Lebensweisheit das Brötchen
Klaus, wie konntest du nur? Wir haben doch zusammen über diese ungewaschene Bäuerin gelacht! sagte ich empört, als ich aus dem Flur kam und den Coup meines Mannes kritisierte.
Tut mir leid, Ilse, das war ein Missverständnis. Ich check das selbst nicht, wie ich plötzlich im Bett von Brötchen gelandet bin knurrte Klaus, fluchte leise und zog nervös an seiner Zigarette.
In unser Haus zog eine junge Familie ein: Niklas, Liselotte und ihre fünfjährige Tochter Heike.
Wir beide, Klaus und ich, sind um die dreißig, unser Sohn Felix ist sechs, die Neuankömmlinge sind fünfundzwanzig. Auf derselben Etage, da haben wir schnell den Draht zueinander gefunden.
Liselotte war ein echtes Bauernmädchen, das das Kochen liebte wie andere das Lächeln. Kuchen, Kekse, Strudel das war ihre Spielwiese. Kein Wunder, dass sie fast immer mit einem vollen Tablett in die Küche stolperte.
Klaus und ich nannten Liselotte scherzhaft Brötchen, weil sie so runde, gutaussehende Formen hatte. Ihre Küche war voll mit Vorratsgläsern und Eingemachtem ein Paradies für jede Hausfrau. Da konnte ich nicht mithalten.
Ich hielt mich für hübsch und gut gepflegt, während Liselotte stets im abgewetzten Hausmäntel mit einem kleinen Pferdeschwanz nach vorne kam. Ihr Mann Niklas, dünn wie ein Kirschholz, und die pummelige Heike waren immer gut versorgt. Das war das wahre Talent von Liselotte. Trotzdem waren wir Freundinnen.
Niklas fuhr oft lange Strecken als Fernfahrer, weil sein Job ihn ständig auf Achse hielt. Er hatte Liselotte in einem abgelegenen Dorf kennengelernt, als er im Dorfladen Zigaretten kaufen wollte. Liselotte hatte sofort ihr Auge auf den schmalen Fremden geworfen. Niklas hatte keine Chance, ihr zu entkommen.
Neun Monate später schenkte Liselotte dem wandernden Fernfahrer eine Tochter. Niklas brachte Liselotte und das Kind in die Stadt.
Als er meiner Mutter die plötzlich entstandene Familie vorstellte, lehnte sie das Dorfmädchen und das Neugeborene entschieden ab. Niklas musste deshalb eine eigene Wohnung mieten.
Klaus beschwerte sich ständig über Liselottes Aussehen.
Wie kannst du dich nur nicht lieben? Eine Frau heißt doch riss er mir immer wieder aus der Nase.
Klaus Mutter wurde krank, leicht. Anfangs kümmerten wir uns abwechselnd um die Schwiegermutter. Irgendwann beschlossen wir, eine Pflegekraft zu suchen. Liselotte meldete sich freiwillig.
Ich nehme ein bisschen aus Freundschaft. Und ich muss meinem Mann ein Geschenk besorgen ein Gummiboot für den Angelausflug. Sag Niklas nichts, lass es eine Überraschung bleiben. freute sich Liselotte über die Chance, ein bisschen zu verdienen.
Liselotte, bitte überhäufe meine Schwiegermutter nicht mit Essen, sie hat wegen ihrer Krankheit keinen Appetit bat ich das Brötchen.
Dann kam mein Jobbefehl ich wurde für eine lange Dienstreise ins Ausland entsandt. Ich gab Klaus, Felix und Liselotte Anweisungen und flog in eine andere Stadt.
Monat später kam ich zurück. Klaus wich meinem Blick aus, Liselotte versuchte, nicht mit mir zu kollidieren.
Mama, mach bitte wieder so leckere Kartoffeln wie Tante Liselotte. Und ihr FrikadellenRezept hat mir richtig gut gefallen sagte mein Sohn, als er mich von der Tür aus begrüßte.
Hat Tante Liselotte dich verwöhnt? fragte ich misstrauisch.
Ja, sie brachte Heike zu uns, aber unser Vater hat sie wieder abgeholt berichtete mein Sohn.
Ich begann zu vermuten. Niklas war im Fernverkehr, ich war im Einsatz
Am Abend, nachdem ich meinen Mann satt gefüttert hatte, zog ich zu einem klärenden Gespräch.
Klaus, ich weiß alles, sei nicht defensiv. Der Kleine hat alles erzählt, sagte ich, doch hoffte insgeheim, dass ich mir das Ganze nur einbilde.
Ilse, da war nichts. Das Brötchen wollte nur den Wasserhahn reparieren Klaus errötete nicht, schämte sich nicht.
Komm schon, locker bleiben. Du hast dich nur verheddert. Ich glaube nicht, dass du dich an Liselotte ranmachen würdest seufzte ich erleichtert.
Doch Klaus besuchte seine Mutter öfter, verweilte lange bei ihr.
Ich ging zu meiner Schwiegermutter, sie wirkte gepflegt, aber allein. Ich suchte nach Klaus und dem Brötchen
Ich klingelte an Liselottes Tür.
Müde öffnete Liselotte, im Hintergrund lag mein erschöpfter Mann im Bett.
Als kultivierte Frau verließ ich schweigend das Haus. Mein Kopf drehte durch! Klaus, der Liselotte als unordentlich und schlabberig bezeichnet hatte, hatte ein intimes Vergnügen mit ihr!
Ehrlich gesagt, konnte ich nicht aus Eifersucht gegen diese Köchin ankämpfen. Als Klaus nach mir kam, zeigte ich ihm verächtlich das Bad.
Nimm eine Dusche. Wasch dich gründlich! Hast du Spaß gehabt? Ich erzähle alles Niklas. Er wird dich fragen! drohte ich und lachte in mich hinein. Ich stellte mir vor, wie der dünne Niklas mit geballten Fäusten vor Klaus Nase herumschwenkt.
Liselotte gestand Niklas ihre Affäre. Wie er reagierte, weiß ich nicht, aber eine Woche später zog das Paar aus. Beim Abschied sah Niklas mich und sagte stolz:
Kein Wunder, dass es so kommt. Wer könnte meiner Liselotte widerstehen?
Es verging einige Zeit. Dann traf ich das Brötchen zufällig wieder.
Hallo, Freundin! Bist du noch beleidigt? Unnötig. In unserem Dorf geht das drunter und drüber. Ich habe nichts verpasst, dein Mann hat Freude. Du bist ja ständig auf Dienstfahrt Man darf den hungrigen Mann nicht zu lange allein lassen, lehrte mich Liselotte die ländliche Lebensweisheit. Ich stand da mit vollem Einkaufskorb und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ihre Worte hingen in der Luft wie der Duft von frischem Brot aus einem alten Ofen schwer, warm, unausweichlich. Schließlich nickte ich nur langsam, drehte mich um und ging weiter, mit einem seltsamen Gefühl von Respekt und einer Prise Neid.







