Das wird ein ganz neues Leben

Liselott war mit zwanzig Jahren noch nicht im Bild, was das Schicksal für sie bereit hielt. Sie studierte an der Technischen Universität Berlin, liebte ihren Matthias und träumte von der Hochzeit das Thema war bereits seit Monaten Gesprächsthema.

Matthias war ein paar Jahre älter, hatte bei der Bundeswehr gedient, bevor er zu dem Abschlussball der zwölften Klasse gegangen war, den Liselott noch in der zehnten besuchte. Sie erinnerte sich noch genau an den Moment, als sie Matthias das erste Mal sah. Obwohl sie dieselbe Stadt und dieselbe Schule teilten nur hatte er schon ein Jahr früher die Schule verlassen ließ sie das Bild ihn sofort in den Bann ziehen.

Oh, wer ist das für ein Traummann?, flüsterte Liselott, während sie ihn beobachtete.

Er betrat den Saal, suchte nach bekannten Gesichtern, traf ihren Blick und lächelte. In dem Moment verliebte sie sich. Konnte es anders sein? Er wirkte außergewöhnlich, anders als die anderen Jungs.

Hallo, ich bin Matthias, und du?, trat er zu ihr, ihr Gesicht errötete, die Wangen wurden rosa. Darf ich dich zum Tanz bitten?, er nahm sie an der Taille und wirbelte sie mit ihr durch die Menge.

Liselott

Sie fühlte, wie die Erde unter ihr zu verschwinden schien, als wäre sie im Flug. Matthias hielt sie fest, führte sie sicher, und jeder seiner Schritte ließ ihr Herz schneller pochen.

Liselott, du tanzst so leicht, lächelte er.

Den ganzen Abend blieb er an ihrer Seite. Sie vereinbarten, dass er sie nach der Feier nach Hause begleiten würde. Sie spazierten noch lange durch die beleuchteten Straßen, wollten sich nicht trennen, doch Liselott wusste, dass ihre Mutter noch wach war und sich Sorgen machte.

Matthias ließ Liselott nie langweilen. Nach dem Abitur ging sie ins Studium, er begann zu arbeiten. Langeweile kannte er nicht; seine Lebensfreude steckte alle um ihn herum an. Er hatte viele Freunde, und Liselott besuchte oft Zusammenkünfte und Hochzeiten mit ihm.

Selbst mitten im Winter brachte er ihr Rosen. Jeder ihrer gemeinsamen Momente war wie ein Fest. Sie saßen oft in Cafés, fuhren zusammen in die Natur oder trafen sich mit Freunden.

Im dritten Semester überraschte Matthias sie:

Für die Weihnachtsferien habe ich zwei Skipässe besorgt. Wir fahren gemeinsam ins Skigebiet Garmisch, dort lernst du Skifahren die Lehrer sind klasse, sie bringen dich schnell.

Juhu, Matthias, du bist der Beste!, jubelte Liselott und legte ihren Kopf an seine Schulter. Dann flüsterte sie lachend: Aber ich bin Angsthasen­huhn, ich fürchte mich vor den Pisten. Matthias lachte mit ihr.

Der Ausflug war unvergesslich. Liselott fuhr rasch die Hänge hinunter, genoss das Gefühl, und bedauerte zugleich, dass das Märchen zu Ende ging. Kurz darauf, am 8. März, kam Matthias mit zwei Rosenbündeln an ihre Tür.

Zum Frauentag, überreichte er den Strauß ihrer Mutter, den zweiten Liselott. Für dich, meine Schöne, sagte er und küsste sie auf die Wange. Sie strahlte vor Freude.

Matthias, das ist zu teuer, bemerkte ihre Mutter.

Was soll’s, Tobi und Felix gehen zum Bau, ich helfe mit. Wir ziehen Hochspannungsleitungen, das zahlt gut. Das Geld für unsere Hochzeit und ein Auto kommt schon, erklärte Matthias.

Ich will nicht, dass du gehst, flehte Liselott.

Nur dreivier Monate, dann bin ich zurück. Wir telefonieren. Ich will eine schöne Hochzeit, du willst das auch, oder?

Ja, aber auch eine schlichte Feier wäre okay. Hauptsache, wir bleiben zusammen, antwortete Liselott leise.

Matthias hatte bereits beschlossen, zu gehen, und ließ sich nicht abbringen. Er fuhr mit seinen Kollegen. Die Bezahlung war gut, und sie telefonierten oft.

Eines Tages, während einer Vorlesung, überkam Liselott plötzlich ein mulmiges Gefühl, das jedoch verflog. Am Vorabend hatten sie telefoniert, also erwartete sie keinen Anruf. Am Abend jedoch pochte ihr Herz unruhig, und sie wählte selbst die Nummer. Matthias blieb stumm.

Warum geht er nicht ran?, drehte sich der Gedanke in ihrem Kopf, sie wählte fünfmal hintereinander, doch nur Leere.

Verzweifelt griff sie zum Telefon von Felix und fragte:

Wo ist Matthias?

Die Stimme von Felix kam brüchig:

Er er ist nicht mehr

Ein Schock durchfuhr Liselott, Tränen flossen. Kurz darauf erfuhr sie, dass Matthias bei einem Arbeitsunfall an einer Hochspannungspost erfasst worden war. Seine Mutter, Anna Müller, war vom Kummer gezeichnet, kaum sprach sie noch. Sie wartete darauf, dass sein Vater und sein jüngerer Bruder Roman zurückkehrten. Die Beerdigung, das Trauermahl eine endlose Dunkelheit senkte sich über Liselott.

Sie verfiel in eine starre Trauer, besuchte Anna Müller häufig, meist schweigend nebeneinander sitzend, oder fuhren gemeinsam zum Friedhof, um Matthias Grab zu pflegen. Anna ließ Liselott nicht los, bat sie, öfter zu kommen, besonders jetzt, wo die Sommerferien begannen. Gemeinsam besuchten sie Kirchen, tranken Tee.

Liselott, lass uns ans Meer fahren, schlug Anna eines Morgens vor. Liselott stimmte zu, obwohl sie keinen Grund mehr sah, zu reisen doch Anna wollte sie nicht loslassen. Ihre eigene Mutter drängte sie, das Geschehen langsam hinter sich zu lassen. So verabredeten sie eine Woche am Ostseestrand.

Am Morgen fuhren sie zum Strand, sonnten sich, nachmittags ruhten sie im Hotelzimmer. Anna schlief, Liselott konnte nicht einschlafen, starrte auf ihr Handy. Das Leben um sie herum pulsierte, doch ihr Herz war leer.

Sie ging zur Promenade, stand am Kai, sah das weite Meer, das den Himmel berührte. In der Ferne fuhr ein kleiner Ausflugsdampfer, kaum mehr als ein Punkt am Horizont. Möwen kreischten, Autos fuhren vorbei, Kinder schrien, Leute lachten. Das Leben war laut, nur sie fühlte sich allein.

Plötzlich hörte sie eine tiefe Männerstimme hinter sich:

So schön und doch so traurig.

Sie drehte sich um, sah einen jungen Mann, deren Gesicht ihr irgendwie an Matthias erinnerte, doch sie konnte nicht benennen, was es war.

Warum schenkt das Schicksal den Schönen kein Glück?, erwiderte sie leise.

Ich sehe das anders, widersprach er, Ich bin Lukas.

Liselott, antwortete sie.

Ein kurzer Dialog folgte, dann drehte sie sich entschlossen um und ging. Lukas beobachtete sie noch eine Weile. Er hatte sie bereits seit Tagen am Strand gesehen, war beeindruckt von ihrer stillen Traurigkeit und wollte wissen, warum sie hier war.

Noch zwei Tage bis zur Abreise. Anna schlief nach dem Strandbesuch. Liselott ging in den Supermarkt, beim Verlassen traf sie Lukas. Er griff nach ihrer Tüte und sagte:

Darf ich helfen?

Wenn du willst, murmelte sie.

Liselott, ich muss mit dir reden. Es gibt vieles, das ich wissen will. Wenn es dir recht ist, komm mit mir ins Café hier neben dem Markt.

Ich fahre in drei Tagen ab, sagte Lukas, und du?

Wir gehen morgen Nacht weg, die Tickets sind schon gekauft.

Ich hatte das Gefühl, du wohnst hier, sagte er überrascht.

Ich lebe in Berlin, antwortete sie, und Lukas staunte.

Ich auch! Dann verlieren wir uns nicht, lächelte er.

Liselott spürte ein Ziehen im Inneren. Lukas hatte sein Studium abgeschlossen, arbeitete im Bauamt, war noch unverheiratet. Er hatte eine gescheiterte Beziehung hinter sich und war zum Küstenort gefahren, um Abstand zu gewinnen. Als er Liselott sah, verliebte er sich auf den ersten Blick.

Sie erzählte ihm von ihrem Verlust und von Anna. Lukas fragte:

Warum bleibst du bei seiner Mutter? Normalerweise lassen Eltern die Freundin ihres Sohnes nicht so lange. Das ist ungewöhnlich.

Ich weiß es nicht, ich will sie nicht verletzen, antwortete sie.

Sie tauschten Nummern und verabredeten sich in Berlin. Liselott musste jetzt gehen. Plötzlich bemerkte sie, dass Anna sie nicht mehr im Auge hatte.

Liselott, wo bist du?

Ich war im Laden, dann spazieren, antwortete sie.

Anna zeigte sich zunehmend bedrückend, Liselott fühlte die Last ihrer Gegenwart. Ihre eigene Mutter riet ihr, sich von Anna zu lösen, doch ihr Herz hielt an der Verantwortung fest. Sie wusste, dass das nicht ewig gehen konnte, also beschloss sie, nach Berlin zurückzukehren und ein neues Leben zu beginnen.

Am Abend packten sie zusammen, sprachen über die Zukunft. Anna blickte plötzlich traurig:

Du willst also ein neues Leben beginnen Für mich bist du wie ein Familienmitglied. Ich dachte, du bist schwanger, weil du und Matthias so viel zusammen wart Und ich habe noch einen Sohn, vielleicht könnt ihr ihn ja zusammen großziehen

Liselott sah die Tränen in Annas Augen, doch dann erwiderte sie kalt:

Ich brauche niemanden mehr, nicht einmal Matthias Bruder. Anna weinte, zum ersten Mal seit der Beerdigung, und danach fand Liselott endlich Frieden.

Nach Hause, nach Berlin, hallte das Echo in ihrem Kopf. Vielleicht war es gut, dass sie Lukas getroffen hatte er öffnete ihr die Augen für das, was vor ihr lag.

Das neue Semester begann. Liselott und Lukas wurden ein Paar, und eines Tages fuhr sie allein zum Grab von Matthias.

Leb wohl, Matthias, flüsterte sie leise. Du hast mir viel Glück geschenkt. Du bist schnell gegangen, aber ich muss weiterleben. Ich bin jetzt eine andere Frau, mein Leben geht weiter ohne dich.

Sie verließ das Friedhofstor, ging zum Auto, wo Lukas bereits wartete. Mit ihm fühlte sie sich wieder lebendig. Der Kontakt zu Anna war knapp geworden; sie trafen sich höchstens zufällig. Einige Jahre später war Liselott mit Lukas verheiratet und erwartete ihr erstes Kind.

Оцените статью
Das wird ein ganz neues Leben
Don’t You Dare Dress Like That in My House,» My Mother-in-Law Hissed in Front of Our Guests