Die Ex zurückerobern

Wirst du wieder zu ihr gehen?

Anneliese bohrte ihren Blick in den Ehemann. Andreas zog verzweifelt an den Schnürsenkeln seiner Stiefel.

Für die Kinder, Anni. Für die Kinder, nicht für sie, murmelte er, während er die Schuhe festzog. Wie lange soll das noch diskutiert werden?

Anneliese schwieg. Ihre Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie. So vieles wollte sie sagen, doch die Worte blieben im Hals stecken, erstickten zu einem schmerzhaften Kloß.

Vor der Hochzeit hat das ja noch gepasst, fuhr Andreas fort, griff nach seiner Jacke am Kleiderhaken und zog sie über die Schultern. Du wusstest, dass ich Kinder habe. Ich habe dir alles von Anfang an gesagt. Du hast gesagt, du verstehst. Und jetzt? Heulanfälle? Verhöre?

Anneliese biss die Zähne noch tiefer zusammen. Andreas warf die Jacke über die Schultern, öffnete die Tür, bevor er eine Antwort abwarten konnte. Der Riegel klickte, und sie blieb allein zurück.

Einige Sekunden vergingen, bis Anneliese sich vom Stuhl lösen konnte. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Sie sank auf das Sofa im Wohnzimmer, schaltete einen billigen Serienkanal ein das Hintergrundgeräusch sollte wenigstens das Stimmengewirr übertönen.

Sie und Andreas waren drei Jahre zusammen, davon zwei verheiratet. Und ja, sie hatte von Anfang an gewusst: Scheidung, zwei Kinder ein Junge und ein Mädchen. Andreas hatte beim dritten Treffen von ihnen erzählt. Dann hatte Anneliese gelächelt, gesagt, das sei kein Problem, sie verstehe, Kinder seien kein Hindernis.

Jetzt klangen diese Worte naïv, albern.

Sie deckte die Augen mit der Hand, atmete tief ein. Das Zurückhalten der Tränen wurde immer schwieriger, ihr Herz fühlte sich an, als würde eine unsichtbare Platte darauf drücken.

Der Alltag wurde unerträglich. Zweimal pro Woche, immer dienstags und samstags, ging Andreas zum Haus seiner ExFrau Sabine. Im Namen der Kinder, doch er blieb dort zum Abendessen, verbrachte Zeit mit Sabine, mit ihren 45jährigen Freundinnen, mit ihrer gemeinsamen Geschichte.

Anneliese wusste, dass das dumm war. Sie vertraute ihrem Mann, oder zumindest versuchte sie, sich davon zu überzeugen. Doch ein unbestimmtes Unbehagen kroch in ihr hoch, das ihr übel wurde.

Wenn Andreas ging, blieb sie allein in der Wohnung. Sie sank in Selbstvorwürfe, schimpfte sich selbst an, weil sie nicht standhaft genug war, weil sie den Versprechungen ihres Mannes erlegen war, weil sie schweigt, wenn sie schreien müsste.

Sie griff nach dem Telefon, tippte hastig eine Nachricht an ihre Freundin Lena: Er ist wieder bei ihr.

Das Handy vibrierte eingehender Anruf. Lena.

Hallo, sagte Anneliese, bemüht, dass ihre Stimme nicht zitterte.

Anni, was machst du da?, kam Lenas Stimme ohne Umschweife. Wie lange willst du das noch ertragen? Er betrügt dich das ist doch offensichtlich!

Nein, Lena, du verstehst nicht, begann Anneliese, doch Lena schnitt ihr das Wort ab.

Ich verstehe genau. Er geht zweimal die Woche zu seiner Ex, bleibt dort bis spät in die Nacht. Und du willst mir erzählen, dass sie dort mit den Kindern Legosteine bauen?

Anneliese fuhr die Hand über ihr Gesicht. Sie wusste, dass Lena recht hatte. Laut zu sagen, dass ihre Ehe ein Theaterstück war, bedeutete, das Stück zuzugeben.

Er sagt, zwischen uns sei nichts, er sei nur wegen der Kinder dort, flüsterte Anneliese.

Ach, du bist so naiv, seufzte Lena. Öffne endlich die Augen. Normale Männer verbringen nicht den halben Abend bei ihrer Ex. Sie holen die Kinder ab, gehen mit ihnen spazieren, bringen sie zurück. Dein Mann sitzt in ihrer Küche, isst ihr Borschtsch und hält ihre Hand, wenn die Kinder nicht hinschauen.

Lena, genug, schnappte Anneliese das Telefon fester.

Genug? Okay. Aber merk dir: Du wirst noch ein letztes Mal mit ihm schlafen. Und wenn das passiert, wirst du nicht sagen können, dass ich dich nicht gewarnt habe.

Das Gespräch endete. Anneliese starrte an die Decke, während im Fernsehen jemand laut lachte. Es war ihr egal.

Andreas kam gegen Mitternacht zurück. Anneliese hörte, wie er nackt den Flur entlang schritt, ins Bad ging. Er legte sich neben sie, und sofort roch sie fremde, süßlich-schrille Parfümnote.

Sie fragte nicht, warum er so spät kam die Kräfte fehlten. Andreas begann von selbst, setzte sich schräg.

Sorry, dass ich zu spät bin. Unsere Tochter wollte ein Bastelprojekt für den Kindergarten, ich habe geholfen, murmelte er, während er die Augen schloss. Sie hat eine Kuh aus Tannenzapfen gebaut. Sie sah ziemlich witzig aus.

Anneliese nickte im Halbdunkel, obwohl er es nicht sah.

So ging es mehrere Monate weiter: Dienstag, Samstag, Weggehen, Rückkommen, fremder Duft, Ausreden.

Dann änderte sich Andreas. Er wirkte finsterer, zurückgezogener. Er saß stundenlang da, starrte aufs Handy, die Stirn gerunzelt. Anneliese versuchte nachzuhaken, was los sei, doch er winkte nur ab, murmelte Unverständliches und zog sich in ein anderes Zimmer zurück.

Nach ein paar Wochen kam die Meldung:

Hör zu, am Freitag gehen wir auf ein Doppeldate.

Anneliese sah überrascht die Augenbrauen hochziehen.

Mit wem?

Mit Sabine und ihrem neuen Freund.

Ein schwerer Stein fiel von Annelieses Schultern. Also hatte Sabine doch jemanden? Also war Andreas nicht nur bei seiner Ex, er war nicht untreu? All ihre Ängste waren unbegründet?

Ein Lächeln keimte auf ihrem Gesicht. Sie drehte sich zu ihm, umarmte ihn um den Hals.

Klar, gehen wir.

Der Freitag kam schnell. Anneliese kaufte ein neues Kleid hellblau, körperbetont, damit sie gut aussah, um Sabine zu zeigen, dass sie Andreas würdig war, die richtige Wahl.

Sie trafen sich in einem Café am anderen Ende der Stadt, ein gemütlicher Ort mit Holztischen und sanftem Licht. Sabine saß bereits mit einem Mann um die vierzig, groß, sportlich, charmant, an ihrer Seite stand Max.

Hey, stand Sabine auf, um sie zu begrüßen. Das ist Max.

Max nickte, schüttelte Andreas die Hand. Sie setzten sich.

Anneliese hatte ein gutes Gefühl. Der Abend sollte ruhig verlaufen, ein nettes Gespräch, dann gingen alle nach Hause.

Doch das Doppeldate wurde zum Albtraum.

Den ganzen Abend über benahm sich Andreas, als müsse er Sabine von Max zurückerobern. Er unterbrach Max ständig, demonstrativ zeigte er, dass er Sabine besser kannte.

Max schlug vor, eine Pizza mit Paprika zu bestellen. Andreas griff sofort ein:

Sabine mag es nicht scharf.

Ich weiß, antwortete Max ruhig. Wir haben das schon besprochen. Du hast mich unterbrochen, bevor ich sagen konnte, dass das unsere Bestellung ist. Wir nehmen etwas anderes für Sabine.

Andreas ließ nicht locker.

Und erinnerst du dich, Sabine, wie wir mit den Kindern ans Meer gefahren sind?, fuhr er fort und ignorierte Max völlig. Lukas hat damals eine Qualle ans Ufer gebracht, dachte, das sei ein Spielzeug.

Sabine nickte, ihr Gesicht zeigte Ärger.

Andreas, das war lange her, versuchte sie, das Thema zu wechseln.

Aber Andreas fuhr fort, Geschichte um Geschichte zu erzählen über die Kinder, über das gemeinsame Elternsein, über die Wahl des Kinderwagens, über nächtliche Koliken des Sohnes.

Anneliese saß schweigend, ihr Glas Wasser fest umklammert. Jede Bemerkung Andreas traf sie wie ein Schlag. Sie sah, dass Sabine ebenfalls genervt war. Sabine versuchte, Andreas mit einem Blick zum Schweigen zu bringen, wechselte das Gespräch, doch er bemerkte es nicht.

Und plötzlich wurde Anneliese klar: Andreas hatte Sabine nie losgelassen. Er klammerte sich noch immer an die gemeinsame Vergangenheit, an die Kinder, an die Erinnerungen. Sie war nur ein Ersatz, ein Notbehelf.

Ihr Telefon vibrierte ein Anruf von der Bank. Sie tat so, als würde sie mit ihrer Mutter sprechen, behauptete, etwas Dringendes sei passiert.

Entschuldigung, ich muss gehen, das ist wichtig, sagte sie.

Niemand hielt sie auf. Andreas drehte sich nicht einmal um. Anneliese verließ das Café, sprang in ein Taxi und fuhr nach Hause.

In der Wohnung zog sie einen großen Koffer hervor und begann, ihre Sachen zu packen. Das erträgliche Verhalten ihres Mannes war ihr endgültig zuviel.

Andreas kam eine Stunde später, missmutig, wütend. Er sah den Koffer am Fußende des Bettes.

Was ist hier los?

Anneliese hob den Blick. Ihre Augen waren trocken, Tränen hatten sich zwischen Pullovern und Jeans vergraben.

Ich gehe, sagte sie schlicht.

Wohin?, fragte Andreas finster.

Wohin auch immer, weg von hier, zog sie ihre Jacke an. Das heutige Date hat mir die Wahrheit gezeigt. Du liebst deine Ex immer noch oder du kannst sie einfach nicht loslassen. Das ist schlimmer als alles andere.

Wovon redest du?, begann Andreas, doch Anneliese hob die Hand, um ihn zu stoppen.

Hör auf zu lügen. Ich habe gesehen, wie du dich benommen hast. Du hast versucht, Sabine vor Max zu verteidigen, hast die ganze Nacht gezeigt, dass sie dir gehört. Und ich war nur das Überbleibsel.

Andreas schwieg.

Ich will kein Ersatz mehr sein, Andreas, fuhr Anneliese fort, den Griff am Koffer fest. Ich gehe.

Anni, warte, räkelte er schließlich.

Nein, schüttelte sie den Kopf. Ich liebe dich, aber diese Liebe wird verbrennen. Ich bewahre wenigstens etwas von meiner Würde.

Sie ging zur Tür. Andreas stand da, starrte ihr nach, sagte nichts, bat nicht um Verbleib, machte keinen Versuch, sie aufzuhalten.

Anneliese rief ein Taxi und fuhr zu ihren Eltern. Im Auto sah sie aus dem Fenster die nächtliche Stadt, dachte nur an eins: Endlich bin ich frei.

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