Groll gegen Frau Matthäus, weil er nie in ihr Zimmer durfte.
Ein Ehepaar, das bereits eine Tochter hatte, zeigte Interesse an Lukas. Sie wollten kein weiteres leibliches Kind, sondern einem Waisenkind ein Zuhause geben. Sie gefielen Frau Matthäus sofort, weil sie herzlich und hilfsbereit wirkten. Als sie erfuhren, dass Lukas zweimal aus dem Heim verstoßen worden war, beschlossen sie, ihn zu adoptieren, ohne zu zögern.
Lukas schloss sich Tatjana und Sascha an, die Eltern, und deren Eltern. Zur Überraschung von Saschas Vater, Herrn Weber, stellte sich heraus, dass Lukas derselbe Kürbis war, den Herr Klaus früher vor der Tür gefunden hatte. Herr Klaus lachte, hielt den Jungen auf dem Schoß und sagte:
Siehst du nur, wie das Schicksal uns zusammenführt! Ich habe dir den Namen gegeben, und nun bist du wieder bei mir, mein fast vergessener Enkel! Der liebe Gott wirkt auf seltsame Weise!
Lukas verstand nicht ganz die Worte des alten Mannes, nickte aber lächelnd. Alle waren von den Zufällen überwältigt, aber glücklich.
Als die Erwachsenen sich verabschiedeten und zum Auto gingen, blieb Lukas plötzlich stehen und begann zu weinen. Tatjana versuchte ihn zu trösten, verstand jedoch nicht, warum er so verzweifelt war. Frau Matthäus erklärte, dass Mucki, der nun draußen am Fenster saß, der Grund für die Tränen war der Kater hatte sich von ihm getrennt gefühlt.
So wuchs die Familie um zwei Mitglieder: einen wunderbaren Sohn und einen noch wunderbaren Kater.
Rückblickend erkenne ich, dass das Leben oft unerwartete Wendungen bereithält. Manchmal finden wir Freundschaft dort, wo wir am wenigsten suchen, und ein kleines Wesen kann große Herzen berühren. Die Lektion, die ich aus diesem Jahrzug ziehe, lautet: **Echte Fürsorge und Mitgefühl finden ihren Weg, egal wie verworren die Pfade des Schicksals auch sein mögen.**







