Die Nacht vor dem Morgengrauen

31.10.2025 Eintrag im Tagebuch

Der Morgen vor dem ersten Licht begann für uns mit den ersten Wehen, die die Uhr auf 02:45 anzeigte. In der kleinen Wohnung im Prenzlauer Berg lag ein feuchter Dämmerzustand: Ein leichter Nieselregen trommelte an das Fenster, während die Straßenlaternen verwischte Lichtflecken auf dem Asphalt malten. Ich, Markus, hatte bereits fast die ganze Nacht wachgesessen, wühlte auf dem Küchenstuhl, prüfte immer wieder die Tasche am Flur und spähte nach draußen. Anke lag seitlich, die Hand fest auf dem Bauch, zählte die Sekunden zwischen den Schmerzspitzen: sieben, dann sechs und ein halbes. Sie versuchte, die Atemtechnik aus dem Video zu erinnern einatmen durch die Nase, ausatmen durch den Mund doch ihr Rhythmus war sprunghaft.

Schon? rief ich aus dem Flur, meine Stimme hallte gedämpft, die Schlafzimmertür war nur angelehnt.

Sieht so aus antwortete Anke, setzte sich vorsichtig an das Bett und spürte den kalten Boden unter den nackten Füßen. Die Anfälle kommen häufiger.

Den letzten Monat hatten wir uns darauf vorbereitet: Wir kauften eine große, blaue Kliniktasche, packten alles, was die GeburtsklinikCheckliste verlangte Reisepass, Krankenkassenkarte, Mutterpass, extra Nachthemden, Ladekabel und eine Tafel Schokolade für alle Fälle. Nun wirkte sogar diese Ordnung wankelmütig. Ich stand vor dem Schrank und sortierte die Dokumente.

Der Pass ist hier die Karte Hast du sie gestern nicht mitgenommen? flüsterte ich hastig, als wollte ich die Nachbarn nicht wecken.

Anke erhob sich schwerfällig und ging ins Bad ein kurzer Moment, um das Gesicht zu waschen. Der Geruch von Seife und leicht feuchten Handtüchern lag in der Luft. Im Spiegel sah ich eine Frau mit dunklen Augenringen und zerzausten Haaren.

Sollen wir gleich ein Taxi rufen? rief ich aus dem Flur.

Ja prüfe nur nochmal die Tasche, erwiderte sie.

Wir waren beide jung: Anke, 27, und ich, kurz über 30. Ich arbeite als Konstrukteur in einem Maschinenbauunternehmen, Anke war bis zur Schwangerschaft Englischlehrerin. Die Wohnung ist winzig: KücheWohnzimmer und ein Schlafzimmer mit Blick auf die KarlMarxAllee. Alles erinnert an den bevorstehenden Wandel: Das Babybett steht bereits im Eck, ein Stapel Windeln liegt darin; daneben liegt eine Schachtel mit Spielzeug, das Freunde geschenkt haben.

Ich bestellte das Taxi über die App, und sofort erschien das gelbe Symbol auf dem Bildschirm.

Das Auto ist in zehn Minuten da

Meine Hände zitterten leicht, als ich den Bildschirm berührte. Anke zog einen Kapuzenpulli über ihr Nachthemd, suchte das Ladekabel: Der Akku zeigte 18% an. Sie steckte das Kabel in die Jackentasche, zusammen mit einem Gesichtstuch, für alle Fälle.

Im Flur roch es nach nassen Schuhen und Ankes Jacke, die nach dem gestrigen Spaziergang noch feucht war.

Während wir uns fertig machten, wurden die Wehen stärker und etwas öfter. Anke versuchte, nicht auf die Uhr zu schauen, sondern atmete tief ein und aus und dachte an den Weg nach vorne.

Wir verließen das Haus fünf Minuten vor der geplanten Abholzeit. Das Treppenhaus war kahl beleuchtet, ein fahles Licht schimmerte an der Aufzugstür, ein kalter Luftzug wehte von unten nach oben. Auf dem Treppenabsatz zog Anke die Jacke enger um sich und drückte die Dokumente fest an die Brust.

Unten war die Luft kühl und feucht, selbst für den Oktober. Regentropfen perlten am Vordach, Passanten hasteten vorbei, in Mänteln oder mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen. Die geparkten Autos standen wirr; in der Ferne hörte man ein dumpfes Motorgeräusch, als würde jemand den Motor aufwärmen. Das Taxi ließ sich jedoch nicht beeilen, die Anzeige auf der Karte zeigte nur ein langsames Vorankommen: Der Fahrer schien um die Häuser zu kreisen oder eine Sperre zu umfahren.

Alle halbe Minute sah ich aufs Handy:

Noch zwei Minuten, stand da, doch der Fahrer schien einen zusätzlichen Block zu fahren. Vielleicht Baustelle?

Ich lehnte mich an das Geländer des Eingangs und versuchte, die Schultern zu lockern. Plötzlich fiel mir die Schokolade ein: Ich griff in die Seitentasche der Kliniktasche und fand sie. Eine Kleinigkeit, aber beruhigend, etwas Vertrautes in diesem Chaos.

Endlich tauchten die Scheinwerfer um die Ecke auf: Ein weißer Renault bremste vor dem Haus und hielt direkt vor der Treppe. Der Fahrer, ein Mann um die 45, mit müdem Gesicht und kurzem Bart, öffnete zügig die Heckklappe und half Anke, das Gepäck ins Auto zu laden.

Guten Abend! Zur Klinik? Alles klar, bitte anschnallen, sagte er mit klarer Stimme, nicht zu laut. Ich setzte mich hinter den Fahrer, die Tür schlug etwas lauter als üblich im Inneren roch es nach frischer Luft gemischt mit Resten von Kaffee aus einer Thermoskanne.

Kaum hatten wir das Grundstück verlassen, standen wir im Stau: Vor uns blinkten die Einsatzlichter von Wartungsfahrzeugen, Arbeiter verlegten Asphalt im nächtlichen Schein flackernder Lampen. Der Fahrer drehte die Lautstärke des Navigationssystems hoch:

Versprochen, das war bis Mitternacht fertig! Jetzt fahren wir über die Nebenstraße

In diesem Moment erinnerte ich mich an die MutterpassKarte:

Stopp! Ich habe die Karte vergessen! Ohne sie darf ich nicht rein!

Ich wurde blass: Ich laufe zurück! Wir sind gleich da!

Der Fahrer blickte in den Rückspiegel: Keine Eile, wie lange dauert es? Ich warte hier, wir haben noch Zeit.

Ich rannte fast, spritzte durch Pfützen, und nach vier Minuten kam ich keuchend zurück, die Karte in der Hand zusammen mit dem Schlüsselbund ich hatte sie im Schloss liegen lassen und erneut die Treppe hinaufgegangen. Der Fahrer nickte nur kurz und fuhr weiter.

Anke drückte die Dokumente an ihre Brust, ein weiterer starker Wehenstoß ließ sie tiefer in die Lungen atmen. Das Auto schlängelte sich leise an der Baustelle vorbei, durch den beschlagenen Blick sah ich die nassen Schilder von 24StundenApotheken und die Silhouetten von Passanten unter Regenschirmen.

Im Wagen herrschte gedrückte Stille, nur das Navigationssystem sprach hin und wieder neue Umleitungen an, während die Heizung leise auf das Fenster klopfte.

Nach ein paar Minuten brach der Fahrer das Schweigen:

Ich habe drei Kinder Der Älteste kam nachts zur Welt, wir mussten zu Fuß zur Klinik, der Schnee war knöcheltief Aber später war es ein Abenteuer!

Er lächelte kaum merklich: Macht euch keine Sorgen, das Wichtigste ist, die Papiere zu haben und euch an den Händen zu halten!

Ich spürte, wie zum ersten Mal seit Anbeginn der Wehen ein leichter Auftrieb kam seine ruhige Stimme wirkte beruhigender als jedes OnlineForum für werdende Mütter. Ich sah zu Markus, und er schenkte mir ein kaum merkliches Lächeln durch die angespannte Atmosphäre.

Kurz vor fünf Uhr morgens erreichten wir die Klinik. Der Regen prasselte noch, jedoch sanfter, als wolle er nur leise auf das Autodach trommeln. Markus bemerkte zuerst den hellen Streifen am Horizont die Stadt begann, vom blassen Morgengrauen erfasst zu werden. Der Fahrer bog vorsichtig zur Einfahrt, wählte einen Platz ohne Pfützen. Zwei Krankenwagen standen bereits, doch ein freier Bereich zum Entladen blieb.

Wir sind da!, rief der Fahrer und bot an, die Tasche zu tragen.

Ich richtete mich mühsam auf, hielt meinen Bauch und drückte die Dokumente fest. Markus sprang zuerst aus, griff nach meinem Ellbogen und half mir, auf den nassen Asphalt zu treten. Ein weiterer Wehenstoß traf mich so stark, dass ich kurz innehalten musste, um ein paar langsame Atemzüge zu nehmen. Der Fahrer nahm die blaue Kliniktasche und stellte sie vorsichtig neben die Tür.

Vorsicht, hier ist rutschig, sagte er über die Schulter. Seine Stimme klang, als wäre das hier kein Neuland, sondern ein alltäglicher Teil des Großstadtlebens.

Am Eingang roch es nach feuchter Erde und einer Mischung aus Desinfektionsmittel und Regen. Unter dem Vordach sammelten sich Tropfen, die gelegentlich auf den Ärmel oder das Kinn fielen. Markus sah sich um: kaum jemand, nur eine diensthabende Krankenschwester hinter einer Glastür und ein paar Männer in Uniform an der gegenüberliegenden Wand.

Der Fahrer stellte die Tasche neben mich, richtete sich auf und wirkte plötzlich verlegen.

Alles Gute! Vergesst einander nicht, das ist das Wichtigste. Der Rest kommt von selbst, sagte er.

Markus wollte etwas sagen, aber die Worte blieben im Hals stecken zu viel hatte sich in dieser Nacht angestaut. Stattdessen ergriff er die Hand des Fahrers fest und dankbar. Ich nickte, lächelte leicht verlegen und flüsterte: Danke, wirklich.

Keine Ursache, meinte er, wandte den Blick ab und ging zurück zum Auto. Alles wird gut!

Die Tür der Klinik öffnete sich mit einem leisen Quietschen. Die diensthabende Krankenschwester kam heraus, schaute kurz, dann winkte sie uns hinein.

Kommt rein! Bereitet die Unterlagen vor Männer dürfen nicht einsteigen, nur im Notfall. Die Akte?

Ich nickte, reichte die Akte durch die leicht geöffnete Tür, die Tasche folgte. Markus blieb im Regen stehen, das Prasseln des Regens auf die Kapuze meiner Jacke war kaum zu hören.

Wartet hier. Wenn etwas fehlt, rufen wir euch, sagte die Schwester aus dem Inneren.

Ich drehte mich kurz um, sah Markus durch das Glas. Ich hob die Hand, zeigte, dass alles in Ordnung war, ein schwaches Lächeln. Dann führte sie mich weiter den Flur entlang, die Tür schloss sich leise hinter uns.

Markus stand allein im morgendlichen Regen. Der feine Nieselregen ließ nach, die Feuchtigkeit kroch an den Kragen meiner Jacke, störte mich kaum mehr. Ich prüfte mein Handy der Akku war fast leer, nur ein bis zwei Prozent. Ich musste später nach einer Steckdose fragen.

Der Fahrer blieb noch einen Moment im Auto, schaltete die Scheinwerfer ein und schaute durch das Seitenfenster zu mir. Unsere Blicke trafen sich kurz, ohne Worte. In diesem Schweigen lag mehr Unterstützung als in langen Reden.

Ich hob den Daumen hoch, ein stilles Dankeschön. Er nickte, lächelte müde und fuhr schließlich davon.

Als das Auto um die Kurve verschwand, wirkte die Straße ungewöhnlich leer. Für einen kurzen Moment war alles still nur das leise Tropfen auf das Vordach und das ferne Murmeln einer Stadt, die gerade erwachte.

Ich blieb unter dem Vordach warten. Durch das Fenster des Empfangs sah ich Anke, die an einem Schalter saß und etwas mit der Schwester ausfüllte. Ihr Gesicht wirkte ruhiger, als hätte sich die Anspannung der letzten Stunden mit dem Regen aufgelöst.

Ich bemerkte, dass zum ersten Mal in der Nacht ein leichter Auftrieb in mir war als hätte ich die ganze Zeit die Luft unter Wasser gehalten und jetzt endlich die Oberfläche erreicht. Wir waren rechtzeitig da, die Unterlagen waren komplett, Anke war in guten Händen, und das neue Morgenlicht kündigte einen neuen Anfang an.

Der Himmel über der Stadt färbte sich langsam in perlmuttfarbenen Schimmer, die Luft war noch feucht, doch frisch nach dem Regen. Ich atmete tief ein, einfach so, ohne ein Ziel, nur um das Gefühl zu genießen.

In diesem Moment schien alles möglich.

Die Zeit verging quälend langsam, ich ging im Kreis um das Klinikwesen, vermied es, auf mein Handy zu schauen, um den Akku nicht vollständig zu entleeren.

Nach etwa eineinhalb Stunden vibrierte mein Telefon in der Tasche. Es war Anke, die anrief.

Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt Vater, unser Sohn heißt Emil, alles gut!, sagte sie lachend.

Ich legte den Hörer auf, ein leichtes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, während der Regen leise weiter auf das Dach trommelte.

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