Der Morgen in der kleinen Wohnung in Berlin beginnt mit einem schweren Aufstehen. Noch bevor Lina Müller die Augen öffnet, hört sie die gedämpften Stimmen aus der Küche: Die Mutter, Anna, stellt leise den Wasserkocher an, der Vater, Thomas, sucht nach den Schlüsseln. Draußen ist es noch dunkel, das blaue Zwielicht hält länger an, erst gegen acht Uhr schmilzt der Frost vom Fensterbrett. Im Flur stehen nasse Stiefel in einer Pfütze der gestrige Schnee ist direkt auf dem Boden geschmolzen.
Lina schiebt die Beine aus dem Bett und sitzt regungslos am Fußende des Bettes. Ihr Schulheft liegt offen auf dem Nachttisch, die Matheaufgaben bereiten ihr seit zwei Wochen Schwierigkeiten. Sie weiß: Heute steht wieder ein Test an, die Lehrerin wird streng fragen, und die Großmutter, Gertrud, wird am Abend jedes Detail bis zur letzten Formel nachhaken.
Anna wirft einen Blick ins Zimmer:
Lina, es wird Zeit aufzustehen. Das Frühstück wird kalt.
Das Mädchen zögert, zieht langsam den Morgenmantel an. Auf Annas Gesicht huscht ein besorgter Schatten Lina klagt in letzter Zeit oft über Kopfschmerzen und Müdigkeit nach der Schule, doch die Gewohnheit, sich zu beeilen, siegt.
In der Küche riecht es nach Haferbrei und frischen Brötchen. Gertrud sitzt bereits am Tisch.
Schon wieder blass? Du hättest früher schlafen gehen und das Handy weglegen sollen! An der Schule wird immer strenger: Wenn du einen Tag verpasst, holst du nie mehr hinterher!
Anna stellt Lina schweigend einen Teller hin und streichelt ihr über die Schulter.
Thomas kommt aus dem Bad mit einem Glas Wasser:
Hast du alles dabei? Die Bücher nicht vergessen
Lina nickt abwesend. Der Rucksack fühlt sich schwerer an als sie selbst; ihre Gedanken wirbeln zwischen den Hausaufgaben und dem bevorstehenden Diktat.
Später, als Lina zusammen mit Thomas zur Schule geht, bleibt Anna am Fenster stehen. Auf dem Glas hinterlässt ihre Hand einen Abdruck; sie schaut der Tochter nach, wie sie im Hof zwischen anderen Kindern in fast identischen Daunenjacken hurriedly vorbei läuft, kaum ein Wort austauscht.
An diesem Tag kommt Lina früher als üblich nach Hause: Der Unterricht endet nach der DeutschenOlympiade im Fach Deutsch.
Gertrud begrüßt die Enkelin mit einer Frage:
Wie war dein Tag? Was wurde aufgetragen?
Lina zuckt mit den Schultern:
Vieles Ich verstehe das neue Thema überhaupt nicht
Gertrud runzelt die Stirn:
Du musst dich anstrengen! Ohne gute Noten geht heute nichts mehr!
Anna lauscht aus dem benachbarten Zimmer dem Gespräch: Linas Stimme ist leise und dumpf, als hätte jemand das Mikrofon in ihr abgeschaltet.
Am Abend sitzen die Eltern zu zweit am Küchentisch; Äpfel im Krug verströmen einen herben Duft.
Ich mache mir immer mehr Sorgen um sie Schau, sie lacht kaum noch zu Hause!, sagt Anna leise.
Thomas schüttelt den Kopf:
Vielleicht ist das nur das Alter?
Doch er bemerkt selbst, dass Lina sich auch ihm gegenüber zurückgezogen hat. Bücher liegen seit Wochen unberührt, ihre liebsten Spiele begeistern sie nicht mehr.
Am Wochenende steigt die Anspannung weiter. Gertrud erinnert immer wieder daran, das Einmaleins vorab zu wiederholen, und nennt Beispiele aus bekannten Familien:
Schau, die Enkelin von Petra ist Klassenbeste! Wie viele Wettbewerbe sie gewinnt!
Lina hört nur halb zu, manchmal hat sie das Gefühl, lieber allem zuzustimmen, nur damit sie wenigstens eine Stunde ohne Aufgaben und Kontrollen bekommt.
Anna versucht später am Abend erneut mit Thomas zu reden:
Ich habe Artikel über Homeschooling gelesen Vielleicht sollten wir es ausprobieren?
Er überlegt ernsthaft:
Und wenn es schlimmer wird? Wie funktioniert das überhaupt?
Anna zeigt ihm einige Elternberichte: Viele erzählen, dass sich nach dem Wechsel zum Homeschooling das Befinden ihrer Kinder innerhalb eines Monats verbessert hat; das Lerntempo kann selbst bestimmt werden und die Hausatmosphäre wird positiver.
In den folgenden Tagen informieren sich die Eltern über die rechtlichen Grundlagen des Homeschoolings: Welche Unterlagen nötig sind, wie Abschlussprüfungen ablaufen, wo passende OnlineSchulen zu finden sind. Anna ruft Bekannte an, liest Bewertungen, Thomas prüft Stundenpläne und Plattformen. Je mehr sie erfahren, desto klarer wird, dass die aktuelle Schulbelastung für Lina viel zu hoch ist. Das Mädchen schläft oft noch über den Büchern ein, schafft es nicht einmal, zu Abend zu essen, und klagt am Morgen über Kopfschmerzen und Angst vor den nächsten Klassenarbeiten.
Eines Abends, als es draußen bereits früh dämmert und die Handschuhe auf dem Heizkörper trocknen, kommt das Gespräch am Familientisch auf den Punkt. Gertrud bleibt hart:
Ich verstehe nicht, wie man zu Hause lernen kann! Das Kind wird faul, hat keine Freunde und kommt später nie zu einer guten Schule!
Anna antwortet ruhig, aber bestimmt:
Linas Gesundheit ist uns wichtiger. Wir sehen, wie schwer es ihr fällt. Es gibt jetzt OnlineSchulen, Lehrer prüfen die Abschlussarbeiten, und wir sind immer da, um zu unterstützen.
Thomas fügt hinzu:
Wir wollen nicht warten, bis es noch schlimmer wird. Lass uns es zumindest vorläufig ausprobieren.
Gertrud schweigt lange, drückt den Löffel in der Hand. Sie fürchtet, dass Lina das Interesse am Lernen verliert und sich zurückzieht. Doch als sie sieht, wie Lina auf die Möglichkeit des Lernens zu Hause plötzlich aufblüht, erschüttert das etwas in ihr.
Anfang März reichen die Eltern den Antrag bei der Schule ein, das Homeschooling zu ermöglichen. Alle Formalitäten sind innerhalb einer Woche erledigt: Nur die Personalausweise und die Geburtsurkunde werden benötigt, wie auf der Webseite angegeben. Lina bleibt zu Hause und verbindet sich über den Laptop im Wohnzimmer mit den OnlineKlassen.
Die ersten Tage sind ungewohnt: Das Mädchen setzt sich zaghaft an den Unterricht, doch bereits am Ende der Woche beantwortet sie selbstbewusst die Fragen der Lehrer auf der Plattform, reicht Aufgaben pünktlich ein und hilft Anna sogar bei neuen Themen. Beim Mittagessen erzählt Lina vom Projekt zum Umweltschutz, lacht und streitet mit Thomas über Matheaufgaben. Gertrud beobachtet sie heimlich und merkt, wie ihre Enkelin wieder mehr wie früher wirkt.
Der Abend verläuft gemächlich. Draußen liegt noch leichter Märzschnee auf den Rasen, einzige Passanten eilen zu ihren Erledigungen. In der Wohnung herrscht eine neue Stille nicht die angespannte, die früher nach anstrengenden Schultagen, sondern eine sanfte, einhüllende Ruhe. Lina sitzt am Laptop im Wohnzimmer: Auf dem Bildschirm ein Literaturauftrag, daneben ein Notizbuch mit ordentlichen Notizen. Sie erklärt Anna das neue Thema, ihre Stimme ist lebhaft, die Augen strahlen.
Gertrud tritt näher, als wolle sie zufällig am Tisch anhalten. Sie wirft einen heimlichen Blick auf die Enkelin: Lina wechselt geschickt zwischen den Tabs der Plattform und ihrem Skript. Auf der Fensterbank steht ein Glas Wasser mit frischem Schnittlauch; ein Sonnenstrahl lässt die weißen Wurzeln durch das Glas glitzern.
Zeig mir doch mal deine Aufgaben, fragt Gertrud nach kurzer Pause.
Lina dreht den Bildschirm zu ihr:
Hier muss man einen Helden aus der Erzählung auswählen und die Geschichte weiterschreiben
Gertrud hört aufmerksam zu. In ihrem Blick blitzt etwas Neues auf Neugier gemischt mit Verwirrung. Sie erinnert sich an ihre eigene Schulzeit, damals ohne Computer und OnlineUnterricht Doch jetzt sieht sie, dass ihre Enkelin deutlich besser zurechtkommt.
Zum Abendessen sitzen alle zusammen am großen Tisch. Anna bringt einen Salat mit frischem Schnittlauch, den sie von der Balkonpflanze geerntet hat der Frühling ist bereits spürbar. Thomas berichtet von den Neuigkeiten bei der Arbeit; Lina fügt Kommentare zu ihrem interessanten Umweltprojekt ein sie soll ein Modell einer Zelle aus einfachen Materialien bauen.
Gertrud hört zunächst schweigend zu, fragt dann plötzlich:
Wie machst du jetzt die Klassenarbeiten? Wer korrigiert sie?
Anna erklärt gelassen:
Alle Abschlussarbeiten laden wir auf die Plattform hoch, die Lehrkräfte korrigieren sie und geben sofort Rückmeldung. Wir sehen die Noten sofort.
Thomas ergänzt:
Uns ist nicht nur die Note wichtig das Wichtigste ist, dass Lina ruhiger geworden ist und wieder Freude am Lernen hat.
Am nächsten Tag bietet Gertrud an, Lina bei einer neuen Matheaufgabe zu helfen. Das Mädchen nimmt gern an, und sie beugen sich gemeinsam über das Arbeitsbuch am Fenster, wo noch ein Rest Frost vom kühlen Morgen liegt. Gertrud tut sich etwas langsamer mit den Formulierungen des OnlineKurses die Buttons statt Seiten, die Kommentare der Lehrkraft rechts neben dem Bildschirm doch als Lina die Lösung souverän erklärt, lächelt Gertrud anerkennend:
Nun ja, das hast du ja selbst herausgefunden!
Lina nickt stolz.
Nach und nach bemerkt Gertrud die Veränderungen im Haus immer deutlicher: Das Mädchen zuckt nicht mehr zusammen, wenn die Tür leise ins Schloss fällt, und versteckt nicht mehr die Augen, wenn nach der Schule gefragt wird. Manchmal bringt sie selbst ein Bild oder ein Bastelstück für das neue Projekt mit und lacht über die Witze von Thomas, ohne ein erzwungenes Lächeln.
Jetzt diskutieren die drei abends gemeinsam Lerninhalte oder schauen alte Familienfotos aus dem Album. Gertrud legt sich sogar einen Login für die Plattform von Linas OnlineSchule zu, um selbst nachzusehen, wie alles funktioniert.
Zur Mitte April verlängern sich die Tage merklich: Die Sonne bleibt länger über den Dächern, und auf dem Balkon sprießen die ersten Tomaten- und Salatpflänzchen. Die Wohnung fühlt sich leichter an, die Luft ist vom Frühlingsduft erfüllt und die Vorfreude auf Neues wächst.
Eines Abends bleibt Gertrud etwas länger am Familientisch sitzen. Sie blickt zu Anna über den Tisch:
Früher dachte ich, ohne Schule lernt ein Kind nichts Sinnvolles Jetzt sehe ich: Wichtig ist, dass es zu Hause gut geht und selbst lernen möchte.
Anna lächelt dankbar, Thomas nickt knapp.
Lina hebt den Kopf vom Laptop:
Ich möchte ein großes Projekt starten! Vielleicht können wir im Sommer ein echtes Labor besuchen?
Thomas lacht:
Das ist ein Plan! Wir überlegen gemeinsam!
An diesem Abend eilt niemand mehr in die einzelnen Zimmer: Sie besprechen bevorstehende Reisen und Sommeraktivitäten im Freien. Die Sonne sinkt langsam hinter dem Wohnzimmerfenster.
Lina geht zuerst ins Bett, wünscht allen eine gute Nacht, ohne Angst oder Müdigkeit in der Stimme.
Der Frühling setzt sich entschlossen durch: Neue Veränderungen stehen bevor, doch jetzt meistert die ganze Familie sie gemeinsam.







