Liebes Tagebuch,7.Mai2025
Als das Holzlager in Flammen aufging und die Balken unter dem wütenden Sturm zerbrachen, starben im Augenblick alle Isotovs bei einer Granatenexplosion. Mein kleiner Bruder Fritz war jedoch mitten im Zentrum des Aufpralls kaum ein Staubkorn blieb an ihm haften, nur ein schwarzer Fleck an seiner nackten Brust. Wir nahmen das Kreuz vom Fleck, weil wir glaubten, es sei eine Sünde. Fritz war damals erst fünf Jahre alt.
Er kam zu meiner Großtante, die alte Gertrud aus dem Ort Oberwald. Zehn Jahre später, lange nach dem Krieg, ereignete sich im Dorf ein verheerendes Feuer: Ein Blitz traf den Blitzableiter der örtlichen Energieleitung. Häuser rechts von der Dorfstraße brannten lichterloh, das Feuer fraß alles, was es traf. Die Menschen rannten in Sicherheit, doch Vieh und Hausrat gingen fast allen verloren. Die Feuerwehr kam, löschte das Feuer, aber die halbe Straße war verbrannt. Als die letzten Glutnester erloschen, staunten die Männer, dass ein kleines, gedrungenes Haus am Ende der Straße unversehrt blieb. Gertrud, die dort wohnte, sagte, das sei ein Wunder, weil das Haus unter dem Schutz des Herrn stehe. Die Dorfbewohner hörten das Gerücht, dass unser Fritz ein verfluchter Junge sei.
Gertrud war eine fromme Alte und lehrte Fritz im Stillen zu beten. Hinter Vorhängen hingen heimlich Ikonen, die nur er sehen durfte. Die Gebete waren verdeckt, selten und nie öffentlich. Sie buk für die Kirche im Nachbardorf Breitenbach Brezen und Pfannkuchen, und Fritz half ihr dabei. Aus der Kirche kam ein kleines Zuwendungsgeld, das sie für das tägliche Brot und ein Huhn benutzten.
Fritz wurde in die Dorfschule aufgenommen, doch er hielt kaum eine Stunde durch. Er saß still in der letzten Reihe, starrte den Lehrer an, als wäre er fasziniert von einem Schauspiel, das er nicht versteh, und erledigte keine Aufgaben. Sein blondes Haar wirbelte wie ein Windstoß über seiner Stirn. Gertrud scherzte, Gott schaue von dort oben auf ihn.
Eines Sommers, während das ganze Dorf an einem Fest am Fluss feierte, geriet ein halbfertiges Floß mit fünf Jungen ins Tragen. Die Mütter schrieen am Ufer, die Männer überlegten, wie sie das Floß stoppen könnten. Gertrud rannte ebenfalls zum Ufer, weil Fritz an Bord war.
Du hast das Floß doch nur aus Dummheit losgelassen, brüllte eine Mutter.
Schweig, Tanja, und bete, warnte Gertrud, Gott wird Fritz retten.
Das Floß kenterte, Fritz begann zu sinken, sah plötzlich das Gesicht seiner Mutter, die lächelnd nach ihm griff, und er klammerte sich. Alle Jungen wurden gerettet.
Gertrud starb kurz darauf. Fritz blieb im Dorf und arbeitete zuerst als Schäfer, dann als Nachtwächter. Sein Lohn 70Euro im Monat verschwand schnell, er kaufte Süßigkeiten und Brötchen, verteilte sie an alle, die ihn baten, und besuchte kranke und alte Nachbarn, kaufte für sie ein wenig und oft für sich selbst. Wenn man ihn fragte, was er selbst essen würde, sagte er: Gott wird mir geben, ich will nicht hungern. Und so wurde er stets mit Brot versorgt, denn die Dorfbewohner teilten gern mit ihm.
Mit der Zeit bekam er sein Gehalt nur noch teilweise; die Gemeindebuchhalterin kaufte selbst Lebensmittel und gab sie nach und nach an ihn weiter. Fritz verteilte das meiste weiter. Er erledigte seine Arbeit mit Eifer, und wenn er im Feld auf dem Rücken lag, schloss er die Augen zur Sonne und sah wieder das Bild seiner Mutter, die flüsterte: Du sollst nicht sterben, lieber Fritz, sondern ein Segen für die Leute sein.
Ein lokaler Bauunternehmer, Herr Iwan, bot ihm Arbeit beim Hausbau an gegen Essen. Iwan ließ ihm die schwersten Aufgaben zu, und Fritz wurde immer magerer und dunkler, krümmte sich. Die Dorfbewohner waren besorgt, doch Iwan rief nur: Ich zahle ihm später, er will ja nur arbeiten. Eines Tages verschwand Fritz. Oma Nüra brachte den Dorfpolizisten zu Iwan, und sie fanden Fritz, völlig erschöpft und krank, im Hof. Der Rettungswagen fuhr ihn ins Krankenhaus. Iwan schrie, er sei unschuldig und habe fast selbst Fritz gerettet.
Bei Fritz wurde eine Peritonitis diagnostiziert, eine Notoperation rettete ihm das Leben. Kurz darauf verhedderte Iwan sich bei einer Reparatur an einer Mähmaschine und wurde schwer verletzt, überlebte aber dank der Ärzte, blieb aber lebenslang behindert.
Ein örtlicher Säufer, Kolja, versuchte, Fritz zu betrunken zu machen, weil er nie ablehnen könne. Er goss ihm Alkohol ein, dann verspottete er ihn. Schließlich ertrank Kolja selbst in seinem eigenen Rausch.
Im Frühjahr, als die Winterweizen zu einem satten Grün wurden, ließ Fritz eine Delegation aus dem Bezirk nicht passieren. Er schlug mit dem Stock auf ein vorbeifahrendes Traktorrad, es entstand ein Aufruhr. Der Direktor des Genossenschaftsbetriebs war wütend:
Genug! Wer ist dieser törichte Wächter?, schrie er.
Die Stellvertreterin Valentina Kuderjavea warf ein: Er ist doch verflucht! Seit vier Jahren schießt unser Ertrag nach oben, seit er Wache hält.
Der Direktor befahl die Entlassung. In dieser Nacht fiel ein heftiger Frost und die Winterweizen verdorrten.
Ohne Arbeit wandte sich das Dorf an den Pfarrer des Nachbardorfs, Pastor Wilhelm, der die halbe Kirche restaurierte. Er lud Fritz ein, sich zu bekennen und zu beten. Der Pfarrer stellte ihn danach als Helfer ein. Zuerst war Fritz Hausmeister, dann putzte er die fast fertige Kirche bis zu einem spiegelglänzenden Zustand, den Wilhelm nie zuvor gesehen hatte. Fritz betete so aufrichtig, dass die Besucher ihm mit weit geöffneten Augen und flüsternden Gebeten nachsahen. Seine geschickten Hände wirkten wie fliegende Hühner, die beim Taufritual wehten.
Bald sprach das ganze Land von Fritz, dem gesegneten Jungen. Menschen kamen, um den heiligen Fritz zu sehen, ihn zu berühren oder zu taufen. Wohlhabende Damen und Mäzene spendeten für die Kirche, die renoviert, mit Heizung und Licht ausgestattet und mit einer Straße und einem Parkplatz versehen wurde. Die Kirche verwandelte sich völlig.
Ein Fernsehteam kam für einen Bericht. Pastor Wilhelm dankte der Kamera, die Reporterin bat den heiligen Fritz, ein paar Worte zu sagen.
Er ist kein Heiliger, er ist ein Gottesmensch, sagte Wilhelm. Doch die Reporterin drängte weiter. Sie folgte Fritz zu einem Beet, das er gerade umgrub.
Fritz, sag etwas zum Mikrofon. Was wünschst du den Menschen?
Fritz lächelte verwirrt, zeigte auf das Beet und rief laut:
Hier pflanze ich Lilien, sie werden wachsen und den Menschen Freude bringen.
Dann grub er weiter. Das einstige Haar, das er in einem Wirbel trug, war nun grau geworden; die Sonne ließ sein Haar noch heller leuchten, die Hände wurden rau, das Gesicht von harter Arbeit gezeichnet, doch seine Augen strahlten im Glauben.
Als ihm das Mikrofon ans Gesicht gedrückt wurde, zeigte er erneut auf das Beet und sagte:
Möge jeder von euch im Leben etwas pflanzen, das Freude bringt.
So sehe ich heute zurück: Das Leben hat mich immer wieder geprüft, doch jedes Mal hat mir der Glaube und das Teilen mit anderen einen Weg gezeigt. Ich habe gelernt, dass wahre Stärke nicht im Stolz, sondern im Dienst an den Mitmenschen liegt. Das ist meine Lektion.







