„Dein Sohn ist für uns kein Enkel mehr – sagte die ehemalige Schwiegermutter und legte auf“

Dein Sohn ist kein Enkel mehr für uns, sagte die ehemalige Schwiegermutter und legte auf.

Jürgen, das ist die letzte Frage: Schickst du endlich Geld für Winterstiefel für Lukas? Der Winter steht vor der Tür, er ist groß geworden, hat nichts mehr zum Anziehen, hörte Klara am Telefon, während sie das Ohrenschelle wie ein Kloß in der Hand hielt, als wolle sie damit nicht nur die Stimme ihres ExEhemanns, sondern auch das letzte Stück seiner Gewissen herausquetschen. Am anderen Ende war eine unsichere, ewig sich rechtfertigende Einatmung zu vernehmen.

Klara, du weißt doch, es ist gerade schwer. Auf der Arbeit dröhnt es, die Bonuszahlung wird verschoben

Das höre ich jeden Monat, schnitt sie ihm das Wort ab. Jürgen, das ist dein Sohn. Er braucht Winterstiefel, kein neues Spielzeug. Ich frage nicht nach Almosen, ich will nur das Beste für ihn.

Ich verstehe, murmelte er. Aber die Mutter Die Mutter meint, du fragst zu viel. Sie sagt, das Unterhaltspaket sollte reichen.

Welches Unterhaltspaket? Die drei Pfennige, die du vierteljährlich rüber schickst, wenn deine Mutter dich daran erinnert? Damit kaufst du nicht mal die Schnürsenkel!

Tränen stiegen ihr die Wangen hinab, während sie in ihrer winzigen Küche stand, wo der Duft von gestern gekochter Erbsensuppe und feuchter Wäsche, die noch über dem Herd trocknete, noch in der Luft lag. Im einzigen Zimmer hinter der Wand schlief Lukas, ihr sechsjähriger Sohn, ihr ganzer Stolz und ihre ständige Sorge.

Ich spreche noch einmal mit ihr, versprach Jürgen ohne wirkliche Zuversicht. Vielleicht lässt sich etwas machen.

Mach dir keinen Kopf, schnippte Klara und drückte die Leitung auf.

Gespräche mit seiner Mutter, Elisabeth Fischer, waren wie ein Kampf gegen eine Granitwand: kalt, herrisch, gewohnt, dass sich die Welt um ihre Wünsche und die ihres Sohns dreht. Klara wischte die Tränen mit dem Handrücken weg, ging zum Kinderbett. Lukas schlief mit ausgebreiteten Armen, sein helles Haar lag wirr auf dem Kissen, daneben lag ein abgewetzter Plüschhase. Sie richtete die Decke, küsste ihn auf die warme Wange. Für ihn würde sie alles tun.

Ein Anruf ließ sie zusammenzucken. Auf dem Display leuchtete eine unbekannte Berliner Festnetznummer, aber ihr Herz pochte sie wusste, wer dran war. Langsam ging sie zurück zur Küche und nahm ab.

Klara? Hier ist Elisabeth.

Die Stimme der ehemaligen Schwiegermutter war eiskalt, ohne Begrüßung, sofort zum Punkt.

Ja, Elisabeth, guten Tag.

Ich habe Jürgen gebeten, dir zu sagen, dass du ihn nicht mehr mit deinen ewigen Bitten belästigen sollst. Offenbar hat das nicht gereicht. Hör zu und lass das Thema hiermit ruhen. Jürgen beginnt ein neues Leben, er wird eine neue, normale Familie haben. Wir wollen dich und deine Probleme nicht mehr finanzieren.

Klara schwieg, spürte, wie ihr Inneres immer kälter wurde.

Was den Jungen betrifft Elisabeth pausierte, suchte die schärfsten Worte. Dein Sohn ist für uns kein Enkel mehr. Vergiss diese Adresse, diese Nummer. Alles Gute.

Kurze, hart klingende Töne hallten wie ein Schuss in der Stille der Küche. Klara ließ das Telefon sinken, starrte in die Leere. Kein Enkel mehr einfach und erschreckend. Als könnte man einen Menschen einfach aus dem Leben streichen, der denselben Nachnamen trägt, die Augen des Vaters und das störrische Kinn des Opas. Sie setzte sich auf einen Hocker, umklammerte den Kopf. Es war das Ende. Nicht nur eine Scheidung, sondern ein vollständiger Ausschluss aus dem Leben, das einst Hoffnungen, Festtage im großen Landhaus und das Gefühl einer richtigen, vollständigen Familie versprach.

Am Morgen wachte sie mit schwerem Kopf, aber klarer Erkenntnis auf: Sie durfte nicht mehr auf jemanden hoffen. Jetzt waren es nur noch sie und Lukas, ein Duo gegen die Welt. Sie nähte als Schneiderin in einer kleinen Werkstatt, verdiente wenig, doch das bescheidene Leben reichte. Jetzt musste der Gürtel noch enger geschnürt werden.

Mama, fahren wir am Wochenende zu Oma Elisabeth? fragte Lukas beim Frühstück, wippte mit den Beinen unter dem Tisch. Sie will mir das große Auto zeigen, das Papa gekauft hat.

Klaras Herz zog sich zusammen. Wie soll sie ihm erklären, dass Oma Elisabeth ihn nicht mehr sehen will? Dass sein Vater jetzt ein anderes Kind hat, dem er neue Autos vorführt?

Lukas, Oma hat gerade viel zu tun, sagte sie sanft, bemühte sich, die Stimme nicht zittern zu lassen. Und Papa auch. Wir gehen am Wochenende in den Park, fahren Karussell, willst du?

Lukas zögerte einen Moment, dann gewann die Vorstellung von Karussells das Rennen.

Ich will! Und Zuckerwatte!

Zuckerwatte, lächelte Klara, versteckte den Schmerz hinter dem Lächeln.

So begann ihr neues Leben. Klara nahm jede Nebenarbeit an: Kürzte Hosen für Nachbarn, nähte Reißverschlüsse, nächtlich bestickte Vorhänge nach Maß. Sie schlief vier bis fünf Stunden, doch jedes Mal, wenn sie Lukas zufriedenes Gesicht sah, das ein Stück Kuchen genoss oder die Aufregung über ein neues Buch zeigte, verflog die Müdigkeit. Sie lernte, das Beste aus wenig zu machen. Die Winterstiefel kaufte sie im Ausverkauf nicht die modischsten, aber warm genug.

Abends, wenn Lukas schlief, überkam sie manchmal die Verzweiflung. Sie setzte sich zur Nähmaschine, ihr gleichmäßiges Klackern begleitete das Nachdenken über das Unfaire des Lebens. Sie dachte an Jürgen unsicher, kindisch, einst geliebt. Sie erinnerte sich an den Antrag, an die Träume von Kindern und daran, wie seine Eltern, vor allem die Mutter, ihn Stück für Stück aus ihrer Hand drängten, weil sie ihn für zu einfach hielten. Dann kam ein winziger Fehltritt, von Elisabeth zu einem kosmischen Verrat aufgebauscht, und Jürgen, erdrückt vom Druck, ging einfach.

Ein Jahr später ging Lukas in die erste Klasse. Klara führte ihn stolz zur Schulaufführung, er trug einen neuen Anzug, den sie selbst genäht hatte, und einen großen Strauß Nelken. Sie sah ihn an und wusste, dass sie alles richtig machte. Sie würden es schaffen.

In der Werkstatt wechselte die Inhaberin. Die neue Chefin hieß Angelika von Schmitt, streng, aber gerecht. Sie bemerkte sofort Klaras Genauigkeit und Talent.

Du hast goldene Hände, Klara, sagte sie, während sie den perfekten Stich an einem Seidenkleid bewunderte. Hast du nicht Lust, mehr zu machen als nur Maß zu nehmen?

Wie bitte? erwiderte Klara überrascht.

Zum Beispiel etwas Eigenes zu schaffen. Du hast das Gespür dafür.

Klara winkte ab. Was Eigenes, wenn ich gerade die Miete bezahlen und Lukas zur Schule bringen muss? Trotzdem blieben Angelikas Worte in ihr hängen. Eines Abends fand sie in einem Kasten alte Stoffreste ein Stück leuchtendes Batist mit kleinen Blumen. Eine Idee keimte auf. Sie schneiderte für Lukas Plüschhasen einen winzigen Overall und eine Mütze. Das Ergebnis war so niedlich, dass sie es sofort in der Werkstatt vorzeigte.

Angelika studierte das Miniaturkleidchen, dann entschlossen:

Morgen bringst du alles, was du noch so genäht hast. Spielzeug, Puppenkleider, was immer.

Klara war verwirrt, brachte am nächsten Tag eine kleine Schachtel mit Basteleien: ein paar Puppenkleider, ein Bärenanzug, ein besticktes Hemd für Lukas mit Waldbeerenmuster. Angelika stellte alles an den Ladeneingang.

Experiment, sagte sie kurz.

Am Abend war nichts mehr übrig. Kunden, die ihre Aufträge abholten, betrachteten die Miniaturen mit liebevollem Staunen und kauften sie für ihre Kinder und Enkel. Eine Dame bestellte sogar eine komplette Garderobe für die teure deutsche Puppe ihrer Enkelin.

Klara konnte ihr Glück kaum fassen. Das, was sie einst als Spielerei abgetan hatte, wurde gefragt. Sie nähte abends nicht mehr nur Vorhänge, sondern auch diese süßen Kleinigkeiten. Zuerst fürs Schaufenster, dann, als die Bestellungen wuchsen, richtete sie einen InstagramAuftritt ein, nannte das Projekt Mamas Wärme.

Geld wurde nicht mehr zum ständigen Problem. Sie meldete Lukas für den Zeichenkurs an, von dem er immer geträumt hatte. Sie zogen in eine größere, wenn auch gemietete Wohnung, mit eigenem Kinderzimmer. Klaras Gesicht bekam wieder Glanz, die ewige Müdigkeit wich. Sie arbeitete noch viel, doch nun brachte die Arbeit nicht nur Geld, sondern auch tiefe Befriedigung.

Lukas wuchs zu einem ruhigen, liebevollen Jungen heran. Er fragte nie wieder nach dem Vater oder der anderen Oma. Seine Welt war seine Mutter. Er prahlte vor Freunden, dass seine Mama die beste Zauberin der Welt sei, die alles nähen kann.

Als Lukas zwölf wurde, klingelte das Telefon erneut. Wieder eine fremde Berliner Nummer, doch etwas ließ Klara abheben.

Klara? Guten Tag, hier ist Elisabeth.

Klara erstarrte. Sie hatte diese Stimme seit sechs Jahren nicht mehr gehört. Sie war dieselbe kalte Metallstimme.

Ich höre.

Ich melde mich aus geschäftlichem Grund, sagte Elisabeth ohne ein Blatt zu brechen. Eine Bekannte hat Sie als exzellente Kinderkleiderdesignerin empfohlen. Mein Enkel hat bald Geburtstag, er wird fünf. Ich möchte ein exklusives Kostüm bestellen. Ich zahle das Doppelte, das ist mir wichtig.

Klara schloss die Augen. Enkel. Fünf. Also hatte Jürgen wirklich eine neue Familie. Und jetzt brauchte diese Frau, die ihr einst das Kind aus ihrem Leben geworfen hatte, ihre Dienste. Die Ironie war bitter.

Elisabeth, sagte sie langsam, mit ruhigem Ton, ich muss ablehnen.

Stille folgte, erstaunt. Offenbar war Ablehnung für Elisabeth ein Fremdwort.

Wie bitte? Ich zahle jede Summe!

Es geht nicht ums Geld, antwortete Klara gleichmäßig. Vor einigen Jahren sagten Sie, mein Sohn sei nicht mehr Ihr Enkel. Sie strichen ihn aus Ihrem Leben, ohne an das Kind zu denken.

Das ist lange her, begann Elisabeth, doch Klara schnitt ihr das Wort ab.

Für Sie mag es lange her sein, doch ich erinnere mich an jede Sekunde dieses Gesprächs. Ich habe mein Leben und mein Business von Grund auf aufgebaut. In jedes Stück stecke ich nicht nur Können, sondern die Liebe, die ich meinem Kind geben will. Meine Marke heißt Mamas Wärme. Ich kann nicht für eine Familie nähen, die mit so kalter Grausamkeit ein Kind verworfen hat.

Sie pausierte, ließ Elisabeth die Worte sinken.

Mein Sohn, der von Ihnen nicht mehr als Enkel gilt, sitzt gerade im Nebenzimmer und malt. Er ist talentiert, gutherzig und klug. Und er ist alles, was ich habe. Ihr Geld? Behalten Sie es. Vielleicht kaufen Sie sich damit ein Gewissen, aber ich bezweifle das. Alles Gute.

Klara legte auf, bevor Elisabeth etwas erwidern konnte. Ihre Hände zitterten leicht, doch ihr Herz war leicht. Das war keine Rache, sondern Gerechtigkeit. Sie schlich zur Zimmertür, spähte hinein. Lukas war an einem Tisch, vertieft in ein Bild. Er bemerkte sie nicht. An der Wand hingen seine leuchtenden Zeichnungen, voller Licht und Leben.

Sie lächelte. Ja, bei ihnen war alles gut. Und es würde noch besser werden. Sie ging zurück in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Ein weiterer ruhiger Abend voller stiller Glücksmomente, die sie mit eigenen Händen geschaffen hatte. Und in diesem Glück gab es keinen Platz für Gespenster der Vergangenheit.

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