Du bist selbst schuld, Mama

28. Oktober 2025
Lieber Tagebuch,

heute war wieder einer dieser Tage, an denen das Haus nach lauter Geräuschen und Missverständnissen stöhnte. Ich stand am Herd und briet die üblichen Frikadellen, als die Türklingel ertönte. Meine Frau Anke, die gerade die Pfanne wendete, trat aus der Küche, um zu öffnen.

Mama, das ist für mich, rief meine Tochter Heike, kaum halb die Treppe hinauf. Ich mach die Tür.
Na gut, ich war ja nicht sicher, murmelte Anke.

Jetzt geh zurück und brat weiter, sagte Heike, während sie über die Tür zurückblickte.
Meine Frikadellen? Ich habe das Hackfleisch schon eingekauft protestierte Anke.

Heike rollte die Augen. Schließ die Tür bitte.

Na dann hättest du das gleich sagen können, sagte Anke und schloss die Tür hinter sich, ließ jedoch einen Spalt offen. Ein kurzer Blick nach unten, wo ich im Wohnzimmer vor dem Fernseher saß, ließ mich die Diskussion schon von weitem hören.

Im Flur zog Heike Jacke an, während ihr Freund Jörg, ein Bekannter von ihr, daneben stand und sie liebevoll anstarrte.

Hallo Jörg, wohin gehts? fragte Anke, die das Gespräch noch nicht ganz losgelassen hatte.
Guten Abend, lächelte Jörg und warf einen fragenden Blick zu Heike.

Wir haben es eilig, antwortete Heike, ohne mich anzusehen.

Möchtet ihr doch noch etwas bei uns essen? Ich habe alles fertig, wiederholte Anke.

Jörg schwieg.

Nein! schrie Heike plötzlich. Komm, wir gehen. Sie packte Jörg am Arm und öffnete die Tür. Mama, schließt du die Tür?

Anke trat zur Tür, ließ sie jedoch nur halb zu. Aus dem Flur drang das Gespräch weiter:

Warum bist du so rau zu ihr? Das riecht gut, ich würde die Frikadellen gern probieren.
Lass uns doch ins Café gehen, ich habe genug von ihren Frikadellen, knurrte Heike.

Wie kann man Frikadellen satt haben? Ich esse die deiner Mutter jeden Tag, erwiderte Jörg mit einem Grinsen.

Die Stimmen auf der Treppe wurden leiser, während Anke schließlich die Tür ganz schloss und ins Wohnzimmer ging, wo ich noch immer auf dem Sofa saß.

Thomas, lass uns essen, solange es noch heiß ist, rief sie.

Na klar, los, sagte ich, stand auf, ging in die Küche und setzte mich an den Tisch.

Was gibt es heute? fragte ich, fast schon befehlsartig.

Reis mit Frikadellen, Salat, antwortete Anke, indem sie die Pfanne öffnete.

Ich habe dir doch schon oft gesagt, dass ich gebratene Frikadeln nicht mag, meckerte ich.

Ich habe Wasser in die Pfanne getan, sie sind fast wie Dampfgemüse, erklärte Anke, während sie den Deckel in der Hand hielt.

Na dann, probieren wir. Aber das ist das letzte Mal.

In unserem Alter sollte man nicht mehr abnehmen, bemerkte ich, während ich ihr den Teller Reis und Frikadellen hinhielte.

In welchem Alter? Ich bin gerade erst 57, das ist das Alter der Weisheit und des Aufblühens, erwiderte ich, stach mir in die Hand und biss in die Hälfte der Frikadelle.

Habt ihr euch heute verschworen? Heike hat schon den Kopf gehoben, du spielst jetzt den Spielverderber. Ich hör’s mir nicht mehr an, dass das Essen im Café besser und gesünder ist.

Dann hör endlich, du solltest auch mal ein bisschen abnehmen. Sonst kommst du nicht mehr durch die Tür, sagte ich, während ich die zweite Frikadelle mit der Gabel aufhob.

Heike schrie: Wie? Denkst du, ich bin dick? Ich habe mein ganzes Leben für euch gestemmt, und jetzt schau ich plötzlich aus wie ein Fettfleck!

Lass mich in Ruhe essen, sagte ich und griff nach etwas Ketchup.

Anke holte die Ketchup-Glas aus dem Kühlschrank, stellte es mit Kraft vor mich und verließ schweigend die Küche. Mein Teller blieb unberührt.

Ich zog mich in das Zimmer meiner Tochter zurück, setzte mich aufs Sofa und ließ die Tränen über meine Wangen laufen.

Ich koche, strenge mich an, und dafür bekomme ich nur Vorwürfe. Mein Mann sucht sich eine andere, ich bin für ihn nur die Speise, die er noch nicht satt hat. Meine Tochter sieht mich wie eine Dienstmagd.

Ist das, was mir im Alter bleiben soll? Ich hätte weiter arbeiten können, wenn man mich nicht gekündigt hätte. Junge Leute sind ja sowieso überflüssig.

Ich stehe früh auf, obwohl ich nicht mehr arbeite, um Frühstück zu machen. Der Tag dreht sich im Kreis, und ich finde keine Ruhe. Ich habe mich selbst schuld gemacht, dass ich zu großzügig war.

Ich schaute in den Spiegel an der Schranktür, sah mein faltiges Gesicht, die Rundungen, die ich nie als dick bezeichnet hatte.

Ich habe zwar etwas Gewicht zugenommen, aber die Falten sind weniger auffällig. Ich habe immer gern gegessen, aber das reicht ihnen nicht.

Am nächsten Morgen blieb ich länger im Bett, tat so, als würde ich schlafen.

Ich bin im Ruhestand, ich darf die Tage langsamer angehen lassen.

Der Wecker klingelte, ich drehte mich zur Wand.

Was ist los? Bist du krank? fragte Thomas, mein Mann, ohne Mitgefühl in der Stimme.

Ja, ich fühle mich nicht gut, murmelte ich und vergrub mein Gesicht im Kissen.

Mama, bist du krank? kam Heike ins Zimmer.

Ja, frühstücken Sie bitte selbst, flüsterte ich aus dem Bett.

Heike schniefte, ging in die Küche, und kurz darauf hörte ich das Wasser auf dem Herd surren, die Kühlschranktür knallen, Stimmen flüstern. Ich blieb liegen, spielte die kranke Frau weiter.

Thomas kam mit teurem Aftershave herein, das ich ihm selbst gekauft hatte. Kurz darauf verließ er das Haus, und Stille kehrte ein. Ich legte das Bettzeug zurück, schloss die Augen und schlief ein.

Nach einer Stunde stand ich auf, streckte mich und ging in die Küche. Dort lagen ungewaschene Tassen, Brotkrümel auf dem Tisch. Ich wollte aufräumen, dachte aber: Ich bin keine Dienstmagd.

Ich ging ins Bad, nahm eine Dusche und rief meine alte Schulfreundin Liesel an.

Anke! Wie gehts dir? Bist du noch am Ruhen, alte Rentnerin? lachte sie.

Ich erzählte ihr, dass mir die Einsamkeit zusetzt, dass ich die Elternkiste vernachlässigt habe und fragte, ob ich zu ihr kommen dürfte.

Komm gern vorbei. Ich freue mich.

Ich packte ein paar Kleider, schrieb eine Notiz für Heike, dass ich zu Liesel fahre, und verließ das Haus.

Im Zug zur Stadt zweifelte ich, ob ich wirklich weggehen sollte. Doch ich dachte: Wenn sie meine Arbeit nicht schätzen, warum soll ich bleiben?

In Liesels Wohnung tranken wir Tee, aßen frische Kuchen und erzählten uns alles.

Du hast recht, ein bisschen Veränderung kann gut sein, meinte Liesel. Morgen gehen wir zum Friseur, machen dein Aussehen neu.

Am nächsten Abend setzte mich die Friseurin Valentina auf einen Stuhl, färbte meine Haare, brach meine Brauen, schnitt und stylte mich um. Ich fühlte mich fast wieder jung.

Genug für heute, sagte Valentina, als ich mich wehrend im Spiegel sah.

Ich verließ den Salon mit einem neuen Look, doch das Gefühl, dass ich etwas verlor, blieb.

Bei Liesels Haus traf ich einen alten Bekannten, den ich seit der Schulzeit nicht mehr gesehen hatte Poldi Schmitt, ein pensionierter Offizier mit schneeweißem Haar und gepflegtem Schnurrbart.

Du hast dich kaum verändert, sagte er, während er mich musterte.

Wir gingen zu Liesels und tranken Wein, erzählten von alten Zeiten.

Er ist immer noch in dich verknallt, flüsterte Liesel, als Poldi ging.

Du bist älter, aber immer noch attraktiv, sagte sie zu mir.

Später rief mich Heike an: Mama, wo bist du? Papa ist im Krankenhaus.

Mein Herz schlug schneller, ich packte meine Sachen und fuhr sofort zum Krankenhaus. Poldi bot an, mich zu begleiten.

Im Krankenhaus sah ich Thomas, der inzwischen grau geworden war. Er weinte, bat um Verzeihung, während ich ihm eine Schale Hühnersuppe reichte.

Zwei Wochen später kam Thomas aus dem Krankenhaus zurück, sah anders aus, aber immer noch mein Mann. Er fragte: Wirst du nicht mehr weggehen?

Nein, ich habe mich nicht abgenommen, aber ich habe gelernt, dass ich nicht nur für dich kochen muss.

Wir setzten uns zusammen an den Tisch, aßen wieder Frikadellen und Reis, und zum ersten Mal seit langer Zeit lächelten wir einander wirklich an.

Ich schaue jetzt auf das Haus, auf die Menschen, die ich liebe, und erkenne, dass das Leben nicht nur aus Pfannen und Vorwürfen besteht.

**Persönliche Lektion:** Respekt und Wertschätzung sind schwerer zu kochen als ein gutes Gericht ohne sie bleibt jede Mahlzeit bitter.

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