„Zur Jubiläumsfeier seid ihr alle eingeladen, nur du nicht – verkündete die Schwester im Familienchat“

Alle sind zur Feier eingeladen, nur du nicht, schrieb Lotte im FamilienChat.

Mama, genug! Ich kann nicht jede Woche zu dir fahren! Ich habe mein eigenes Leben!schrie Maren, während sie das Telefon ans Ohr drückte. Ihre Mutter hatte bereits zum dritten Mal am Tag angerufen und immer dieselben Vorwürfe geäußert.

Maren, das geht doch nicht! Lotte kam gestern mit Kuchen, und du hast die ganze Woche nicht mal angerufen!

Mama, ich habe vorgestern angerufen! Und die Kuchen bringe ich auch mit, nur nicht jeden Tag.

Genau, nicht jeden Tag, aber Lotte schon jede Woche. So eine Tochter

Maren schloss die Augen, zählte bis zehn. Diese Gespräche wiederholten sich immer wieder. Lotte war seit Kindertagen die Lieblings­tochter von Mutter Anna.

Mama, morgen muss ich früh zur Arbeit. Können wir später reden?

Natürlich, du hast ja keine Zeit. Lotte schafft das auch.

Maren legte auf, ohne sich zu verabschieden. Sie war müde von den ständigen Vergleichen.

Plötzlich vibrierte das Handy. Im FamilienChat stand eine lange Nachricht von Lotte:

Hallo zusammen! Wie ihr wisst, hat Mama bald ihr 60.Jubiläum. Ich organisiere die Feier im Restaurant Zum Goldenen Hirsch in Nürnberg. Wir buchen einen Tisch für zwanzig Personen. Bitte bestätigt eure Teilnahme bis Freitag.

Es folgte die Auflistung aller Verwandten: Tanten, Onkel, Cousins, sogar die dritte Cousine aus Köln, die sie nur einmal im Leben getroffen hatten. Marens Name fehlte.

Sie las die Nachricht erneut. Kein Fehler, kein Versehen ihr Name war wirklich nicht dabei.

Lotte, bin ich eingeladen? schrieb sie in den Chat.

Alle sind eingeladen, nur du nicht. Mama hat das so entschieden.

Maren starrte auf das Display, die Worte verschwammen. Sie las die Nachricht noch einmal, ein drittes Mal. Vielleicht ein Scherz? Vielleicht ein bösartiger Witz von Lotte?

Doch im Chat bestätigten Verwandte ihre Teilnahme, ohne das Fehlen von Maren zu hinterfragen.

Maren wählte Annas Nummer. Klingeln, Klingeln, kein Anschluss.

Sie rief Lotte an.

Hallo? Lottes Stimme war kühl, fast gleichgültig.

Lotte, was soll das? Warum stehe ich nicht auf der Gästeliste?

Ich habe es gesagt. Mama will nicht, dass du kommst.

Warum?

Lotte schwieg.

Sie meint, du bist eine schlechte Tochter, die ihr egal ist.

Das stimmt nicht! Ich rufe an, besuche, helfe!

Anscheinend nicht genug, sagte Lotte mit einem Anflug von Genugtuung. Mama hat gesagt, sie will dich nicht sehen.

Du unterstützt das? Lotte, wir sind Schwestern!

Genau deshalb kenne ich dich wirklich. Du bist egoistisch, denkst nur an dich.

Wovon redest du?

Du bist dein ganzes Leben nach deinem Kopf gegangen. Du hast die Stadt verlassen, als Mama dich brauchte. Du hast Viktor geheiratet, obwohl Mama dagegen war. Und du hast nur einen Sohn, obwohl Mama Enkelkinder wollte.

Maren hörte das zu und konnte nicht fassen.

Ernsthaft? Ich studiere! Ich habe an der Fachhochschule München einen Platz bekommen! Das ist kein Verbrechen.

Du hättest hier studieren können. Wir haben doch auch gute Hochschulen.

Genau dort liegt meine Fachrichtung! Und Viktor ist ein guter Mann, nur Mama gefällt das nicht.

Lotte fuhr fort: Du hast nie auf Mama gehört, hast immer das Gegenteil getan.

Das ist mein Leben!

Und Mama auch. Wenn sie dich nicht zur Feier lassen will, ist das so.

Lotte legte auf. Maren stand in ihrer Einzimmerwohnung und konnte das Geschehene kaum verarbeiten. Sie war nicht zur Geburtstagsfeier ihrer eigenen Mutter eingeladen weil sie eine schlechte Tochter war.

Sie setzte sich auf die Couch, vergrub das Gesicht in den Händen, Tränen drückten sich zurück. Noch hatte sie keine Zeit zu weinen, aber sie musste verstehen, was los war.

Sie wählte erneut Annas Nummer. Dieses Mal nahm Mama ab.

Mama, stimmt das? Du willst nicht, dass ich zu deinem Jubiläum komme?

Maren, warum rufst du? Lotte kümmert sich um alles, mach dir keine Sorgen.

Warum bin ich nicht eingeladen?

Anna seufzte schwer.

Kind, du weißt ja, wie selten du anrufst, wie selten du kommst. Das verletzt mich.

Ich wohne 300km entfernt! Ich kann nicht jede Woche vorbeikommen!

Lotte fährt doch nur eine halbe Stunde ins Auto.

Sie lebt in derselben Stadt! Du hast sie nie gefragt, warum sie nicht kommt.

Du hast dein Leben, deine Familie.

Und meine Familie ist das, was du sagst.

Maren fühlte, wie Hilflosigkeit über sie hereinbrach.

Mama, das ist doch dein 60.Jubiläum. Wie kann ich nicht da sein?

Dann hättest du früher besser sein können, eine bessere Tochter sein.

Ich versuche, eine gute Tochter zu sein!

Nicht genug. Lotte ist dran. Ich will meinen Tag mit denen verbringen, die mich lieben.

Ich liebe dich!

Dann zeig es in Taten, nicht nur in Worten.

Anna legte auf. Maren saß mit dem Telefon in der Hand und warf sich in die Hände.

Viktor kam nach einer Stunde nach Hause, sah seine Frau mit roten Augen und fragte sofort:

Maren, was ist los?

Sie erzählte ihm alles. Viktor runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf.

Das ist doch absurd! Wie kann man die eigene Tochter ausschließen?

Offenbar kann man.

Und deine Schwester? Wie konnte sie das zulassen?

Lotte hat immer Mama unterstützt. Sie waren seit Kindheit unzertrennlich. Ich war das Störtelement.

Viktor setzte sich neben sie auf die Couch.

Vielleicht ein Missverständnis?

Nein, das ist das Ergebnis von Jahren, die sich angestaut haben.

Maren stand auf, ging im Zimmer umher.

Ich habe mich immer schuldig gefühlt, weil ich weggezogen bin, weil ich dich geheiratet habe, obwohl Mama dagegen war, weil ich nur einen Sohn habe, obwohl Mama mehrere Enkel wollte.

Maren, das ist dein Leben. Du hast das Recht zu wählen.

Vielleicht, aber jede Entscheidung hat ihren Preis.

Viktor legte den Arm um sie.

Vielleicht ist es besser so? Du sparst dir den Stress. Dort werden sie nur über dich reden.

Maren dachte nach. Vielleicht war es besser, nicht zu gehen?

Doch es war ihre Mutter, ihre Familie. Und egal wie schwer es war, sie konnte nicht einfach wegschalten.

Am nächsten Tag rief sie Tante Sabine an, die immer herzlich zu ihr war.

Sabine, hast du die Nachricht im Chat gesehen? Das Jubiläum von Mama?

Ja, ich bereite schon ein Geschenk vor.

Hast du bemerkt, dass ich nicht dabei bin?

Sabine dachte kurz nach.

Ja, das ist mir aufgefallen. Ich war überrascht.

Und du hast nichts gesagt?

Was soll ich sagen? Das ist Annas Entscheidung. Lotte hat mir erklärt, warum.

Was erklärt sie?

Du kommst selten, gibst ihr nicht genug Aufmerksamkeit. Tamara, das ist Annas voller Name, fühlt sich vernachlässigt.

Maren ballte die Hand.

Ich wohne weit weg! Ich kann nicht jede Woche kommen!

Ich verstehe, aber Lotte ist in der Nähe. Sie bringt ihr Essen, fährt sie zum Arzt.

Und ich bin eine schlechte Tochter, weil ich in einer anderen Stadt lebe?

Niemand sagt, dass du schlecht bist. Tamara will einfach Nähe.

Ich kann nicht alles aufgeben und zurückziehen!

Sabine seufzte.

Niemand das verlangt. Versuche, Annas Sichtweise zu verstehen. Sie ist 60, wird älter, fühlt sich allein.

Aber sie hat zwei Töchter! Ich rufe, ich komme, ich schicke Geld.

Geld ist nicht das gleiche wie Aufmerksamkeit.

Aber ich kann nicht alles geben.

Sabine nickte.

Sie bittet nicht um alles, nur um ein wenig mehr.

Ich fühle mich schuldig, obwohl ich nichts falsch mache.

Vielleicht hilft ein offenes Gespräch.

Maren legte auf, dachte über Sabines Worte nach.

Später schrieb Cousine Anke im Chat:

Maren, ich sehe, dass du nicht auf der Gästeliste stehst. Stimmt das?

Ja, Mama will mich nicht sehen.

Das ist doch Wahnsinn! Du bist doch ihre Tochter.

Für sie bin ich eine schlechte Tochter.

Vielleicht sollte ich mit Tamara reden, damit sie ihre Meinung ändert.

Versuch es, wenn du willst.

Anke versprach, es zu versuchen. Maren hoffte, doch blieb skeptisch.

Am nächsten Tag rief Anke an.

Maren, ich habe mit deiner Mutter gesprochen.

Und?

Sie bleibt bei ihrer Entscheidung. Sie ist müde von deiner Gleichgültigkeit.

Ich habe das nie getan!

Ich habe es ihr gesagt, aber sie bleibt fest. Lotte steht hinter ihr.

Verstehst du? Ich rufe dreimal die Woche, ich komme einmal im Monat.

Vielleicht ist das zu wenig?

Wie viel denn? Jeden Tag? Jeden Tag zu wohnen?

Vielleicht will sie einfach nicht mehr.

Maren spürte Wut aufsteigen.

Ich rufe doch dreimal die Woche, komme einmal im Monat das ist das Maximum, was mein Leben zulässt.

Ist das nicht genug?

Wie viel soll ich noch geben?

Vielleicht jeden Tag, jede Stunde.

Ich kann nicht.

Dann bist du schuld.

Maren legte auf, die Hände zitterten. Alles drehte sich um das gleiche: zu wenig, zu selten, zu wenig Aufmerksamkeit.

Ihr Sohn Lukas kam herein, 16Jahre alt, groß und schlaksig wie sein Vater.

Mama, warum bist du so traurig?

Ach, nur ein bisschen.

Was ist los?

Mama hat mich nicht zur Feier eingeladen.

Lukas blickte groß auf.

Wie kann das sein? Warum?

Sie sagt, ich sei eine schlechte Tochter.

Aber du rufst, du kommst, du schickst Geld!

Offenbar reicht das nicht.

Lukas setzte sich neben sie.

Vielleicht lass sie einfach aus.

Es ist meine Mutter. Wie kann ich das ignorieren?

Wenn sie dich nicht respektiert, ist das egal.

Maren sah zu ihrem Sohn, seine Worte klangen einfach.

Eine Woche verging. Maren dachte ständig an das Jubiläum, ärgerte sich, weinte, Viktor versuchte abzulenken.

Lotte schrieb im Chat:

Denkt bitte daran, das Jubiläum ist in einer Woche. Wer hat noch nicht zugesagt, bitte jetzt melden.

Maren blieb unerwähnt, als wäre sie nicht existent.

Sie beschloss, einen letzten Versuch zu unternehmen und fuhr ohne Vorwarnung nach Nürnberg, zur Mutter.

Anna öffnete die Tür, überrascht.

Maren? Was machst du hier?

Darf ich reinkommen?

Anna ließ sie mühsam herein. Alles sah aus wie immer: alter Sofa, Teppich an der Wand, Familienfotos, jetzt jedoch ein großes Bild von Lotte mit ihren Kindern über allem.

Setz dich, sagte Anna, Möchtest du Tee?

Gerne.

Sie saßen in der Küche, tranken Tee.

Ich bin gekommen, um zu reden, über das Jubiläum.

Anna stellte die Tasse auf den Tisch.

Das ist erledigt. Ich habe meine Entscheidung getroffen.

Aber das ist nicht richtig! Ich bin deine Tochter!

Du bist meine Tochter, die mich verlassen hat.

Ich habe dich nicht verlassen! Ich bin zum Studium, zur Arbeit, zu meinem eigenen Leben gegangen!

Genau. Zu deinem eigenen Leben. Und ich habe nie an dich gedacht.

Maren spürte, wie das Feuer in ihr aufflammte.

Mama, ich war 20, als ich ging. Ich hatte das Recht, mein Leben zu bauen.

Du hattest das Recht, aber hättest auch bleiben können, hier heiraten und Kinder bekommen.

Viktor ist ein guter Mann!

Er hat dich von mir weggebracht.

Er hat mich nicht weggebracht! Wir haben uns gemeinsam entschieden, wo wir leben.

Anna winkte ab.

Es ist egal. Du bist weit weg, mir ist es schwer.

Lotte ist in der Nähe.

Lotte ist in der Nähe, weil sie eine gute Tochter ist. Sie kümmert sich um mich.

Ich kümmere mich auch, auf meine Art!

Deine Fürsorge reicht nicht.

Maren stand auf.

Weißt du was? Egal, was du willst. Ich werde mich nie genug anstrengen können, um dich zufrieden zu stellen. Ich bin nicht Lotte.

Falsch.

Mein Weg! Und ich hatte das Recht darauf!

Anna erhob sich ebenfalls.

Du hattest das Recht. Leb jetzt dein Leben. Ich feiere das Jubiläum mit den Menschen, die mich schätzen.

Gut, sagte Maren, dann werde ich mich nicht mehr einmischen. Leb, wie du willst.

Sie verließ die Wohnung, Tränen liefen über ihre Wangen, doch sie wischte sie nicht weg. Im Auto stand sie lange still, das Herz schwer, doch ein Teil von ihr fühlte Erleichterung.

Zuhause erwartete Viktor sie besorgt.

Wie wars?

Sie bleibt stur.

Vielleicht ist das besser? Du befreist dich von Schuldgefühlen.

Vielleicht.

Maren legte sich auf die Couch, schloss die Augen. Die Schuld war Jahre lang an ihr geklebt, seit dem Tag, an dem sie das Elternhaus verließ.

Das Jubiläum kam. Während in Nürnberg Familienmitglieder Tische deckten, Geschenke verteilten und Anna am festlich gedeckten Tisch lachte, saß Maren zu Hause, nicht eingeladen, außen vor.

Viktor bot ihr etwas Ablenkung an, Maren lehnte ab, wollte einfach nur liegen und nichts tun.

Am Abend fluteten Fotos den FamilienChat: Anna strahlte, Lotte umarmte sie, Verwandte prosteten.

Maren scrollte, spürte, wie ihr Inneres zerreißt. Alle waren dort, bis auf sie. Sie schaltete das Handy aus, legte den Kopf auf das Kissen.

Am nächsten Morgen rief Tante Sabine an.

Maren, wie geht’s?

Ganz gut, Tante.

Ich war gestern auf dem Jubiläum. Ich wollte dir erzählen.

Ich habe die Bilder schon gesehen.

Doch Mama war den ganzen Abend etwas traurig, hat nur halb gelächelt. Als die Gäste gingen, hat sie geweint.

Maren setzte sich.

Warum?

Sie sagt, du bist nicht da, ihre liebste Tochter fehlt.

Aber sie hat mich nicht eingeladen!

Ich habe ihr das gesagt. Sie dachte, du würdest trotzdem kommen.

Also war das ein Test?

Scheint so. Lotte meinte, das sei Unsinn. Sie sagte, wenn du nicht eingeladen wirst, komm nicht.

Und dann?

Mama bereute es danach. Sie meinte, es war ein Fehler.

Maren legte den Hörer nieder.

Ich bin müde von diesem Spiel.

Ich verstehe. Aber Mama vermisst dich.

Sie muss lernen, das zu zeigen.

Vielleicht.

Einige Tage später schrieb Lotte privat:

Maren, Mama fragt, warum du nicht anrufst.

Wozu? Sie will mich ja nicht sehen.

Sei kein Kind. Sie wollte nur Aufmerksamkeit.

Sie hat das ganze JubilErst als Maren beschloss, ihre eigene Stimme zu erheben und ehrlich zu bleiben, fand sie den Frieden, den sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte.

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