Nur an dich denkst du!
Bitte, Sofie, hör nicht zu gehen, flehte ihre Cousine Lina, ich schaffs nicht ohne dich. Ich kann Felix nicht auf den Beinen halten! Ich habe kein Geld, ich arbeite nicht, und du verdienst ja gut Sofie, leih mir wenigstens zehn Euro! Ich zahle zurück, das verspreche ich. Nach ein paar Tagen, wirklich.
Für Lina war niemand näher als ihre Cousine Dina. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war seit Jahren abgekühlt, und das Gespräch mit der jüngeren Schwester war seit einem älteren Familienstreit erfroren. Lina fühlte sich ihr gegenüber schon seit Kindheit benachteiligt. Das Studium hatte sie eigenständig abgeschlossen, lange nach ihrem Platz im Leben gesucht. Sobald sie endlich gut verdiente, sicherte sie sich zuerst eine eigene Wohnung sie nahm eine Baufinanzierung auf und kaufte ein Appartement im Berliner Stadtteil Friedrichshain, nicht weit vom Zentrum.
Sofie arbeitete unermüdlich, nahm Überstunden, brachte Projekte heim und verbrachte das Wochenende im Büro. Ihre Cousine Dina dagegen liebte luxuriöse Urlaube und lebte fast ausschließlich von den Männern, die ihr Geld leihen. Regelmäßig nahm sie Sofies Geld bis zum nächsten Zahltag in Anspruch. Anfangs sah Lina nichts Verwerfliches darin.
Eines Abends vibrierte das Telefon. Auf dem Display leuchtete Dinas Name:
Hey, Sofie, wie läufts?
Hey, alles gut, ich arbeite gerade. Und du?
Dina seufzte langgezogen:
Hör zu, ich habe ein kleines Problem. Die Vermieterin hat die Nebenkosten plötzlich um 50% erhöht und ich muss jetzt 5000Euro überweisen, sonst werde ich rausgeworfen.
Sofie stockte.
Wieso plötzlich? Was hat sie dazu gebracht?
Sie sagt, alles sei wegen steigender Preise. Kannst du mir aushelfen?
Sofie überlegte, während ihr Herz schneller schlug.
Ich hatte doch Geld für den Sommerurlaub zurückgelegt
Bitte, Sofie! Ich zahle dir in ein paar Tagen zurück. Ein Freund hat mir das Geld versprochen.
Dina, ich spare für eine Reise, und
Kannst du nicht ein paar Tage warten? Bitte, du bist meine Rettung!
Sofie seufzte schwer.
Na gut, aber nur für ein paar Tage. Ich will nicht, dass mein Urlaub wegen deiner Verantwortungslosigkeit verfällt.
Danke, du bist ein Engel! Kennst du meine Kontodaten? Schick das Geld sofort.
Sofie schickte das Geld, doch die Rückzahlung kam nie.
—
Drei Monate später fasste Sofie neuen Mut und rief Dina an:
Dina, hallo, wie gehts dir?
Hey, Sofie! Alles in Ordnung. Was gibts?
Ein Schamgefühl überkam Lina.
Dina, erinnerst du dich an das Geld, das du dir geliehen hast?
Ja, klar, und?
Ich brauche es jetzt dringend. Mein Handy ist kaputt, Kunden rufen an und ich höre sie nicht. Ich muss ein neues kaufen, aber ich habe kein Geld Bitte, gib es zurück.
Dina schnippisch:
Ein neues Handy für fünf Euro? Das ist doch Luxus. Vielleicht kannst du dir etwas Einfacheres besorgen.
Sofie versuchte zu erklären:
Technik ist heute teuer und ich brauche es für die Arbeit, damit ich Programme ausführen kann.
Sofie, ich habe gerade erst in eine teurere Mietwohnung gezogen, die Kosten sprengen mich.
Aber du hast doch versprochen
Ich habe es nicht vergessen. Sobald ich meine Finanzen geregelt habe, zahle ich dir zurück. Versprochen.
Nach mehreren klaren Bitten und leeren Ausflüchten musste Sofie die verlorenen Euro akzeptieren.
—
Einige Monate später klingelte Dina erneut:
Sofie, ich brauche sofort deine Hilfe!
Was schon wieder?
Ich habe kein Geld mehr. Mein Geldbeutel ist leer, und ich habe ständig Hunger.
Warst du zum Arzt?
Keine Zeit dafür.
Du hast seit zwei Monaten keinen Job.
Was soll’s. Sofie, gib mir das Geld, bitte.
Sofie atmete tief ein.
Das Höchste, was ich dir geben kann, sind fünfsechs Euro.
Fünf Euro? Bist du verrückt?
Das ist alles, was ich habe.
Na gut, schick mir fünf.
Sofie versuchte, Begegnungen mit Dina zu vermeiden, doch die Cousine ließ nicht locker, immer wieder um Hilfe zu betteln.
—
Eine ungewollte Schwangerschaft verschärfte Dinas Lage. Sie lebte mit einem vielversprechenden Junggesellen zusammen und glaubte, das Kind würde ihr ein sorgenfreies Leben sichern. Sofie sah das anders. Bei einer Tasse Tee wagte sie vorsichtig:
Dina, solltest du nicht zu sehr auf den Typen setzen?
Warum? Er liebt mich!
Ihr kennt euch erst seit ein paar Wochen. Was, wenn er nicht heiratet?
Er wird mich heiraten, sobald er vom Kind erfährt.
Ich finde, du solltest eher auf dich selbst bauen.
Du bist nur neidisch! Du hast keinen Mann, und wenn das Kind kommt, wird alles gut.
Monate später kam Dina weinend zu Sofie:
Er er hat mich verlassen!
Wer? Der Mann?
Dina nickte, Tränen flossen.
Er sagte, das Kind sei nicht seins. Er hat viele Frauen und drohte, mich zu erpressen, wenn ich ihn damit konfrontiere.
Ich habe dir doch gesagt
Sag nichts! Mir geht es schon schlecht genug! Was soll ich jetzt tun?
Dina, wenn du unsicher bist, überleg, die Schwangerschaft abzubrechen.
Dina schrie hysterisch:
Wie kannst du das sagen? Es sind fünf Monate! Ich habe die Zeit nur genutzt, um ihn zu überzeugen, dass ich nicht wegen Geldes schwanger bin! Wo soll ich ihn jetzt hinwerfen?
Du hast doch gesagt, du hast Angst, es nicht zu schaffen. Ohne Arbeit, ohne Geld, er hat dich verlassen. Denk nach!
Genug, ich werde das Kind trotzdem bekommen. Vielleicht schreibe ich ihm einen Brief, oder er bereut es.
Kannst du mir bis dahin etwas leihen? Der Arzt und die Vitamine kosten viel, und ich habe keinen Cent.
Sofie öffnete die BankingApp, sah ihr Konto und seufzte erneut.
—
Dina holte ihr Kind aus dem Krankenhaus. Fast sofort legte sie Sofies Schultern die Last auf, verlangte Hilfe bei jeder Kleinigkeit, als ginge es immer um das Baby. Morgens bis nachts klingelte sie:
Sofie, kannst du bitte Milch besorgen? Felix weint, weil er hungrig ist.
Dina, es ist schon 21Uhr. Kannst du nicht selbst hingehen? Der Laden ist gleich hier.
Ich habe seit heute Morgen Rückenschmerzen, ich kann mich kaum bewegen. Und das Anziehen von Felix ist mir zu viel.
Sofie seufzte.
Okay, ich gehe, aber das ist das letzte Mal.
Danke, liebste! Und hol bitte noch Windeln, Hafermilch, Hähnchenbrust und ein paar Würstchen.
Als Felix plötzlich Fieber bekam, klingelte Dina mitten in der Nacht:
Sofie, Felix hat Fieber! Ich brauche sofort ein Mittel, bitte!
Wie kommt das? Wir haben doch gerade erst gesprochen.
Ich habe einen Freund, einen Kinderarzt, der mir ein Mittel empfohlen hat. Kauf es in der Notapotheke.
Dina, das ist unverantwortlich! Rufe den Rettungsdienst, nicht irgendeinen Arzt, den du kennst.
Keine Rettung, das reicht! Der Arzt hat gute Präparate, ich vertraue ihm.
Sofie biss sich zusammen, hielt die Wut zurück.
Ich komme gleich, aber das ist das letzte Mal.
Tag für Tag schien Dinas Bitte immer im Namen des Kindes zu kommen, doch die Last wuchs für Sofie. Sie kleidete, fütterte, behandelte Felix fast anderthalb Jahre lang.
—
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, kam mit einer weiteren Bitte:
Sofie, ich brauche dringend ein neues Kleid, sonst habe ich nichts anzuziehen. Und Felix braucht neue Schuhe.
Dina, das reicht! Ich kann das nicht mehr.
Was heißt, ich bin müde? Und wer wird meinem Kind dann helfen? Willst du, dass er hungert und in Lumpen läuft?
Ich will, dass du Verantwortung für dein Leben und dein Kind übernimmst. Ich halte das nicht mehr aus.
Du bist ein Egoist! Du denkst nur an dich!
Mach, was du willst. Aber nicht mit mir.
Sofie drückte den AuflegenKnopf. Dina schickte den Rest des Tages beleidigende Nachrichten, forderte Geld und Entschuldigungen. Sofie hielt die Mauer, ließ sich nicht mehr provozieren. Am nächsten Morgen fuhr sie ins Büro, änderte ihre Telefonnummer und atmete endlich frei. Jetzt musste sie ihr eigenes Leben neu ordnen und herausfinden, wie sie an diesen Punkt gekommen war.







