Nichts hat sich verändert

Nichts hat sich geändert
Ich trat in die Wohnung, gut gelaunt, und hielt eine Schachtel mit einem selbstgebackenen Kuchen für meine Mutter und meinen Stiefvater Klaus in der Hand.

Aus dem Flur drang leise Musik, darunter gedämpfte Stimmen.

Als Klaus meinen Namen rief, erstarrte ich im Flur.

Wie lange muss ich noch deine Liesl ertragen? knurrte Bernd, mein Stiefvater, genervt. Sie liegt mir wie ein Stein im Hals.

Ich hielt den Atem an und drückte mich gegen die Wand. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich dachte, sie könnten es hören.

Beruhige dich. Lass sie den Geburtstag zahlen und dann weiterziehen. Und bis dahin sei leise wie ein Flüstern.

Die Worte schnitten mir die Kehle zu. Meine Finger zitterten, die Pappschachtel drohte zu zerreißen.

Also genau das, dachte ich, das wollten sie von mir.

Vorsichtig schlich ich zur Tür, um nicht bemerkt zu werden. Kaum war die Tür hinter mir zu, rutschte ich fast wie ein Holzklotz die Treppe hinunter.

Draußen schien die Sonne genauso hell, aber die Welt hatte plötzlich alle Farben verloren.

Ich setzte mich müde auf die Bank im kleinen Park gegenüber dem Haus. Der Kuchen lag auf meinem Schoß, und ich starrte ihn leer an, während ich versuchte zu begreifen, was gerade geschehen war.

Fünf Jahre Stille
Fünf lange Jahre hatte ich die Schwelle unseres Elternhauses nicht mehr überschritten. Keinen Klang von Mamas Stimme, kein Anblick ihres Gesichts mehr. Und dann dieser Anruf, die Einladung zum Geburtstag.

Bernd kam in unser Leben, als ich fünfzehn war klein, mit verschmitztem Blick und ständigem Grinsen.

Liesl! rief er, zuckte mit der Augenbraue zu Mama. Unsere schlanke Schönheit, Haut und Knochen, das ist doch was! Der erste Wind wird sie forttragen!

Mama lachte über seine Späße, sah ihn an, als würde er die größten Wahrheiten der Welt aussprechen.

Bernd, du bist ein Witzbold!, klatschte sie.

Ich hingegen senkte den Blick auf den Teller und versuchte, unsichtbar zu werden.

Mama, das geht zu weit, sagte ich eines Tages.

Ach, du bist doch noch ein Kind, winkte sie ab. Nur ein Scherz, nichts Ernstes.

Tag für Tag driftete Mama immer weiter von mir weg, als hätte zwischen uns eine unsichtbare Mauer gebaut.

Ich klammerte mich an Erinnerungen an meinen leiblichen Vater, der immer für mich da war, an mich glaubte. Er war vor zwei Jahren gestorben, aber er hatte für meine Zukunft vorgesorgt: ein Konto, auf das jeden Monat Geld für meine Ausbildung eingezahlt wurde.

Mein Traum war es, die Schule zu beenden, nach Berlin zu ziehen, an die Uni zu gehen und ein neues Leben zu starten ohne Bernd und seine Scherze, die alles durcheinandergebracht hatten.

Ich glaubte daran und wartete.

Abschlussfeier
Nach der Abschlussfeier fühlte ich mich, als würde ich fliegen. Schule war vorbei, ein neues Kapitel lag vor mir.

Als ich die Wohnungstür öffnete, stockte ich. Am festlich gedeckten Tisch saßen zehn fremde Gesichter. Der Duft von gebratenem Fleisch mischte sich mit süßem Aroma, Gläser klirrten, Lachen schallte.

Bernd, am Kopf des Tisches mit Mama an seiner Seite, bemerkte mich zuerst.

Ach, unsere Absolventin ist da!, rief er. Komm her, Schöne! Wir feiern doppelt deinen Schulabschluss und meine neue Kajak!

Verwirrt ging ich hin, jemand schob einen Stuhl zur Seite.

Darf ich vorstellen, sagte Bernd, Liesl, meine Stieftochter.

Ich habe sie wie meine eigene Tochter aufgezogen, mit Herz und Seele!

Seine Freunde nickten zustimmend, ich stand da mit einer Gabel in der Hand.

Vor meinem inneren Auge flogen Szenen vorbei: Wie er mich im Winter zwang, sein Auto zu waschen, über meine Noten lachte und behauptete, nach der Schule soll ich im Markt verkaufen.

Liesl ist ein echter Wirbelwind, fuhr Bernd fort. Jetzt hast du die Schule hinter dir, jetzt gehts ans Arbeiten, oder?

Ich kaute schweigend im Salat.

Ach Bernd, lass das Mädchen lernen, lachte einer der Gäste.

Wozu lernen?, schnippte Bernd. Arbeit ist jetzt wichtiger. Ich habe schon mit Herrn Müller vereinbart, dass sie in seinem Laden als Verkäuferin anfängt. Hinter der Theke zu stehen ist kein neuestonisches Problem.

Der Tisch brach in Gelächter aus, und in mir kochte alles hoch.

Verrat
Als Mama in die Küche ging, folgte ich ihr leise.

Mama, ich muss mit dir reden, flüsterte ich.

Sie wirkte leicht beschwipst, Augen funkelten, Bewegungen etwas unkoordiniert.

Was gibts?, stellte sie eine stapelweise Teller auf den Tisch.

Ich will an die Uni in Berlin gehen, flüsterte ich, Stimme zitterte. Ich brauche das Geld von meinem Konto.

Mama stockte, drehte sich langsam zu mir.

Welches Geld? fragte sie finster.

Das, das Papa für meine Ausbildung zurückgelegt hat, wiederholte ich.

Ach, das hier, winkte sie mit der Hand, da gibt’s nichts mehr.

Die Welt wankte unter meinen Füßen.

Wie bitte, nichts? hauchte ich. Da war doch

Da gibts nichts, schnitt sie ab. Bernd brauchte das Geld für sein Kajak und das Fest.

Ich blickte sie an und erkannte die Mama nicht mehr, die mir einst Schlafgeschichten vorgelesen hatte.

Hast du mein Geld ausgegeben?, fragte ich ungläubig.

Technisch war es ja mein Konto, zuckte sie mit den Schultern. Bernd tut so viel für uns, er hat das Recht auf Kajak und Urlaub.

Plötzlich stürmte der eigentliche Grund des Festes herein.

Liesl!, rief er laut. Ich hab mit Herrn Müller gesprochen. Ab Montag bist du Kassiererin in seinem Laden! Und lachte zufrieden.

Ich drehte mich um und verließ schweigend die Küche, ging stattdessen in mein Zimmer. Mit zitternden Händen durchsuchte ich den Kommoden, die Schubladen.

Wo sind Papas Geschenke? Goldene Ohrringe, eine Kette, ein Ring von Oma

Ich fand sie versteckt in einer alten Schuhschachtel, unberührt.

Stiefvater kam nicht mehr dran. Für die erste Zeit in Berlin reicht das schon.

Ich setzte mich aufs Bett, sah das Foto von Papa auf dem Nachttisch.

Ich schaffe das, Papa, flüsterte ich. Versprochen.

Unerwarteter Anruf
Fünf Jahre vergingen wie ein Tag. Berlin empfing mich mit Regen, Nebel und neuen Freunden. Uni, Nebenjob im Café, ein WGZimmer mit Mitbewohnerin Mascha.

Das Leben lief gut, ich dachte selten an die Vergangenheit.

Am frühen Dienstagmorgen klingelte mein Handy unbekannte Nummer. Normalerweise nehme ich solche Anrufe nicht an, doch irgendetwas ließ mich die grüne Taste drücken.

Hallo?

Lieschen! Mein Kind! Wie schön, deine Stimme zu hören!

Ich blieb still, sammelte meine Gedanken.

Bist du da?, fragte sie. Lies, hörst du mich?

Ja, antwortete ich kurz. Ich höre.

Wie gehts dir? Wie läuft das Leben?, ihre Stimme klang ungewöhnlich zärtlich. Ich habe dich so vermisst!

Fünf Jahre habe ich nicht an dich gedacht, und jetzt plötzlich, dachte ich.

Alles gut, sagte ich trocken. Ich studiere, arbeite.

Du bist ja toll!, jubelte sie. Mein Geburtstag steht an, fünfzig wirds, kannst du kommen?

Ich musste fast lachen vor Überraschung.

Echt? Nach allem, was passiert ist?

Ach, das ist doch Schnee von gestern, sagte sie etwas gereizt. Jeder macht Fehler.

Ich bereue es wirklich. Ich will, dass wir wieder eine Familie sind!

Ich schloss die Augen, vor meinem inneren Auge erschien Bernds selbstgefälliges Grinsen.

Und Bernd?, fragte ich. Will er mich auch sehen?

Natürlich!, rief sie. Er fragt ständig nach dir.

Gut, sagte ich plötzlich. Ich komme.

Wirklich?, klang sie überrascht. Ich freu mich! Wann soll ich dich erwarten?

In einer Woche.

Nach dem Gespräch saß ich lange am Fenster. Warum habe ich zugesagt? Was erhoffe ich dort zu finden? Ein Teil von mir wollte Mama wiedersehen, vielleicht hat sie sich ja geändert.

Eine Woche später stand ich vor der elterlichen Wohnung. Mama öffnete die Tür und umarmte mich sofort.

Mein Kind! Du bist gewachsen, du wunderschöne Frau!, plapperte sie.

Wir setzten uns in die Küche, tranken Tee, und sie erzählte von ihrem Leben, den Nachbarn, Bekanntschaften.

Dann, fast beiläufig, fügte sie hinzu:

Lieschen, ich habe bald Geburtstag, aber kein Geld mehr, senkte schuldbewusst den Blick.

Ich will das richtig feiern, nicht wie bei den anderen. Aber Bernd du weißt ja, er gibt nicht viel aus.

Ich nahm ihre Hand, sah ihr in die Augen.

Mach dir keine Sorgen, Mama. Ich regel das.

Zurück auf der Bank, nachdenklich, richtete ich den Rücken und ging entschlossen zurück zum Haus.

Sie bekommen, was sie verdienen, versprach ich mir.

Ich schlug die Wohnungstür laut zu, damit sie es hörten.

Aus dem Zimmer kam Mama mit gezwungenem Lächeln.

Lieschen! Ich dachte, du bist verschwunden! Komm rein, wir trinken Tee.

Ich lächelte und reichte ihr die Kuchenbox.

Ich wollte euch verwöhnen, sagte ich heiter. Und ich habe eine Idee für deinen Geburtstag!

Welche?, fragte Mama neugierig.

Ich habe ein tolles Restaurant außerhalb der Stadt für dein Fest reserviert mit Springbrunnen, LiveMusik!

Ich hatte sogar einen Bus organisiert, der alle Gäste hin und herbringt!

Mama klatschte vor Freude wie ein kleines Kind.

Du bist mein Goldstück! Und Bernd wird sich freuen!

Ich glaube, er wird begeistert sein.

Wir setzten uns an die Küche, Mama erzählte, wen sie einladen will. Ich hörte halb zu, dann fügte ich beiläufig hinzu:

Übrigens, die Freundin meiner Oma, die jetzt keine Wohnung hat, könnte ihre Wohnung kaufen.

Mamas Gesicht erstarrte, das Lächeln verschwand, die Augen wurden schmal.

Was soll das heißen?, fragte sie kühl.

Keine Sorge, du kaufst sie ja selbst, oder?

Die Oma ist kaum zu sehen, das stört niemanden. Und ich gebe dir die Hälfte des Geldes, du hast genug zum Leben.

Mamas Miene änderte sich sofort.

Wie viel?, fragte sie.

Ich nannte eine Summe, die ihr fast die Augen aus dem Kopf trieb.

Wirklich?, seufzte sie. Na gut, dann kommt die Oma.

Ich zog ein Blatt Papier hervor und schrieb etwas.

Unterschreib das Verkaufsformular, sagte ich ganz lässig.

Mama schnappte nach der Kuli und unterschrieb, ohne zu lesen.

Perfekt, grinste ich. Jetzt überleg dir, welches Kleid du zum Fest tragen willst.

Der Geburtstagstag war sonnig und warm. Vor unserem Haus stand ein großer Reisebus, daneben kamen die elegant gekleideten Gäste.

Bernd schritt in voller Parade durch die Menge, gestikulierte laut, erzählte etwas, das niemand verstand. Als er mich sah, breitete er ein lächelndes Grinsen aus.

Ach, da ist unsere Wohltäterin!, rief er. Lieschen hat uns immer für ein schönes Kindheitserlebnis belohnt!

Einige Gäste lachten, ich schenkte ihm ein mildes Lächeln.

Alle bereit?, fragte ich, ging zu Mama.

Ja, Liebling, antwortete sie. Bist du nicht mit uns?

Ich komme später mit dem Taxi, erklärte ich. Muss noch etwas klären.

Du bist echt eine Sorge für mich!

Die Gäste stiegen fröhlich in den Bus. Ich hatte vorher mit dem Fahrer ausgehandelt: fünfzig Prozent im Voraus, der Rest nach Rückkehr.

Als der Bus um die Ecke fuhr, griff ich zum Telefon.

Hallo, Viktor? Hier ist Lena. Könnten wir uns heute die Wohnung anschauen? Wenn es passt, sofort.

Ich stellte mir vor, wie die Gäste unter der Führung von Mama und Bernd zum schicken Restaurant außerhalb der Stadt fuhren, wo niemand auf sie wartete. Wie sie mich anrufen, ich aber nicht erreichbar bin, wie sie für die Rückfahrt selbst zahlen müssen.

Nach einer halben Stunde kam ein breitschultriger Mann, mein Käufer Viktor Stepanovich, ein Kraftsportler. Freundlich, aber mit einem Blick, der alles durchschaut.

Alles wie besprochen, sagte er. Ich fahr gleich ein.

Perfekt, lächelte ich. Ich denke, ihr werdet gut mit den Nachbarn auskommen.

Nachdem er gegangen war, ging ich noch einmal durch die alte Wohnung, in der ich aufgewachsen war. So viele Erinnerungen gute und schlechte. Papas Foto stand noch immer im Regal meines Zimmers. Ich nahm es vorsichtig und steckte es in meine Tasche.

Als ich die Tür zur Wohnung schloss, stellte ich mir Bernds Gesicht vor, wenn er vom neuen Nachbarn erfährt, und Mamas Reaktion, wenn sie merkt, dass im Restaurant niemand auf sie wartet und das Geld aus dem Verkauf ihrer Wohnung nie bei ihr ankommt.

Man sagt, Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Doch als ich die Tür hinter mir schloss, fühlte ich plötzlich ein warmes Gefühl in meinem Herzen.

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