Ein Mensch braucht einen Menschen

Das Handy vibrierte beim ersten zögerlichen Klingeln, dann füllte ein hartnäckiges, unablässiges Klingeln den Raum. »Schon wieder?«

Der Ton zerschnitt die Stille wie ein zerbrechliches Glas. Stefan schloss die Augen. Es war wieder sie die mit dem Namen aus den klassischen Liebesromanen: Lieselotte. Einmal hatte er ihr, aus einer Momentaufnahme von Schwäche heraus, die Nummer gegeben, und das war alles. Wer sonst könnte jetzt anrufen? In letzter Zeit hatte niemand mehr die Leitung erreicht; das Leben schien ihn aus den Kontakten gestrichen zu haben, ließ ihn allein mit der quälenden Melodie und seinen eigenen Gedanken zurück.

Er drückte den Kopf in die Matratze, um das nervige Geräusch zu ersticken. Am liebsten hätte er das Gerät aus dem Fenster geschleudert, es auf dem Asphalt zerschmettert, sodass nur ein Haufen Glas und Plastik zurückblieb. Wenn man das eigene Leben nicht reparieren kann, kann man wenigstens die Verbindung zur Außenwelt zerschneiden.

Doch das Handy ließ nicht nach.

Stefan sprang aus dem Bett und ging zum Klang. Das Gerät schien, als spüre es seine Annäherung, lauter zu läuten, fast fordernd. Na, nimm endlich ab! dem alten Instinkt folgend, griff er nach dem Hörer.

Ja?

Ich bins!, ertönte eine jugendliche, unbeschwerte Stimme, die wie ein frischer Frühlingswind wirkte. Warum hast du so lange nicht geantwortet?

Ich bin beschäftigt, murmelte Stefan.

Warum bist du dann überhaupt hingekommen?, fragte Lieselotte, und Stefan stellte sich vor, sie lächelte verschmitzt.

Weil meine Nerven nicht aus Stahl sind!, knurrte er fast lauthals. Was soll das denn? Du gehst mir mit deinen Anrufen auf die Nerven!

Ich fühle, dass du zu Hause bist und dass es dir schlecht geht.

Und was spürst du sonst noch?, schnitt er mit einer bitteren, giftigen Stimme zurück.

Dass du auf meinen Anruf gewartet hast.

Ich? Gewartet?!, schnaufte er.

Der Gedanke, den Hörer zu zerbrechen, wuchs. Die drei Wochen ihrer täglichen Anrufe hatten ihn an den Grund seiner Existenz gedrängt zu einem Moment, in dem er weder arbeiten, noch faulenzen, noch essen, noch trinken wollte. Er sehnte sich nur nach einem Verschwinden, nach Auflösung zu einem Staubkorn im riesigen, gleichgültigen Mahlsteinschlag des Lebens.

Hör zu, ließ seine Stimme plötzlich erschlaffen, wurde flach und müde. Was willst du von mir? Was?

Eine kurze Stille hing in der Leitung.

Nichts. Ich glaube, du brauchst Hilfe.

Denk nicht für mich nach. Und deine Hilfe brauche ich überhaupt nicht. Überhaupt nicht.

Aber ich fühle!

Fühl erst gar nicht!, platzte seine Geduld. Wer bist du, dass du etwas fühlen darfst? Eine Heilige? Eine Retterin verlorener Seelen? Mach lieber den alten Damen beim Überqueren der Straße Hilfe, füttere streunende Kätzchen. Und lass mich in Ruhe. Verstanden? Bleib weg!

Die Stille in der Leitung wurde dick und schwer, dann nur noch ein kurzer Piepton, dann legte Lieselotte auf.

Genau das Richtige, dachte er. Sie hat sich selbst eingeklinkt, kam, wo sie nicht gebeten wurde.

An diesem Tag klingelte das Telefon nicht mehr. Am nächsten Tag ebenso. Lieselotte rief weder am Tag noch in der darauffolgenden Woche an.

Die ersehnte Stille drückte nun schwer auf seine Ohren. Sie wurde zu einem klirrenden, absoluten Lärm, unerträglich. Kein Ausweg, nur Einsamkeit. Abends erwischte er sich dabei, wie sein Blick unwillkürlich am Handy hängen blieb. Er wartete. Im Inneren wuchs eine absurde, demütigende Hoffnung: gleich jetzt gleich gleich

Er verließ abends kaum noch das Haus, aus Angst, einen möglichen Anruf zu verpassen. Was, wenn sie anruft und ich es nicht höre? Sie könnte denken, ich ignoriere sie, und sich für immer ärgern. Das Wort für immer jagte ihn mehr als die bellenden Straßenhunde, die seine Verletzlichkeit zu erschnüffeln schienen.

Dann kam eine neue Not das Bedürfnis, sich auszusprechen. Das schwarze, klebrige Etwas, das sich in ihm sammelte, musste jemandem entladen werden. Aber wem? Der Nachbar? Der lebte in einer einfachen Welt aus Gehalt, Fußball und Frauen ein glücklicher Mann.

Stefan begann, mit sich selbst zu reden. Laut. In der leeren Wohnung hallte seine Stimme dumpf und unnatürlich.

Warum ruft sie nicht?, fragte er sein Spiegelbild im dunklen Fenster.

Du hast sie selbst weggeschoben. Grob und ohne Anstand.

Aber sie rief jeden Tag! Beharrlich! Das muss doch etwas bedeuten?

Und du sagtest ihr, ihr Beitrag sei nicht nötig. Du hast ihre Hand, die dir in der dunkelsten Stunde gereicht wurde, zurückgestoßen.

Er stritt, bewies, ärgerte sich über sich selbst. Am Ende siegte sein innerer Kritiker und zwang ihn, die schlichte, grausame Wahrheit anzuerkennen: Diese Anrufe brauchten ihn, wie ein Atemzug für einen Ertrinkenden, als Beweis, dass er noch jemandem in dieser Welt gehörte, kein Gespenst war.

Lieselotte rief nicht mehr.

Abends saß Stefan nur da, starrte auf das Handy. In ihm knirschte ein lautloser Schrei. Bitte, ruf doch bitte, flüsterte er.

Das Telefon blieb still.

Er ließ sich erst nach Mitternacht ins Bett sinken, ohne das Wunder abzuwarten. In einem unruhigen, nervösen Schlaf glaubte er, das Klingeln erneut zu hören.

Plötzlich öffnete er die Augen. Er schlief nicht. Das Handy klingelte wirklich, das beharrliche, lebendige Klingeln. Er griff nach dem Hörer.

Hallo?, seine Stimme zitterte.

Hi, kam die längst vergessene Stimme. Hast du mich gerufen?

Stefan schloss die Augen. Ein Lächeln breitete sich langsam über sein Gesicht das erste seit vielen Wochen. Bitter, müde, doch endlich erleichtert.

Ja, hauchte er. Ich glaube, ich habe gerufen.

Eine Pause folgte, nicht mehr die schwere, vorwurfsvollschwere, sondern eine lebendige, gespannte Stille, wie eine gespannte Saite, aber ohne Kriegsgeschrei. In der Leitung hörte er ihr leises, gleichmäßiges Atmen und das unregelmäßige Pochen seines eigenen Herzens.

Ich , stockte er, suchte Worte, die weder Entschuldigung noch neue Schmach waren, sondern einfach nur Wahrheit. Ich habe gewartet. Jeden Abend.

Ich wusste es, sagte sie ruhig, aber bestimmt, ohne Triumph. Mir ging es auch schlecht. Aber ich beschloss, nicht mehr zuerst anzurufen. Das muss deine Entscheidung sein.

Er stellte sich vor, wie sie ebenfalls mit dem Handy in der Hand saß, den Drang kämpfend, seine Nummer zu wählen. Dieser Gedanke rührte ihn tief.

Entschuldige, hauchte er. Das war das schwerste Wort, das er aussprechen konnte, brannte wie glühende Kohle im Hals, doch es musste gesagt werden. Dafür, dass ich mich wie ein Esel benommen habe.

Akzeptiert, klang ihre Stimme leicht lächelnd, verzeihend. Ja, das war sehr grob. Ich habe fast den Wasserkocher aus Wut zerschlagen.

Er musste unwillkürlich lachen kurz, erleichtert. Diese banale, lebendige und absurde Szene brachte ihn zurück in die Realität.

Ist er okay?, fragte er jetzt ernsthaft.

Ja. Ich werde ihn jetzt wie mein Augapfel hüten.

Sie schwieg wieder, doch das Schweigen war nun gemeinsam. Sie lauschten zusammen.

Stefan , wurde ihr Ton wieder ernst. Was ist los? Sag die Wahrheit.

Früher hätte diese Frage Wut in ihm entfacht; jetzt fühlte er nur eine seltsame Schwäche und den Wunsch, endlich auszusprechen, was ihn belastete.

Alles, sagte er langsam, ließ sich auf den Boden sinken und lehnte sich an das Sofa. Die Arbeit, die zum Inferno geworden ist. Die Schulden, die sich wie ein Schneeball anhäufen. Das Gefühl, am Rand eines Abgrunds zu laufen, bereit zu stürzen. Und die Leere, als wäre ich von innen ausgebrannt. Nichts will ich. Niemand.

Er redete lange, wirr, in Fragmenten. Er weinte nicht, er stellte nur fest, wie ein Arzt eine Diagnose stellt. Zum ersten Mal seit Monaten hörte ihm jemand zu ohne zu unterbrechen, ohne Ratschläge zu geben, ohne zu sagen: Reiß dich zusammen oder Es wird alles gut. Er hörte nur zu.

Als er schweigte, war nur noch ihr Atmen in der Leitung zu hören.

Danke, sagte Lieselotte schließlich. Was hast du gesagt?

Jetzt verstehst du, warum ich nicht ganz bei Trost war?, erwiderte er mit einer bitteren Lächeln.

Ja, ich verstehe. Aber das entschuldigt dein rücksichtsloses Verhalten nicht, sagte sie fest. Jetzt weiß ich, womit ich es zu tun habe. Das ist besser, als im Dunkeln zu raten.

Und was machst du jetzt?, fragte er plötzlich interessiert.

Zuerst, sagte sie entschlossen, geh in die Küche und stell den Wasserkocher an. Während er kocht, mach das Fenster auf. Mindestens fünf Minuten frische Luft dein Gehirn braucht sie, und dir fehlt sie offenbar.

Stefan stand mühsam vom Boden auf.

Ich gehe, antwortete er.

Gut. Während du das machst, bin ich am anderen Ende der Leitung. Danach besprechen wir, was mit dem Job, den Schulden, deinem Abgrund zu tun ist.

Ihre Stimme war nicht mitleidig, nicht kindisch, sondern fest wie ein Fels. In dieser Zuversicht lag die Kraft, die ihm fehlte.

Stefan ging in die Küche, hielt das Handy dicht ans Ohr. Er tat, was sie gesagt hatte: stellte den Wasserkocher auf, öffnete das klemmende Fenster, ließ kühle, nach Regen riechende Luft in die Wohnung strömen. Es waren kleine, aber erste Schritte zurück ins Leben.

Und er begriff, dass dies erst der Anfang eines langen, mühsamen Gesprächs war vielleicht sogar eines Treffens. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich nicht mehr allein in seiner zerfallenen Festung. Jemand reichte ihm von außen die Hand, und er war endlich bereit, sie zu ergreifen.

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