Das Haus nach dem Wehrdienst
Im Flur lag noch der Geruch feuchter Straßenschuhe und der noch nicht ganz trockenen Jacke, die meine Mutter noch über den unteren Haken gehängt hatte den Platz für den Sohn freigelassen. Er trat fast lautlos ein: kompakt gebaut, kurz geschnitten, in strenger dunkler Kleidung. Meine Mutter bemerkte, dass sein Blick sich verändert hatte nicht mehr hart, sondern eher wachsam. Sie richtete hastig den Teppich vor der Tür auf und lächelte.
Komm herein alles ist fertig. Ich habe dein Zimmer gelüftet und das neue Bettzeug ausgebreitet, sagte sie.
Er nickte ob aus Dankbarkeit oder bloßer Höflichkeit, das ließ sich nicht genau sagen. Den Koffer stellte er an die Wand und blieb im Türrahmen des Zimmers stehen: er sah die vertrauten Tapeten mit verblassten Rautenmuster, das Regal mit den Kindheitsbüchern. Es schien, als wäre alles wie zuvor, nur die Luft war kühler die Heizung war schon seit einer Woche abgeschaltet.
In der Küche stellte meine Mutter das Geschirr hin: nach seiner Bitte Bohnensuppe und Kartoffeln mit Kraut vom Markt. Am Tisch bemühte sie sich, ruhig zu sprechen:
Du hättest wenigstens vorher anrufen können Ich hatte gedacht, dich am Bahnhof zu treffen.
Der Sohn zuckte mit den Schultern:
Ich wollte es allein schaffen.
Eine Pause dehnte sich; einzig das Klirren des Löffels am Rand der Schüssel war zu hören. Er aß gemächlich und fast wortlos, beantwortete knapp Fragen nach dem Weg, nach dem Teil dort sei alles in Ordnung, der Kommandant ein normaler Mensch. Meine Mutter ertappte sich dabei, wie sie nach einem Anlass suchte, nach seiner Zukunft zu fragen, aber sie wagte es nicht, das Wort Arbeit oder Pläne direkt anzusprechen.
Nach dem Abendessen räumte sie die Küche auf die gewohnten Handbewegungen beruhigten sie mehr als jedes Gespräch. Der Sohn ging in sein Zimmer, die Tür ließ er halb offen; nur die Rückenlehne eines Stuhls und die Kante des Koffers lugten aus dem Winkel hervor.
Am Abend ging er, um Wasser zu holen, und blieb am Wohnzimmerfenster stehen ein leichter Zug durch das angelehnte Fenster erinnerte an den Beginn des Sommers: die Sonne sank spät und tauchte die Fensterbank mit den Kräutertöpfen in sanftes Licht.
Am nächsten Morgen wachte meine Mutter früher als ihr Sohn auf: sie hörte sein leises Atmen durch die dünne Wand des Schlafzimmers und versuchte, das Geschirr nicht unnötig zu klirren. Die Wohnung wurde enger: die Sachen des Sohnes füllten wieder die Plätze im Flur und Bad; die Zahnbürste neben ihrer alten Tasse wirkte fremd hell.
Den größten Teil des Tages verbrachte er am Rechner oder mit dem Handy; er kam nur zum Frühstück oder zum Mittagessen. Meine Mutter versuchte, Gespräche über das Wetter oder die Nachbarn zu führen; er antwortete ausweichend oder zog sich nach ein paar Sätzen zurück.
Eines Tages kaufte sie frischen Dill und Lauch auf dem Markt:
Schau mal! Dein Lieblingsgrün
Er blickte abwesend:
Danke Später?
Das Grün verwelkte rasch auf dem Tisch die Wohnung wurde abends wärmer, und meine Mutter fürchtete das Lüften: Zugluft hatte er seit seiner Kindheit nicht gern.
Am Abend trafen sie sich zum Abendessen: unbeholfene Pausen wurden länger als das Gespräch selbst. Der Sohn lobte das Essen selten; meist aß er schweigend oder bat darum, den Teller bis zum Morgen stehen zu lassen der Appetit fehlte. Manchmal vergaß er, seine Tasse abzuräumen, oder ließ die Brotdose nach einem nächtlichen Snack offen.
Meine Mutter bemerkte diese Kleinigkeiten: früher räumte er den Tisch ohne Erinnerung auf. Jetzt schien es ihr unangenehm, einem erwachsenen Mann Vorwürfe zu machen; stattdessen wischte sie leise die Krümel selbst weg.
Allmählich häuften sich unscheinbare Missgeschicke: das Handtuch verschwand aus dem Bad der Sohn nahm es ins Zimmer, jemand stellte die Schlüssel vom Briefkasten falsch hin und beide suchten sie später zwischen Paketen und Quittungen.
Eines Morgens fand meine Mutter die leere Brotdose auf dem Tisch:
Wir sollten Brot kaufen
Der Sohn murmelte etwas Unbestimmtes aus seinem Zimmer:
Na gut
Sie wollte am Abend nach der Arbeit selbst losgehen, blieb aber wegen einer langen Schlange in der Apotheke stehen und kam erschöpft nach Hause.
In der Küche stand der Sohn vor dem Kühlschrank, das Handy in der Hand. Meine Mutter öffnete automatisch die Brotdose kein Brot war darin. Sie seufzte müde:
Du hast doch gesagt, du kaufst Brot.
Der Sohn drehte sich scharf um; seine Stimme klang lauter als gewöhnlich:
Ich habe es vergessen! Ich habe meine eigenen Dinge!
Meine Mutter geriet in Verlegenheit; Ärger brach trotz ihrer Müdigkeit hervor:
Natürlich Du vergisst immer alles!
Wort um Wort wurden die Stimmen lauter. Plötzlich fiel das Atmen in der engen Küche schwer. Jeder wollte seinen Standpunkt beweisen, doch hörte man etwas anderes: die Erschöpfung voneinander, das Unvermögen, einen gemeinsamen Ton zu finden, die Angst, die Nähe zu verlieren, die einst so selbstverständlich schien.
Es war still in der Wohnung, als wäre die Energie, die im Streit entfesselt worden war, in die nächtliche Luft verpufft. Auf dem Küchentisch flackerte die schwache Lampe, warf langen Schatten auf die leere Brotdose. Meine Mutter lag lange wach, lag auf dem Rücken und lauschte den spärlichen Geräuschen: irgendwo klickte ein Lichtschalter, dann summte das Wasser im Bad. Der Sohn ging vorsichtig, als wolle er den Frieden der Wände nicht stören, die in diesen Tagen sowohl vertraut als auch fremd geworden waren.
Sie erinnerte sich an die Gespräche vor dem Wehrdienst: damals war alles einfacher man konnte direkt fragen, wegen vergessener Mülltonnen oder zu spätem Abendessen schimpfen. Jetzt wirkte jedes Wort riskant: nicht aus Versehen verletzen, das zerbrechliche Gleichgewicht nicht erschüttern. Hinter dem Streit lag die Müdigkeit ihre nach einem Arbeitstag, seine nach langen Tagen in den vier Wänden.
Die Uhr zeigte fast zwei Uhr nachts, als sie leichte Schritte im Flur hörte. Die Tür zur Küche kreischte: ihr Sohn goss sich Wasser aus einem Kristallkaraffe. Meine Mutter hob sich auf dem Ellbogen, überlegte, ob sie bleiben oder ins Bett zurückkehren sollte. Sie entschied sich doch aufzustehen, zog ihren Bademantel an und schritt barfuß über den kühlen Fußboden.
Der Raum roch nach feuchtem Tuch sie hatte am Vorabend die Arbeitsplatte abgewischt. Der Sohn stand am Fenster, Rücken zur Tür, die Schultern leicht gesenkt, die Hand fest um das Glas.
Kannst du nicht schlafen? flüsterte sie.
Er zuckte leicht, drehte sich nicht sofort um.
Ich kann auch nicht
Stille hing zwischen ihnen wie ein dicker Knoten; nur ein Wassertropfen rutschte die glatte Oberfläche des Karaffenglases hinab.
Entschuldige den Abend Ich habe zu laut geschrien, sagte meine Mutter. Du bist müde Und ich auch.
Er drehte sich langsam:
Ich bin schuld Es ist alles nur noch ungewohnt.
Seine Stimme war rau vor langem Schweigen; er vermied ihren Blick.
Sie schwiegen wieder, doch die Anspannung löste sich ein wenig durch diese wenigen Worte. Meine Mutter setzte sich ihr gegenüber an den Tisch, schob ihm eine Schachtel Tee zu ein automatischer, zugleich beruhigender Akt.
Du bist jetzt ein Mann, sagte sie behutsam. Ich muss lernen, dich etwas weiter ziehen zu lassen Ich fürchte immer, etwas zu verlieren oder falsch zu machen.
Er sah sie aufmerksam an:
Ich verstehe noch nicht, wie das hier laufen soll Dort (er deutete kurz zur Wand) war es einfach: Befehl erledigt; zu Hause ist alles anders. Hier scheinen schon eigene Regeln zu gelten, ohne mich
Ein leichtes Lächeln spielte an ihren Lippen:
Wir lernen beide neu, zusammen zu leben Vielleicht sollten wir uns auf etwas einigen?
Er zuckte mit den Schultern:
Können wir es versuchen
Die Bereitschaft, wenigstens einen Weg zu suchen, schenkte ihr Erleichterung. Sie beschlossen laut, wer für die Einkäufe verantwortlich ist (er würde jeden zweiten Tag Brot besorgen), wer das Geschirr nach dem Essen spült, und dass jeder abends ein wenig Zeit für sich haben darf, ohne Fragen nach dem Wohin oder Was. Beide wussten, das sei erst der Anfang der Veränderungen aber das Wichtigste war, dass es ehrlich und ruhig ausgesprochen wurde.
Meine Mutter fragte vorsichtig nach seinen Plänen für die Arbeit:
Willst du etwas finden? Hast du deinen Soldbrief noch?
Er nickte:
Ja. Nach der Entlassung wurde er sofort zurückgegeben, liegt jetzt im Rucksack zusammen mit dem Nachweis über den Dienst Aber jetzt? Wohin weiter?
Sie dachte an das Arbeitsamt und erzählte ihm kurz von kostenlosen Beratungen und Programmen für Rückkehrer aus der Bundeswehr. Er hörte leicht misstrauisch:
Glaubst du, wir sollten dort hingehen?
Meine Mutter schüttelte den Kopf:
Warum nicht? Einen Versuch lohnt es sich. Wenn du willst, kann ich morgens mit dir gehen, dich begleiten oder bei den Unterlagen helfen.
Er überlegte lange, dann sagte:
Lass uns es zusammen versuchen, zuerst
Die Küche wurde ein wenig wärmer: vielleicht weil das Licht über dem Herd ausging und nur das sanfte Leuchten der Lampe blieb, vielleicht weil sie zum ersten Mal seit Tagen ehrlich und ruhig miteinander sprachen. Draußen flackerten in der Dunkelheit die Lichter der Nachbarhäuser; jemand schlief noch in diesen kleinen Wohnungen des späten Frühlings.
Als das Gespräch von selbst endete, räumten sie gemeinsam die Tassen weg und wischten die Arbeitsfläche mit einem feuchten Tuch.
Der Morgen begrüßte sie mit weichem Licht durch die dicken Vorhänge: die Stadt erwachte gemächlich, im Hof hörte man das Lachen von Schulkindern und das Zwitschern von Vögeln am offenen Küchenfenster dieses Mal war das Lüften nicht mehr beängstigend. Die Luft wurde etwas wärmer; die Kälte der Nacht verließ sie zusammen mit der Sorge der vergangenen Tage.
Meine Mutter stellte den Wasserkocher an und holte aus dem Schrank ein Päckchen Brötchen für das Frühstück anstelle des fehlenden Brotes. Sie legte auf den Tisch die Unterlagen ihres Sohnes: den Soldbrief in rotem Einband, die Dienstbescheinigung und den Reisepass. Sie betrachtete die Papiere ruhig nun waren sie Zeichen eines neuen Kapitels im Leben ihres Sohnes, das hier und jetzt begann.
Der Sohn verließ das Zimmer schläfrig, doch ohne die frühere Entfremdung, setzte sich an den Tisch gegenüber seiner Mutter und lächelte kurz:
Danke dir
Sie antwortete ebenso schlicht:
Wollen wir heute etwas zusammen unternehmen?
Er nickte zustimmend. Dieses Ja klang für sie gewichtiger als jede Verheißung.







