Liselotte Meyer stellte ihre Koffer in die Ecke und fühlte zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt eine eigentümliche Leichtigkeit als hätte ein unsichtbarer Wind ihre Ketten gelöst.
Frau Meyer, machen Sie Witze?, rief die Kassiererin in dem kleinen Supermarkt in Berlin, während sie die Stirn runzelte. Das ist das dritte Mal diese Woche!
Liselotte stand an der Kasse, ihr Gesicht wechselte zwischen Röte und Blässe. In ihrer Hand zitterte ein zerknitterter 3EuroSchein, den sie zum fünften Mal reichte.
Entschuldigung, aber mein Mann hat mir nur drei Euro für Lebensmittel zugestanden
Zugestanden!, schwang die Kassiererin die Arme. Sie sind fünfundvierzig und benehmen sich wie ein Kind! Ihr Mann hat Ihnen das erlaubt!
Sie verstehen das nicht
Verstehe ich doch! Ich habe eine lange Schlange vor mir, und Sie überlegen immer noch, was man für drei Euro kaufen kann! Nehmen Sie etwas und verschwinden Sie!
Liselotte packte ein Brot und eine Flasche Milch, bezahlte, verließ den Laden und stützte sich gegen die kalte Hauswand, atmete tief ein. Tränen drohten zu brechen, doch sie hielt sie zurück. Nicht in der Öffentlichkeit weinen.
Am Abend kam ihr Ehemann Jürgen Keller nach einem mürrischen Arbeitstag nach Hause. Liselotte stand im Flur, hielt den Aktentasche.
Jürgen, das Abendessen ist fertig. Ich habe Frikadellen und Kartoffeln
Wieder Fettiges?, verzog er das Gesicht. Mein Magen schmerzt von deiner Küche!
Gestern hast du doch Frikadellen verlangt
Gestern! Und heute hast du es vergessen! Kann man das nicht merken?
Liselotte senkte den Kopf, schlich in die Küche. Jürgen ließ sich in den Sessel vor dem Fernseher fallen.
Und wo ist das Geld? Ich habe dir heute Morgen vier Euro gegeben!
Drei Euro. Du hast drei Euro gegeben.
Streit nicht! Ich weiß besser, was ich gegeben habe!
In Ordnung, drei Euro, sagte Liselotte ohne zu widersprechen. Ich habe Brot, Milch und Butter gekauft. Hier die Quittungen.
Jürgen nahm die Quittungen, studierte sie.
Brot für 0,48 Euro? Warum so teuer?
Ein einfaches Brot, Jürgen
Einfaches kostet 0,30 Euro! Du hast zu viel bezahlt! Was für ein Verschwender!
Liselotte biss sich auf die Lippe. Wieder ein Streit um Quittungen, um Groschen. Jeder Tag ein Déjàvu.
Früher war alles anders. Sie lernten sich bei der Arbeit kennen. Jürgen kam als neuer Abteilungsleiter, gutaussehend, selbstbewusst, erfolgreich. Er bemerkte Liselotte, begann ihr nachzujagen.
Liselotte, du bist so bezaubernd. Wollen wir heute ins Café gehen?
Gern.
Nur ohne Gespräch über die Arbeit. Ich möchte dich besser kennenlernen.
Er war charmant, schenkte Blumen, flüsterte Komplimente. Liselotte verliebte sich. Nach zwei gescheiterten Beziehungen wollte sie endlich den Richtigen finden. Jürgen schien perfekt.
Sie heirateten schnell. Nach einem halben Jahr waren sie verheiratet. Liselotte dachte, ihr Schicksal sei gefunden.
Die ersten Monate waren wirklich gut. Jürgen war aufmerksam, fürsorglich, doch manchmal macht er merkwürdige Bemerkungen.
Liselotte, das Kleid steht dir nicht. Zu grell.
Mir gefällt es
Magst du es, aber du siehst darin billig aus. Zieh lieber etwas Graues an.
Liselotte wechselte die Kleidung, wollte ihm gefallen.
Dann begannen die Kritikpunkte beim Kochen.
Die Suppe ist zu wenig gesalzen.
Das Fleisch zu hart.
Der Salat ist komisch.
Sie kaufte Kochbücher, schaute Rezepte, versuchte besser zu werden. Jürgen fand immer etwas zu beanstanden.
Schließlich schlug er vor, sie solle ihren Job aufgeben.
Liselotte, warum arbeitest du noch? Ich verdiene gut, ich kann die Familie versorgen.
Aber ich mag meine Arbeit
Arbeit? Du verdienst nur Pfennigbeträge! Bleib lieber zu Hause, kümmere dich um den Haushalt. Unser Haus ist ein Chaos, das Essen schmeckt nicht.
Liselotte gab nach, kündigte und wurde Hausfrau. Zunächst genoss sie das langsame Tempo, das späte Aufstehen, alles in ihrem eigenen Rhythmus.
Doch Jürgen verwandelte ihr Leben schnell in ein Gefängnis. Jeder Tag war ein neuer Prüfungsbogen: Warum liegt Staub auf dem Regal? Warum ist das Hemd nicht glatt? Warum gibt es das Mittagessen um zwölf, nicht um halb eins?
Sie jagte, versuchte alles zu schaffen, doch es war unmöglich, ihm zu gefallen. Es gab immer etwas zu kritisieren.
Am schlimmsten war das Geld. Jürgen gab ihr jede Woche fest drei Euro, höchstens vier. Er verlangte detaillierte Abrechnungen jeder einzelnen Münze.
Wo sind die zwanzig Cent hin?
Ich habe ein Brötchen gekauft
Ein Brötchen? Warum? Da gibt es doch Brot zu Hause!
Ich wollte einfach etwas Süßes
Süßes! Unser Geld ist keine Gummibärchen! Frag das nächste Mal um Erlaubnis!
Er erwartete, dass sie um Erlaubnis bittet, bevor sie etwas kauft. Liselotte versuchte Arbeit zu finden, ging zu Vorstellungsgesprächen, doch Jürgen tauchte immer wieder auf und löste einen Sturm aus.
Bist du jetzt verrückt? Du willst arbeiten! Wer macht dann das Haus?
Ich schaffe beides.
Das schaffst du nicht! Du machst alles nur halbherzig! Genug erfunden! Dein Platz ist zu Hause!
Er verbot ihr den Kontakt zu Freundinnen. Er sagte, sie würden ihr nur schaden.
Jürgen, ich will zu Gisela zu ihrem Geburtstag gehen
Zu Gisela? Dieser Schlampe? Sie war schon dreimal verheiratet!
Sie ist meine Freundin
Keine Freundin! Freundinnen unterstützen Familien, nicht Untreue! Du gehst nicht!
Liselotte ging nicht. Ebenso viele andere Einladungen wurden abgelehnt. Nach und nach ruhten sich die Freundinnen zurück, waren verwirrt.
Gisela rief mehrmals an.
Liselotte, was ist los mit dir? Du bist verschwunden!
Beschäftigt, natürlich
Beschäftigt! Du sitzt doch zu Hause! Lass uns einen Kaffee trinken!
Kann nicht, Gisela. Jürgen mag das nicht
Scheiß auf Jürgen! Liselotte, hörst du dich selbst? Bist du in einer Sekte?
Vielleicht war das Haus selbst die Sekte, und Jürgen der Guru.
Jahre vergingen fünf, sieben, zehn. Liselotte wurde zu einem Schatten, schlich lautlos durchs Haus, sprach leise, versuchte, nicht aufzufallen. Nur kleine Freuden hielten sie am Leben: heimlich gelesene Bücher, Serien, die sie sah, wenn Jürgen bei der Arbeit war.
Eines Tages ging sie zum Supermarkt, wählte Gemüse und hörte eine vertraute Stimme.
Liselotte? Du?
Sie drehte sich um. Gisela, ihre alte Freundin, die sie seit acht Jahren nicht gesehen hatte.
Gis
Gott sei Dank, dich zu sehen! Wo warst du? Ich habe angerufen, geschrieben!
Ich habe mich versteckt.
Versteckt?, Gisela trat näher, sah Liselotte aufmerksam an. Liselotte, geht es dir gut? Du siehst aus wie ein fahles Blatt.
Alles in Ordnung.
Nein, das ist es nicht. Du bist dünn, du bist erschöpft. Was ist los?
Liselotte wollte witzeln, das Gespräch beenden, doch Gisela ergriff ihre Hand und zog sie in ein Café gegenüber.
Setz dich, erzähl mir alles. Und streit nicht!
Im Café erzählte Liselotte das Wesentliche: die Kontrolle, die ständige Kritik, das Geld, das immer nachgezählt wurde. Gisela hörte zu, ihr Gesicht wurde immer finsterer.
Liselotte, das nennt man häusliche Gewalt. Psychisch.
Wie kann das sein? Er schlägt mich nicht
Man muss nicht schlagen, um zu zerstören! Er ruiniert dich mental, kontrolliert jeden Schritt.
Vielleicht ist er nur anspruchsvoll.
Anspruchsvoll!, schlug Gisela mit der Faust auf den Tisch. Wach auf! Er behandelt dich wie eine Dienstmagd! Bist du ein Mensch oder ein Roboter?
Ein Mensch
Warum lässt du das zu?
Liselotte wusste nicht, was zu sagen. Warum? Aus Liebe? Die Liebe war längst verflogen, nur Gewohnheit und Angst blieben.
Gis, wie soll ich gehen? Wohin? Ich habe nichts!
Du hast dich! Du findest Arbeit, du suchst dir eine Wohnung!
Mit fünfundvierzig? Wer braucht mich noch?
Du bist Buchhalterin, du hast Erfahrung! Ich helfe dir, ich habe Kontakte!
Gisela half wirklich. Eine Woche später rief sie an: Eine Stelle in einer kleinen Firma, gutes Gehalt, flexibler Zeitplan.
Geh zum Vorstellungsgespräch. Ich habe mit dem Direktor gesprochen, er will dich.
Liselotte ging heimlich, sagte Jürgen, sie gehe zum Markt. Das Gespräch verlief gut. Der Direktor, ein rund fünfzigjähriger Mann, freundlich, sah ihr Zeugnis an.
Frau Meyer, warum so lange nicht gearbeitet?
Familienangelegenheiten, Haus, Mann
Verstehe. Aber Ihre Erfahrung ist gut. Wir können Sie schnell einarbeiten. Starten Sie nächsten Montag?
Ja!
Sie kam nach Hause, voller Aufregung. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie Freude. Arbeit! Eigenes Geld! Freiheit!
Wie sollte sie Jürgen sagen? Er würde sicher protestieren.
Am Abend, als Jürgen von der Arbeit kam, sammelte Liselotte Mut.
Jürgen, wir müssen reden.
Worum? er schaute nicht vom Handy weg.
Ich habe einen Job.
Stille. Jürgen hob langsam den Kopf.
Was hast du gesagt?
Ich habe einen Job. Buchhalterin. Ich fange Montag an.
Ohne meine Erlaubnis?
Ich bin erwachsen, ich brauche keine Erlaubnis.
Er stand auf, das Gesicht verzerrt vor Wut.
Du brauchst meine Erlaubnis! Du bist meine Frau! Du musst fragen!
Ich habe bereits unterschrieben.
Morgen gehst du und sagst ab!
Ich gehe nicht.
Was?
Ich habe gesagt ich gehe nicht!
Liselotte spürte ein ungewohntes Feuer in sich. Genug! Zehn Jahre habe ich ertragen! Dein ständiges Nörgeln! Genug!
Bist du verrückt? Wer bist du ohne mich?
Du gibst mir drei Euro pro Woche! Damit kann ich nur Brot und Wasser kaufen!
Hör auf zu fressen!
Fresse! Ich habe seit fünf Jahren keine neue Kleidung gekauft! Ich trage Altes! Du kaufst jeden Monat etwas Neues!
Ich muss gut aussehen für die Arbeit!
Ich auch! Ich bin auch ein Mensch!
Jürgen schwang die Hand, Liselotte schloss die Augen, erwartete einen Schlag. Er schlug nicht, drehte sich nur um und verließ den Raum, schlug die Tür so fest, dass das Glas zitterte.
Liselotte stand zitternd in der Küche, doch ein seltsames Leichtgewicht erfüllte sie. Sie hatte das gesagt, was sie zehn Jahre lang nicht ausgesprochen hatte.
Am Montag ging sie zur Arbeit. Jürgen schwieg, sagte keinen Abschied, aber er stoppte sie nicht. Vielleicht wollte er abwarten.
Im Büro war alles neu: Kollegen, Aufgaben, das Summen der Computer. Liselotte fühlte sich zunächst fehl am Platz, doch nach und nach fand sie ihren Rhythmus, erinnerte sich an alte Fähigkeiten, lernte neue Programme.
Eine Kollegin, Irina, wurde schnell ihre Vertraute.
Liselotte, wie läufts?
Ich versuche mich zu erinnern, nach all den Jahren.
Kein Problem, du holst das schnell wieder raus! Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid.
Nach einem Monat bekam sie ihr erstes Gehalt: 2.500 Euro. Für manche ein Witz, für sie ein Schatz. Sie hielt den Umschlag, konnte ihr Geld kaum fassen.
Sie ging zum Supermarkt, kaufte sich eine neue Bluse, etwas Schönes, das sie sich lange gewünscht hatte. Auch einen Kuchen, einfach so, ohne Anlass.
Zuhause sah Jürgen die Tüten, verzog die Stirn.
Was ist das?
Einkauf und die Bluse.
Woher das Geld?
Aus meinem Lohn.
Er zog die Bluse heraus, runzelte die Stirn.
Eineinhalb Euro für ein Tuch! Das ist Verschwendung! Ich habe dir gesagt, du sollst sparen!
Das ist mein Geld, das ich verdient habe.
Nicht deins! Wir sind ein Team! Alles ist gemeinschaftlich!
Jürgen schweigte, begriff, dass er in die Falle getappt war.
Also, wie du willst, murmelte er. Aber ab heute zahlst du selbst für Lebensmittel! Ich gebe dir keinen Cent mehr!
Perfekt. Dann zahle ich selbst.
Er schwang die Tür zu, Liselotte lächelte, sah die Bluse, die Tüten, fühlte zum ersten Mal seit langem ein echtes Lächeln.
Monate vergingen, die Arbeit gefiel ihr, die Kollegen wurden Freunde. Sie ging nach der Arbeit mit ihnen in ein Café, besuchte am Wochenende das Kino. Jürgen nörgelte, konnte es nicht mehr verbieten.
Wieder deine Frauen?
Das sind meine Kolleginnen, meine Freundinnen.
Freundinnen! Sie stellen dich gegen mich!
Niemand stellt mich gegen dich. Ich sehe selbst.
Was siehst du?
Ich sehe, dass ich zehn Jahre in einem Käfig gelebt habe. Jetzt ist der Käfig offen.
Jürgens Zorn wuchs, weil er die Kontrolle verlor. Eines Abends, als er betrunken und wütend die Flur betrat, schrie er:
Wo warst du?
Auf der Arbeit.
Lügst du! Du hast dich mit jemandem getroffen!
Mit wem soll ich mich treffen? Du bist betrunken. Geh schlafen.
Ich bin nicht betrunken! Du betrügst mich! Gib zu!
Was für ein Unsinn? Was für ein Betrug?
Er drückte sie, Liselotte stürzte gegen die Wand, richtete sich wieder auf, sah in seine wütenden Augen und erkannte: Bleibt sie, wird es nur schlimmer. Er würde sich nie ändern.
Genug, sagte sie leise. Es reicht.
Wovon reicht?
Von dieser Ehe. Ich gehe.
Wohin gehst du? Du hast nichts!
Ich habe Arbeit, Geld. Ich nehme eine Wohnung.
Du wirst nicht mal eine Woche ohne mich überleben!
Ich werde überleben. Du wirst sehen.
Sie ging ins Schlafzimmer, holte einen Koffer, begann zu packen. Jürgen stand verwirrt in der Tür.
Machst du das ernsthaft?
Mehr als ernst.
Liselotte, wo willst du um elf abends hin?
Zu Gisela. Sie hat mir angeboten, bei ihr zu übernachten.
Zu dieser Schlampe?
Sie ist keine Schlampe. Sie ist meine Freundin, die mir geholfen hat, als ich am Boden war.
Sie schloss den Koffer, nahm Tasche und Jacke, ging zum Flur. Jürgen griff nach ihrer Hand.
Stopp. Lass uns reden.
Worüber? Alles ist gesagt.
Liselotte, bitte, ich … ich werde mich ändern.
Wie oft hast du das gesagt? Zwanzig? Dreißig Mal?
Jetzt wirklich.
Du siehst das Problem nicht. Wenn du es nicht siehst, kannst du es nicht ändern.
Sie riss sich los, öffnete die Tür, trat auf die Treppe. Jürgen folgte ihr.
Komm zurück! Du wirst es bereuen!
Vielleicht. Aber nicht so, wie ich es bereut hätte, wenn ich geblieben wäre.
Sie fuhr die Treppe hinunter, trat auf die Straße. Der kalte Oktoberwind schlug ihr ins Gesicht. Sie blieb stehen, atmete tief ein.
Frei, zumUnd während der Himmel über ihr in einem sanften Rosa erglühte, spürte Liselotte das beruhigende Versprechen eines neuen, unbeschwerten Lebens.







