Zwei Freundinnen, zwei Schicksale

Zwei Freundinnen, zwei Schicksale

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich, Brigitte, mit schwerem Herzen mein Spiegelbild betrachtete.
Eine alte Frau, eine alte Frau, dachte ich bei mir, das Gesicht hing nach unten, ein Doppelkinn, Falten, mehr Falten Ja, 66 Jahre, das ist kein Zuckerschlecken, zumal mein Leben bis dahin nicht gerade ein Zuckerschlecken gewesen war. Seufzend versuchte ich, die heruntergefallenen Lockenwickler wieder ans Haar zu heften meine Tochter hatte mir sie erst am Morgen angelegt.

Der Anlass war das 50jährige Jubiläum der Eröffnung der örtlichen Mittelschule in unserem kleinen Dorf Bergdorf. Ich war eine der ersten Absolventinnen jener Schule. Die Schule wurde festlich geschmückt, das Stadtdirektorium aus Köln würde anreisen, und die Dorfbewohner versammelten sich. Vielversprechend war, dass ehemalige Klassenkameraden aus der Stadt kämen doch die meisten waren längst nicht mehr unter uns, die Jahre hatten an ihnen gezehrt.

Im Hof jaulte unser alter Schäferhund Rudi. Ich blickte aus dem Fenster und sah hinter dem Tor eine Gestalt. Ich warf mir meine abgenutzte Jacke über und ging zur Begrüßung nach draußen. Zuerst erkannte ich die Frau nicht, doch als sie zu sprechen begann, fiel mir ein Lichtstrahl auf das Gesicht meiner Schulfreundin Liselotte.

Ich habe die Einladung zum Fest bekommen und dachte, ich komme mal wieder heim. Vielleicht sehe ich das hier nie mehr. Ich habe hier niemanden, bei dem ich bleiben könnte. Meine Familie, fragte sie zögerlich.
Natürlich kannst du bleiben, antwortete ich, und wir umarmten uns, ein wenig weinend aus Freude oder aus Wehmut, wer konnte das sagen?

Du bist ja ganz schön schick, meinte ich, während ich sie bewunderte.
Ich lebte ja in der Stadt. Mein Mann war ein angesehener Direktor, ich musste mit ihm mithalten. Hätte ich hier im Dorf gelebt, wäre ich wohl wie du, stammelte Liselotte, leicht verlegen.
Ach, das macht nichts, ich bin nicht beleidigt, lachte ich. Der Tee ist nicht blind, ich sehe doch den Unterschied. Du siehst etwa 15 Jahre jünger aus, obwohl wir im gleichen Jahr geboren wurden, seufzte ich.

Am Abend zogen die eleganten Damen zur Schule. Aus Köln kamen nur acht Personen. Viele hatten sich Jahre nicht gesehen und erkannten einander nur schwer. Nach dem feierlichen Teil wurden Tische gedeckt, wir tranken ein Glas Schnaps zum Anstoßen das darf man nicht vergessen. Wir lachten, erinnerten uns, schwelgten in alten Geschichten und gingen erst um Mitternacht auseinander.

Liselotte kehrte zu mir zurück; wir wollten nicht schlafen, sondern redeten bis zum Morgengrauen. Sie erzählte von ihrem Stadtleben: Ihr Mann, ein guter Mann, war vor drei Jahren gestorben. Ihre einzige Tochter, Ursula, wohnte in Berlin, hatte ihr Studium abgeschlossen und war glücklich verheiratet. Sie und ihr Mann entschieden sich bewusst gegen Kinder ein Wort, das ich erst später verstand: childfree. Sie erklärte mir, dass man so bezeichnet wird, wer das Kinderkriegen bewusst ablehnt.

Liselotte war betrübt, doch was tat man? Ihre Tochter kam nur selten zu Besuch, immer wegen ihrer eigenen Pflichten. Nicht einmal zur Beerdigung ihres Vaters schaffte sie es, weil ihr Job zu verantwortungsvoll war. Ihre Mutter lud sie nicht ein, half aber mit Geld. Dank dieser Unterstützung durfte sich Liselotte eine Kur im Kurort gönnen und lebte, ohne jede Pfennig zu zählen. Ihre Rente war gering, weil sie wegen ihres Mannes nie gearbeitet hatte.

Wie geht es dir? Ich hörte, du bist auch verwitwet. Hat dein Nikolai viel getrunken? Wo sind die Kinder? fragte ich.
Ach, das Leben hier ist einfach, erwiderte sie. Viele unserer Dorfbewohner haben getrunken, vor allem, als die Holzfabrik zusammenbrach und keine Arbeit mehr gab. Mein Mann war sonst nüchtern, ein echter Fels. Aber wenn er Alkohol getrunken hat, war er ein Ungeheuer. Die Wut spie er aus jedem Winkel aus! Sie erzählte, wie sie in seiner Trunkenheit oft die schlafende Kleidung anlegte, um schnell zu fliehen, bevor er erwachte.

Sie sprach weiter über ihr kleines Schweinegehege, zwei Mutterschweine, deren Ferkel sie verkaufte oder schlachtete. Ihr Sohn, ein ehemaliger Soldat, diente gemeinsam mit seinem Zwilling im Ausland, jetzt fahren sie gemeinsam zur Arbeit nach Vanokar, wo sie gut verdienen. Sie hatten sechs Enkel, je zwei Kinder pro Enkel, und sie selbst war nicht gegen Kinder, denn wie könnte man ohne Nachkommen leben? Ihre Enkel tranken nur zu Festen, nicht wie ihr Vater, der viel getrunken hatte.

Am nächsten Tag begleitete ich Liselotte zur Bushaltestelle. Ich packte ihr ein Stück Räucherfleisch, gut geschichtet, und ein Glas Himbeermarmelade ein. Auf dem Weg nach draußen war ich noch stärker das Bild der Stadtfrau gegenüber der Dorfbewohnerin, das mir das Herz schwer machte.

Liselotte, schlank, trug eine modische Daunenjacke, eine verspielte Nerzhut mit einem kleinen Absatz, ihre Lippen glänzten im Lippenstift. Ich hingegen, in einem altmodischen Mantel, trug Filzschuhe und einen dicken Daunenschal.

Als der Bus kam, umarmten wir uns zum Abschied und versprachen, uns zu schreiben. Liselotte sprang leicht in den Bus, ich jedoch stapfte schwer nach Hause.

Rückblickend bleibt mir das Bild zweier Frauen, die aus demselben Anfang hervorgingen, doch deren Wege sich völlig unterschieden. War es Zufall? Glück? Welche verborgenen Kräfte lenken das Schicksal von Frauen? Vielleicht ist das Leben nicht so schwarzweiß, wie es auf den ersten Blick scheint. Wer von uns beiden war am Ende glücklicher?

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