Der Mann stellt eine Bedingung

Der Ehemann stellt eine Bedingung
Verena starrt auf das über den Küchenboden verstreute Mehl und versucht, die Tränen zurückzuhalten. Im schwachen Licht der Küchenlampe wirken die weißen Streifen auf dem Linoleum wie seltsame Schneeflocken. Aber jetzt bleibt keine Zeit für poetische Vergleiche die Gäste kommen in einer Stunde, und der Apfelkuchen ist noch nicht einmal begonnen.

Schon wieder ein Chaos? knallt Olafs Stimme, als er die Küche betritt. Meine Mutter kommt, und du wie immer.

Verena presst die Lippen zusammen.

War nicht Absicht, Olaf. Der Beutel ist gerissen.

Bei dir geht doch ständig etwas kaputt, fällt, zerbricht, erwidert er irritiert, öffnet den Kühlschrank und holt eine Flasche Mineralwasser heraus. Fünfunddreißig Jahre alt und schon so tollpatschig wie ein Kind.

Verena sammelt das Mehl mit einem Besen ein, ohne ihre Wut zu zeigen. Zehn Jahre dieses Lebens haben ihr beigebracht, Tränen zu schlucken.

Ich fahre los, um meine Mutter zu treffen, sagt Olaf und wirft einen Blick auf die Uhr. Um sieben stellst du den Tisch. Und versuch heute, nicht zu blamieren, okay? Es ist ja ihr Geburtstag.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, lässt Verena sich auf einen Hocker sinken und atmet tief durch. Sie erinnert sich an das erste Treffen mit Olaf in der Bibliothek, wo sie arbeitete. Er war aufmerksam, kam täglich, holte Bücher nach ihren Empfehlungen und blieb oft bis spät. Dann lud er sie ins Theater ein. Sie fühlte sich wie eine Heldin aus einem Liebesroman eine alleinerziehende Mutter aus einer früheren Ehe, die ein gutaussehender, selbstständiger Mann liebte. Wer hätte gedacht, dass das Märchen so abrupt endet?

Kilian schleicht lautlos in die Küche, fast wie ein Gespenst.

Schon wieder am Auspacken? fragt er und deutet zur Eingangstür.

Hör auf, weist Verena ihn zurecht. Du redest über deinen Stiefvater.

Den, der dich wie eine Dienstmagd behandelt.

Verena hat nichts zu erwidern. Mit sechzehn sieht Kilian die Dinge viel zu klar.

Mach deine Hausaufgaben, hör nicht zu, wie die Erwachsenen reden, murmelt sie, während sie weiter aufräumt.

Kilian schnaubt, sagt aber nichts. Stattdessen krempelt er die Ärmel hoch und hilft seiner Mutter.

Wir müssen reden, Mama, sagt er ernst. Nach der Schule will ich nach Berlin, um Programmierer zu werden.

Nach Berlin? stockt Verena mit dem Wischlappen in der Hand. Aber wir hatten doch über unser Studium gesprochen hier gibt es das Wohnheim, die Uni

Und Olaf, der dich ständig nervt, wenn es ihm passt, wirft Kilian ihr ein. Ich kann das nicht mehr ertragen.

Kilian, das ist das erwachsene Leben. In Familien gibt es immer mal was Stressiges, versucht Verena zu beruhigen.

Das ist keine Familie, Mama. Das ist, lässt er den Satz abbrechen, schwenkt den Arm und verlässt die Küche.

Kurz vor dem Eintreffen der Gäste hat Verena den Tisch gedeckt, das Geschirr poliert und sogar den Apfelkuchen aus dem Ofen geholt ihr ganzer Stolz. Schwiegermutter Grete, eine stattliche Frau in einem eleganten Kleid, mustert kritische den Tisch, sagt aber nichts. Das zählt bereits als Sieg.

Bitte, setzen Sie sich, Grete, sagt Verena hastig. Oli und Lukas kommen gleich.

Grete lässt sich auf einen Stuhl fallen, richtet ihr leicht ergrautes Haar.

Wo ist dein Junge? fragt sie in einem Ton, der an ein Haustier erinnert.

Kilian ist in seinem Zimmer, ich rufe ihn gleich.

Und lernt er überhaupt etwas?, fährt Grete fort. Der Nutzen von der Schule ist doch kaum zu sehen, er wird doch nur zu seinem Vater.

Verena erstarrt, schweigt aber. Grete spricht abfällig über Olafs ersten Ehemann, obwohl sie ihn nie gekannt hat. Verena will nicht in die Widersprüche einsteigen, sonst würde sie das Haus verlassen.

Ein Klingeln an der Tür löst die Anspannung. Olga, Olafs Schwester, und ihr Mann Rolf, ein erfolgreicher Unternehmer, treten ein Olafs Gesicht verzieht sich jedes Mal etwas stärker, wenn er Rolf sieht.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Mama!, ruft Olga und umarmt Grete. Du siehst fabelhaft aus, man würde ja nicht sagen, dass du sechzig bist!

Grete erblüht. Olga weiß immer, was zu sagen ist.

Verena, sagt Rolf und küsst Verenas Hand, du siehst großartig aus. Neue Frisur?

Ja, danke, dass du es bemerkst, antwortet Verena verlegen und erwidert Olafs missmutigen Blick.

Olaf schüttet Champagner ein, ignoriert dabei Kilian, der am Rand steht.

Auf das Geburtstagskind!, ruft er. Auf die beste Mutter der Welt!

Und die Großmutter!, fügt Olga hinzu. Übrigens, wir haben eine Überraschung für dich.

Welche Überraschung?, fragt Grete misstrauisch.

Lukas und ich erwarten ein Baby!, verkündet Olga feierlich.

Grete jubelt, Tränen der Freude laufen ihr über das Gesicht, Rolf strahlt, Olaf lächelt gezwungen.

Herzlichen Glückwunsch, sagt Verena leise. Das sind wunderbare Neuigkeiten.

Und warum gebärt ihr nicht selbst?, fragt Grete plötzlich, während sie zu Verena dreht. Olaf ist fast vierzig und hat keine eigenen Kinder. Nur ein fremdes Kind im Haus.

Stille breitet sich aus. Verena spürt, wie ihr das Gesicht rot wird.

Mama, wir haben doch darüber geredet, knistert Olaf zwischen die Zähne.

Wovon? Dass meine Frau eine Karriere in der Bibliothek aufbaut? schnauzt Grete. Welche Karriere gibt es in einer Bibliothek? Alle meine Enkelinnen kümmern sich um meine Enkel, und ich sehe nur deinen Sohn Kilian. Und ein netter Junge wäre ja auch noch schön

Grete!, platzt Verena heraus. Kilian ist hier.

Lüge ich etwa?, wendet Grete den Blick zu ihrem Enkel. Bist du immer noch in deiner Ecke, sagst nie ein Wort. Berlin, sagst du? Was für ein Unsinn?

Verena staunt, woher die Schwiegermutter von seinem Plan erfahren hat.

Ich verdiene das selbst, sagt Kilian ruhig. Ich habe einen Nebenjob, arbeite remote, erstelle Websites.

Welche Websites?, mischt Olaf ein. Du solltest dich richtig auf die Schule konzentrieren und nicht mit diesem Unsinn Zeit verschwenden.

Das ist kein Unsinn, das ist meine Zukunft, antwortet Kilian bestimmt. Und das Geld ist gut.

Wer hat dir das erlaubt?, schallt Olafs Stimme. Du lebst unter meinem Dach, du folgst meinen Regeln!

Dein Dach, deine Regeln, murmelt Kilian. Ich bin ja nicht einmal dein Sohn.

Olaf wird rot.

Genau! Nicht mein Sohn! Und du wirst es niemals werden!

Olaf!, schreit Verena. Hör sofort damit auf!

Was soll ich denn gesagt haben?, wirft Olaf die Hände in die Luft. Ich habe die Wahrheit gesagt! Zehn Jahre füttere, kleide ich dich, und keine Dankbarkeit! Du sitzt nur in deinem Zimmer, starrst auf den Rechner. Und jetzt willst du nach Berlin gehen, hinter meinem Rücken!

Hinter meinem Rücken?, lacht Kilian. Mir egal, was du denkst. Du bist mir egal.

Kilian!, ruft Verena verzweifelt, ihr Blick wandert zwischen Sohn und Mann. Olaf, bitte, heute nicht. Grete hat Geburtstag.

Nein, jetzt ist der richtige Moment!, schreit Olaf. Zehn Jahre habe ich deinen Unsinn ertragen, und jetzt soll ich sogar dein Berlin-Studium bezahlen?

Grete nickt zustimmend, Olga und Rolf starren auf ihre Teller, Kilian steht blass, aber gefasst.

Ich verdiene es selbst, wiederholt Kilian. Ich brauche nichts von dir.

Wirklich?, knurrt Olaf. Und das Dach über dem Kopf? Das Essen? Die Kleidung? Alles meins! Wenn du so weiterleben willst, gibt es kein Berlin! Du bleibst hier, unter meiner Aufsicht.

Verena spürt, wie etwas in ihr zerbricht. Zehn Jahre hat sie die Vorwürfe, die Geringschätzung ertragen für Stabilität, für das Dach, für Kilian. Und nun stellt Olaf dem Sohn Bedingungen.

Vielleicht reicht es jetzt, sagt sie leise. Grete hat Geburtstag, und wir haben diese Szene schon lange genug.

Dein Sohn hat die Szene geschaffen, kontert Olaf. Wie immer ist er schuld. Und du deckst ihn immer zu! Du bist ein undankbarer Hund, eine nestende Mutter. So soll es weitergehen?

Verena steht langsam vom Tisch auf, Stille legt sich über den Raum.

Ich habe fünfunddreißig Jahre in der Bibliothek gearbeitet, erklärt sie plötzlich mit fester Stimme. Ich habe zwei Hochschulabschlüsse. Ich habe dich nicht gebeten, meinen Sohn zu versorgen wir haben das vorher auch ohne dich geschafft.

Wirklich?, spotte Olaf. Hast du das nicht bemerkt?

Weil ich nicht hinsehen wollte, erwidert Verena. Du wolltest nur eine gehorsame Hausangestellte, keine Ehefrau. Und das war ich. Aber genug.

Was bedeutet das jetzt?, fragt Olaf verärgert.

Das bedeutet, wendet Verena sich an ihren Sohn, dass Kilian und ich gehen.

Ein dumpfes Schweigen breitet sich aus.

Bist du verrückt?, schreit Olaf schließlich. Wohin wollt ihr gehen?

Zuerst zu meiner Schwester, antwortet Verena ruhig. Dann suchen wir eine eigene Wohnung. Ich finde einen besseren Job, vielleicht sogar in Berlin.

Kilian blickt seine Mutter überrascht und bewundernd an so hatte er sie noch nie gesehen.

Quatsch, lacht Olaf nervös. Du schaffst das nicht ohne mich. Was verdienst du in der Bibliothek? Pfennig! Wie willst du eine Wohnung finanzieren?

Das ist nicht mehr meine Sorge, sagt Verena. Übrigens, ich bin nicht nur Bibliothekarin, ich bin Leiterin. Das Gehalt ist gut. Du hast dich nie dafür interessiert.

Ach, wirklich?, sagt Olaf, wendet sich an Grete. Hast du das gehört? Unsere Frau hat Karriere!

Deine Mutter weiß genug, unterbricht Rolf plötzlich. Und reicht es nicht, dass deine Mutter heute Geburtstag hat, während du hier einen Zirkus veranstaltest?

Was geht dich das an?, faucht Olaf. Wir kümmern uns um die Familie!

Welche Familie?, schüttelt Rolf den Kopf. Wie du mit deiner Frau und deinem Stiefsohn umgehst, das ist

Rolf, hör auf, versucht Olga einzugreifen, doch es ist zu spät.

Musst du wirklich?, fordert Rolf bestimmt. Zehn Jahre habe ich das Schauspiel mitangesehen. Jetzt reicht es. Olaf, du bist zum Tyrann geworden. Wenn Verena geht, ist das das Beste für alle.

Grete keucht vor Empörung: Wie könnt ihr das wagen! Mein Sohn tut alles für sie, und ihr

Mama, unterbricht Olga sanft. Rolf hat recht. Siehst du, was passiert? Das ist schrecklich.

Verena steht auf, geht zur Tür, packt einen Koffer und beginnt, das Nötigste einzupacken.

Bist du dir sicher?, fragt Kilian, ungläubig.

Ganz sicher, nickt Verena. Pack deine Sachen. Wir gehen.

Aber, stottert er, wir haben kein Geld, keine Wohnung

Ich habe Ersparnisse, zieht Verena eine kleine Schatulle aus dem Schrank, von der Olaf nichts ahnte. Nicht viel, aber genug für den Anfang. Meine Schwester ruft mich seit Jahren, ich kann zu ihr ziehen. Und ich habe dich, mein kluger junger Mann, der Programmierer werden will. Wir schaffen das.

Ein Klopfen. Olga steht im Flur.

Wollt ihr wirklich gehen?, fragt sie leise.

Ja, antwortet Verena bestimmt. Wir können das nicht mehr ertragen.

Olga zögert, dann greift sie in ihre Tasche, zieht ein Portemonnaie heraus und reicht Verena einen Umschlag.

Nimm das. Es ist von uns beiden. Wir wollten schon lange helfen, aber haben uns gescheut, dass Olaf es merkt.

Olga, ich ich kann nicht

Du kannst, unterbricht Olga. Du hast zehn Jahre Olafs Ärger ertragen. Jetzt nimm das Geld. Es ist keine Almosen, sondern eine Entschädigung für den erlittenen Schaden.

Verena zögert kurz, sieht dann Olgas entschlossenen Blick und nimmt den Umschlag.

Danke, flüstert sie. Und entschuldige, dass ich den Tag ruiniert habe.

Welcher Tag?, winkt Olga ab. Aber vielleicht denkt Olaf jetzt mal über sein Verhalten nach obwohl ich bezweifle das.

Als Verena und Kilian mit dem Koffer das Wohnzimmer betreten, herrscht angespannte Stille. Olaf sitzt mit finsterer Miene, Grete kneift die Lippen, Rolf beobachtet das Geschehen mit einem leichten Schmunzeln.

Wir gehen, sagt Verena schlicht. Danke für alles, Olaf. Und entschuldige, falls etwas schiefgelaufen ist.

Olaf springt auf, aber die Worte bleiben ihm im Hals stecken.

Kein Theater mehr, meint Rolf mürrisch. Wir haben genug gegessen. Braucht ihr ein Taxi?

Nein, danke, verneint Verena. Wir holen uns eins selbst.

Als sie die Tür schließen, fühlt Verena eine ungeahnte Leichtigkeit. Es ist, als hätte sie einen schweren Rucksack abgeworfen, den sie zehn Jahre getragen hat. Kilian ergreift ihre Hand, wie früher, als sie noch Kinder waren.

Du bist großartig, Mama, sagt er leise. Ich bin stolz auf dich.

Danke, mein Sohn, lächelt Verena. Vielleicht ist Berlin ja doch keine schlechte Idee neue Stadt, neues Leben.

Sie gehen die Treppe hinunter, treten in den Hof. Es ist Anfang Mai, die Schneeblüten duften betörend im Dämmerlicht.

Das Telefon klingelt. Verena sieht den Bildschirm es ist Olaf.

Nimm nicht ab, sagt Kilian schnell.

Verena schüttelt den Kopf und hebt ab:

Ja, Olaf?

Kommt sofort zurück!, faucht er. Ich lasse euch nicht gehen! Wenn du den Jungen willst, nimm ihn, aber bleib hier. Das ist meine Bedingung!

Verena lacht, leicht und befreiend, seit langem nicht mehr.

Du hast kein Recht mehr, mir Bedingungen zu stellen, Olaf, sagt sie. Kein einziges.

Sie legt auf, das Taxi rollt vor. Sie steigen ein, das Fahrzeug fährt ruhig los und trägt sie in ihr neues Leben.

Oben im vierten Stock wirft Olaf das Telefon wütend gegen die Wand, dreht sich zu seiner Mutter um und erwartet Unterstützung. Grete blickt ihn verwirrt an, als sähe sie ihn zum ersten Mal richtig.

Du bist wirklich unerträglich, Olaf, sagt sie endlich. Wie habe ich das all die Jahre übersehen?

Tränen laufen ihr über das Gesicht, aber es sind keine Tränen des Ärgers, sondern des Bedauerns über eigene Fehler, die dazu geführt haben, einen eigensinnigen Sohn zu erziehen, der nicht lieben kann. Ob es noch zu spät ist, etwas zu ändern? Die Zukunft bleibt offen.

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Der Mann stellt eine Bedingung
Heartbreak Overwhelmed the Young Woman’s Heart