Ich habe meine Mutter bei mir aufgenommen, und meine Frau setzte mir ein Ultimatum.
Man glaubt, jemanden gut zu kennen, teilt mit ihm Freude, Leid und Zukunftspläne. Man meint, egal was passiert, diese Person bleibt treu und solidarisch. Doch das Leben prüft dieses Vertrauen, und plötzlich erkennt man, dass die geliebte Person nicht immer die ist, die man dachte.
Liebe, Familie und eine Wohnung, die uns nicht gehörte
Als ich Lena kennenlernte, dachte ich, ich hätte die ideale Partnerin gefunden. Sie war hübsch, sanft und voller Lebensfreude. In den ersten Monaten war unsere Beziehung verschmolzen. Wir wussten schnell, dass wir unser Leben gemeinsam verbringen wollten, und ein Jahr später standen wir vor dem Altar.
Nach der Hochzeit stellte sich die Frage: Wo wollen wir wohnen? Eine Wohnung in Berlin zu mieten war astronomisch teuer, ein Eigenheim schien unerreichbar. Wir prüften verschiedene Möglichkeiten, bis meine Mutter uns ein unerwartetes Angebot machte.
Sie besaß eine Altbauwohnung im Stadtteil Kreuzberg, ein Erbteil meiner Großeltern. Sie bot uns an, dort mietfrei zu wohnen, damit wir sparen und unsere Zukunft aufbauen konnten.
Das war ein Glücksfall. Lena und ich waren überglücklich. Meine Mutter legte sogar ihr ganzes Erspartes dafür aus, die Wohnung zu renovieren und in ein richtiges Heim zu verwandeln ohne irgendeine Gegenleistung zu verlangen. Sie wollte nur unser Glück sehen.
Eine Zeit lang schien alles perfekt.
Bis das Fundament plötzlich zusammenbrach.
Der Verrat meines Vaters und der Sturz meiner Mutter
Meine Eltern waren fast vier Jahrzehnte verheiratet. Mein Vater, Jürgen, war für mich stets ein Vorbild ein Mann mit Prinzipien und Werten, auf den man bauen konnte.
Bis zu jenem Abend.
Er wartete, bis meine Mutter ihm gegenüber saß, und sagte ohne Umschweife, dass er die Familie verlasse.
Er hatte eine jüngere, attraktivere Frau kennengelernt, die er lebendiger nannte.
Ich werde das leere Gesicht meiner Mutter nie vergessen: ihr starres Blick, die zitternden Lippen, der keuchte Atem. Der Mann, den sie jahrzehntelang geliebt hatte, war plötzlich nichts mehr für sie.
Der Schock war zu groß.
Wenige Wochen nach ihrem Weggang erlitt meine Mutter einen Schlaganfall.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag: das klingelnde Telefon, die panische Stimme des Arztes, das hastige Rennen ins Krankenhaus, die quälende Angst. Dann das Bild meiner Mutter, regungslos im Bett, unfähig zu sprechen, mit flehenden Augen.
In diesem Moment zählte nur eines: Ich musste sie zu mir holen.
Ich will nicht mit deiner Mutter zusammenleben!
Als ich an diesem Abend nach Hause kam, war ich überzeugt, dass Lena verstehen würde. Schließlich war es meine Mutter die Frau, die uns ein Dach über dem Kopf geschenkt und alles geopfert hatte. Wie könnten wir sie jetzt im Stich lassen?
Doch Lenas Reaktion war eiskalt.
Ich weigere mich, dass deine Mutter hier wohnt!
Ich sah sie verwirrt an.
Lena Sie hat keinen Ort, an den sie gehen kann. Sie ist krank. Sie braucht uns.
Dann finde ihr ein Pflegeheim! Ich bin keine Krankenschwester. Ich will mein Leben nicht für sie opfern.
Ihre Worte schnitten tief ins Herz.
Ich suchte in ihrem Blick nach einem Funken Mitgefühl, ein Zögern, einen Hauch Menschlichkeit fand aber nichts.
Lena, sie ist nicht nur eine alte, kranke Frau. Sie ist meine Mutter, die uns dieses Haus gegeben hat und alles getan hat, um uns zu helfen. Willst du sie jetzt wirklich im Stich lassen?
Sie blinzelte nicht einmal.
Ich habe dich geheiratet, nicht sie. Wenn du sie hier bringst, gehe ich.
Das war keine Diskussion, sondern ein Ultimatum.
Die Entscheidung, die alles veränderte
Die drei Tage danach waren ein Qualenlauf. Ich drehte die Situation immer wieder, suchte nach einer Lösung, nach einem Kompromiss.
Doch die Wahrheit war klar.
Lena hatte bereits gewählt. Und wenn sie meine Familie so leicht im Stich lassen konnte, was würde sie tun, wenn ich eines Tages Hilfe bräuchte?
Also traf ich meine Entscheidung.
Am Vorabend, bevor meine Mutter zurückkehren sollte, packte ich Lenas Koffer und stellte ihn vor die Tür.
Als sie zurückkam und die Koffer sah, brach sie in lautes Gelächter aus.
Machst du Spaß? Du wählst DEINE MUTTER vor MIR?
Ich sah ihr fest in die Augen und antwortete ruhig:
Ich wähle die einzige Person, die mich nie verlassen hat.
Zweifel huschten über ihr Gesicht. Vielleicht erwartete sie, dass ich umgebe und nachgebe. Doch ich tat es nicht.
Sie verließ das Haus verärgert, knallte die Tür hinter sich zu.
Am nächsten Morgen holte ich meine Mutter ab und brachte sie zurück.
Wer einmal verrät, wird immer wieder verraten
Die ersten Monate waren hart: Arztbesuche, Rehabilitation, schlaflose Nächte, in denen ich über meiner Mutter wachte.
Aber weißt du was? Ich habe meine Entscheidung nie bereut.
Denn ich habe eine zentrale Erkenntnis gewonnen: Wer dir einmal den Rücken gekehrt hat, wird es immer wieder tun.
Mein Vater hat meine Mutter verlassen.
Meine Frau wollte, dass ich meine Mutter im Stich lasse.
Heute lebe ich mit meiner Mutter zusammen. Sie erholt sich langsam, und jeden Tag sehe ich wieder Kraft in ihren Augen zurückkehren.
Ich weiß, dass ich richtig gehandelt habe.
Denn Familie bedeutet nicht nur die Person, mit der man das Bett teilt.
Es ist jene, die an deiner Seite bleibt, wenn alles zusammenbricht.
Hast du eine Meinung? War meine Wahl richtig? Oder hätte ich um mein Eheglück kämpfen sollen, selbst wenn es bedeutet hätte, meine Mutter aufzugeben?







