Hey, ich muss dir das total verrückte Eisenbahnlustgeschichte erzählen, die ich neulich von meinem alten Schulfreund Andreas bekommen habe. Stell dir vor, er hat das damals im Sommer 1990 auf dem Intercity von Hamburg nach Berlin erlebt, kurz nach dem Mauerfall.
Sie saßen gegenüber im Abteil, beide mit Blicken, die sofort Klick gemacht haben.
Frei? fragte die Frau, ein bisschen schwitzend.
Na klar! Darf ich beim Gepäck helfen? antwortete er, völlig locker.
Danke Puh, ist das hier aber stickig!
Fenster öffnen?
Ja, bitte, wenns geht.
Die Räder rumpelten, und draußen flackerte das Licht der Bahn durch die Nacht. Dann stellte sich die Dame vor: Ich heiße Liselotte.
Ich bin Andreas.
Und so ging das Gespräch los ein ganz normales Plausch zweier zufälliger Mitreisenden. Beide jung, sie war 22, er 25. Die Zeit verging, erst ein bisschen, dann ein paar Stunden. Und das war kein Schwätzchen von ein paar Biertrinkern, sondern ein echter Austausch zwischen zwei Fremden, die sich gerade erst entdeckt hatten.
Worum gings? Um fast nichts und um alles zugleich. Wie immer im Zug fingen sie mit dem Wetter an, dann wurden Preise angesprochen Wie siehts mit den EuroPreisen aus? und schließlich das Leben.
Andreas erzählte zuerst von seiner Kindheit, seinen Eltern und seinem Beruf: Er ist Musiker an der Berliner Philharmonie, spielt im Schlagzeugensemble. Er zog ein paar Fotos aus seinem Koffer hervor Die blaue Lerche, Glitzernde Edelsteine, Fröhliche Gesellen. Und zwischen den Bildern war er selbst, ganz im Rampenlicht.
Wow, das klingt spannend!, sagte Liselotte begeistert.
Und du?, hakte er nach.
Ich arbeite im Zentralkomitee der FDJ ja, genau, das war damals in Ost-Berlin!, grinste sie. Hab leider keine Fotos dabei, weil ich gerade im Urlaub in meiner Heimat im Erzgebirge war. Meine Großeltern kommen von dort. Das könnt ich dir ja später erzählen.
Erzähl weiter, wohin gehts?, drängte Andreas.
Sie sprachen weiter über die Musik, das Ensemble und das nächtliche Zuggeschnatter, immer Blick in Blick, Auge in Auge.
Als dann die Morgendämmerung kam, fuhr Andreas Liselotte an einem verlassenen Halteplatz aus. Er winkte zum Abschied und verschwand dann plötzlich aus ihrem Leben, als wäre er vom Gleis geflogen. Keine Frau konnte je sein Herz wieder erobern jede erinnerte ihn an diese Liselotte, die nächtliche Mitreisende.
Er rief Frauen nach, die ihm ein bisschen wie sie vorkamen, entschuldigte sich rot wie ein Frosch und schrieb unzählige Briefe, die nie abgeschickt wurden. Wohin? Nach Berlin? Ins FDJZentralkomitee? Und welchen Namen sollte er überhaupt angeben? Er hatte nie nach ihren Nachnamen gefragt ein echter Trottel!
Er stand schließlich bei jedem seiner Konzerte hinter seinem Schlagzeug und blickte ins Publikum, als könnte Liselotte plötzlich dort sitzen. Er zeichnete ihr Bild aus dem Gedächtnis wie ein kleiner Junge, klebte das Bild über sein Bett in jedem Hotel.
Alle anderen Frauen bedeuteten für ihn nichts mehr nur noch Liselotte existierte in seiner Welt.
Die Zeit verging, die Wende kam, die DDR löste sich auf, die Mark wurde zum Euro, die alte Politik war Geschichte. Musiker aber bleiben Musiker, egal unter welchem Regime. Sie singen, sie tanzen, ihr Leben rollt weiter auf Schienen.
Bei einer seiner nächsten Tourneen landete Andreas im Speisewagen des Intercitys. Und Überraschung! dort saß Liselotte an einem Tisch, allein, ohne Begleitung. Er erstarrte an der Tür, sah ihr in die Augen
Na, das ist ja ein Ding, Andreas, sagte er und zündete sich eine Zigarette an, goss das restliche Bier in die Krüge und fuhr fort: Da stand ich, völlig benommen, und plötzlich legt sie ihren Kopf auf meine Brust, flüstert: Endlich habe ich dich gefunden wie in einem Film.
Er nahm sie mit nach Sibirien, wo er gerade auf Tour war, und stellte fest, dass sie all die Jahre ebenfalls über die Züge geschlendert war, immer nach Schlagzeugern gesucht. Beide hofften, dass irgendwann dieser eine Tag kommt und er war gekommen.
Wir saßen dann zusammen in seiner Küche, die Gäste waren gegangen, Liselotte ruhte im Schlafzimmer. Andreas erzählte mir, wie wir uns zufällig zwei Wochen vor ihrer Hochzeit wieder im Zug begegnet waren und wie ich dann eingeladen wurde, bei der Hochzeit dabei zu sein.
Und das, mein Freund, ist ihr Eisenbahnlustroman. Sie leben noch heute zusammen, und das Leben geht weiter. Wer weiß, vielleicht öffnet gerade jetzt im nächsten Abteil einer Bahn die Tür
Frei?, fragt jemand. Frei?, fragt jemand. Und irgendwo, tief im Rattern der Räder, lächelt Andreas, als ihm Liselotte sanft die Hand drückt.







