Jürgen wählte immer wieder die Nummer seiner Mutter, doch jedes Mal hörte er die kalte, unnachgiebige Ansage: Die Rufnummer ist nicht mehr erreichbar. Zwei Jahre lang hatte er nicht mehr angerufen. Seine Frau stellte ihn vor die Wahl die Ehefrau oder die Mutter. Und er entschied sich für die Ehefrau.
Die Rufnummer ist nicht mehr erreichbar
Jürgens Atem stockte, ein kalter Schweiß bildete sich unter seinem weißen Arbeitshemd. Im kleinen Park, in dem er Platz genommen hatte, zog eine Gruppe lauter Jugendlicher vorbei. Er starrte sie an, wie ein verwirrter Wilder, der nicht mehr wusste, wer er war, wo er stand und warum das Leben weitergehen sollte Lachen, Freude, sorglose Stunden. Auf seinem Schoß lag ein Brief. Auf dem Umschlag stand in großen, klaren Lettern sein Name: Jürgen. Und ein Punkt. Seine Mutter setzte stets Punkte. Jürgen hatte das Schreiben bereits ausgedruckt. Es war noch ungeöffnet, also hatte seine Schwester es nicht gelesen. Die Mutter hatte zwei Seiten in perfekter, aber schnörkelloser Kalligrafie verfasst jeder Buchstabe exakt, keine Fehler. Der Brief begann: Liebster Jürgen, mein Sohn. Wenn du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da
Jürgen schnaufte tief, versuchte die Tränen zurückzuhalten, doch beim Weiterlesen gelang es ihm nicht.
An diesem Tag dachte er nicht an seine Mutter. Er ging zum Mittagessen, wollte sich einen Döner gönnen. Schon in Gedanken sah er das saftige, leicht geräucherte Fleisch, eingerollt in Fladenbrot, dazu Kraut, Tomate, Gurke und eine großzügige Portion Knoblauchsoße das Spezialrezept des Imbissbudenbesitzers. Vor den automatischen Drehflügeltüren des Einkaufszentrums erstarrte er. Ein Moment lang schien ihm seine Mutter dort zu stehen, die er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Eine braune Jacke, leicht gewelltes schwarzes Haar, das nicht bis zu den Schultern reichte, ein schwerer, müder Gang einer Frau, die vom Alltag erschöpft war Genau seine vergessene Mutter. In den letzten drei Monaten hatte er sie immer wieder im Traum gesehen, wie sie Sachen packte, anscheinend wegziehen wollte, oder wie er kindlich nach Schutz bei ihr suchte, während sie distanziert und traurig wirkte. In jener Nacht tauchte ein kleines, zotteliges Tier ein Hase oder eine Ratte in sein Bett. Es war verletzt, kuschelte sich warm an Jürgens Körper. Trotz Ekel ließ Jürgen das Tier auf dem Kissen liegen, bis es friedlich einschlief. Als er am Morgen aufwachte, war das Tier verschwunden, nur eine warme Mulde im Kissen blieb zurück. Jürgen schwor, es nicht geträumt zu haben.
Später, als seine Frau bereits geschlafen hatte, durchsuchte Jürgen sein Handy nach alten Fotos, auf denen er und seine Mutter zusammen lachten. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte.
Er blieb am Ausgang des Zentrums stehen, wollte die vermeintliche Gestalt seiner Mutter noch einmal einholen, doch dann hörte er einen Kurier, der den Wachmann fragte:
Auf welcher Etage ist die Hausgeräteabteilung? Ich habe eine Lieferung.
Im dritten Stock, antwortete der Wachmann.
Ich arbeite dort, rief Jürgen und wandte sich von der Tür ab. Wem ist das Paket? Vielleicht mir?
Der Kurier las zögerlich die Aufschrift auf dem Paket: Für Jürgen.
Hier, bitte, sagte Jürgen und reichte ihm die Hand.
Ausweis, bitte, verlangte der Kurier.
Jürgen zog seinen Pass aus der Brusttasche, unterschrieb den Empfang und verließ das Gebäude. Auf der Straße hörte er das geschäftige Treiben: Gespräche, Autohupen, das Rattern einer Straßenbahn. Er riss das Paket auf darin lag ein Zettel seiner Schwester.
Mutter ist am 12. Juni gestorben. Sie bat mich, dir diesen Brief zu geben. Ruf mich nicht an ich antworte nicht. Du bist für mich ein Verräter.
12. Juni! Und erst jetzt, am 15. September, erfuhr er davon! Drei Monate lang hatte er nichts gehört. Schwindel überkam ihn, Übelkeit knurrte im Magen, er musste sich an die staubige, rote Wand des Zentrums lehnen, um nicht ohnmächtig zu werden. Seine Mutter die Frau, die ihm so viel Liebe und Schutz geschenkt hatte war tot. Und er hatte ihr gegenüber gesagt: Ich bin nicht mehr dein Sohn!
Der Gedanke an Döner, Cappuccino und den Hunger der letzten Stunden verblasste sofort. Er traute nicht, den Brief hier zu öffnen. Er ging weiter zum kleinen Park, setzte sich und zog schließlich den Umschlag auf.
ich bin nicht mehr hier. Ich habe Krebs, im vierten Stadium. Heute fühlte ich plötzlich neue Kraft und wollte dir schreiben, solange meine Hand noch halten kann. Man sagt, ein plötzlicher Energieschub bedeutet baldiges Ende. Jürgen, mach dir nicht die Schuld. Wie oft habe ich versucht, dich anzurufen, nur um die Klingel zu hören? Wir beide du und ich sind Gefangene unseres Stolzes. Selbst jetzt, während ich schreibe, hindert mich Stolz daran, dich anzurufen. Vielleicht denkst du nicht an mich, vielleicht ist dir alles egal, aber du bist mein Sohn, und ich kann dich nicht aus meinem Herzen verbannen. Es tut mir leid, dass ich mich nie mit deiner Frau verständigen konnte. Ich war nicht perfekt, aber ich habe euch allein großgezogen, so gut ich konnte. Vielleicht war ich keine gute Mutter, weil du mich so leicht verlassen hast. Du hast mich bestraft, Sohn. Jetzt reicht es. Verzeih mir.
Sie schrieb, dass sie sich vor dem Tod ein Wunder erhofft hatte seine Stimme zu hören. Jürgen schluchzte, vergrub das Gesicht in die Hände. Er hatte nie das Gefühl, ungeliebt zu sein. Seine Mutter fand immer Zeit, ihm zuzuhören, zu trösten, Ratschläge zu geben. Sie schützte ihn wie eine Wölfin. Im fünften Schuljahr, als zwei Klassenkameraden ihn mobben wollten, stellte sie einem von ihnen ein Taschenmesser ins Ohr und drohte: Berühre Jürgen noch einmal, und ich schneide dir das Ohr ab. Sie schickte ihn in eine KarateAG und lehrte ihn, niemals schwach zu erscheinen, stets stark und mutig zu kämpfen.
Jürgen hielt das Telefon an das Ohr, wartete auf das Klingeln und dachte: Mama, bitte nimm ab. Es tut mir leid, dass ich dich so schwach behandelt habe. Statt einer Stimme hörte er nur das dumpfe Summen der Leitung und dann erneut:
Die Rufnummer ist nicht mehr erreichbar.
Er rief erneut, immer wieder, doch die gleiche mechanische Antwort kam. Schließlich griff er zum Telefon seiner Schwester, doch sie schrie: Halt die Klappe, du Idiot! und legte auf.
Er meldete sich von der Arbeit ab und fuhr nach Hause. Dort stand seine Frau Liselotte, die wegen ihres kranken Kindes im Bett lag. Was ist passiert, Jürgen? fragte sie vorsichtig. Meine Mutter ist tot. Liselotte griff nach ihrem Herzen, als wäre ihr das egal, und fragte: Hat die Schwester angerufen? Wann die Beerdigung?
Vor drei Monaten, sagte Jürgen. Warum wurde mir das erst jetzt gesagt?
Halt die Klappe!, fauchte er. Stör mich nicht mit meiner Familie.
Sie beschlossen, zu seiner Schwester nach Köln zu fahren, wo die restliche Familie lebte. Auf dem Weg raste Jürgen wie ein Besessener, wütend auf sich selbst, auf Liselotte, auf seine Verwandten am meisten jedoch auf seine Schwester. In der Wohnung, in der früher seine Mutter gewohnt hatte, stand nun seine Schwester Kerstin. Jürgen schrie: Du hättest mich informieren müssen! Du hast mich betrogen! Wie kannst du so etwas tun?
Kerstin antwortete wütend: Ich schulde dir nichts! Du hättest selbst mit Mama reden müssen! Du hast deine Mutter gegen mich ausgetauscht!
Liselotte versuchte zu intervenieren, doch Jürgen schnitt ihr den Mund zu: Das ist nicht dein Problem! Du hast dich nie um meine Mutter gekümmert, hast nur geschimpft, weil ich ein Kind bekam!
Ein Streit eskalierte, Worte flogen, und schließlich wurde Jürgen aus der Wohnung hinausgeworfen. Auf dem Flur stand er, blickte auf die leeren Wände, die einst das Leben seiner Mutter beherbergten, und spürte die Last seines eigenen Stolzes. Er erkannte, dass er selbst ein großer Teil des Unglücks war.
Er sprach mit seiner Schwester: Ich habe dich verraten, weil ich nicht wusste, wie ich mit dem Schmerz umgehen soll. Kerstin erwiderte: Du hast mich im Stich gelassen, aber ich war auch nicht perfekt. Liselotte, die inzwischen hinausgegangen war, rief ihm nach: Wir können das nicht mehr retten, Jürgen!
Ein Monat verging, Jürgen schlief nicht mehr in seinem eigenen Bett, vermied das Telefon, ließ die Arbeit hinter sich. Nur das leise Summen der Leitung erinnerte ihn daran, dass er immer noch wählen musste: den Stolz beibehalten oder das Herz öffnen.
Eines Tages sah er im Zug eine Gestalt, die seiner Mutter ähnelte eine alte Dame, die aus dem Fenster blickte. Er stand auf, streckte die Hand aus, doch sie war nur ein Fremder. Das Bild seiner verstorbenen Mutter verblasste, und er verstand endlich: Der wahre Abschied besteht nicht darin, die Nummer zu blockieren, sondern den eigenen Stolz loszulassen und das Erinnerte im Herzen zu bewahren.
So erkannte Jürgen, dass das Leben, wie ein alter deutscher Spruch sagt, kein Wunschkonzert ist: Man kann nicht gleichzeitig nach Vergangenheit heulen und die Gegenwart leben. Der einzige Weg, Frieden zu finden, ist, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, Verzeihung zu suchen und zu lernen, die leisen Töne des Lebens zu hören. Und so bleibt die Lehre: Stolz mag uns stark erscheinen, doch wahre Stärke liegt im Mut, sich selbst zu vergeben.







