Wirst du dir das noch gönnen?

Wo ist es?schrie Anke, während sie das ganze Schlafzimmer auf den Kopf stellte. Mein SmaragdRing ist verschwunden!

Sie stand keuchend mitten im Raum, umgeben von umgestülten Schubladen und auf den Boden gekippten Kartons. Ihre Hände zitterten vor wachsender Panik. Der Ring war ihr ganzer Stolz von der ersten großen Bonuszahlung gekauft, ein Symbol dafür, wie hart sie sich in der Firma nach oben gekämpft hatte. Und jetzt war er weg.

Andreas seufzte erschöpft, legte das Telefon beiseite.

Anke, das kann doch nicht einfach verschwunden sein. Du hast ihn doch nur verlegt. Schlaf dich aus, dann fällt dir bestimmt wieder ein, wo du ihn hingelegt hast.
Ich weiß genau, wo er war, drehte Anke sich zu ihm, die Augen brannten. Nur in der kleinen Schatulle auf der Kommode. Ich lege immer alles sofort zurück.

Andreas winkte ab.
Wir finden ihn. Mach dir nicht so einen Aufstand.
Ein Aufstand? Das ist kein Kleinigkeiten, Andreas! Das ist ein wertvoller Ring Was, wenn meine Schwester ihn genommen hat? Vielleicht hat niemand mehr davon etwas gewusst!

Andreas runzelte die Stirn, legte das Handy beiseite und sah sie mit offener Verärgerung an.

Du schiebst wieder alles auf meine Schwester. Kristina würde das nie tun.
Ja? Und wer sonst war in den letzten drei Monaten in unserer Wohnung, hat überall herumgestöbert, während wir im Büro waren? Ich will, dass sie den Ring sofort zurückgibt. Wir fahren jetzt zu ihr.

Andreas wischte das Gesicht mit den Händen ab. Anke bemerkte, wie seine Schultern sich anspannten und seine Lippen zu einer feinen Linie wurden. Er wollte die Fahrt nicht, wollte keinen Streit. Doch sie würde nicht nachgeben.

Anke, lass das lieber. Warum sollte sie den Ring überhaupt wollen?
Weil er schön und teuer ist. Fahr los, sofort.

Unter Andreas missmutigem Seufzen stiegen sie ins Auto und fuhren in ein Dorf außerhalb von Hamburg. Anke saß auf dem Beifahrersitz, die Hand um das Handy geklammert, innerlich brodelnd. Jeder Kilometer zog sich wie Kaugummi. Andreas schwieg, warf ihr nur gelegentlich einen kühlen, vorwurfsvollen Blick zu.

Nach einer Stunde erreichten sie das Haus von Andreas Eltern. Das Haus lag still und leer da. Anke sprang aus dem Wagen, zielstrebig zur Tür.

Seine Mutter, Frau Müller, öffnete und erstarrte im Türrahmen, als sie die beiden sah. Ihr Gesicht war ein Bild des Schocks.

Andreas, Anke, was ist los? Wir haben nicht auf euch gewartet.
Wo ist Kristina? verlangte Anke, ohne ein Grußwort zu verlieren.
Zu Hause, natürlich. Sie ist erst gestern von euch gekommen, murmelte Frau Müller, ließ sie hinein. Kommt rein, was ist passiert?

Anke ging ins Wohnzimmer, wo ihr Schwiegervater und die Schwägerin am Tisch saßen. Kristina hob den Kopf, sah die beiden und ihre Augen weiteten sich.

Kristina, du musst meinen Ring zurückgeben, und das sofort, stellte Anke mitten im Raum. Sonst wird es für alle schlimm.

Eine drückende Stille legte sich über den Raum. Der Schwiegervater erhob sich langsam von seinem Stuhl.

Wer hat dir erlaubt, dich hier so zu verhalten?, dröhnte seine tiefe, drohende Stimme. Beschuldigst du unsere Tochter des Diebstahls?

Ich stelle nur fest, was passiert ist, beharrte Anke, ihr Herz hämmerte in der Kehle. Mein SmaragdRing ist weg, seit Kristina ausgezogen ist. Niemand sonst war in der Wohnung.

Frau Müller kreischte:

Meine Tochter würde nie etwas stehlen! Du beleidigst unsere ganze Familie!

Dann erklär mir, wo mein Ring ist. Beeil dich, meine Geduld ist am Ende.

Andreas stand schweigend an der Tür, bleich und wortkarg. Er wichen nur den Blick zwischen Frau und Schwester hin und her.

Plötzlich schluchzte Kristina. Ihre Unterlippe zitterte, Tränen traten in die Augen.

Ich ich wollte ihn nur kurz anprobieren. Er ist so schön. Und und ich dachte, du merkst es nicht, wenn ich ihn wieder zurücklege

Anke erstarrte. Sie hatte jede Reaktion erwartet Verneinungen, Wut, gar einen Ausnahmezustand. Nicht dieses offene Geständnis, das ihr das Gefühl gab, selbst schuld zu sein.

Bedauern?, hauchte sie, während eine Welle der Wut in ihr aufstieg. Ja, ich bedauere! Ich habe für diesen Ring drei Monate Überstunden gemacht, das Bonusgeld investiert! Und du nimmst ihn einfach, ohne zu fragen! Das ist unmenschlich!

Anke, beruhige dich, versuchte ihr Schwiegervater schließlich. Du übertreibst. Sie ist noch jung, will schöne Dinge. Du hast doch alles guten Job, Mann, Wohnung. Gib ihr den Ring, dann wird sie euch immer an dich erinnern. Kauf dir einfach einen neuen.

Sie könnten das ernst meinen? Dass sie ihr Eigentum, das sie selbst bezahlt hat, einfach hergeben soll, weil die Schwester es möge?

Anke, sei doch bitte ein bisschen nachsichtig, bat Frau Müller, legte die Hände um die Schultern ihrer Tochter. Kristina hat es nicht böse gemeint, sie bewunderte den Ring. Du hast doch alles Arbeit, Mann, Haus. Denk doch an das, was wirklich zählt.

Anke wandte sich an Andreas, suchte in seinen Augen ein bisschen Unterstützung, irgendein Wort, das sie verteidigte. Er schüttelte nur den Kopf, wich ihrem Blick aus.

Du reagierst zu überspitzt, Anke, sagte er schließlich. Es ist nur ein Ring, kein Weltuntergang.

Ein Ring, ihr Triumph, ihr Stolz plötzlich schien er nur noch ein Stück Metall zu sein. Anke stand zwischen Menschen, die sie drei Jahre lang wie Familie behandelt hatten, und erkannte, wie sehr sie sich geirrt hatte.

Ihre Hände beruhigten sich, ein eisiger Frieden legte sich über sie. Sie zog das Handy aus der Jackentasche, wählte drei Ziffern und richtete das Telefon an Frau Müller.

Ich gebe euch noch zwei Minuten, sagte sie kühl. Entweder ihr gebt mir den Ring zurück, oder ich rufe die Polizei.

Du wagst es nicht!, fauchte ihr Schwiegervater, das Gesicht gerötet.

Mal sehen, antwortete Anke unbewegt.

Kristina schrie laut, klammerte sich an ihre Mutter. Frau Müller warf Anke tödliche Blicke zu, schwieg jedoch.

Die Zeit läuft, erinnerte Anke.

Andreas!, flehte Frau Müller verzweifelt. Sag etwas zu deiner Frau! Halt sie auf!

Andreas blieb stumm, starrte auf den Boden. Anke lächelte bitter. Sie drückte die Ruf-Taste.

Okay, okay!, kreischte Kristina plötzlich. Sie rannte in ihr Zimmer, kam eine Minute später zurück, hielt eine samtige Schachtel in der Hand. Sie warf sie auf den Tisch vor Anke.

Hier, nimm deinen verdammten Ring! Du Geizige!

Anke öffnete die Schachtel, der Ring lag darauf, der Smaragd funkelte im Licht. Sie steckte ihn vorsichtig in die Jackentasche.

Ich dachte, du bist normal, schniefte Kristina, wischte sich die Tränen vom Gesicht. Aber du bist gierig und böse.

Anke ging zur Tür, drehte sich um. Ihr Blick war hart.

Wenn ich so schlimm bin, warum habe ich dann drei Monate in deiner Wohnung verbracht? Ich habe dein Internet benutzt, dein warmes Wasser? Und warum hast du mich gebeten, deine Kurse zu bezahlen? Erklär mir das.

Kristina zuckte die Schultern, wandte sich ab, ohne ein Wort zu finden.

Anke wandte sich zu Andreas. Er stand gebeugt, den Kopf gesenkt. Ein armseliger Anblick. Mit Verachtung sprach sie:

Ich habe nicht so etwas von dir erwartet, Andreas. Und bei deiner Familie es wäre komisch, wenn du anders wärst.

Sie reichte ihm die Autoschlüssel.

Was?

Das Auto gehört mir, ich habe es selbst bezahlt. Gib mir die Schlüssel.

Anke

Die Schlüssel! zerrte sie die Hand.

Andreas griff in die Tasche, legte schweigend die Schlüssel in ihre Hand. Sie ballte sie zu einer Faust und trat zur Tür.

Ich bringe deine Sachen morgen zurück. Und dann reiche ich die Scheidung ein.

Sie ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Ein Monat später war die Scheidung offiziell. Anke sah auf die Kommode. Die Schatulle stand wie gewohnt, darauf das Samtkissen, das den SmaragdRing beherbergte.

Das Handy vibrierte, eine neue Benachrichtigung. Auf dem Bildschirm standen Vorwürfe: sie sei kalt, eigennützig, zerstöre Familien.

Anke antwortete nicht. Sie blockierte die Nummer und ebenso die Dutzenden anderen.

Ohne Andreas war ihr Leben plötzlich einfach und leicht. Die Probleme seiner Familie drangen nicht mehr in ihr Leben ein. Es war ihr egal, ob Kristina einen Job fand oder nicht. Sie sorgte sich nicht mehr darum, wie das Elternhaus des ExMannes den Winter überstehen würde.

Anke plante nur noch für sich selbst. Sie wollte die Feiertage mit denen verbringen, die sie wirklich liebten.

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