Komm nicht näher, das ist mein Leben!

Zieh dich zurück, das ist mein Leben!
Du schläfst nur vom Geld, und ich stolpere von Loch zu Loch! Du bist doch Oma! Und Mutter! Hilf wenigstens einmal richtig! knurrte Greta, die jüngste Tochter.

Der ganze Absurdität lag darin, dass Greta in diesem Moment gerade im Gästezimmer ihrer Mutter saß. Elisabeth Schröder hatte das Frühstück hastig, aber anständig gedeckt: belegte Brötchen mit hausgemachter Wurst, dicken Käsescheiben und geräucherter Lachs, frisch vom Bäcker aus der Nachbarschaft. Daneben stand eine Schale mit Äpfeln, Trauben und Mandarinen. Keine AnanasPapageien, aber wenigstens war alles ordentlich angerichtet.

Der Enkel, der kleine Lukas, sah in der Wohnküche Cartoons in einem knallbunten Strampler den, den die Oma erst vor ein paar Tagen gekauft hatte.

Greta, mach keinen Ärger draus, schnaufte Elisabeth genervt. Ich ziehe deinen Sohn an, ziehe ihn an, bringe ihn zu den Förderklassen, kaufe ihm Medikamente. Er lebt ganz von mir. Und du willst immer mehr?

Er ist ja dein Enkel. Wer sonst? Wir mit Dieter wissen gar nicht, wo wir das Geld hernehmen sollen. Kredite, Hypothek, Nebenkosten, Kindergarten Was nach all dem übrig bleibt, reicht höchstens für Brot und Nudeln.

Und was habe ich damit zu tun? Hast du etwa meine Kredite aufgenommen? Oder dich veranlasst, Kinder zu bekommen? Hast du meine Wohnung deswegen verkauft? Du hast mir gesagt, ich soll mich nicht einmischen also habe ich mich zurückgehalten. Jetzt soll ich noch etwas bezahlen?

Mama! fauchte Greta. Siehst du nicht, wie wir leben! Ich mache mir nicht mal mehr meine Nägel, weil der Nagellack alle ist! Meine Stiefel zerfleddern, wenn ich durch eine Pfütze laufe, stehen meine Füße klitschnass und dann werde ich krank. Dieter hat nur noch ein ordentliches Hemd. Wir überleben gerade noch. Und du willst mich jetzt noch erziehen! Du hast jeden Morgen Räucherlachs zum Frühstück, das ist doch dein Vorteil!

Elisabeth hörte schweigend zu, die Lippen zusammengepresst. Ja, in mancher Hinsicht war sie schuld zu liebevoll. Aber das Problem ließ sich nicht durch Geld lösen, sondern durch die Konsequenzen.

Greta, habe ich dir nicht schon genug fürs Leben gegeben? knurrte sie. Du hattest alles. Du wolltest ein Smartphone, als noch alle mit Tasten telefonierten hast du bekommen. Du verlangtest einen Nerzpelzmantel haben wir gekauft. Ich habe dir ein Dach über dem Kopf gebaut. Jetzt bist du kein Kind mehr, du musst dich selbst durchschlagen.

Greta blähte sich vor Ärger auf und wandte sich ab wie früher, wenn das nächste Spielzeug nicht gekauft wurde, weil im Haus kein Platz mehr war.

Elisabeth erinnerte sich, wie das kleine Greta einst im neuen Trainingsanzug mit Pailletten durch die Wohnung flitzte. In ihrem Zimmer stand ein neuer PC, im Schrank eine Kamera als Neujahrsgeschenk. Gretes Wünsche wechselten schneller als der EuroKurs: Mal Fotografin, dann Friseurin, dann Schauspielerin. Elisabeth musste immer wieder den Geldbeutel zücken und ihre Tochter zu neuen Kursen anmelden.

Lass das Mädchen die Kindheit genießen. Die gibts nur einmal im Leben, sagte ihr Mann Thomas lachend.

Thomas war Offizier, ein angesehener Mann, nicht zuletzt in ihrer Stadt. Sein Einkommen ließ die Familie bequem leben. Elisabeth arbeitete ebenfalls, aber mehr aus Leidenschaft. Sie konnte zu Hause bleiben, wollte aber aktiv in der Gesellschaft wirken.

Ich will Schafwolle spinnen! rief Greta eines Tages, nachdem sie ein YouTubeVideo gesehen hatte.

Elisabeth brachte sie in einen Bastelladen, überreichte einen Korb, und nach einer halben Stunde war er bis oben hin gefüllt.

Andere Eltern hätten wohl nur ein paar Knäuel Wolle und ein paar Nadelspitzen gegeben. Elisabeth glaubte fest daran, dass die Förderung ihrer Tochter heilig sei. Warum nicht also?

Greta stürzte sich mit Begeisterung in jedes neue Hobby, ließ es nach ein paar Wochen wieder liegen und fand etwas Neues. Das beunruhigte Elisabeth, doch sie dachte, ihre Tochter probiere nur aus. Greta gewöhnte sich daran, dass alles auf Knopfdruck kam.

Dann verstarb Thomas. Elisabeth blieb allein zurück. Sie trauerte, aber zumindest stand ihr festes Fundament da. Thomas hatte ihr ein riesiges Vermögen hinterlassen. Mit den Zinsen der Einlagen konnte man gut leben, doch Elisabeth arbeitete weiter, bis die Gesundheit nachließ.

Greta hatte ein sauberes Gewissen. Sie hatte ihrer Tochter das Studium in Berlin bezahlt, eine kleine Wohnung in einem Neubau gekauft und frisch renoviert. Dann dachte Elisabeth, sie habe alle Häkchen auf der Liste gute Mutter gesetzt. Ich habe ihr alles gegeben, was sie für den Start braucht. Während des Studiums helfe ich, danach muss sie selbst, entschied sie fest.

Doch dann lief nicht alles nach Plan.

Greta war gerade im zweiten Semester, als sie verkündete, dass sie einen Freund habe. Dieter hatte ebenfalls ein iPhone, wenn auch nicht das neueste Modell, und kaum Geld auf dem Konto. Außerdem kamen sie aus wohlhabenden Familien, aber ihre Arroganz ließ sie kaum im Haushalt überleben.

Greta, beende zuerst dein Studium, bat Elisabeth, nachdem sie Dieter kennengelernt hatte. Wenn ihr zusammenziehen wollt, dann macht das, aber überstürzt nichts. Erstmal einen Beruf, dann erst die Familie.

Mama, bleib raus, antwortete Greta verärgert. Das ist mein Leben.

Und Elisabeth hielt sich tatsächlich raus. Doch das Leben entwickelte sich ganz anders, als Greta es sich vorgestellt hatte.

Zunächst war alles schön. Sie lebten in Gretes kleiner Wohnung. Die Mutter übernahm die Nebenkosten und gab Taschengeld für Essen und Kleidung. Die beiden jungen Leute genossen das Leben, schauten Serien und gingen bis zum Morgengrauen aus.

Dieter brach das Studium ab. Ich habe nur studiert, weil meine Eltern es wollten, sagte er. Jetzt ist das nur Unsinn, keine Zukunft.

Kurz darauf verließ Greta das Studium ebenfalls. Nicht aus denselben Gründen, sondern weil

Mama, ich bin schwanger, sagte sie eines Tages am Telefon. Dieter und ich haben das beschlossen. Ich nehme wohl erstmal eine Lehre, dann seh’n wir weiter.

Gre seufzte Elisabeth, hielt ihr Gesicht mit der Hand zu, ließ dann aber nach. Na dann, wenn ihr es wollt.

Hilfst du uns? fragte Greta hoffnungsvoll.

Dem Enkel helfe ich, ihr seid schon erwachsen. Du hast mehr als ich in deinem Alter hatte. Bewältigt das selbst, antwortete die Mutter, obwohl ihr Inneres zusammenzog.

Stille.

Mhm alles klar mit dir.

Greta legte auf. Es folgten Wutanfälle, Manipulationen, vorsichtiges Abtasten des Bodens. Greta beschwerte sich über den kaputten Kühlschrank, die abgetragene Daunenjacke, niedrigen Hämoglobinwert wegen schlechter Ernährung. Elisabeth reagierte erst auf das Letztere, und das nur, weil sie Schwangerschaft und Stillzeit berücksichtigte.

Der Enkel darf nicht leiden, weil seine Eltern Idioten sind, murrte sie und trug die Einkaufstaschen.

Dann kam die nächste Meldung.

Wir wollen die Wohnung verkaufen, dann eine Zweizimmerwohnung nehmen.

Greta überleg dir das. Das Kind wird noch bei euch schlafen.

Nein, Mama. Wir haben beschlossen. Wir wollen erst heiraten, dann Flitterwochen, alles ordentlich.

Elisabeth biss die Zähne zusammen, mischte sich aber nicht ein.

Das Geld floss wie Sand durch die Finger. Hochzeit mit Bankett und Fotoshooting, die letzten iPhones, Laptops, ein Urlaub in der Türkei, die Anzahlung für die neue Hypothek Die jungen Leute schickten sich sogar Kredite zu.

Die Hypothekenraten wurden zu riesigen Summen. Die Schulden häuften sich. Bald klagte Greta, dass das Geld am Monatsende nicht reicht. Der Enkel bekam alles, was er brauchte: Babynahrung, Brei, Windeln Die letzten sechs Monate lebte er sogar bei ihr.

Dieter arbeitet als Techniker und zusätzlich als Kurier. Ich will ins HomeOffice, dann schaffen wir es. Nimmst du bis dahin Lukas zu dir?, bat Greta.

Elisabeth stimmte zu, aber nicht mehr. Das Kind hatte alles. Den Erwachsenen konnte sie nur noch gute Ratschläge geben, die sie wahrscheinlich ignorieren würden.

Greta starrte aus dem Fenster, dann drehte sie sich zu ihrer Mutter.

Wenn du nicht hilfst, nehme ich Lukas, drohte sie. Dann siehst du ihn nie wieder.

Elisabeth lachte, obwohl die Sorge tief in ihr wuchs.

Na denn, probiers. Mal sehen, wie schnell ihr den Job verliert und wovon ihr dann lebt. Hast du wenigstens Geld für den Kindergarten, Mutter des Jahres?

Greta schnaufte wütend, konnte aber nichts entgegnen. In ein paar Tagen würde sie wieder mit leeren Händen bei ihrer Mutter anklopfen, weil die nächste Rate bevorstand.

Ihr hattet alles. Ich bin nicht schuld, dass ihr alles vergeudet habt, fuhr Elisabeth fort. Und ihr wollt mich, Lukas und euch zusammen ins Unglück ziehen. Nein, ihr seid erwachsen, kämpft allein.

Greta ließ ihr Sandwich liegen, stand auf, nahm ihre Jacke und ging. Elisabeth hielt sie nicht auf.

Als die Tür hinter Greta schloss, schlich sich Elisabeth leise ins Wohnzimmer. Lukas schlief auf dem Sofa, umklammert von einer Plüsch-Eule. Sie schaltete den Fernseher aus, damit er nicht aufwachte. Für ihn würde ich Berge versetzen, dachte sie, für die beiden das Leben soll sie jetzt lehren.

Оцените статью
Komm nicht näher, das ist mein Leben!
El taxista llegó a casa y se paralizó al ver a su esposa desaparecida en la ventana.