Habt ihr sie an den Rand des Wahnsinns gebracht?

Haben wir sie ja nur bis zum Äußersten getrieben? schluchzte Sascha, die Tränen in den Augen.

Mag Mama uns nicht mehr? Geht sie, weil wir ihr im Weg stehen? fragte er, während er mit zusammengebissenen Lippen in Richtung Margarete starrte, die bereits ihre Koffer packte. Ihre Schultern zuckten, das Gesicht erstarrte zwischen Schuldgefühl und Erschöpfung konnte sie nicht mehr erkennen, was schwerer auf ihr lastete.

Alles begann mit dem harmlosen Scherz ihres Mannes. Am Vorabend hatte Margarete verkündet, den Internationalen Frauentag allein zu verbringen. Ein Aufruhr brach aus. Anton, der nicht verhindern wollte, dass sie ausbricht, ließ alles raus, was ihm durch den Kopf ging, und spottete anschließend noch ein wenig mit den Kindern: dem fünfjährigen Sascha und dem siebenjährigen Adrian.

Habt ihr das gehört, Kinder? Unsere Mama fährt jetzt von uns weg. Wir haben sie genug gequält, warf Anton in scheinbar lockerer, fast lächerlicher Stimme, doch mit einem unterschwelligen Vorwurf.

Die Jungen erstarrten. Adrian runzelte die Stirn, Sascha weite die Augen.

Sie geht für immer weg? flüsterte der Kleine verwirrt.

Keine Ahnung. Noch nicht. Wer weiß, vielleicht wird das ja zur Gewohnheit, dass sie ganz verschwindet, zuckte Anton mit den Schultern.

Für ihn war das nur ein Scherz, für die Kinder Realität. Sascha brach in ein Gelage aus, und Liselotte, eben diese Liselotte, versuchte die ganze Nacht über, ihn zu beruhigen. Sie hoffte, Anton habe endlich etwas gelernt, doch heute wiederholte sich das Schauspiel.

Warum weinst du nicht, Sascha? Dein Vater liebt dich doch. Ich ziehe mich nur zur Arbeit zurück, murmelte Anton lässig.

Liselotte hielt fast den Tränenfluss zurück, bis ihr Sohn ihr ins Gesicht schrie. Sie setzte sich neben den Jüngsten, streichelte ihm die Wange und sprach:

Sascha, das stimmt nicht. Ich will nur einen Tag für mich allein. Jeden Sonntag verbringt Papa seine Zeit mit Onkel Peter und dessen Freunden. Auch Mamas muss manchmal Ruhe finden.

Früher hatte sie sich nie vorstellen können, dass sie von den Menschen, die sie liebt, erschöpft sein könnte. Anton und sie wirkten einst wie das perfekte Paar: Fahrradfahrten durch den Tiergarten, Kinobesuche, lange Gespräche über gelesene Bücher. Jeden Sonntag zog das Paar ein neues Café in Berlin an, probierte neue Spezialitäten.

Nun gehörte der Sonntag allein Anton. Anstelle von Büchern diskutierten sie Impfpläne und KitaKosten. Gemeinsam besuchten sie höchstens Kindermessen und den Supermarkt.

Als Adrian geboren wurde, hielt das Chaos noch ein wenig zusammen. Manchmal kümmerte sich Anton, manchmal die Großmutter. Liselotte fand selten Zeit für sich. Mit dem zweiten Kind änderte sich alles. Nur sie schaffte es, beide zu versorgen.

Liselotte, ich liebe sie beide, wimmerte die Schwiegermutter, aber ich schaffe kaum ein Kind. Beim letzten Mal habt ihr das Schaukelpferd umgestürzt, das die ganze Familie überlebt hat.

Die Mutter half immer seltener, höchstens mit einem kurzen Besuch, und weigerte sich, die Enkel abzuholen: Ich habe genug getan.

Anton sah die Kinder wie einen Snack zu seinem Bier: gelegentlich und nach Lust und Laune. Wenn er müde war, verschloss er die Tür zu seinem Zimmer und verbrachte den Abend dort.

Was ist das Problem? Ich sitze leise, störe dich nicht, protestierte er, wenn Liselotte klagte. Das liegt an dir, du kannst dich nie entspannen. Du musst immer alles putzen und schrubben.

Für ihn war das leicht zu sagen, denn er tat nichts im Haushalt. Liselotte wusste, dass, wenn sie sich auch nur ein wenig ausruhen wollte, ihr Körper zu Moos erstarren würde.

Sie fühlte sich ausgebrannt. Mit der Zeit schrie sie öfter, ließ die Beherrschung fallen. Die Kinder nervten sie, wenn sie zum fünften Mal in zwei Minuten beteuerten, keine Tomaten essen zu wollen. Anton ärgerte sie, wenn er von der Arbeit kam und die Tür hinter sich zuschlug. Alles um sie herum ließ sie zerreißen. Doch sie hielt durch bis zu Saschas Geburtstag.

Die letzten drei Tage war Liselotte mit Putzen und Kochen beschäftigt. Sascha wollte Freunde aus dem Kindergarten einladen, was bedeutete, dass auch die Eltern kommen würden. Sie hat die ganze Wohnung gründlich geputzt, zwei Kuchen gebacken, Salate vorbereitet und das Fleisch mariniert, damit sie später endlich schlafen kann.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne.

Sascha wachte zuerst auf und versuchte, Liselotte zu wecken.

Schlaf! donnerte sie zurück. Oder setz dich still hin, bis ich wieder wach bin. Lasst Mama ausschlafen!

Sascha schniefte, weil ihm langweilig war und er hungrig.

Geduld, schnappte die Mutter streng.

Liselotte lag so erschöpft da, dass sie kaum aufstehen konnte. Das Weinen ihres Sohnes hinderte sie am Einschlafen.

Bald darauf erwachte Adrian. Wie ein verantwortungsbewusster großer Bruder versuchte er, das Problem zu lösen: Er ergriff Saschas Hand und führte ihn in die Küche. Liselotte atmete durch, hoffte ein wenig Ruhe zu finden, doch das Klirren von Geschirr ließ sie zusammenzucken.

Sie sprang auf, als hätten die Kinder nicht nur einen Teller, sondern ihre letzte Nervenfaser zerbrochen. Die Jungen wirbelten in der Küche, sammelten Scherben auf. Auf dem Tresen lag eine Packung Cornflakes und eine Flasche Milch; ein Stuhl stand schief neben dem Geschirrschrank offenbar wollten die Kinder das Frühstück selber zubereiten, hatten jedoch ihre Kräfte überschätzt.

Ich habe euch doch gebeten! schrie Liselotte. Wie oft soll ich das noch sagen? Könnt ihr nicht fünf Minuten ohne mich überleben? Wenn ich nicht mehr da bin, werdet ihr endlich schätzen, was ich für euch tue!

Ihre Stimme bebte, die Worte flossen wie ein wütender Strom. Sascha drückte den Kopf in die Schultern, Adrian verschränkte die Arme und senkte den Blick. Liselotte hörte erst auf, als der Jüngste schluchzte und mit den Fäusten die Augen rieb.

Okay, okay, beruhigt euch Ich räume alles auf, dann gehen wir raus und holen Spielzeug.

In diesem Moment erschrak Liselotte echt: Sie hatte nicht nur einen Teller zerbrochen, sondern das Haus in Trümmer verwandelt. Das war nicht normal.

Am nächsten Tag suchte sie Rat bei ihrer Freundin Heike. Heike hat drei Kinder und ist immer noch das Oberhaupt ihrer Familie.

Du trägst alles allein. Der Internationale Frauentag steht an, und du wirst wieder Schwiegermutter und Mutter bedienen. Wieder ein zwei­tägiges Küchenmarathon.

Genau, antwortete Liselotte. Was soll ich anders machen?

Heike erwiderte: Wach auf! Der Frauentag ist für Frauen, nicht dafür, dass wir die ganze Familie schuften. Ich habe ein Häuschen am Bodensee gemietet, ein freier Tag, kommst du mit? Ich habe ein Zimmer frei.

Liselotte überlegte und willigte schließlich ein. Sie bestellte sich zwei Bücher, die sie schon lange lesen wollte, packte einen Korb mit Lebensmitteln und erklärte der Familie, dass sich ihre Pläne geändert hätten.

Die Mutter reagierte gelassen: Richtig, du brauchst Erholung. Die Schwiegermutter war überrascht, verurteilte jedoch nicht. Anton hingegen

Du willst also von uns weglaufen? Die Menschen verbringen diesen Tag mit der Familie, nicht indem sie sie verdrängen.

Liselotte erklärte lange, dass dies kein Verrat sei, sondern nur nötig, um wieder zu sich selbst zu finden. Anton widersetzte sich, sagte aber schließlich nichts mehr.

Geh, wohin du willst, spottete er am Ende. Flieg doch ins All.

Vielleicht fliege ich beim nächsten Mal, schnappte sie zurück.

Doch dann neckte er die Kinder wieder. Das war das Letzte für Liselotte. Als Sascha und Adrian endlich schliefen, trat sie zu ihrem Mann.

Hör auf mit den Späßen. Durch dich denken die Kinder, ich liebe sie nicht. Hast du Saschas Augen heute Morgen gesehen?

Ach, das ist doch nur Kleinigkeiten. Kinder vergessen alles bis zum nächsten Tag. Und was hast du falsch gemacht? Am Wochenende musst du zu Hause sein, nicht quer durchs Land wandern.

Liselotte seufzte tief. Er winkte ab, hörte sie nicht.

Weißt du, Liebling, deine Abende sind still, weil Papa müde ist, und Sonntag ist dein Tag. Ich bin seit sieben Jahren an vorderster Front, ohne freie Tage. Ich laufe nicht weg, ich brauche nur ein bisschen Luft, damit ich nicht mehr an den Kindern ausraste. Du bist es, der hier schreit.

Ich? Was habe ich getan?

Ich habe dir tausendmal erklärt, aber du hörst nicht. Versuch’s anders: Sonntag ist dein Tag, okay. Aber jetzt gehören alle Samstage mir. Verbringe wenigstens einen Tag pro Woche mit den Kindern. Sie sind schließlich auch deine Kinder.

Anton sträubte sich, doch schließlich stimmte er zu die Alternative war, dass jeder ein Kind allein betreuen müsste, und das schaffte Liselotte nicht.

Der Frauentag verging ungewöhnlich still. Sie hatten das Häuschen am Bodensee schon am Vorabend bezogen, sodass Liselotte erwachte nicht von Kinderlärm, sondern von sich selbst. Sie lag lange im Bett, ein Buch in der Hand. Später lachten Heike und sie über Studienzeiten, planten einen offlineWandertrip mit den Mädchen aus der Uni.

Am Abend saß Margarete auf der Veranda, atmete die frische Luft ein und sah den Ameisen zu, wie sie ein Stück Brot transportierten, das sie dort liegen gelassen hatte. Ihr Kopf war leer, doch es war hell. Wie ein frisch geputztes Zimmer, in dem die Fenster weit geöffnet waren. Zum ersten Mal seit sieben Jahren wurde sie nicht gerufen, nicht kritisiert, nicht gedrängt.

Heike hob ihr Glas, stieß mit Liselottes an.

Auf den Frauentag, Mutter. Endlich bist du nicht nur Mutter.

Liselotte lächelte zurück. Vielleicht nur für einen Tag, doch sie spürte zum ersten Mal seit Jahren, was es heißt, einfach Mensch zu sein nicht nur Mutter, nicht nur Ehefrau, sondern jemand mit eigenen Wünschen und dem Recht auf eine Pause.

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