Hey, ich muss dir was erzählen das ist irgendwie fast wie aus einem Film. Letztes Wochenende kam meine Tochter Anneliese aus Berlin zu Besuch. Sie stand in der Tür und sagte ganz überrascht: Papa, hast du etwa jetzt eine Katze?
Da stand ich, Peter Wilhelm, etwas genervt am Fenster und sah wieder diesen rotbraunen Kater, der seit drei Tagen meine Beete besetzt. Erst hat er die Tomaten zerfetzt, dann in den Gurken geschlafen und heute lag er einfach nur gemütlich auf dem jungen Kohl.
Ich murmelte laut vor mich hin: Geh doch zurück zu deinen Besitzern, du Lump. Der Kater hob nur langsam den Kopf, sah mich mit seinen gelben Augen an und blieb einfach dort sitzen ganz frech.
Ich zog meine Gummistiefel an, trat nach draußen und der Kater rannte nicht weg, er ging nur ein paar Schritte zurück und setzte sich dann neben den Gartenzaun. Dünn und abgemagert, ein abgerissenes Ohr, ein Schwanz, der mehr nach Stroh aussah als nach Fell.
Ich beugte mich zu dem Kohl hinunter, sah die Schäden und sagte: Na du, armer Kerl, hast du wohl keinen Platz mehr zu Hause? Der Kater jaulte leise, fast kläglich. Da wurde mir klar: Er ist hungrig. Seine Augen begannen zu leuchten.
Wo sind denn deine Besitzer? fragte ich und setzte mich hin, die Hände auf die Knie gestützt.
Er kam ein Stück näher, strich an meinem Stiefel entlang und schnurrte leise, als wolle er mir danken, dass ich ihn nicht weggeschickt habe.
Da kam mein Enkel Sascha aus dem Ferienlager, sprang aus dem Auto und fragte: Opa, warum lebt denn bei uns eine Katze im Hof?
Ich antwortete: Das ist wohl ein Nachbarskater. Vielleicht hat er sich verirrt oder wurde rausgeworfen ich weiß es nicht.
Und wem gehörte er? wollte Saschen wissen.
Ich seufzte. Ich kannte das schon lange: Er war die Katze von Frau Gisela, meiner Nachbarin. Sie ist vor etwa einem Monat gestorben, die Verwandten kamen nur zur Beerdigung, das Haus wurde leergeräumt und das Tier vergessen.
Er war bei Oma Gisela, sagte ich. Jetzt ist er allein.
Sascha sah den mageren Kater ganz traurig an: Opa, sollen wir ihn nicht zu uns nehmen?
Ich schüttelte den Kopf: Ach, was solls, ich brauch doch noch keinen weiteren Mitbewohner. Ich habe sowieso kaum was zu essen.
Aber als Sascha abends wieder nach Berlin fuhr, stellte ich ihm eine Schüssel mit etwas Suppenresten vor die Veranda. Der Kater schlich sich vorsichtig ran, fraß gierig und hastig.
Na gut, brummte ich, einmal darfs ja sein
Dieses einmal wurde schnell zu einer täglichen Routine. Jeden Morgen ging ich zum Garten, und dort saß Rudi mein roter Kater schon an der Tür und wartete geduldig, ohne zu miauzen, einfach nur zu schauen.
Zuerst fütterte ich ihn von den Resten, dann kochte ich extra für ihn Haferbrei und kaufte günstige Dosenfutter. Ich redete mir ein: Nur bis er neue Besitzer findet.
Rudi, komm her, rief ich. Rudi, so hat dich Gisela doch genannt, oder? Der Kater reagierte auf jedes Wort, Hauptsache er wurde gerufen.
Allmählich gewöhnte er sich ein. Tagsüber lag er in der Sonne auf dem Beet, abends kam er zur Veranda, schlief in dem kleinen Holzhäuschen, das von unserem alten Hund übrig geblieben war.
Nur vorübergehend, sagte ich immer wieder. Nur vorübergehend. Aber Wochen vergingen und Rudi ging nirgends hin. Ich merkte, dass ich mich an sein rotbraunes Gesicht an der Tür, sein leises Schnurren am Abend und das warme Schnurren auf meinem Schoß gewöhnt hatte.
Anneliese kam wieder vorbei und sagte: Papa, hast du die Katze etwa adoptiert?
Ich habe sie nicht adoptiert, sie ist einfach zu mir gekommen. Die Nachbarin ist tot
Warum fütterst du sie dann? Du könntest sie doch woanders hinstellen.
Wer braucht denn einen alten Kater? ich streichelte Rudis Ohr. Lass ihn leben.
Das kostet doch Geld Futter, Tierarzt, und deine Rente ist doch nicht groß.
Klar schaffen wir das. Ich schüttelte den Kopf. In den letzten Jahren war ich etwas eigenbrötlerisch geworden rede mit meinen Pflanzen, habe jetzt sogar einen Kater.
Willst du nicht in die Stadt zu mir ziehen? schlug Anneliese vor. Du sitzt hier doch allein.
Nicht allein Rudi ist ja da.
Sie seufzte. Nach Mamas Tod hat sich vieles geändert, ich bin zurückgezogen.
Im Herbst wurde Rudi plötzlich schwach. Er hörte auf zu fressen, lag kaum noch in seinem Häuschen und atmete schwer. Ich setzte mich zu ihm und fragte: Was ist los, mein Freund?
Er maunzte kaum hörbar, öffnete die Augen, und ich fuhr ihn zum Tierarzt im nahegelegenen Bezirkszentrum. Fast meine ganze Rente ging für die Behandlung drauf, aber ich bereute es keiner Minute.
Der junge Tierarzt sagte: Sie haben einen netten Kater, aber sein Alter macht ihn anfällig.
Wird er noch leben? fragte ich.
Wenn man ihn gut pflegt, noch einige Monate.
Zuhause richtete ich ihm ein kleines Krankenhaus auf der Veranda ein, legte alte Decken aus, stellte Futternäpfe hin und gab ihm jeden Tag seine Medizin.
Werd schnell gesund, flüsterte ich, ohne dich ist mir ganz langweilig.
Inzwischen war Rudi nicht mehr nur ein Tier, er war ein Freund, der mir jeden Morgen aufweckte, mich beim Kochen begleitet und abends auf meinem Schoß schnurrt, während ich fernsehe.
Sascha kam im Winter zu Besuch und fragte: Opa, ist Rudi wieder fit?
Ja, sieh nur, wie er auf seiner Decke schläft. Er lag zusammengerollt, das Fell glänzte, die Augen klar.
Bleibt er hier für immer?
Wohin sollte er sonst? Wir gehören zusammen. Ich streichelte ihn.
Warst du nicht einsam, bevor er kam? fragte Sascha.
Ich dachte nach. Nach Mamas Tod war das Haus still, das Essen nur für mich, das Fernsehen ohne Gespräch.
Ja, sehr einsam.
Jetzt?
Jetzt nicht mehr. Er begrüßt mich, wenn ich vom Garten zurückkomme, schnurrt, während ich das Abendessen koche, schläft auf meinem Schoß beim Fernsehen. Das gibt mir Sinn.
Sascha nickte. Er versteht, wie ein Tier die Einsamkeit vertreiben kann.
Und Mama? fragte er.
Mama war dagegen meinte, das ist zu teuer, zu viel Aufwand.
Und du?
Ich denke, es ist kein Aufwand, sondern Freude. Und Freude ist unbezahlbar.
Im Frühling kam die Nichte von Gisela, die junge Frau mit ihrer kleinen Tochter, in die Stadt.
Entschuldigung, ich störe, ich bin Svetlana, Giselas Nichte. Ich habe gehört, Ihr habt ihre Katze noch?
Mein Herz schlug schneller würden sie Rudi mitnehmen?
Ja, er lebt noch, antwortete ich vorsichtig.
Wir haben nach der Beerdigung nie an die Katze gedacht. Jetzt fühlen wir uns schuldig und wollen ihn holen.
Ich spürte, wie sich etwas zusammenzog. Rechtlich gehörte Rudi ja zu der Familie, aber er war jetzt Teil meines Lebens.
Darf ich ihn kurz ansehen? bat Svetlana.
Wir gingen zum Garten, Rudi hob den Kopf, sah die Fremden neugierig an, dann trottete er zu mir und schmiegte sich an meine Beine.
Sie staunte: Er kennt mich gar nicht mehr, ich war oft bei Tante Anni.
Ich erklärte: Vielleicht hat er uns einfach vergessen.
Doch ich merkte, dass er sich bereits für mich entschieden hatte.
Svetlana überlegte dann laut: Vielleicht könnt ihr ihn doch behalten? Wir wohnen in einer Wohnung, haben ein Kleinkind, und der Kater ist schon alt, gewohnt an Freiheit. Ein Umzug wäre zu stressig.
Aber er ist doch euer.
Er war ja Annis, jetzt ist er unser, weil wir ihn zweimal gerettet haben erst vom Hungern, dann von der Krankheit.
Ich konnte es kaum fassen: Wirklich? Er kann bleiben?
Natürlich, wenn ihr irgendwas braucht Futter, Medikamente sagt Bescheid, wir helfen gern.
Nachdem sie gegangen war, saß ich noch lange auf der Veranda und streichelte Rudi.
Du bleibst also bei mir, mein Freund? flüsterte ich.
Er schnurrte zufrieden.
Später rief Anneliese an: Papa, wie gehts dem Kater? Ist er noch am Leben?
Ja, er gehört jetzt offiziell mir. Die Familie hat uns das erlaubt.
Schön, dass er bei dir bleibt.
Weißt du, was ich jetzt verstanden habe? Ein alleinstehender Mensch und eine alleinstehende Katze retten sich gegenseitig. Ich habe ihn vor dem Verhungern bewahrt, er hat meine Einsamkeit vertrieben.
Sie lachte: Mach dir nicht zu viele Gedanken, Papa.
Ich philosophiere nicht, ich sage die Wahrheit. Jetzt habe ich einen Grund, morgens aufzustehen, Futter zu machen, Medikamente zu geben. Und ich freue mich, wenn jemand neben mir schnurrt, wenn ich zur Tür komme.
Anneliese wurde still. Vielleicht hat sie zum ersten Mal erkannt, wie wichtig dieser Kater für mich ist.
Ziehst du jetzt wirklich nicht zu uns in die Stadt? fragte sie.
Auf keinen Fall. Ich habe hier alles Haus, Garten, Rudi. Warum soll ich die Großstadtstürme?
Dann bleibst du also.
Ich bleibe. Wir bleiben.
Ein weiteres Jahr verging. Ich und Rudi leben unser gemütliches Leben. Morgens Frühstück und ein kurzer Spaziergang im Beet, tagsüber ein bisschen Arbeit im Garten, Rudi döst im Schatten, abends gibt es Suppe, er liegt auf meinem Schoß beim Fernsehen.
Die Nachbarn sagen jetzt: Peter, euer Kater ist ja richtig zahm geworden!
Ich antworte: Er ist nicht mein, wir gehören zusammen.
Und das stimmt. Der alte Mann und die alte Katze haben einander das gefunden, wonach sie gesucht haben Wärme, Verständnis und einen Sinn im Alltag.
Rudi schnurrt jetzt auf meinem Schoß, und ich denke: Gut, dass ich damals nicht weggeschrien habe. Manchmal entscheidet das Herz, nicht der Kopf.







