Du bist selbst schuld, Mama

Klara briet Frikadellen, als ein Klopfen an der Tür ertönte. Sie verließ die Küche, um zu öffnen.

Mama, das bin ich, rief ihre Tochter Heike, die noch halb im Türrahmen stand. Ich mach das.

Na gut, ich wusste ja nichts, murmelte Klara.

Warum stehst du noch? Geh zurück und brate deine Frikadellen, schnappte Heike verärgert und warf einen Blick zurück, als sie die Tür öffnete.

Meine eigenen? Ich habe das Hackfleisch extra gekauft

Mama, schließ die Tür, rollte Heike mit den Augen.

Das hätte ich gleich sagen können, seufzte Klara, schloss die Tür ein Stück und ließ einen Spalt offen, während das Klirren einer Stimme vom Spielplatz herüberwehte.

Sie ging zur Herdplatte, drehte das Gas ab, zog die Schürze aus und verließ die Küche. Im Flur zog Heike ihren Wintermantel an. Neben ihr stand Jürgen, ein Freund von Heike, dessen verliebte Blicke nicht von ihr abließen.

Guten Abend, Jürgen. Was führt euch hierher? Würdet ihr mit uns zu Abend essen?

Guten Abend, lächelte er und wandte sich fragend Heike zu.

Wir haben es eilig, sagte Heike, ohne die Mutter anzusehen.

Vielleicht doch noch etwas? Meine Frikadellen sind fertig, wiederholte Klara.

Jürgen schwieg.

Nein!, rief Heike scharf. Wir gehen. Sie nahm Jürgen bei der Hand und öffnete die Tür weiter. Mama, bitte schließen?

Klara trat zur Tür, ließ den Spalt breiter und hörte ein Gespräch aus dem Hof:

Warum bist du so rau zu ihr? Das riecht lecker, ich würde gern probieren.

Komm, wir gehen ins Café. Ich habe genug von ihren Frikadellen, schimpfte Heike.

Wie könnte man Frikadellen satt haben? Ich liebe deine Mamas Frikadellen, ich könnte sie jeden Tag essen, sagte Jürgen.

Was Heike darauf erwiderte, vernahm Klara nicht. Die Stimmen auf der Treppe verhallten, entfernten sich.

Klara schloss die Tür ganz und trat ins Wohnzimmer, wo ihr Mann Hans vor dem Fernseher saß.

Hans, lass uns jetzt essen, solange es noch heiß ist, rief sie.

Was denn?, erwiderte Hans, stand auf und ging zur Küche, setzte sich an den Tisch.

Was gibt es heute?, fragte er bestimmt.

Reis mit Frikadellen, Salat, antwortete Klara, während sie die Pfanne öffnete.

Ich habe dir doch schon hundertmal gesagt, dass ich gebratene Frikadellen nicht mag, bemerkte Hans missmutig.

Ich habe Wasser dazugegeben, sie sind fast gedämpft, murmelte Klara, die mit dem Deckel in der Hand vor dem Herd stand.

Na gut, aber das ist das letzte Mal, sagte Hans und stieß einen Bissen in die Frikadelle.

In unserem Alter sollte man nicht mehr abnehmen, meinte Klara, als sie ihm die Schale mit Reis und Frikadellen vorreichte.

In welchem Alter? Ich bin erst 57. Das ist das Alter der Weisheit und des Aufblühens, entgegnete Hans, stach sich eine halbe Frikadelle auf die Gabel und kaute sie genüsslich.

Ihr habt euch heute alle verschworen, was?, schimpfte Heike, die plötzlich aus dem Zimmer schoss, ich will nicht mit euch essen, du bist ja ganz vergessen. Wenn du nicht mehr kochst, seht ihr, wer singt.

Dann koch nicht, du solltest doch auch ein wenig schlanker werden, sonst kommst du nie mehr durch die Tür, fügte Hans hinzu, nahm noch eine Frikadelle.

Heike ballte die Fäuste. Was, ich sei dick? Ich habe mein ganzes Leben lang für euch geknüpft, neue Jeans gekauft, Lederjacke, Baseballkappe alles nur für euch. Für wen denn bitte? Nicht für mich!

Lass mich in Ruhe und iss, sagte Hans und drückte mit der Gabel den Reis zum Mund, doch ließ ihn fallen. Ketchup, verlangte er.

Klara holte die Ketchupdose aus dem Kühlschrank, stellte sie mit einem kräftigen Ruck auf den Tisch und verließ die Küche, während das Essensgericht unberührt blieb.

Sie schloss sich im Zimmer ihrer Tochter ein, setzte sich auf die Couch und ließ Tränen über die Wangen laufen.

Ich koche, ich gebe alles, und dafür keinerlei Dank. Mein Mann wird wieder jung, schaut nach außen. Für ihn bin ich nur die fette Mutter. Meine Tochter sieht mich wie Servicepersonal. Wenn ich im Ruhestand bin, darf man mich dann einfach vergessen? Ich hätte weiterarbeiten können, wenn man mich nicht entlassen hätte. Erfahrene Kräfte sind nicht mehr gefragt, sie wollen nur die Jungen. Was können die Jungen?

Sie dachte an die frühen Morgen, an das Frühstück, das sie für alle bereitete, während sie selbst nie ruhen durfte. Ich habe mich selbst verschuldet, jetzt sitzen sie mir auf der Brust und reißen mich hinunter, flüsterte sie, während die Tränen wie kleine Bäche die Wangen hinunterliefen. Sie wischte sie mit den Händen weg, hielt das Lächeln zurück und blickte in den Spiegel des Schranks. Ja, ich habe zugenommen, doch bin ich nicht dick. Die Falten sind weniger sichtbar, die Wangen rund. Ich habe immer gern gegessen, koche gut. Früher frisierte ich meine Haare, jetzt lockere ich sie hinter den Ohren, weil sie mir im Weg stehen. Soll ich jetzt auf High Heels tanzen und mich um den Haushalt kümmern? Vielleicht sollte ich abnehmen und die Haare färben.

Am nächsten Morgen blieb Klara im Bett liegen, tat so, als schlafe sie. Ich bin im Ruhestand, ich darf ein wenig länger schlafen. Lasst sie das Frühstück selbst machen, murmelte sie.

Der Wecker klingelte, sie drehte sich zur Wand.

Was ist los? Bist du krank? fragte Hans ohne Mitgefühl.

Ja, antwortete Klara und vergrub ihr Gesicht in die Decke.

Mama, bist du krank? rief Heike ins Zimmer.

Ja, frühstückt selbst, flüsterte Klara aus der Decke.

Heike schniefte verärgert und ging in die Küche. Kurz darauf hörte Klara das Zischen des Wasserkochers, das Knarren des Kühlschranktürs, gedämpfte Stimmen von Heike und Hans. Sie hörte nicht, blieb liegen und spielte die Kranke weiter.

Hans trat ein, ein Hauch von teurem Herrenduft lag um ihn das Eau de Cologne, das Klara ihm gekauft hatte. Dann verließen er und Heike das Haus, und Stille breitete sich aus. Klara ließ die Decke fallen, schloss die Augen und schlief ein.

Eine Stunde später erwachte sie, streckte sich und ging in die Küche. Dort lagen ungewaschene Tassen, Brotkrümel bedeckten den Tisch. Sie wollte aufräumen, dachte aber: Ich bin keine Dienstmagd. Stattdessen ging sie ins Bad, duschte, dann rief sie ihre alte Schulfreundin an.

Heike!, jubelte die Stimme am anderen Ende, unverändert jugendlich. Wie geht’s? Noch nicht müde vom Ruhestand?

Klara erzählte, dass sie die Eltern nicht mehr besuchte und das Grab der Eltern schon lange nicht mehr gepflegt hatte. Sie fragte, ob sie zu ihr kommen solle.

Natürlich, komm vorbei, ich freu mich, antwortete Heike.

Ich komme jetzt sofort zum Bahnhof, sagte Klara.

Dann mach schnell die Kuchen fertig, rief Heike.

Klara packte ein paar Sachen, fegte die Krümel beiseite und ließ eine Notiz zurück, dass sie zu Heike fuhr und nicht wüsste, wann sie zurückkäme.

Auf dem Weg zum Bahnhof zweifelte sie. Vielleicht sollten sie ohne mich auskommen. Aber ist das nicht zu hart? Sie dachte: Wenn kein Zug fährt, gehe ich zurück. Am Bahnhof bildete sich eine lange Schlange, Klara stellte sich hinten an, seufzte und ging weiter.

Heike freute sich, umarmte sie, sie tranken Tee und aßen noch warme Kuchen, ohne ein Wort zu verlieren.

Erzähl, was passiert ist, sagte Heike.

Klara berichtete alles. Heike schlug vor, das Handy auszuschalten. Ist das nicht zu radikal?, fragte Klara.

Genau richtig. Morgen gehen wir zum Friseur, ändern dein Aussehen. Dort arbeitet Valentina, erinnerst du dich an die schlechte Schülerin? Jetzt hat sie einen vollen Terminkalender, meinte Heike. Wir machen dich zur wunderschönen Dame, dann wird dein Mann dir zu Füßen liegen.

In der Nacht lag Klara wach und dachte: Wie geht es ihnen? Sind sie wütend oder glücklich?

Valentina empfing sie freundlich im Salon, setzte sie in einen Sessel, schnitt und färbte ihr Haar, zog die Augenbrauen nach. Klara schloss die Augen, fast einzuschlafen. Valentina bestand auf Make-up, Klara wollte ablehnen, doch Heike überredete sie, es bis zum Schluss durchzuziehen.

Im Spiegel sah Klara eine andere Frau jung, strahlend, fast unkenntlich. Valentina rief die Manikürerin, um die Nägel zu machen. Genug für heute, ich halte das nicht mehr aus, flehte Klara.

Wir buchen den Termin für 8 Uhr morgens, sei pünktlich, sagte Valentina streng.

Heike bemerkte: Schau, wie du jetzt aussiehst! Wer hätte das gedacht?

Können wir später shoppen gehen?, fragte Klara.

Nein, wir gehen sofort, drängte Heike und zog sie in ein großes Einkaufszentrum. Aus dem Laden trat ein großer Mann mit schneeweißem Haar und dunklem Schnurrbart, den Klara kaum wiedererkannte.

Hallo, Mädels, sagte er, bewundernd. Ihr seht aus wie aus dem Bilderbuch.

Heike flüsterte: Das ist Pater Klaus, unser ehemaliger Klassenkamerad.

Klaus war früher schmächtig und unauffällig, jetzt ein stattlicher Mann. Sie luden ihn ein, bei ihnen zu Hause zu feiern, ein Glas Wein zu trinken. Beim Trinken errötete Klara, unsicher, ob es vom Wein oder den Blicken war.

Er ist immer noch in dich verliebt, sagte Heike, als Klaus ging.

Lass das. Wie lange ist das her?, fragte Klara.

Du siehst aus, als könnte man dich wieder lieben, versicherte Heike.

Er lebt noch in deinem Haus?, fragte Klara.

Nein, er war Soldat, jetzt Oberst im Ruhestand, kam vor zwei Jahren zurück. Er war schwer verwundet, die Ärzte zweifelten, ob er gehen kann. Seine Frau verließ ihn, doch er stand wieder auf, humpelt ein wenig.

Ich bin verheiratet, protestierte Klara.

In der Nacht beschloss sie, nach Hause zurückzukehren. Heike wollte sie nicht gehen lassen.

Du kommst gerade erst an und willst gleich weg? Zeig ein bisschen Willen. Nichts passiert dir. Bleib wenigstens eine Woche. Heike erzählte, dass Klaus Karten für das Theater besorgt hatte. Wann warst du das letzte Mal im Theater?

Im Kindergarten zur Weihnachtsaufführung mit Lena, sagte Klara.

Im Kindergarten, ja, wiederholte Heike, wir lassen dein neues Kleid ausführen.

Drei Tage später klingelte Klara aufs Handy.

Mutter, wo bist du? Papa liegt im Krankenhaus! Komm schnell, rief Lena.

Klaras Herz schlug schneller. Sie packte ihre Sachen, Hans fuhr sie zum Bahnhof.

Klara, wenn du etwas brauchst, ich bin hier, flüsterte Klaus.

Im Bus rief sie Lena an. Die Tochter erzählte, dass ihr Vater sie betrogen hatte. Er kam nachts heim, nach einem Streit, hat er sich nicht mehr gemeldet.

Klara hörte zu, während das Bild ihrer Familie im Nebel verschwamm. Sie fuhr zurück, das Krankenhaus war bereits geschlossen.

Mutter, du hast dich so verändert, ich erkenne dich kaum, sagte Heike respektvoll, blieb den ganzen Abend bei ihr.

Ich hatte Angst, du würdest nicht zurückkommen, dachte, du hast jemanden gefunden, gestand Heike.

Ich habe niemanden gefunden, ich wollte euch nur eine Lektion erteilen. Ihr habt mich nicht mehr als Mensch gesehen.

Entschuldige, Mama, du bist selbst schuld. Du bist in Rente, hast dich nicht mehr selbst gepflegt, bist zur alten Frau geworden. Dein Vater wird eifersüchtig sein. Kannst du ihm verzeihen?, platzte Lena heraus.

Klara sah sich im Zimmer um, fühlte das heimische Glück.

Am Morgen kochte sie Hühnersuppe, fuhr ins Krankenhaus. Hans, nun mit grauem Bart, weinte bei ihrem Anblick und bat um Verzeihung. Sie fütterte ihn mit der Suppe.

Zwei Wochen später wurde Hans aus dem Krankenhaus entlassen. Vor dem Haus sahen sie ein Paar vorbeigehen; die Frau war schlank, blond, jung klar ein Rivale. Hans zuckte zusammen, drehte sich um.

Gehst du nicht mehr weg?, fragte er zu Hause.

Bin ich nicht mehr dick? Ich habe nicht abgenommen, sagte Klara lachend.

Ich habe um Verzeihung gebeten. Dumm war ich. Brate die Frikadellen, ja? Ich habe dein Kochen vermisst, bat er.

Klara briet die Frikadellen, bereitete ein köstliches Mahl zu.

Wie riecht das!, schnupperte Lena, die gerade von der Uni zurückkam.

Sie saßen zusammen am Tisch, wie früher, als Lena noch zur Schule ging, Hans keinen Ärger machte, alles gegessen und gelobt wurde. Klara war bereit, stundenlang am Herd zu stehen, nur um ihren Mann zu erfreuen.

Sie blickte auf ihre Lieben, dankbar, dass alle da sind, fast gesund, dass sie noch gebraucht wird.

Im Alter ist das Leben nicht immer glatt. Man wird an verschiedene Orte getragen, der Körper schwächer, die Seele jedoch bleibt jung. Es ist schwer, das zu akzeptieren, aber man will die einstige Kraft zurückholen.

Jeder lernt seine Lektion. Wichtig ist, dass man zusammenhält. Man kann das Pferd des Schicksals nicht wechseln, doch man kann im Sattel bleiben, bevor die letzte Station erreicht ist.

Eine gute Ehe, ein gutes Heim was braucht ein Mensch im Alter noch?

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Du bist selbst schuld, Mama
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