Und ich bin jetzt für dich keine Mama mehr!

Ich bin jetzt nicht mehr deine Mama, sagte ich.

Weißt du, wir müssen diese Wohnung verkaufen, sagte Sebastian und starrte auf den Boden, ohne mich anzusehen. Und das Auto auch. Die Herren lassen uns nicht in Ruhe nicht nur ich, sondern auch du und die kleine Liselotte.

Wir könnten doch zur Polizei gehen

Zur Polizei? Ich schulde denen wirklich was, hob er endlich den Blick, und die Zinsen laufen jeden Tag so hoch, dass ich mich am liebsten umbringen würde. Ihr könntet noch bei meiner Mutter wohnen.

Und du?

Ich muss von hier weg. Die Schulden kriege ich sowieso nicht zurück, die Firma ist schon geplündert. Ich will nach Norddeutschland, dort zahlen die Zeitarbeiter gut. Vielleicht legt sich das ja irgendwann.

Natalie hatte längst begriffen, dass es ernst wurde, als dunkle Gestalten mit zweifelhaftem Hintergrund vor ihrer Tür standen und Sebastian zu Gesprächen auf die Straße lockten. Nach jedem dieser Streitereien kam ihr Mann wie ein Geist zurück, manchmal wütend, manchmal einfach leer. Er schimpfte über Liselotte wegen aller Kleinigkeiten sie war ja erst vier und kein Dressurhund.

Sebastians Geschäft war schwer zu durchschauen. Ja, seine Firma verkaufte Computerhardware im Internet, doch wo die Laptops und Monitore herkamen, blieb unklar. Meistens waren sie gefälscht, weil ganze Chargen immer wieder vom Markt genommen wurden. Dann musste er neue Kredite aufnehmen, um über Wasser zu bleiben. Ein paar Mal hatte er das noch geschafft, aber diesmal nicht und das sehr stark.

Natalie stammte aus dem Dorf und hätte ohne eine schicke Stadtwohnung ruhig bei ihren Eltern wohnen können. Doch sie wollte den Job nicht aufgeben: Sie war stellvertretende Schulleiterin an einer Elite-Privatschule, die vor allem Englisch unterrichtete, und die Direktorin, Kerstin, hatte bereits angekündigt, in einem Jahr in Rente zu gehen. Einen solchen Posten zu verlieren, wäre unklug gewesen.

Auch das Leben im Haus der Schwiegermutter war alles andere als ein Paradies. Seit dem ersten Kennenlernen hakte es zwischen ihnen. Zuerst war Natalie die ungewollte Schwiegertochter, weil man das Dorf schon von weitem sehen kann. Später, als sie mit Auszeichnung ihr Studium beendet und an der englischen Fachschule unterrichtete, wurde sie zur Auslandsprinzessin, die Borschtsch kaum kochen kann. Und doch lobte Sebastian Sebastians Borschtsch immer, wenn er ihn probierte. Nur die Hausmannskost blieb oft auf der Strecke, weil die ganztägigen Klassen fast bis zum Abend gingen.

Kersteins Kommentar zur Ehe war ein typisches Schwiegermutter-Motto:

Gute Ehefrauen fliehen nicht nach Norden.

Er ist nicht vor mir weggelaufen, sondern vor seinen Gläubigern. Er hat riesige Schulden.

Und wo hast du hingeschaut? Eine gute Frau behält die Finanzen im Griff. Das ist bei euch ein Business, bei uns früher alles Haushalt.

Wenn ich Zeit habe, koche ich alles.

Warum hast du dann keine Zeit? Was ist das für eine Schule, wo bis spät in die Nacht unterrichtet wird? Ich werde das mal prüfen.

Eines Abends besuchte Kerstin die Schule, um nachzusehen. Sie fand alles fremdsprachig geschrieben, was ihr schon suspekt war, und die Katzen, die überall herumstreunten, hielt sie für unhygienisch. Das ist kein Zoo, das ist ein Lernort, schimpfte sie. Sie bemerkte, dass ein großer, schlaksiger Mann, Dieter, immer wieder zu Natalie herüberschaute, als wolle er sie durchbohren.

Dieter war ebenfalls Englischlehrer und hatte offenbar ein Auge auf Natalie geworfen, ohne jedoch die Grenze zu überschreiten er wusste, dass sie verheiratet war.

Die Katzen waren Teil einer britischen Pädagogik, die besagt, dass die Nähe zu Haustieren Kinder freundlicher macht. Deshalb wurden in der Schule ein paar Britischkurzhaarkatzen gehalten, die sogar auf die Tische hüpfen durften. Sie benahmen sich meist anständig, nur ab und zu wurden sie etwas frech.

Sebastian schickte ab und zu EMails, ohne zu verraten, wo er genau hingekommen war. Das war nicht umsonst, denn immer wieder tauchten Leute mit zweifelhaftem Hintergrund auf und fragten nach seinem Verbleib. Schließlich verstummte er völlig. Natalie geriet in Panik, weil die Gläubiger ihn vielleicht gefunden haben könnten, doch ihre Schwiegermutter blieb optimistisch:

Wenn sie ihn finden würden, kämen sie nicht mehr zu uns.

Warum schweigt er dann?

Du ahnst es nicht. Er ist ein feiner Kerl, er bleibt nicht lange allein.

Ein Jahr später, kurz vor Schuljahresende, schrieb Sebastian, dass er eine andere Frau gefunden und bei ihr wohnen würde. Er sah das nicht als Ehebruch an, weil er mit Natalie nie offiziell verheiratet war. Über die kleine Liselotte sagte er kein Wort, als wäre sie niemals geboren. Kerstin fand sofort eine Entschuldigung:

Er weiß wohl, dass Liselotte nicht seine ist.

Wie bitte? Sie wurde doch bei ihm geboren.

Bei ihm, ja, aber nicht von ihm.

Mama, du bist jetzt nicht mehr meine Mama.

Vielleicht werde ich Liselottes Großmutter, aber für dich bin ich ab jetzt nur noch Elisabeth MarienKoch, oder gar niemand.

Das bedeutete, dass sie aus der alten Wohnung der Schwiegermutter ausziehen musste. Eine neue Wohnung in Berlin zu mieten war teuer, und Liselotte großzuziehen, war ein zusätzlicher Aufwand. Der Gedanke, in der Stadt zu bleiben, erschien kaum attraktiv, wenn dort außer der Tochter niemand mehr war. Außerdem riefen ihre Eltern aus dem Dorf, dass dort stets eine Lehrkraft gefehlt habe.

Kersten legte ihren Kommentar beiseite:

Du, Mädchen, mach dir nicht zu viel Stress. Ich will die Schule behalten, und die Träger haben nichts dagegen.

Wo sollen wir dann wohnen?

Ich spreche mit den Trägern. Vielleicht zahlen sie einen Zuschuss für die Miete oder geben ein Darlehen. Bis dahin könnt ihr zu mir aufs Schrebergarten kommen. Der Mai ist da, Heizung ist nicht nötig. Wir gehen nur am Wochenende hin.

Dieter bot an, die Sachen mit seinem Wagen zu transportieren. Sie hatten nur Kleidung und etwas Geschirr. Unterwegs fragte er:

Wo wollt ihr im Winter wohnen?

Kersten hat versprochen, etwas zu finden.

Warum nicht meine freie Einzimmerwohnung? Meine Mutter ist krank und kocht für mich, sonst überlebe ich nur von Tiefkühlpuffern.

Im Sommer werde ich zurück ins Dorf zu meinen Eltern fahren. Vielleicht bleibe ich dann dort.

Und die Schule?

Ich war früher schon zum Heiraten vorgeführt, und Schulen gibt es überall.

Auf dem Schrebergarten fühlte sich Liselotte pudelwohl. Sie wuchs im Freien auf, die Wangen rosig, und Natalie verstand sich schnell mit Kersten und ihrem Mann. Sie wurden fast zu einer Familie.

Die Erinnerungen an die alte Familie traten seltener in den Vordergrund. Es war zwar ärgerlich, aber vielleicht doch besser so Sebastian hätte sie sowieso irgendwann verlassen, er wollte ja nicht heiraten.

Die Rückfahrt ins Dorf wurde wieder von Dieter übernommen. Kersten hatte zum Abschied noch einen Tisch gedeckt. Am Abend, als sie im Dorf ankamen, wollte Dieter weiterfahren, doch Natalies Mutter hielt ihn zurück:

Bleibt noch, ich bringe frische Milch. Dann essen wir zusammen.

Natalie folgte ihrer Mutter und meinte:

Wie konntest du Dieter als meinen Schwiegersohn annehmen?

War das nicht so?

Wir haben keine Beziehung, und es soll keine geben.

Du irrst dich nicht, ich sehe, wie er dich anblickt. Liselotte passt zu ihm.

Von weitem sah Natalie, wie Dieter und Liselotte fröhlich plauderten und lachten. Vielleicht war das ja gar nicht so schlecht. Und plötzlich fühlte sie sich ein bisschen wärmer, fast so wie in ihrer Kindheit.

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