Tränen des Glücks

Der Flur der Universitätsklinik in München war von dem grellen Nachmittagssonnenschein durchflutet. Lina blinzelte für einen Moment, und als sie die Augen öffnete, stockte ihr Herz kurz, dann schlug es wieder im schnellen Galopp.

Da kam er auf sie zu ihr Mann. Der Mann, dessen Lächeln sie noch bis zu den feinen Krähenfüßen in den Augen kannte. Doch das konnte nicht sein, denn seit drei langen Jahren war er nicht mehr auf Erden.

Na, da spukt’s wohl, flüsterte ein Gedanke durch ihr Kopf, und sie drückte fester den Griff ihrer Aktentasche, um sich wieder zu erden.

Der Mann näherte sich, und sofort fiel ihr auf, wie stark er ihrem Verstorbenen ähnelte: Größe, Gang, Gesichtszüge Nur der Blick war strenger, zurückhaltender. Und doch starrte er Lina unverwandt an, als sähe er ihr Gespenst ebenso wie er selbst.

Ein heißer Schimmer breitete sich auf ihren Wangen aus. Verlegen senkte sie den Blick, schlüpfte vorbei und ging zum Zimmer ihrer Tante. Denn niemand außer Lina kümmerte sich um die Tante, die nach einer OP intensive Pflege benötigte.

Das nächste Zusammentreffen mit dem Gespenst ereignete sich im Verbandsraum.

Lina schob eine leere Schubkarre hinein, als sie ihn sah. Er trug einen weißen Kittel und murmelte etwas zu einer Krankenschwester. Das Quietschen der Räder ließ ihn den Kopf heben und erstarren. Sein Blick war dieselbe durchdringende, prüfende Art wie am Vortag.

Dr. Sauer?, rief die Schwester durch die unangenehme Stille. Ist das alles?

Ja, danke, nickte er, doch seine Augen blieben auf Lina gerichtet.

Lina, völlig rot geküsst, hastete weiter mit der Schubkarre und fühlte sich wie ein törichtes Schulmädchen.

Die Tage in der Klinik zogen schleppend dahin. Immer wieder kreuzten sich ihre Blicke im Flur. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, schoss ein kindliches Hochgefühl durch sie hindurch. Der Arzt besuchte gelegentlich das Zimmer ihrer Tante, stets höflich und professionell, doch sein Blick verweilte immer einen Moment länger, als es nötig war.

Eines Abends, als ihr Sohn Felix kurz davor war, zum Nachtdienst zu kommen, trat Lina in die Halle, um Wasser zu trinken. Dort, am Fenster, stand Dr. Sauer und blickte hinaus auf die dunkler werdende Stadt.

Ihr Sohn?, fragte er leise, während er sich umdrehte. Der junge Mann, der Anna König besucht?

Ja, nickte Lina überrascht, dass er den Namen ihrer Tante kannte. Felix. Er ist ein kleiner Tollpatsch, aber ein Goldkern. Sehr fürsorglich.

Der Arzt lächelte, und dieses Lächeln war ihr bis ins Mark vertraut.

Er liebt Sie sehr. Das sieht man, sagte er.

Etwas in Linas Brust zuckte. Ein Zittern, das sie lange vergessen hatte. Der Körper altert, doch die Empfindungen bleiben, frisch und scharf wie in der Jugend.

Ja,, murmelte sie verlegen und senkte den Blick. Bitte sagen Sie es ihm nicht, er könnte sich einbilden, er sei unantastbar.

Er lachte, und der Klang war warm und lebendig.

Ich heiße Alexander. Alexander Sauer.

Lina, antwortete sie.

In diesem Moment stürmte Felix herein, ein Tütenpaket voller Brezeln schwenkend.

Mama, hallo! Doktor! Ich habe, wie versprochen, einen kleinen Imbiss mitgebracht! Verzeiht, die Kohlrouladen sind noch übrig.

Alexander nahm dankend ein Stück, und Lina spürte den schnellen, bewertenden Blick ihres Sohnes, der alles aufschnappte.

Am nächsten Tag erfuhr Lina von den plaudernden Klinikschwestern, dass Dr. Sauer krank geworden war und im Krankenstand blieb. Etwas fiel in ihr Herz. Dann ist es kein Schicksal, dachte sie bitter-resigniert. Alles, wie es sein soll. Vielleicht ist es sogar besser kein unangenehmer Abschied, keine Gedanken an das Verlorene. Nur angenehme Erinnerungen. Und das war viel: Lina begriff, dass Trauer nicht ewig währt und das Leben weitergehen würde.

Die Tante wurde nach drei Tagen entlassen. Beim Packen ihrer Sachen versuchte Lina, nicht an die Leere zu denken, die hinter den Klinikwänden auf sie wartete. Sie verabschiedete sich nicht nur von diesem Ort, sondern auch von dem Gespenst einer Möglichkeit, die nie Realität wurde.

Felix lud die Koffer ins Auto, plötzlich sagte er:

Weißt du, Dr. Sauer ist Witwer. Seine Frau starb bei einem Unfall vor drei Jahren.

Lina erstarrte wie ein Stein. Drei Jahre. Zufall? Schicksal?

Woher weißt du das?, flüsterte sie.

Wir haben uns beim Brezelessen unterhalten, zuckte Felix mit den Schultern. Er fragte nach meinem Vater, sehr höflich. Man sah, dass er einsam ist. Und er schaut dich an nicht nur als Arzt.

Lina setzte sich schweigend ins Auto. Hoffnung pochte wieder in ihrem Herzen.

Zuhause herrschte Stille. Sie machte sich einen Tee und setzte sich ans Fenster, blickte auf den vertrauten Innenhof. Dann fiel ihr Blick auf einen Briefumschlag auf dem Tisch, den sie nicht selbst hingelegt hatte wohl von Felix.

Im Umschlag befand sich eine Postkarte, darauf ein altes Klinikgebäude, das dem gerade verlassenen ähnelte. Mit zitternden Fingern öffnete Lina sie.

Lina,

ich weiß, das klingt verrückt. Und es tut mir leid, dass ich krank wurde und nicht Abschied nehmen konnte. Aber ich kann Sie nicht einfach aus meinem Leben verschwinden lassen. Vor drei Jahren verlor ich die Liebe meines Lebens. Und als ich Sie im Flur sah, fühlte ich, als würde die Sonne zweimal an einem Tag aufgehen.

Ich bin nicht Ihr Mann. Ich bin ein anderer Mensch, mit eigenem Schmerz und eigener Geschichte. Vielleicht könnten unsere Geschichten ein gemeinsames Ende finden?

Wenn das nicht völlig absurd für Sie klingt, würde ich Sie morgen um fünf nachmittags im Café Kanten gegenüber dem Park treffen.

In Hoffnung, Alexander

Tränen sprudelten aus Linas Augen Tränen des Glücks. Sie war nicht allein in diesem seltsamen Gefühl. Er fühlte dasselbe und hatte den Mut, den Schritt zu wagen, von dem sie nie zu träumen gewagt hatte.

Am nächsten Tag, halb fünf, stand sie vor dem Spiegel und richtete nervös ihr Kleid.

Mama, du siehst großartig aus!, rief Felix aus der Küche. Frag nicht zu sehr nach der Vergangenheit, okay? Die Zukunft zählt.

Sie lächelte.

Das Café Kanten war gemütlich, duftete nach frischem Gebäck. Alexander saß bereits am Fenster, mit angespanntem Blick über die Speisekarte. Als er sie an der Tür sah, stand er auf, und sein Gesicht erhellte das vertraute, doch neue Lächeln.

Ich fürchtete, Sie würden nicht kommen, sagte er und schob ihr einen Stuhl zurück.

Ich fürchtete, Sie bereuen den Brief, gestand Lina, während sie Platz nahm.

Keine Sekunde, schüttelte Alexander den Kopf. Seine Augen wurden ernst. Wissen Sie, als ich Sie das erste Mal sah es war wie ein Wunder, ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.

Mir ging es genauso, flüsterte Lina. Wie ein warmer Wind aus der Vergangenheit, doch nicht vergangen, etwas Neues.

Er reichte ihr seine Hand über den Tisch, und sie ergriff sie. Seine Hand war warm.

Lassen Sie uns es versuchen, Lina, sagte er. Ohne Eile. Einfach versuchen, glücklich zu sein.

Sie sah ihm in die Augen in die Augen eines Menschen, der denselben Schmerz gekannt hatte, aber den Glauben an Hoffnung nicht verloren hatte und nickte. Zum ersten Mal seit drei Jahren fühlte sie keine Trauer mehr über das Verlorene, sondern ein freudiges, zitterndes Erwarten dessen, was kommen würde. Das war ihr glückliches Ende, das zugleich ein neuer Anfang war. Der Beginn einer neuen Geschichte.

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Tränen des Glücks
Una ruta desconocida: el camino que no es el tuyo