ER WIRD MIT UNS LEBEN…

Er wird bei uns wohnen
Ein lautes Klingeln meldet, dass jemand an der Tür ist. Liselotte wirft die Schürze beiseite, wischt sich die Hände ab und geht zur Tür. Auf dem Flur stehen ihre Tochter Heike und ein junger Mann. Liselotte lässt sie hinein.

Hallo Mama, küsst Heike sie auf die Wange. Darf ich vorstellen das ist Fritz, er wird bei uns wohnen.
Guten Tag, sagt der junge Mann.

Und das ist meine Tante Liesel, fügt Heike hinzu.
Liselotte Hannelore, korrigiert Liselotte ihre Tochter.

Mama, was gibts zum Abendessen?
Erbsenpüree und Würstchen.
Ich esse kein Erbsenpüree, sagt Fritz, schlüpft aus den Schuhen und geht ins Wohnzimmer.

Heike macht große Augen. Aber Mama, Fritz mag kein Erbsen.

Fritz wirft seinen Rucksack auf den Boden und lässt sich auf das Sofa fallen.
Das ist eigentlich mein Zimmer, sagt Liselotte.

Fritz, komm, ich zeige dir, wo wir schlafen, ruft Heike.

Mir gefällt das hier schon, brummt Fritz, während er vom Sofa aufsteht.

Mama, überleg dir was, das Fritz essen kann.
Wir haben nur noch eine halbe Packung Würstchen, zuckt Liselotte mit den Schultern.

Das reicht, mit Senf, Ketchup und Brot, antwortet er.

Okay, murmelt Liselotte, während sie in die Küche geht. Sie hat früher oft Kätzchen und Welpen ins Haus gebracht, jetzt aber nur noch diesen neuen Mitbewohner. Sie kocht Erbsenpüree, brät zwei Würstchen, rückt einen Salatteller an und setzt sich zum Essen.

Mama, warum isst du hier allein? fragt Heike, die in die Küche kommt.

Weil ich gerade von der Arbeit komme und hungrig bin, sagt Liselotte und kaut ein Würstchen. Jeder, der essen will, nimmt sich selbst etwas oder kocht. Und noch eine Frage: Warum soll Fritz bei uns wohnen?

Er ist mein Mann.

Liselotte verschluckt sich fast.

Wie mein Mann?

Ja, so ist es. Meine Tochter ist erwachsen und kann selbst entscheiden, ob sie heiratet. Ich bin übrigens neunzehn Jahre alt.

Du hast uns nicht zur Hochzeit eingeladen.

Es gab keine Hochzeit, wir haben einfach nur geheiratet. Jetzt sind wir Mann und Frau und leben zusammen, erklärt Heike und schaut auf die kaßende Mutter.

Herzlichen Glückwunsch. Warum ohne Hochzeit?

Wenn du Geld für eine Hochzeit hast, kannst du es uns geben, wir finden etwas, wofür wir es ausgeben können.

Verstehe, sagt Liselotte und isst weiter. Warum gerade bei uns?

Weil sie eine Einzimmerwohnung haben und zu viert dort wohnen.

Wurde nicht darüber nachgedacht, etwas zu mieten?

Warum sollten wir mieten, wenn ich mein Zimmer habe?, wundert sich Heike.

Klar.

Also bring uns etwas zu essen.

Heike, der Topf mit Püree steht auf dem Herd, die Würstchen braten in der Pfanne. Wenn das nicht reicht, liegt noch eine halbe Packung im Kühlschrank. Nehmt, richtet euch und esst.

Heike hebt das Wort Brauch hervor.

Und was? Soll ich jetzt einen Tanz aufführen wegen dieses Anlasses? Ich komme von der Arbeit, bin müde, lass die Rituale weg. Hände und Füße habt ihr, kümmert euch selbst.

Genau deshalb bist du nicht verheiratet!, schimpft Heike. Sie wirft die Tür ins Schloss und geht in ihr Zimmer. Liselotte isst fertig, spült das Geschirr, wischt den Tisch ab und zieht sich um, nimmt ihre Sporttasche und fährt ins Fitnessstudio. Sie ist eine unabhängige Frau und besucht mehrmals die Woche das Studio und das Schwimmbad.

Kurz vor zehn Uhr kommt sie nach Hause. Auf der Küche wartet ein totales Chaos, offenbar hat jemand versucht zu kochen. Der Deckel vom Püree-Topf fehlt, das Püree ist eingetrocknet und angebrannt. Die Würstchenpackung liegt offen auf dem Tisch, daneben ein abgestandenes Brot ohne Verpackung. Die Pfanne ist verkohlt und jemand hat die Antihaftbeschichtung mit einer Gabel zerkratzt. Im Spülbecken stapeln sich Teller, und auf dem Boden liegt ein süßer Fleck. Der Geruch von Zigaretten liegt in der Wohnung.

Na, das ist ja etwas Neues. Heike hat so etwas nie zugelassen.

Liselotte öffnet die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Die jungen Leute trinken Wein und rauchen.

Heike, räum die Küche bitte auf. Kauf morgen eine neue Pfanne, sagt Liselotte und geht zurück in ihr Zimmer, ohne die Tür zu schließen.

Heike springt auf und läuft hinter ihr her.

Warum müssen wir aufräumen? Und wo soll ich das Geld für die Pfanne herbekommen? Ich arbeite nicht, ich studiere. Ist dir das Geschirr zu schade?

Heike, das hier gilt: Du isst du räumst, du machst Mist du räumst, du kaputtmachst etwas du ersetzst es. Jeder räumt nach sich selbst. Und ja, die Pfanne kostet nicht einmal einen Euro, aber sie ist jetzt hoffnungslos zerstört.

Du willst nicht, dass wir hier wohnen, wirft Heike ein.

Nein, antwortet Liselotte ruhig.

Sie will jetzt nicht streiten, denn bisher hatte sie nie Probleme mit Heike.

Aber das ist doch mein Anteil.

Nein, die Wohnung gehört komplett mir, ich habe sie gekauft. Du bist nur eingetragen. Du musst deine Probleme nicht auf meine Kosten lösen. Wenn ihr hier wohnen wollt, haltet euch an die Regeln.

Heike schreit: Ich lebe mein ganzes Leben nach deinen Regeln. Ich bin verheiratet und du darfst mir nicht mehr sagen, was ich tun soll.

Und überhaupt, du bist schon alt, du solltest uns die Wohnung überlassen.

Ich gebe euch den Flur im Haus und einen Platz auf der Bank. Also, hast du geheiratet? Hat mich das nicht gefragt. Du bleibst hier allein oder mit deinem Mann, aber woanders. Er wird hier nicht wohnen.

Halt die Klappe, du Wohnung! Wir ziehen aus, ruft Heike und sammelt ihre Sachen.

Fünf Minuten später stürmt ein betrunkener Fritz ins Wohnzimmer.

Mama, beruhige dich, dann läuft alles, lallt er, schwankend. Heike und ich gehen nicht plötzlich weg. Wenn du dich gut benimmst, machen wir es nachts leise.

Was soll das, du bist nicht meine Mutter, protestiert Liselotte. Deine Eltern sind zu Hause, also kümmere dich um dich und vergiss nicht deine neue Frau.

Ja, gleich, knallt er mit der Faust ins Gesicht der Schwiegermutter.

Liselotte packt seine Faust mit manikürten Fingern und drückt so fest, dass er schreit.

Lass mich los!, kreischt Heike und versucht, die Mutter vom Geliebten zu trennen. Liselotte stößt ihre Tochter beiseite, rammt Fritz mit dem Knie in den Schritt und stößt ihn mit dem Ellbogen an den Hals.

Ich dokumentiere die Körperverletzung, brüllt Fritz, ich verklage euch.

Warte, ich rufe die Polizei, dann können wir das besser festhalten, sagt Liselotte.

Die jungen Leute fliehen aus der gepflegten Zweizimmerwohnung.

Du bist nicht mehr meine Mutter, schreit Heike zum Abschied, und du wirst nie wieder Enkel sehen.

Welches Unglück, erwidert Liselotte ironisch, ich lebe wenigstens noch für mich.

Sie schaut auf ihre Hände, einige Fingernägel sind abgebrochen.

Nur Verluste wegen euch, knurrt Liselotte.

Nachdem sie gegangen sind, spült sie die Küche, wirft das Erbsenpüree und die missliche Pfanne weg und lässt neue Schlösser einbauen. Drei Monate später trifft sie bei der Arbeit ihre Tochter wieder. Heike wirkt stark abgemagert, die Wangen eingezogen, ihr Blick traurig.

Mama, was gibts zum Abendessen?

Weiß nicht, habe noch nichts geplant. Was möchtest du?

Hähnchen mit Reis, schluckt Heike, und einen Kartoffelsalat.

Dann holen wir das Hähnchen, sagt Liselotte, den Kartoffelsalat machst du selbst.

Heike fragt nicht weiter, und Fritz erscheint nie wieder in ihrem Leben.

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