„Dein Platz in der Küche, nicht auf dem Familienfoto“, schmunzelte die Schwiegerschwester und senkte die Kamera.

Dein Platz ist in der Küche, nicht auf dem Familienfoto, schnippte Silke, während sie die Kamera auf den Tisch legte.
Hast du den Gulasch absichtlich zu stark gesalzen oder kannst du einfach nicht kochen?, sagte Gisela mit leiser Stimme, doch jedes Wort klirrte in Kathrins Ohren wie ein Signalton.

Ich habe nach eurem Rezept gekocht, erwiderte Kathrin, bemüht, die Fassung zu wahren. Ihr habt mir das doch selbst gegeben.

Ach ja, natürlich, das war ja meine Schuld, schnaufte Gisela und schob demonstrativ den Teller beiseite. Markus, willst du das wirklich essen?

Markus hob nicht den Kopf. Er schaufelte weiter den Gulasch herunter, als sei nichts geschehen. Silke, die gegenüber saß, lächelte ihr typisches, süffises Grinsen, das Kathrin die Hände unter dem Tisch fest zusammenzucken ließ.

Mama, warum musst du gleich so streng sein?, versuchte Silke endlich, ihre Stimme fast ein Flüstern. Vielleicht ist er ja einfach nur an andere Geschmäcker gewöhnt. Bei euch zu Hause kocht man ja anders.

Kathrin hörte den Unterton klar: Schutz, aber in Wirklichkeit das Anfachen des Feuers. Silke tat das immer sanft, mit einem Lächeln, doch messerscharf.

Markus, sag doch etwas, platzte es Kathrin aus.

Markus hob langsam die Augen.

Was soll ich sagen? Der Gulasch ist in Ordnung. Essen wir und hören auf zu nörgeln.

Siehst du, Mama, sagte Silke und griff nach dem Brot. Markus mag es. Dann ist ja alles gut.

Gisela presste die Lippen zusammen, sagte aber nichts weiter. Das Mittagessen zog sich in einer spannungsgeladenen Stille weiter, unterbrochen nur vom Klirren der Löffel und gelegentlichen Bemerkungen Silkes über ihren neuen Wagen, den sie kaufen wolle, oder ihren bevorstehenden Urlaub in der Türkei.

Kathrin aß mechanisch ihre Portion. Drei Jahre. Drei Jahre Ehe mit Markus, drei Jahre, in denen sie die ständigen Vorwürfe der Schwiegermutter, die giftigen Kommentare Silkes und das Schweigen ihres Mannes ertragen musste. Sie hatte gehofft, dass die Zeit alles bessert, dass sie irgendwann wirklich dazugehört. Doch je länger es dauerte, desto klarer wurde ihr, dass sie hier nie wirklich zu Hause sein würde.

Nach dem Essen räumte sie den Tisch ab, spülte das Geschirr, während die Frauen im Wohnzimmer Tee tranken. Markus verschwand in sein Zimmer und gab vor, zu arbeiten. Aus der Küche hörte Kathrin abgehackte Sätze.

Sie gibt ihr Bestes, aber sie ist einfach nicht unser Typ, sagte Gisela.

Mama, lass das doch. Markus liebt sie, sie passen zusammen.

Lieben, lieben Liebe vergeht, das Leben bleibt, und die Probleme auch. Sie hat weder Charakter noch das nötige Durchsetzungsvermögen eine stille Maus.

Kathrin ballte den Schwamm in der Hand. Stille Maus. Genau das, was ihr die Eltern immer wieder eingetrichtert hatten: nicht herausstechen, bescheiden und gehorsam sein. Schon als Kind hatte man ihr beigebracht, im Hintergrund zu bleiben. In der Schule widersprach sie nie, an der Uni ertrug sie die Spötteleien der Kommilitonen schweigend. Und jetzt, mit zweiunddreißig, schluckte sie weiterhin Beleidigungen hinunter.

Kathrin, hol uns noch Kekse!, rief Silke aus dem Wohnzimmer.

Kathrin wischte die Hände ab, holte das Keksgefäß aus dem Schrank und brachte es hin. Gisela und Silke lehnten sich auf das Sofa, ihre Blicke auf die Bildschirme gerichtet.

Mama, schau mal, welches Kleid ich für die Party anziehen will, zeigte Silke ihrer Schwiegermutter Fotos. Max wird begeistert sein.

Schön, meine Kleine. Rot steht dir gut.

Kathrin stellte das Keksgefäß auf den Tisch und wollte gerade gehen, doch Gisela hielt sie auf.

Kathrin, wann wollt ihr Kinder? Drei Jahre sind jetzt rum, und doch nichts.

Die Frage traf sie wie ein Schlag.

Wir sind noch nicht bereit.

Nicht bereit? In deinem Alter sollte das schon längst laufen. Meine Enkelkinder brauche ich, ich bin nicht mehr ewig. Und du ziehst das immer weiter.

Mama, vielleicht haben sie ja wirklich Probleme, mischte sich Silke ein. Viele haben das heute.

Welche Probleme? Markus ist ein gesunder Mann, das liegt also an ihr.

Kathrins Wangen wurden rot. Sie wollte erklären, dass es eine gemeinsame Entscheidung sei, erst einmal eine eigene Wohnung zu kaufen, aber die Worte blieben im Hals stecken.

Ich gehe, flüsterte sie und verließ den Raum.

Im Flur lehnte sie sich an die Wand, schloss die Augen. Alles brodelte innerlich. Jede Woche das gleiche: zu den Eltern von Markus fahren, sich wie eine Dienstmagd fühlen kochen, putzen, ertragen. Und Markus schwieg stets.

Sie ging ins Bad, spritzte kaltes Wasser ins Gesicht. Noch ein wenig durchhalten, dann nach Hause fahren, wo er allein war, wo er wieder aufmerksam und liebevoll war. In den Elternhaus verwandelte er sich in einen willenlosen Jungen.

Zurück im Wohnzimmer sah sie, wie Silke die Kamera hervorzog.

Mama, lass uns ein Familienfoto machen! Wir haben ja noch keins.

Gute Idee! Markus, komm her!, rief Gisela.

Markus trat verschlafen aus seinem Zimmer.

Was soll das?

Wir machen ein Familienfoto.

Na gut.

Silke stellte alle hin. Gisela setzte sich in den Sessel, Markus stellte sich daneben.

Mama, du hier, ich stehe auf der anderen Seite von Markus.

Kathrin stand unsicher am Rand, nicht sicher, ob sie sich einreihen sollte. Silke justierte die Kamera, murmelte leise zu sich.

Ich stell mich auch dazu, sagte Kathrin zaghaft.

Silke hob den Kopf, sah sie lange an, dann lächelte sie spöttisch.

Dein Platz ist in der Küche, nicht auf dem Familienfoto, sagte sie und ließ die Kamera sinken.

Stille fiel. Kathrin stand wie erstarrt, unfähig zu begreifen. Gisela tat so, als habe sie nichts gehört. Markus schwieg.

Was?, schnappte Kathrin.

Na ja, zuckte Silke mit den Schultern. Das ist unser Familienfoto meine Mutter, ich, Markus. Was machst du hier?

Ich bin Markus Frau.

Und? Frauen kommen und gehen, die Familie bleibt.

Markus, wandte sie sich an ihn. Hörst du, was deine Schwester sagt?

Markus ließ endlich die Schuhe beiseite.

Silke, genug. Kathrin kommt auch drauf.

Alles klar, alles klar, nicht beleidigt sein, winkte Silke ab. Ich mache nur Spaß. Stell dich hier hin, an die Seite.

Doch Kathrin hörte nicht mehr zu. Etwas zerbrach in ihr. Sie drehte sich um und ging zur Garderobe. Ihre Hände zitterten, als sie die Jacke anzog.

Kathrin, wo gehst du hin?, rief Markus hinter ihr.

Nach Hause.

Aber wir wollten doch zusammen Abendessen.

Ich bleibe nicht. Bleib, wenn du willst, mit deiner Familie.

Kathrin, bitte, nicht so, flehte Markus.

Genug, Markus, du bist nicht das Erste, das schweigt, wenn ich gedemütigt werde.

Er versuchte ihr zu folgen, aber sie schob ihn beiseite und verließ die Wohnung.

Auf dem Flur wehte ein kalter, windiger Oktoberabend. Sie rannte, fast joggend, die Tränen schluckten das ganze Gesicht. Der Schmerz war groß, die Angst noch größer sie wusste, dass das so nicht weitergehen konnte.

Zuhause fiel sie erschöpft aufs Sofa, ließ die Tränen fließen, bis sie erschöpft war. Danach wusch sie sich das Gesicht, machte sich einen Tee und setzte sich ans Fenster. Draußen flackerten Laternen, die Straße verschwamm im Dunst.

Markus kam spät in die Wohnung, trat leise ein, schuldbewusst.

Kathrin, wachst du noch?

Sie schwieg.

Warum hast du so reagiert? Silke hat doch nur dumm gescherzt.

Das war kein Scherz, Markus.

Na gut, kein Scherz. Sie hat einfach ungeschickt ausgedrückt. Du kennst sie ja.

Und du? Warum schweist du immer, wenn sie mich erniedrigt?

Markus setzte sich neben sie, vergrub das Gesicht in den Händen.

Was kann ich tun? Das ist meine Mutter, meine Schwester. Ich kann nicht ständig streiten.

Streichelei?, fluchte Kathrin, ihre Stimme bebte. Sie erniedrigen mich und du nennst das Streichelei?

Niemand will dich beleidigen. Meine Mutter hat einfach so einen Kontroll und Ordnungs­drang. Und Silke ist immer ein verwöhntes Kind. Aber sie meinen es nicht böse.

Soll ich das ertragen?

Du musst nicht. Sag ihnen, was du denkst.

Kathrin lächelte bitter.

Sag ihnen, okay. Dann wirst du dich bei mir beschweren, weil ich deine Mutter verletzt habe.

Woran soll das liegen?

Erinnerst du dich, wie ich vor einem halben Jahr deiner Mutter gesagt habe, dass wir nicht jedes Wochenende kommen können? Du hast dann eine Woche nicht mit mir gesprochen. Du hast gesagt, ich sei undankbar.

Markus schwieg.

Oder als Silke vor mir sagte, sie wundere sich, warum du mich geheiratet hast, weil ich nur eine graue Maus sei, keine Schönheit, kein Verstand. Du hast dann gelacht und gesagt, wenigstens bin ich praktisch.

Kathrin, lass das alte Geschehen los.

Altes Geschehen? Das war erst vor einem Monat, Markus.

Stille. In Kathrins Innerem loderte ein neues Feuer echte, brennende Wut, nicht nur gegen Silke oder Gisela, sondern gegen Markus, der schweigend zusah, während sie leiden musste.

Weißt du, was das Schlimmste ist?, flüsterte sie. Ich dachte, du liebst mich. Ich dachte, ich bedeute dir etwas. Stattdessen bin ich nur die praktische Ehefrau, die kocht, wäscht, putzt, nicht streitet.

Das ist doch Unsinn.

Kein Unsinn. Deine Schwester hatte recht. Mein Platz ist in der Küche. Ich bin nur dafür da.

Hör auf!, schrie Markus. Genug Selbstmitleid! Das ist alles aus deiner Phantasie.

Nichts?, Kathrins Stimme wurde zum Schrei. Sie demütigen mich und du schweigst! Das reicht nicht!

Du bist zu empfindlich! Du musst Humor haben!

Kathrin stand auf, ging ins Schlafzimmer, packte die Tasche.

Was machst du?, fragte Markus, die Tür im Flur im Blick.

Ich gehe. Zu meiner Mutter.

Wegen einer dummen Bemerkung?

Nicht wegen der Bemerkung. Wegen dir. Weil du mich nicht siehst, nicht hörst.

Lass uns reden, normal, ohne Dramen.

Ich dramatisiere nicht. Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss nachdenken.

Sie schloss den Reißverschluss, ging zur Tür. Markus stellte sich ihr in den Weg.

Du kannst nicht einfach gehen. Wir sind doch eine Familie.

Welche Familie, Markus? Deine Mutter und Silke sind deine Familie. Ich bin hier ein Fremder.

Sie ging an ihm vorbei, verließ die Wohnung. Dieses Mal folgte er ihr nicht.

An der Tür erwartete sie seine Mutter, die überrascht wirkte.

Kathrin, was ist passiert? Warum bist du allein?

Mama, darf ich bei dir wohnen?

Natürlich, Kind. Komm rein.

Sie stellte keine Fragen, ließ die Stille sprechen. In der Küche trank die Mutter Tee, erzählte von Nachbarn, Arbeit, kleinen Alltagsdingen. Kathrin hörte zu, fühlte, wie sich die Anspannung langsam löste.

Wie hast du es mit meinem Mann geschafft? fragte sie plötzlich.

Weißt du, ein gutes Eheleben beruht auf Respekt. Liebe kommt und geht, Respekt bleibt. Dein Vater hat mich immer respektiert, hat meine Meinung gehört, hat mich beschützt, wenn nötig.

Und wenn er nicht beschützt?

Dann ist das keine Familie, sondern Qual. Du darfst nicht als Dienstmädchen in deinem eigenen Haus leben.

Kathrin nickte. Sie kannte das, doch es zu hören, war wichtig.

Am nächsten Tag rief Markus an. Sie nahm nicht ab. Stattdessen kam eine Nachricht: Kathrin, komm nach Hause. Lass uns in Ruhe reden. Sie antwortete nicht.

Eine Woche verging. Sie ging zur Arbeit, kehrte zu ihrer Mutter zurück, versuchte, ihre Gefühle zu ordnen. Die Wut ließ nach, doch die Müdigkeit blieb.

Samstag kam Markus zur Tür, seine Mutter öffnete.

Darf ich kurz mit Kathrin sprechen?

Sie rief ihre Tochter.

Im Wohnzimmer saßen sie sich gegenüber. Markus wirkte erschöpft, Augen gerötet.

Ich habe dich vermisst, sagte er schlicht.

Ich auch, gab Kathrin zu. Aber das ändert nichts.

Was willst du von mir?

Dass du mich siehst. Dass du hörst. Dass du mich als Ehefrau verteidigst, nicht nur als Küchenhilfe.

Markus schwieg, dann nickte.

Ich verstehe. Ich war falsch. Ich dachte, wenn ich mich zwischen euch stelle, wird es leichter. Ich dachte, du schaffst das allein.

Ich brauchte keine Entschuldigungen. Ich brauche Veränderungen.

Was genau?

Kathrin atmete tief ein.

Ich fahre nicht mehr jedes Wochenende zu deinen Eltern. Einmal im Monat höchstens. Und wenn deine Mutter oder deine Schwester mich beleidigen, musst du sie stoppen. Nicht ich.

Einverstanden.

Und ich werde nicht mehr still sein. Ich sage, was ich denke. Wenn dir das nicht gefällt, sag es jetzt.

Markus lächelte zum ersten Mal seit langem.

Sprich. Ich bin neugierig, wie du bist, wenn du nicht schweigst.

Ernsthaft?

Sehr ernst. Ich mag es, wenn deine Augen leuchten.

Kathrin musste lachen.

Ich komme zurück. Aber wenn das wieder vorkommt, gehe ich. Und komme nie zurück.

Das wird nicht passieren, versprach Markus fest.

Sie verließen das Haus zusammen. Es war still und leer. Kathrin ging durch die Zimmer, als wären es zum ersten Mal ihre eigenen. Ihr Zuhause. Ihre Familie. Sie hatte nun das Recht, respektiert zu werden.

Ein Monat später hatte Markus sich wirklich geändert. Er fragte öfter nach ihrer Meinung, setzte klare Grenzen, wenn Gisela ein weiteres Detail über das Kochen kritisierte. Sie planten etwas mit Freunden, sagten klar, dass sie nicht jedes Wochenende kommen würden.

Beim Mittagessen blieb die Atmosphäre relativ ruhig. Gisela versuchte ein paar Bemerkungen zum Essen, doch Markus lenkte das Gespräch geschickt um. Silke wirkte distanziert.

Nach dem Essen, während Kathrin das Geschirr abtrocknete, trat Silke an sie heran.

Ich wollte mich entschuldigen, begann sie zögerlich.

Wofür genau?

Für die Bemerkung beim Foto. Markus hat mich danach gerügt, weil ich im Unrecht war.

Du warst im Unrecht.

Silke nickte.

Es ist schwer, zu akzeptieren, dass Markus jetzt eine andere Familie hat. Wir waren immer so eng. Und jetzt bist du plötzlich hier.

Ich habe dir deinen Bruder nicht weggenommen. Ich liebe ihn.

Ich weiß. Ich bin egoistisch. Ich wollte, dass alles bleibt, wie es war.

Nichts bleibt, wie es war. Wir wachsen, ändern uns, gründen eigene Familien.

Silke lächelte traurig.

Du hast recht. Entschuldige.

Entschuldige ich.

Sie kehrten ins Wohnzimmer zurück. Gisela blätterte durch ein Magazin, Markus sah fern.

Silke, lass uns ein Foto machen, sagte sie plötzlich. Wir haben ja noch keines von uns allen.Als die Kamera klickte, strahlten Kathrin, Markus, Gisela und Silke gemeinsam, endlich als eine echte Familie, in das Bild.

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„Dein Platz in der Küche, nicht auf dem Familienfoto“, schmunzelte die Schwiegerschwester und senkte die Kamera.
Anna pulled her car over a block from her mother-in-law’s house. The clock read 5:45 PM—she’d arrived earlier than agreed. “Maybe this time she’ll appreciate my punctuality.”