Ein Abend für mich
Andreas wanderte durch eine dunkle Gasse, in der Pfützen, halb von vergilbten Blättern bedeckt, im fahlen Licht der vereinzelten Laternen glitzerten. Später Herbst in Berlin keine Zeit für Spaziergänge: ein klamme Windschauer kroch bis in die Knochen, und die Häuser wirkten besonders fern und gleichgültig. Er ging etwas schneller, als wolle er einem unsichtbaren Schatten entfliehen, der seit dem Morgen über ihm schwebte. Morgen war sein Geburtstag ein Datum, das er stets zu übersehen versuchte.
In ihm wuchs ein vertrautes Ziehen: nicht freudige Vorfreude, sondern etwas zähes und schweres, als hätte sich ein Knoten im Brustkorb eingenistet. Jahr für Jahr das gleiche formelle Nachrichten, kurze Anrufe von Kollegen, höfliche Lächeln. All das war ein fremdes Schauspiel, in dem er die Rolle des Ehrengastes spielen sollte, obwohl er sich seit Langem nicht mehr so fühlte.
Früher war es anders. Als Kind erwachte Andreas früh und wartete mit klopfendem Herzen auf diesen Tag, glaubte an ein kleines Wunder den Duft einer Sahnetorte, das Rascheln von Geschenkpapier, die warme Stimme seiner Mutter und das Getöse der Gäste um den Tisch. Dann wurden die Glückwünsche wirklich ausgesprochen: mit echtem Lachen und Aufregung rund um den Tisch. Heute kamen Erinnerungen an jene Zeit selten und hinterließen stets eine leichte Wehmut.
Er öffnete die Tür zum Treppenhaus feuchte Luft schlug ihm noch stärker ins Gesicht. Im Flur erwartete ihn das übliche Durcheinander: ein nasser Regenschirm lehnt schief an der Wand, Jacken hängen lose an den Haken. Andreas zog die Schuhe aus und blieb vor dem Spiegel stehen; sein Gesicht spiegelte die Müdigkeit der letzten Wochen und etwas anderes eine flüchtige Traurigkeit über das verlorene Festgefühl.
Bist du da? rief seine Frau Gretchen aus der Küche, bevor er antworten konnte.
Ja
Sie waren an diese knappen Abenddialoge gewöhnt: jeder erledigte sein eigenes, trafen sich nur zum Abendessen oder für eine Tasse Tee vor dem Schlafengehen. Die Familie lebte von einer Routine zuverlässig und ein wenig langweilig.
Andreas schlüpfte in bequeme Hausschuhe und ging in die Küche. Dort duftete es nach frischem Brot; Gretchen schnitt Gemüse für einen Salat.
Wird morgen viel los? fragte er fast nüchtern.
Wie immer: du magst keine überfüllten Gesellschaften Vielleicht zu dritt? Lad doch deinen Freund Dirk ein.
Andreas nickte stumm und goss sich Tee ein. Gedanken wirrten: Er verstand die Logik seiner Frau warum ein Fest nur aus Formalität veranstalten? Doch etwas in ihm protestierte gegen diese erwachsene Sparsamkeit der Gefühle.
Der Abend zog sich schleppend; Andreas blätterte Nachrichten auf dem Handy, versuchte, die lästigen Gedanken an den morgigen Tag zu verdrängen. Trotzdem kehrte immer wieder die Frage zurück: Warum ist das Fest zur Formalität verkommen? Warum ist die Freude verschwunden?
Am Morgen weckte ihn das Telefon mit einem endlosen Strom von Benachrichtigungen aus den Arbeitsgruppen; Kollegen schickten StandardGlückwünsche mit Stickern und GIFs Alles Gute zum Geburtstag!. Einige schickten etwas persönlichere Zeilen doch alle Worte wirkten bis zur Transparenz gleich.
Automatisch schrieb er Danke! oder setzte einen Smiley. Das Gefühl der Leere wuchs: Andreas wollte das Telefon einfach beiseite legen und das eigene Geburtsdatum bis zum nächsten Jahr vergessen.
Gretchen stellte die Teekanne etwas lauter, um die Stille am Tisch zu übertönen.
Herzlichen Glückwunsch Weißt du, wollen wir heute Abend Pizza oder Sushi bestellen? Ich habe keine Lust, den ganzen Tag zu kochen.
Wie du willst
Ein Ärgernis schwang in seiner Stimme mit; er bereute es sofort, erzählte aber nichts. Innen brodelte ein hilfloses Unbehagen über sich selbst und die Welt zugleich.
Kurz vor Mittag klingelte Dirk:
Hey! Happy Birthday! Treffen wir uns heute?
Ja komm abends nach der Arbeit vorbei.
Super! Ich bringe was zum Tee mit.
Das Gespräch endete ebenso schnell, wie es begonnen hatte; Andreas spürte eine seltsame Müdigkeit von diesen kurzen Kontakten als ob sie nicht für ihn, sondern nur aus Gewohnheit geschehen würden.
Den ganzen Tag schlief er in einem halbträumerischen Zustand; zu Hause mischte sich der Geruch von Kaffee mit der Feuchtigkeit nasser Jacken im Flur draußen nieselte es weiter. Andreas versuchte, von zu Hause aus zu arbeiten, doch die Kindheit kehrte immer wieder zurück: damals war jeder Anlass ein Jahresereignis; jetzt war er nur ein weiteres Häkchen im Kalender.
Am Abend wurde die Stimmung schwer; Andreas erkannte endlich für sich: Er will die Leere nicht länger ertragen, nicht um des Friedens der Anderen willen. Er will nicht länger eine Fassade gegenüber seiner Frau oder seinem Freund aufrechterhalten selbst wenn es unangenehm oder lächerlich klingt, seine Gefühle laut auszusprechen.
Als alle am Tisch unter dem sanften Licht einer Schreibtischlampe saßen, trommelte der Regen besonders laut gegen das Fensterbrett als wolle er die Enge ihrer kleinen Welt im November betonen.
Andreas schwieg lange; der Tee kühlte in seiner Tasse, Worte fanden keinen Weg. Erstes sah er zu seiner Frau sie lächelte müde über den Tisch hinweg; dann zu Dirk, der kaum den Kopf vom Handy hob, nur leicht nickend zum Klang aus dem Nachbarzimmer.
Und plötzlich war alles bis zum Äußersten einfach:
Hört mal ich muss etwas sagen.
Gretchen legte den Löffel beiseite; Dirk hob den Kopf vom Bildschirm.
Ich habe immer gedacht, es sei dumm, Feste nur um des Anlasses willen zu feiern Doch heute habe ich etwas anderes erkannt.
Der Raum wurde so still, dass sogar der Regen lauter zu wirken schien.
Ich vermisse das echte Fest das Gefühl aus der Kindheit, wenn man das ganze Jahr auf diesen Tag wartet und alles möglich scheint.
Er stockte, die Kehle verkrampfte vor Aufregung.
Gretchen sah ihn aufmerksam an:
Willst du versuchen, das zurückzuholen?
Andreas nickte kaum merklich.
Dirk grinste warm:
Jetzt verstehe ich, was du das ganze Mal gesucht hast!
Ein leichter Schwung erfüllte Andreas Brust.
Na dann lass uns erinnern, wie das war. Du hast doch mal von einer Sahnetorte erzählt
Gretchen stand ohne zu fragen auf und ging zum Kühlschrank. Es gab weder Biskuit noch Sahne, doch sie holte eine Packung schlichte Butterkekse und ein Glas Marmelade heraus. Andreas lächelte unwillkürlich: Die Geste war albern und doch zutiefst menschlich. Auf dem Tisch entstand rasch ein Teller mit Keksen, ein Marmeladenglas und eine kleine Schüssel Kondensmilch. Dirk legte spielerisch die Hände ans Kinn:
Schneller Kuchen! Und Kerzen?
Gretchen durchwühlte die Schublade für Kleinigkeiten und zog den Rest einer Paraffinkerze heraus. Sie schnitt sie halb ab ein knorriges, aber echtes Stück. Sie steckten es auf den selbstgebauten Berg aus Keksen. Andreas betrachtete diese schlichte, unprätentiöse Szenerie und spürte etwas, das an Vorfreude erinnerte.
Musik? fragte Dirk.
Kein Radio, bitte. Was wir damals bei den Eltern hörten, bat Andreas.
Dirk wühlte durch sein Handy; Gretchen startete eine alte Playlist auf dem Laptop: Stimmen aus vergangenen Jahrzehnten, Kindheitslieder verschmolzen mit dem Rauschen des Regens. Es war komisch zu sehen, wie erwachsene Menschen plötzlich ein heimisches Schauspiel für einen von ihnen aufführten. Doch in diesem Stück fehlte jede falsche Gratifikation. Jeder tat, was er am besten konnte: Gretchen goss sorgfältig Tee in dicke Tassen, Dirk klatschte unbeholfen zum Rhythmus, Andreas merkte, dass sein Lächeln nicht aus Höflichkeit kam.
Die Wohnung wurde wärmer. Beschlagene Fenster reflektierten das Lampenlicht und die Straße, auf der nur vereinzelte Autos vorbeizogen; draußen nieselte es weiter. Doch jetzt sah Andreas den Regen anders: Er war fern, während sich hier drinnen das eigene Wetter sammelte.
Erinnert ihr euch das Spiel Krokodil? fragte Gretchen plötzlich.
Natürlich! Ich habe es immer verloren
Nicht weil du es schlecht dargestellt hast! Wir haben einfach zu lange gelacht.
Sie probierten das Spiel direkt am Tisch. Zuerst war es unbeholfen: ein Erwachsener stellte einen Känguru-ähnlichen Sprung dar vor zwei anderen Erwachsenen. Nach einer Minute wurde das Lachen echt: Dirk schwenkte die Arme so verzweifelt, dass fast die Teetasse umkippte; Gretchen lachte leise und hell; Andreas ließ zum ersten Mal sein Gesicht vollkommen los.
Dann erzählten sie Geschichten von Kindheitsfeiern: wer Stückchen Torte unter der Serviette versteckt hatte für den zweiten Bissen; wie einmal das Familienset zerbrach, aber niemand schimpfte. Mit jeder Erinnerung löste sich die schwere Wolke der Formalität, wurde zu etwas Gemütlichem, Warmem. Die Zeit erschien nicht mehr als Feind.
Andreas spürte plötzlich das kindliche Gefühl, wenn alles für einen Abend möglich scheint. Er sah Gretchen dankbar an für die schlichte Fürsorge ohne Worte; er erwiderte Dirks Blick über den Tisch hinweg dort lag Verstehen ohne Vorwurf.
Die Musik stoppte abrupt. Draußen zogen vereinzelte Scheinwerfer über das nasse Kopfsteinpflaster. Die Wohnung wirkte wie ein Leuchtturm in einem grauen Herbst.
Gretchen brachte noch mehr Tee:
Ich habe es doch ein bisschen anders gemacht Aber das Wichtigste ist doch nicht das Drehbuch, oder?
Andreas nickte still.
Er erinnerte sich an seine morgendliche Angst vor diesem Tag als wäre ein Fest zwangsläufig eine Enttäuschung, die an ihm vorbeiziehen müsste. Jetzt wirkte das wie ein ferner Irrtum. Niemand erwartete von ihm perfekte Reaktionen oder Dankesworte; niemand drängte ihn zu Fröhlichkeit nur aus Pflicht.
Dirk zog ein altes Brettspiel aus dem Schrank:
Jetzt reisen wir wirklich zurück in die Vergangenheit!
Sie spielten bis spät in die Nacht, stritten über Regeln und lachten über absurde Züge. Draußen trommelte der Regen beruhigend.
Später saßen die drei still unter dem weichen Licht der Lampe. Auf dem Tisch lagen Keksbrösel und ein leeres Marmeladenglas Spuren ihres heimischen Festmahls.
Andreas erkannte plötzlich: Er muss niemandem etwas beweisen, weder sich selbst noch anderen. Das Fest kehrte zurück, nicht weil jemand ein perfektes Drehbuch geschrieben oder die richtige Torte gekauft hatte, sondern weil Menschen um ihn herum bereit waren, ihn wirklich zu hören.
Er sah Gretchen an:
Danke
Sie lächelte nur mit den Augen.
Innen war Ruhe kein übertriebenes Jubeln, kein falscher Glanz. Nur das Gefühl, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, mit den richtigen Menschen. Draußen lebte die nasse Stadt ihr eigenes Leben; drinnen war es warm und licht.
Andreas stand vom Stuhl auf, ging zum Fenster. Die Pfützen spiegelten die Laternen; der Regen floss gemächlich und müde, als hätte er genug vom Streit mit dem November. Er dachte an das Kindheitswunder: Es war immer eine einfache Sache der Hände nahestehender Menschen.
In dieser Nacht schlief er leicht ein ohne das Verlangen, seinen Geburtstag so schnell wie möglich zu vergessen.







