Ich schreibe heute wieder in mein Tagebuch, weil die Ereignisse der letzten Tage mich nicht loslassen.
Ich stand im Garten, die kleinen, filigranen Rechen in der Hand, und plötzlich ließ ich sie aus Versehen los. Das Holzwerk klirrte leise, als es auf den rissigen, trockenen Boden fiel. Noch bevor ich einen Seufzer ausstoßen konnte, hörte ich hinter mir eine Stimme, die so scharf wie das Knarren eines alten Balkens klang. Sie trug eine unerschütterliche Gewissheit in sich, die mir ein eisiges Schaudern über den Rücken jagte.
Bei dir wächst nichts, Liebling, weil ein Toter hier öfter zu Besuch kommt, krächzte eine fremde alte Frau, ihre faltigen, doch durchdringenden Augen blickten mich streng, aber mit einem Anflug von Mitleid an.
Ich drehte mich mechanisch um und sah zum ersten Mal wirklich den kleinen Fleck Erde vor meinem frisch gekauften Reihenhaus in Kleinburg. Mein Herz zog sich zusammen, als ein unerklärliches Gefühl von Traurigkeit über mich kam. Jeden Tag sah ich diesen Ort, doch erst jetzt begriff ich das Grauen, das dort lag: Direkt vor meinem liebevoll gehüteten, geschnitzten Lattenzaun lag ein karger, verbrannter Fleck Erde keine Grashalme, kein Unkraut, kein Lebenszeichen.
Während hinter mir im Gemüsebeet und in den Staudenbeeten Rosen in voller Blüte standen, Zinnien zur Sonne reckten und Johannisbeeren grün leuchteten, wirkte dieser schwarze Fleck wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt. Ich versuchte, ihn zu beleben düngte, lockerte, goss mit Tränen fast verzweifelter Verzweiflung doch alles blieb vergeblich.
Ganz in meine Gartenqual versunken, bemerkte ich nicht, dass die knarrende Torfliege, gebeugt vom Alter, aber nicht vom Geist, zur offenen Pforte schritt.
Du hättest dir noch ein Ballkleid anziehen können, um so schön im schwarzen Erdreich zu wühlen, sagte die alte Frau mit einem fast unmerklichen Spott, doch ihre Stimme war harmlos, als sie mein Outfit musterte: ein teurer, perfekt sitzender rosa Top und dazu passende, aus HighTechStoff gefertigte RadlerShorts.
Instinktiv fuhr ich mir die zerzauste, rothaarige Strähne aus der Stirn. Ein leichtes Erröten breitete sich auf meinem Gesicht aus.
Das ist das ist doch die spezielle Arbeitskleidung, Oma, stammelte ich, technisch, atmungsaktiv, doch meine Stimme klang schwach. Und die Nachbarn hier ist doch das neue, feine Vorortviertel, überall tut man alles schön und ordentlich Keiner hat hier vorher gewohnt, alles ist neu
Die alte Frau hörte nicht mehr zu. Sie drehte sich um, stützte sich auf einen selbstgebauten, knochigen Stab und schlurfte langsam davon, verschwand im Staub, der am Wegesrand wirbelte. Ich blieb allein zurück, und das einzige Geräusch war das dröhnende Pochen meines eigenen Herzens.
Wie konnte das passieren?, dachte ich fieberhaft, während ich meine Gartenhandschuhe auszog und gedankenverloren meinen makellosen ManiküreLook prüfte. Warum kommt ein Geist in mein neues, helles Haus? Wer ist er? Was will er?
Zum Glück hatte ich vor dem Umzug, fast eine Flucht aus dem Lärm Berlins, noch einen ManiküreKurs abgeschlossen. Jetzt haben meine Hände immer ein gepflegtes Aussehen, dachte ich bitter ironisch, ganz so, wie ich mir für den Garten wünsche alles blüht auf, ohne Gespenster.
Meinem Mann, dem stets beschäftigten Thomas, erzählte ich nichts von der seltsamen Besucherin. Ich fürchtete seine nüchterne, rationale Reaktion. Doch die Gedanken kehrten immer wieder zu dem Gespräch zurück und wurden zu einer hartnäckigen Obsession. Kein teures Düngemittel, kein Tipp aus dem Internet und nicht einmal die Ratschläge erfahrener Nachbarn halfen. Der Fleck vor dem Haus blieb karg, trocken und tot wie ein Grabstein.
Ich wollte den Garten mit ganzem Herzen pflegen. Ich hatte OnlineKurse belegt, mir Scharen schöner Gartenzeitschriften gekauft und mich stundenlang inspirieren lassen. Ich liebte das Gefühl, die Erde zu berühren, ihren Duft einzuatmen, die zarten Triebe zu umsorgen. Und tatsächlich zeigten sich erste Erfolge: Pflanzen wuchsen, Blüten öffneten sich. Doch genau dieser unnachgiebige, verfluchte Fleck vor dem Eingang weigerte sich, zu erwachen, als sei er von einer unsichtbaren Mauer umschlossen.
Vielleicht muss ich doch einen teuren Landschaftsarchitekten oder Bodenspezialisten holen, murmelte ich traurig, während ich aus dem Fenster auf das dunkle Mal meines Versagens blickte. Wenn dieser flüchtige Besucher wirklich existiert, dann wird selbst er uns nicht helfen können.
Einige Tage vergingen. Ich sah mir ein weiteres detailliertes Video eines erfahrenen Gärtners an, legte das Handy beiseite. Die Nacht draußen war still und sternenlos. Thomas schnarchte bereits, sein Atem im Takt seiner Geschäftspläne, und ich sollte eigentlich schlafen, doch der Schlaf ließ mich nicht.
Uff, so drückend, flüsterte ich, riss die seidige Decke vom Leib, trat zur gläsernen Balkontür. Leise öffnete ich sie, trat hinaus ins kühle nächtliche Firmament. Die Luft war frisch und süß. Von meinem zweiten Stock aus war der unheilvolle Fleck fast unsichtbar, verdeckt vom Dachüberstand und dem Schatten einer großen Linde. Dennoch zwang mich ein plötzlicher Drang, mich über das kühle Geländer zu lehnen und in die Dunkelheit zu blicken.
Unter dem scharfen, gebrochenen Mondlicht, das durch zerklüftete Wolken schnitt, sah ich eine Gestalt auf dem verwunderten, aber toten Boden wandern. Ein Mann, mit dem Rücken zu mir. Seine Bewegungen waren langsam, fast schwerfällig, als kämpfte er gegen eine unsichtbare, zähe Masse. Er schritt, kniete, stand wieder auf, stupste mit dem Zeh eines alten, abgenutzten Schuhs die Erde, streckte bleiche, lange Finger aus, als suche er etwas.
Mein Herz stockte, dann hämmerte es so laut, dass ich zitterte. Ich starrte in die Finsternis, versuchte Details zu erkennen. Je länger ich hinsah, desto klarer wurde mir, dass etwas nicht stimmte. Er wirkte halb durchsichtig, das Mondlicht drang nur schwach durch seinen bleichen Körper, der einen altmodischen Anzug trug. Seine Bewegungen waren nicht nur langsam, sie schienen die Schwerkraft zu verleugnen er war kein lebender Mensch.
Plötzlich drehte er sich um. Sein Gesicht war ausdruckslos, wie aus bleichem Marmor gemeißelt, ein buschiger Schnurrbart aus einer anderen Epoche, streng gescheiteltes Haar. Seine Augen waren leere, dunkle Abgründe.
Er streckte beide Hände nach mir aus, als wolle er mich über die Distanz hinweg ergreifen, mein Genick umklammern, mich mit eisigen Fingern berühren. Das Bild seines bleichen, grimmigen Antlitzes schien sich immer näher zu schieben, bis es den gesamten Raum ausfüllte. Ein erstickender Schrei entwich mir, und ich stieß mich mit aller Kraft vom Geländer, stolperte zurück ins Schlafzimmer, auf den kalten Boden.
Ich suchte die alte Frau sie war gar nicht weit entfernt. Ich war mir sicher, dass eine solche Gestalt nicht in unserem sauberen, neuen Vorort wohnen konnte. Also fuhr ich mit meinem alten Kleinwagen zum verwilderten, halb verfallenen Häuschen am anderen Ende des Dorfes, das von einer wackeligen Torbank gehalten wurde. Das Tor hing nur an einem rostigen Scharnier, doch ich klopfte nicht.
Oma!, rief ich zaghaft durch die Lücke im Lattenzaun. Oma Helga? Ich bin Liselotte! Du hast mir letzte Woche von meinem GästePlatz erzählt.
Die Tür knarrte, und die alte Frau trat hervor, musterte mich mit zusammengekniffenen Augen.
Mein lieber Gott, schon wieder das ganze Tamtam, murmelte sie leise, doch mit klarer Stimme, während sie mein schickes, ärmelloses Kleid und die hohen Sandalen musterte. Sie winkte ab, dann sagte sie: Komm rein, solange du hier bist. Pass nur auf, dass du die Stufen nicht zerbrichst! Was willst du denn?
Ich trat ein, das Herz pochte, und ein Kloß bildete sich in meinem Hals.
Er er kommt wirklich. Er schleicht sich dort herum, wo du sagtest. Ich sah ihn letzte Nacht, flüsterte ich, die Stimme zitternd. Ich dachte, wenn du solche Gespenster siehst und keine Angst hast, dann hast du sie vielleicht schon mal vertrieben. Weißt du, wie man ihn vertreibt?
Sie nickte, ein müdes, verwischtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Du hast recht, Kindchen, sagte sie, und in ihren Augen lag etwas, das ich nicht entziffern konnte. Willst du, dass ich ihn fortschicke?
Ich nickte hilflos, zog dann hastig meine elegante Ledertasche hervor und zückte ein paar dicke Scheine in Euro.
Ich weiß nicht, wie viel das kostet. Ich bin nicht geizig, ehrlich! Wenn mehr nötig ist, fahr ich zum Geldautomat und brings. Sag nur, was du willst!
Helga Müller musterte das Geld, dann direkt in meine Augen. Ihr Blick wurde weicher.
Genug, sagte sie leise, fast zärtlich. Ich helfe dir. Setz dich, ich hole etwas. Sie murmelte, dass sie leider keinen Tee anbieten könne, weil ihr Vorrat leer sei, und dass der nächste Laden drei Kilometer entfernt sei.
Ich setzte mich auf den knarrenden Hocker, sah mich heimlich im kleinen, spärlich möblierten Raum um. Ein alter Vorhang hing an einem einzigen Fenster, ein bunter Teppich lag schief, das Holzregal war beschädigt, die Zuckerdose war leer, das Brotkörbchen ausgedörrt. Alles wirkte arm, karg, einsam.
Hol mir aus dem Kühlschrank eine Flasche klaren Saft, rief Helhelge aus dem Nebenzimmer. Da habe ich einen eigenen Kräutertrank, etwas bitter, aber heilend.
Ich öffnete den knarrenden Kühlschrank. Mein Herz zog sich zusammen, als ich eine halb volle Flasche trüben Gebräus, drei Eier, ein Glas Sauerkraut und eine leere, abgenutzte Butterdose sah.
Gott im Himmel, dachte ich mit einem Stich. Sie lebt in solcher Armut, und ich komme mit meinem teuren Auto und meinem Seidenkleid.
Ein Geräusch aus der anderen Ecke: Gefunden?
Ja, Oma Helga, gleich!
Sie kam mit einem kleinen, fest zusammengebundenen Stück Zeitung, das mit einer Schnur verknüpft war.
Hier, vergrab das an deinem Fleck. Nicht zu tief, nur mit der Schnubbelspitze der Schaufel. In drei Tagen wird dein Besucher gehen und nie wieder zurückkommen.
Ich trank den bitteren Trank, der dennoch einen seltsamen Duft von Kräutern hatte.
Lecker, lächelte ich echt, während ich das Päckchen annahm. Darf ich Ihnen auch etwas anbieten? Ich erzählte ihr von meinem letzten Einkauf: Sonnenblumenöl, zwei Flaschen Tee, Kekse, Trockenfrüchte, etwas Schokolade, Reis, Buchweizen. Ich wollte nicht, dass sie denkt, ich gäbe ihr Almosen.
Helga sah meine Tränen, wischte sie mit einem Taschentuch ab und flüsterte: Danke, mein Kind.
Ich vergrub das Bündel genau dort, wo sie es gesagt hatte. Der bleiche Mann mit den buschigen Schnurrbärten erschien nicht mehr. Eine Woche später sprossen die ersten zarten Triebe Löwenzahn, ein wenig Unkraut aus der einst toten Erde. Ich weinte vor Glück, denn das bedeutete, dass das Land wieder lebte.
Am selben Tag ging Helga mit einem Stock zur alten, verfallenen Dorfkapelle. Sie ging den schmalen Pfad entlang, nickte einem unsichtbaren Bekannten zu, grüßte alte Bekannte. Vor einer unscheinbaren, namenlosen Grabplatte blieb sie stehen, wo ein vergilbtes Foto eines streng aussehenden Mannes mit prächtigen Schnurrbärten lag.
Danke, Herr PETER SCHMIDT, murmelte sie, kniete nieder und entfernte trockenes Gras. Ich habe dir geholfen, du hast mir geholfen.
Zwei Wochen später klopfte ich erneut an Helgas Tür, brachte die schwere Tasche voller Geschenke mit.
Oma Helga, ich bin’s, Liselotte! Ich habe das Versprechen gehalten.
Sie öffnete, strahlte ein wenig mehr. Wie geht es deinem nächtlichen Gast, ist er weg?
Ja, danke! Alles wächst!, begann ich begeistert, dann hielt ich inne und deutete auf die Tasche. Ich habe noch ein paar Dinge, die ich nicht mehr brauche: Vorhänge, Handtücher, Decken, Geschirr alles passt zu deinem ländlichen, gemütlichen Haus. Vielleicht kannst du das gebrauchen.
Ich packte alles aus, erzählte jedes Teil, hoffte, dass sie meine Geste nicht als Mitleid sah.
Schließlich setzte sie sich, legte ihre knochigen, von Arthrose gebeutelten Hände auf den Tisch.
Leg das beiseite, Kind, sagte sie leise, du hast genug getan.
Ich stand mit einem bunten Plaid in den Händen, verwirrt.
Was? Ich ich war heute Morgen im Schwimmbad, das Wasser, stammelte ich.
Ich habe dich betrogen, sagte Helga, die Stimme bebte. Ich habe den Geist selbst zu dir gebracht, damit er dich heimsucht. Ich brauchte ein wenig Geld, weil ich alt und hungrig bin. Ich habe Peter Schmidt, den alten Friedhofsbewohner, um Hilfe gebeten, damit er dich besucht.
Scham und Schuld verzerrten ihr faltiges Gesicht. Ich sah ihr zu, spürte keine Wut, nur eine tiefe, alles verzehrende Mitleid.
Langsam kniete ich mich zu ihr hinab und legte meine zarten, gepflegten Hände auf ihre vom Leben gegerbten Hände.
Ich habe dir doch gesagt, Oma das Wasser ist in meine Ohren geraten, flüsterte ich, Tränen liefen über meine Wangen, die ich nicht abwischte. Lass uns die Vorhänge aufhängen, die Tischdecke ausbreiten, wir schaffen das zusammen. Ich komme jetzt öfter vorbei.







