Warum braucht Mama zwei Zimmer? Sie ist schon 65. Gäste bekommt sie kaum, und mit ihren Schwestern kann sie auch in der Küche Tee trinken.Ehrlich gesagt reicht die Einzimmerwohnung für Mama ganz aus.
Liselotte Müller wusste, warum ihr Sohn und ihre Tochter zu ihr gekommen waren. Das Thema war bereits letzte Woche bei Friedas Geburtstag aufgekommen, der kleinen Enkelin, die gerade ihr siebtes Lebensjahr gefeiert hatte.
Micha und Heike hatten gerade erst das Haus betreten, als es an der Tür klingelte. Es war die Nachbarin, Frau Nele, die vorsichtig hineinspähte.
Ach, Lischen, ich komme zu spät. Du hast ja Gäste, murmelte die betagte Frau.
Das sind meine eigenen, Nele, antwortete Liselotte. Was liegt dir auf dem Herzen?
Meine Nähmaschine hat wieder ein verknotetes Garn ich kriege die Spule nicht raus. Ich schau später nochmal vorbei, entschuldige.
Kein Problem, ich werfe gleich einen Blick darauf, sagte Liselotte und ging zurück ins Wohnzimmer, wo sie zu Micha und Heike rief:
Ich bin in fünf Minuten bei der Nachbarin, ihr könnt schon mal in die Küche kommen der Tee steht schon. Also, meine Lieben, ran an den Herd.
Liselotte erledigte schnell ihr Nähmaschinen-Problem und eilte zurück. Doch als sie den Flur betrat, blieb sie stehen, weil das, was Micha gerade sagte, sie erschütterte.
Ich habe alles berechnet, sagte er, diese Wohnung lässt sich für mindestens 300000Euro verkaufen, und in dem Viertel, wohin Mama umziehen will, kostet ein vergleichbares Zweizimmer etwa 100000Euro.
Und du willst, dass Mama uns die Differenz schenkt? Je eine Million?, fragte Heike skeptisch.
Natürlich, warum nicht? Und zwar nicht 1Million, sondern 1,2Million Euro, erwiderte Micha.
Woher soll sie das denn nehmen?, hakte Heike nach.
Ich habe doch das Thema durchgearbeitet! Warum braucht Mama zwei Zimmer? Sie ist doch schon 65. Gäste bekommt sie kaum, und mit ihren Schwestern kann sie in der Küche Tee trinken.
Ganz ehrlich, eine Einzimmerwohnung reicht für Mama vollkommen. Und eine hübsch renovierte Einzimmerwohnung kann man sogar für 600000Euro finden.
Ich habe nach einer Lage gesucht, die nicht am Stadtrand liegt, sondern eher im Zentrum, in einem relativ neuen Mehrfamilienhaus, wo Einkaufsmöglichkeiten und eine Klinik gleich um die Ecke sind, erklärte Micha.
Vielleicht sagt Mama ja nicht zu?, zweifelte Heike.
Wieso? Ich bin eigentlich gegen den Umzug, aber wenn sie doch schon in den Ruhestand geht, soll sie wenigstens etwas Schönes für uns tun.
Liselotte hatte in den letzten Jahren tatsächlich darüber nachgedacht, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Als sie vor etwa zwanzig Jahren nach München gezogen war, war sie erst 45. In diesem Alter macht man kaum noch neue Freundschaften; sie hatte ein paar Bekannte, aber das ist nicht dasselbe wie ein Leben lang vertraute Beziehungen.
Sie hatte damals nicht umziehen wollen keinen neuen Job, keine Schulwechsel für die Kinder, nichts Unbekanntes. Doch ihr Mann bekam eine gute Stelle in einem Maschinenbauwerk, und sie folgte ihm. Zwanzig Jahre vergingen: Arbeit, Familie, seltene Besuche in der Heimat. Vor zwei Jahren verstarb ihr Mann plötzlich.
Die Kinder hatten inzwischen eigene Familien, ihr Sohn und ihre Tochter lebten ihr eigenes Leben, und Liselotte fühlte sich wie in einem Vakuum. Nach ihrer Rente wurde es richtig einsam, und ihre Schwestern riefen an.
Sie wartete nicht auf die Antwort ihrer Tochter, sondern knallte die Tür zu, als wäre sie gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt.
Micha und Heike standen bereits in der Küche. Heike hatte gerade den Tee in die Tassen gegossen und ein Stück Apfelkuchen aufgeschnitten, das Liselotte zuvor gebacken hatte.
Mama, bist du dir sicher, dass du umziehen willst?, fragte Heike.
Ja. Jetzt, wo euer Vater nicht mehr da ist, hält mich hier nichts mehr fest. Zwanzig Jahre lang war das hier nie mein Zuhause.
Wie heißt das nichts hält dich? Und wir? Und die Enkel?, wunderte sich Heike.
Ihr habt euer eigenes Leben, eure eigenen Sorgen. Ich will euch nicht im Weg stehen. Eure Kinder sind groß, sie brauchen keine Kindermädchen mehr. Was soll ich mit meiner Zeit anfangen? Auf einer Parkbank mit anderen Rentnern spazieren und meine Spazierstock schwingen?
Manche finden das ja ganz nett. Ich aber nicht. Was bleibt mir sonst? Bücher und Fernsehen? Und dann meine Schwestern, viele Bekannte, ein Elternhaus im Dorf nicht weit von der Stadt, wo die ganze Familie im Sommer zusammenkommt.
Ich träume schon davon, dass ich wieder in meiner Heimatstadt bin, die Straßen entlanggehe und überall Menschen sehe, die mir bekannt vorkommen.
Gut, Mama, und was ist mit der Wohnung?, lenkte Micha das Gespräch in die praktische Ebene.
Was? Die verkaufe ich und kaufe mir eine neue.
Möchtest du Hilfe beim Verkauf?, bot er an.
Ich will das über eine Agentur machen. Das Inserat steht schon. Ich fange langsam an, meine Sachen zu packen.
Mama, ich sags dir: Rundherum gibts Heuchler. Ohne Geld und ohne Wohnung kann man schnell in Schwierigkeiten geraten.
Mach dir keine Sorgen. Lisa Kolb, die Frau von Onkel Josef, unserem stellvertretenden Abteilungsleiter, wird mir beim Verkauf helfen.
Lisa hat ihre eigene Immobilienagentur. Und ihre Kollegin Natasa kennt einen zuverlässigen Makler sie haben neulich für Pavel eine Wohnung gekauft.
Und für wie viel willst du die Wohnung verkaufen?, fragte Micha.
Lisa meinte, drei Millionen seien ein normaler Preis. Wir können aber zunächst etwas höher ansetzen. Ich habe die Angebote online gesehen, das entspricht dem Markt.
Und dort sind die Wohnungen günstiger, sagte Heike.
Ja. Eine vergleichbare Wohnung wie unsere liegt im Preisrahmen von zweihunderttausend.
Mama, Heike und ich haben eine Bitte: Könntest du uns nach dem Verkauf wenigstens je eine Million geben?, fragte Micha.
Eine Million? Dann reicht das Geld für die neue Wohnung nicht.
Warum nicht? Man könnte doch eine kleinere, zum Beispiel ein Einzimmer, kaufen.
Eine Einzimmerwohnung wäre für mich unbequem. Ich brauche zwei Zimmer: ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer.
Manche Familien mit drei Personen wohnen in einer Einzimmerwohnung, erwiderte Micha.
Ja, die, die sich keine größere leisten können. Ich habe die Möglichkeit, und ich verstehe nicht, warum ich darauf verzichten soll. Ich will es bequem haben.
Mama, das wäre für uns fair, weil es eure Familienwohnung ist.
Micha, ich hätte nie gedacht, dass ich das überhaupt ansprechen muss, aber wir haben ja das Erbe des Vaters, das euch alles gibt, was euch zusteht.
Er hat euch nicht benachteiligt. Das Einzige, was ich bekommen habe, ist die Wohnung. Und jetzt willst du, dass ich sie mit euch teile?
Micha hatte sich nicht ganz klar ausgedrückt, und Heike half ihm, die Worte zu finden. Er meinte, du könntest uns helfen, wenn du noch Geld hast.
Er hat eine Hypothek, wir wollen mit Ilja ein Ferienhaus kaufen. Wenn es nicht die ganze Million ist, reichen schon fünfzigtausend, das würde uns helfen.
Selbst wenn du die neue Wohnung für zwei Millionen kaufst, bleibt dir immer noch eine Million übrig. Darüber reden wir.
Ja, das bleibt. Aber ich brauche das Geld zuerst für den Umzug, den Umbau und die Einrichtung Möbel und Geräte.
Der Rest ist meine Sicherheitsdecke, falls ich mal krank werde. Ich will euch nicht zur Last fallen.
Also geben wir dir nichts?, fragte Micha.
Micha, ich bin überrascht, dass ihr das überhaupt ansprecht. Du bist siebenunddreißig, Heike vierunddreißig, ihr habt beide ein Studium und arbeitet. Ihr müsst noch ein paar Jahre die Hypothek zahlen. Aber ihr seid nicht arm. Hättet ihr nicht einfach einen Plan gehabt, mich irgendwo anders unterzubringen, wenn ich nicht umziehe?
Nein.
Mama, entschuldige, dass wir das Thema aufgeworfen haben, sagte Heike. Wir dachten nur
Ihr dachtet, dass Mama, die euch immer geholfen hat, diesmal nicht nein sagen würde, erwiderte Liselotte.
Ich würde nicht nein sagen, wenn ihr wirklich Hilfe bräuchtet. Aber ich glaube, ihr schafft das auch selbst: Micha zahlt die Hypothek, ihr spart für das Ferienhaus, und alles wird gut.
Liselotte setzte den Plan in die Tat um: Sie verkaufte die Wohnung, zog in ihre Heimatstadt zurück und kaufte dort ein neues Heim in der Nähe des Elternhauses, wo die ganze Familie im Sommer zusammenkommt. Verwandte halfen beim Einrichten und beim Renovieren. Und seitdem, wenn sie morgens aufwacht, fühlt sich Liselotte Müller wirklich zu Hause.







